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Zum Tod von Karl Lagerfeld: Eine Hommage an den Modeschöpfer

Seinem Stil treu und dennoch ewig neugierig geblieben: Karl Lagerfeld. MADAME-Chefredakteurin Petra Winter und die stellvertretende Chefredakteurin Kerstin Holzer erzählen von ihren Begegnungen mit dem kürzlich verstorbenen Designer

Signature Look: hoher Kragen, scharzer Anzug, Sonnenbrille, weißer Zopf
Signature Look: hoher Kragen, scharzer Anzug, Sonnenbrille, weißer Zopf Signature Look: hoher Kragen, scharzer Anzug, Sonnenbrille, weißer Zopf Getty Images

Aktueller Nachruf: MADAME-Chefradakteurin Petra Winter

Goodbye Karl

Als Karl Lagerfeld bei der letzten Haute Couture von Chanel im Januar nicht erschien, um den Applaus entgegen zu nehmen, kurz danach das offizielle Statement kam: „He was feeling tired and asked Virginie Viard, Director of the Creative Studio of the House, to represent him“, wussten wir, seine Fashion Fan-Gemeinde, dass es mit dem großen Modeschöpfer zu Ende geht. Karl Lagerfeld hat sich nie Schwächen erlaubt. „Wenn ich nicht mehr arbeiten kann, dann bin ich tot“, sagte er mal in einem Gespräch, das ich vor vielen Jahren mit ihm führte. Für ihn war arbeiten, sprich zeichnen, fotografieren, Filme drehen, Bücher entwerfen und editieren, wie atmen. Es gab keine Trennung zwischen dem privaten und dem arbeitenden Menschen. Die Öffentlichkeit, der Rummel, die vielen Bonmots, die von ihm geblieben sind, das war alles notwendiges Beiwerk seiner Rolle. Glücklich war er, wenn er in seinem Pariser Zuhause seine Entwürfe zeichnen konnte sowie all die Sketches, Einladungskarten und Pressemappen, mit denen die Marken Chanel und Fendi kommunizieren. Über 50 Jahre stand er dem italienischen, über 35 Jahre dem französischen Modehaus vor. Er war ein Universal-Genie, ein multi-interessierter, vielseitig begabter Bonvivant mit einem großen Herzen. Für seine Mode-Familie sorgte er gut und beständig: den Patensohn Hudson, Kind seines Lieblings-Männermodels Brad Kroenig, seinen Bodyguard und Chauffeur Sebastian Jondeau, seine Agentin Caroline Lebar. Sein eigenes Label ‚Karl Lagerfeld‘, das nicht immer erfolgreich war und mehrfach verkauft wurde, wollte er nicht aufgeben, weil er die Menschen nicht entlassen wollte, die dort arbeiteten.

Ein weiches Herz und Worte wie Gewehrsalven: Wenn er etwas sagte, das nicht comme il faut war, ging er mit der Kritik herrlich unbekümmert um. „Was interessiert mich, was ich gestern gesagt habe?“ war seine Replik auf Menschen, die ihn irgendwie dingfest machen wollten. Nein, festlegen ließ sich der große Modemeister nicht. Für ihn war Mode trotz seiner profunden handwerklichen Kenntnisse etwas Luftiges, Leichtes, Spielerisches. In einer seiner ersten Shows für Chanel formte er Schuhabsätze wie Pistolen. Eine der legendärsten Fashion Shows fand 2014 in der Kulisse eines Chanel-Supermarktes statt. Über 500 Produkte – von der Fußmatte über Kettensägen bis hin zu Frühstücksflocken namens „Coco Pops“ konnten die Zuschauer dort im Pariser Grand Palais sehen und anfassen. Mode war für Karl Lagerfeld eine direkte Reflexion des Zeitgeists und auch eine prophetische Vision dessen, was wir in Zukunft wollen könnten. Mode sollte in seinen Augen nichts Schweres, Ernstes sein, sondern Spaß machen. Kollegen in seiner Branche, die sich zu wichtig nahmen in ihrer Bedeutung, ernteten seinen Spott. „Ich bin eigentlich nur ein guter Handwerker“, sagte er oft. Das Wort Designer mochte er nicht. Gleichzeitig wusste er um seine Unangreifbarkeit, seine Unantastbarkeit. Freiheit war sein wichtigstes Gut. Darum ließ er sich auch in all seine Verträge schreiben, dass er nie exklusiv für nur eine Marke arbeiten werde. Er war ein wahrer Freigeist und einer, den das Neue, das Junge immer brennend interessierte. Neben all den Musen, die über Jahre an seiner Seite waren wie Vanessa Paradis, Tilda Swinton und Amanda Harlech, hatte er einen genialen Riecher für den Nachwuchs. Und er liebte es edgy. Stars wie Kristen Stewart oder Rita Ora waren für viele zunächst keine naheliegende Wahl für eine Chanel-Kampagne. Er verstand wie kein anderer, dass es die Brüche und Widersprüche sind, die Mode spannend machen. Er schuf Großes, Unvergessliches, er wird fehlen.

Karl Lagerfeld: Legenden sterben nie

In der MADAME September-Ausgabe 2018 erzählen Petra Winter und Kerstin Holzer über Begegnungen mit dem Modeschöpfer.

Chefredakteurin Petra Winter

Die Bewunderung für einen Mann der 1920er-Jahre ist überraschend für jemanden, der so sehr wie Karl Lagerfeld für das Heute und Morgen brennt und so wenig für das Gestern. Aber vielleicht sind es die Eleganz und das Universalgenie des Harry Graf Kessler, die ihn faszinieren. Ein in England und Frankreich aufgewachsener Kunstsammler, Mäzen, Schriftsteller, Pazifist und Diplomat.

Vieles aus Kesslers Biografie trifft auch auf Karl Lagerfeld zu. In sich vereint der Kreative Eigenschaften, die selten gemeinsam in einer Person anzutreffen sind. Natürlich kennt jeder seine Schlagfertigkeit, seinen Intellekt, seine überbordende Erfindungsgabe und seine preußische Disziplin. Wenige wissen von seinem weichen Herz, der Aufmerksamkeit und Treue, die er jenen widmet, die zu seiner Modefamilie gehören, und darüber hinaus auch Menschen, deren Schicksale ihn berühren und denen er mit seinen Mitteln helfen kann. Wie einer alten Frau etwa, die mit ihren Katzen aus ihrer Wohnung ausziehen musste und nicht wusste, wohin. Er ließ ihr ein neues Apartment besorgen und zahlt die Miete. Das ist wahrer Stil.

Es wohnt eine zarte Seele in dieser Scherenschnitt-scharfen Silhouette. Man bemerkt das beim Blick in seine braunen Augen. 15 Jahre ist es etwa her, dass ich ihm gegenübersaß und er für einen Augenblick seine schwarze Sonnenbrille abnahm. Ich war fast erschrocken ob der Weichheit in seinem Blick, die im Kontrast zu seinen geschliffenen Sätzen stand. Als wir uns das letzte Mal zum Gespräch trafen, nahm er die Brille häufiger ab. Auch, um auf dem Display seines Smartphones besser nach den Fotos seiner Katze Choupette suchen zu können, die er stolz präsentierte. Seine Augen hatten sich kein bisschen verändert. Es sind genau die weichen und jugendlichen wie auf den Bildern von 1954, als er als 21-Jähriger mit einer Mantel-Kreation den begehrten Preis des Pariser Wollsekretariats gewann. Karl Lagerfeld prägt seit 64 Jahren Modegeschichte und das Gesicht des Hauses Chanel seit 35 Jahren. Er ist immer für Überraschungen gut, nicht nur in seinen Entwürfen.

Zuletzt beobachten konnte ich das, als er nach einer spektakulären Cruise-Show in Havanna die Schauspielerin Tilda Swinton zum Salsa aufforderte, auf einer Plaza im Schatten einer Kirche. Die beiden hätten auch auf dem Parkett des „Ritz“ Walzer tanzen können. In puncto Eleganz und Haltung hätte es keinen Unterschied gemacht.

Karl Lagerfeld und Petra Winter
Karl Lagerfeld und Petra Winter Karl Lagerfeld und Petra Winter privat

Stellvertretende Chefredakteurin Kerstin Holzer

Es gibt Gesprächspartner, vor denen man als Journalist im Vorfeld, sagen wir mal, Respekt hat. Karl Lagerfeld gehört sicher dazu. Er sei blitzschnell und langweile sich rasch, hieß es, als ich ihn im Dezember 2010 in Moskau treffen sollte, wo er den von ihm fotografierten Pirelli-Kalender präsentierte. Man merke das, so die kollegiale Warnung, an zweierlei: zunächst am leisen Verdruss um den fest geschlossenen Mund. Anschließend an seiner Strategie, mit einem Monolog vorsorglich ein ödes Gespräch zu verunmöglichen. Die Erkenntnis, aufs Höflichste eine Abfuhr erteilt bekommen zu haben, erschließe sich dann erst Stunden später, wenn man das Band abhöre.

Auf der Party in Moskau: großes Hallo bei Lagerfelds Gang aus Leibwächtern, Schriftstellern, Models. Dort herrscht die beste Stimmung, wie bei der coolen Clique im Rauchereck des Schulhofs. Die Musik kommt von Lagerfeld-Neuentdeckung Janelle Monáe, deren futuristischen Sound damals nur Musik-Nerds auf dem Schirm hatten. Und dann steht im Penthouse des Moskauer „Hyatt“-Hotels seine unverwechselbare Silhouette vor dem Dunkel der Dezembernacht, die sich hinter dem Fenster auftut: Garderobe in Schwarz, weißer Haarzopf, Sonnenbrille. Die ganze Erscheinung sagt: Noli me tangere. Aber der Duft, der ihn umgibt! Delikat, ultramodern, von zarter Frische. Eine überraschende Einladung. Die man am besten ergreift und sich beherzt an eine alte Small-Talk-Regel erinnert: Gemeinsamkeiten suchen.

Seine verwöhnte Katze hatte er damals noch nicht, also versuchte ich mein Glück mit Lieblingsbüchern – Volltreffer! Er schwärmte von Eduard von Keyserling und dessen beruhigender Wirkung, Thomas Mann war ihm hingegen zu konventionell. Wirklich toll: Lagerfeld hatte sogar eine kluge Meinung zu Dingen, von denen er keine Ahnung hat. Vereinbarkeit von Kindern und Karriere? „Wer meint, sein Privatleben sei wichtiger, okay. Aber bitte nicht hinterher beklagen.“ Es ging um falsche Sentimentalität („Man teilt seine Gefühle nicht mit allen Menschen. Schamgefühl, das die Gefühle betrifft, ist wichtiger als solches, das den Körper betrifft“) und um das belebende Elixier alles Neuen: „Ich mache, um etwas zu machen, nicht, um etwas gemacht zu haben. Wenn man anfängt, sich zu erinnern, was man mal gemacht hat, ist man gleich reif für den Mülleimer.“ Das Geheimnis seines wohltemperierten Gefühlshaushalts? „Ich analysiere mich nicht. Ich nehm’s, wie’s kommt.“ Viel gelernt! Sollte monologisiert worden sein, dann auf Weltklasse­niveau, also: geschenkt.

Ach ja, der Duft: Jahre später ließ sich in Erfahrung bringen, dass es sich um „Neroli 36“ von Le Labo gehandelt haben muss, damals ein Nischenduft, nur bestinformierten Avantgardisten bekannt. Ob er ihn wohl heute noch verwendet? Bestimmt nicht. Höchstwahrscheinlich ist er uns allen wieder um ein bis zwei Nasenlängen voraus.

Dieser Artikel ist zuerst in der MADAME Ausgabe September 2018 im MODE-EXTRA erschienen