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Zum Lunch mit Sopranistin Elīna Garanča

Bei grünem Tee und Kaiserschmarrn im Wiener "Café Ritter" sprechen wir mit der Mezzosopranistin über Gurgeln mit Salzwasser, Bügeln als Meditation sowie das Leben zwischen Opernbühne und einer Familie mit zwei kleinen Töchtern

Sopranistin Elina Garanca im Interview mit Chefredakteurin Petra Winter
Sopranistin Elina Garanca im Interview mit MADAME.de-Chefredakteurin Petra Winter Getty Images

Elīna Garanča im Interview

Als ich ins „Café Ritter“ komme, sitzt Elīna Garanča schon da und tunkt gerade einen Teebeutel in ein Edelstahlkännchen. Sie trägt Jeans, Stiefel, eine apricotfarbene Bluse. Darüber einen taubenblauen Strickpullover, der ihre aquamarinblauen Augen in dem ebenmäßigen und dezent geschminkten Gesicht perfekt zur Geltung bringt. Die Haare trägt sie zurückgekämmt, an den Händen glitzern drei Diamantringe, von den Ohren baumeln tropfenförmige blaue Steine. Obwohl wir erst zehn Minuten später verabredet sind, habe ich gleich ein schlechtes Gewissen, dass ich zu spät bin.

„Nein, nein“, beschwichtigt sie, sie sei nur eben gern sehr pünktlich, außerdem habe sie gerade ziemlich straff getaktete Tage. Die Lettin wird am folgenden Abend in der Wiener Staatsoper die Santuzza in der „Cavalleria rusticana“ singen, hat also sieben, acht Probenstunden am Tag und wirbt gleichzeitig für ihre neue Autobiografie „Zwischen den Welten: Mein Weg auf die großen Opernbühnen“. Sie wirkt angespannt und erwartungsvoll zugleich. Das Ambiente des Kaffeehauses ist sehr klassisch: hohe Stuckdecken, Kronleuchter, kleine Tische, leicht durchgesessene, halbrunde Sitzbänke, alte Fliesen.

Der Kellner ist gleich zur Stelle, ich bestelle ein Mineralwasser und frage nach den Menükarten. Elīna Garanča lässt mich wissen, dass sie nichts essen werde, weil sie gerade auf Gluten, Zucker und Alkohol verzichte. Sicher ganz schön schwierig in einem Land, das sich seiner Mehlspeisen rühmt, geht es mir durch den Kopf. Nun gut, dann werde ich das übernehmen und bestelle einen Kaiserschmarrn mit Zwetschgenröster. Karte zugeklappt, Aufnahmegerät gestartet und los!

Die Stimme der Sängerin ist dunkel, sie spricht perfekt deutsch mit leicht kantigem Akzent. Wien ist für sie wie ein zweites Zuhause. 2003 debütierte sie hier mit der Rolle der Lola, ebenfalls in der „Cavalleria rusticana“. Seitdem ist sie regelmäßig an dem erstklassigen Opernhaus engagiert. Lola, das ist die Verführerin in der Pietro-Mascagni-Oper, die, mit der der sizilianische Bauer Turiddu flirtet und der dadurch Santuzzas Zorn auf sich zieht. Ein Drama um Eifersucht, Liebe, Hass und mit einem tödlichen Finale. Wahrscheinlich werde sie in zehn Jahren Turiddus Mutter Lucia spielen, sagt sie lächelnd. So änderten sich mit dem Alter und der Entwicklung der Stimme eben auch die Rollen eines Mezzosoprans: „Vom lyrischen zum dramatischen zum Oma-Mezzo.“ Sie erklärt, dass es ein sogenanntes goldenes Repertoire eines Mezzosoprans gebe, das sich je nach Alter entwickle. Sie sagt aber auch, dass man nach 25 Jahren in dem Fach nicht mehr jeder Partie die gleiche Aufmerksamkeit schenken wolle. „Ich habe zweieinhalb Jahre Carmen in sehr unterschiedlichen Produktionen gesungen, jetzt reizt es mich nicht mehr. In London, Wien, New York – was soll ich da noch Neues für mich herausarbeiten?“ Gerade bereitet sie sich auf die Rolle der Pharao-Tochter Amneris in Verdis „Aida“ vor, die sie im kommenden Jahr auf Gran Canaria singen wird.

Die Amneris sei der Mount Everest für einen Mezzosopran, eine unglaublich schwere Partie. „Eigentlich bin ich wegen dieser Rolle Sängerin geworden.“ Dann erzählt sie noch von einer neuen Platte und vielen weiteren Projekten – so schnell, dass ich kaum folgen kann. Klingt nach einem prall gefüllten Kalender und auch ziemlich anstrengend. Die Zeit mit ihren Töchtern, Cathy und Cristina, sieben und fünf Jahre alt, verteidigt die Sängerin wie eine Löwin. Wenn die beiden mit den Eltern reisen, werden sie auch mal von zu Hause aus unterrichtet. Im internationalen Schulsystem ginge das, sagt Garanča. Außerdem sähen sie die Welt und lernten so viel mehr als die meisten Kinder. Ihre Homebase hat die Familie in Lettland und Spanien, dem Heimatland ihres Mannes, des Dirigenten Karel Mark Chichon. Die Oma aus Gibraltar hilft beim Babysitten. Im Alltag und auf der Bühne spielen viele Sprachen eine Rolle.

Gibt es eine Lieblingssprache? „Das Italienische ist sehr dankbar wegen der vielen Vokale, aber auch das Deutsche kann man schön klingend vortragen“, sagt Garanča. Singen sei für sie aber weniger Sprache, sondern mehr Emotion. Mit ihren Töchtern unterhält sie sich auf Lettisch, mit ihrem Mann spricht sie englisch.

Ihre Karriere begonnen hat Elīna Garanča unmittelbar nach ihrem Studium in Riga im thüringischen Meiningen. 1999 bekam sie am dortigen Opernhaus ihr erstes festes Engagement. Wie hat sie diese Zeit erlebt? „Ich war dort ziemlich abgeschirmt“, fasst sie ihre erste Station als Sängerin zusammen. Neben dem logistischen Problem, von dort wieder nach Hause zu kommen – der nächste Flughafen ist ziemlich weit weg –, hat sie diese Zeit als hart, aber gleichermaßen fruchtbar empfunden. „Ich hatte sehr viele verschiedene Partien zum Einstudieren. Eine Zeit der Lehre, des Ausprobierens, ohne sofort im Fokus der Weltöffentlichkeit zu stehen. Ich habe auch meine Grenzen kennengelernt.“ Die Erfahrung, weg von zu Hause in einem fremden Land von null neu anzufangen, habe sie ebenfalls geprägt.

Der Kellner serviert mit einem sehr wienerischen „Biietteschön“ den Kaiserschmarrn, mit Puderzucker bestäubte und Zwetschgenröster garnierte Teigstückchen. Ob sie nicht doch mal kosten will? „Nein, nein, das Gluten“, seufzt sie. Seit ihren ersten Engagements vor 20 Jahren ist das Unterwegssein Alltag geworden. Da baue man in den am häufigsten bereisten Städten wie New York, London und München Checkpoints auf. In München geht sie gern ins Restaurant „Brenner“ in unmittelbarer Nachbarschaft zur Oper. „Meine Kinder lieben es auch, im ,Bayerischen Hof‘ im Pool zu planschen.“ In der Familie gilt die eiserne Regel, dass die Sängerin nie länger als zehn Tage von ihren Kindern und nie länger als 21 Tage von ihrem Mann getrennt ist. Darüber hinaus ist es ihr wichtig, Freundschaften zu pflegen. „Mit seinen Gesangspartnern baut man eine sehr innige Beziehung auf. Natürlich muss man sich da die Zeit, zu telefonieren oder Glückwünsche zu schicken, immer wieder nehmen.“ Ihr Verhältnis zu Opernstar und Sopran Anna Netrebko beschreibt Garanča sehr hübsch in ihrer Autobiografie „Zwischen den Welten“: „Wir beide wollen auf gleichem Niveau singen, werden als die ‚hottest‘ Sängerinnen bezeichnet, da will sich keine eine Blöße geben. Dieses Gefühl schaukelt sich so hoch, dass wir gar nicht mehr über das Singen während der Aufführung nachdenken, sondern über die Emotionen spielen, in diesem Moment entzündet sich ein Feuer zwischen uns, das so stark brennt, dass wir sogar vergessen, dass wir auf der Bühne stehen. Das sind Augenblicke, in denen jene Magie entsteht, nach der die Opernfans gieren.“

Die Oper als Mix von Schauspiel und Gesang verlangt den Protagonisten viel ab. „Unser Körper ist unser Instrument. Wir sind Hochleistungssportler. Eine gewisse Fitness gehört dazu“, erzählt die 42-Jährige und trinkt noch einen Schluck von ihrem inzwischen sicherlich erkalteten Tee. „Schließlich performen wir ja auf der Bühne. Und da mag ich es nicht, wenn mir bei jeder Bewegung etwas wehtut.“ 15 000 bis 18 000 Schritte am Tag, das schaffe sie locker. Bei einer Produktion wie „Carmen“ würden es auch mal drei Kilometer, die sie an Strecke zurücklege.

Statt des Fahrstuhls nimmt sie immer die Treppe, ein Spaziergang sei nie ein Geschlendere, sondern stets ein strammer Walk. Ähnlich verhält es sich mit der Ernährung. „Ich habe mich in letzter Zeit immer schlapper gefühlt und herausgefunden, dass ich gewisse Intoleranzen habe. Seitdem ich auf vieles, unter anderem Alkohol und Kaffee, verzichte, geht es mir auch stimmlich besser.“ Am Tag von Aufführungen bügelt sie gern. „Das ist eine monotone Entspannung für mich.“ Oder sie spielt mit ihren Kids im Park. „Mit dunkler Sonnenbrille auf dem Kanapee liegen und mir einen Tee servieren lassen – so ist das bei mir nicht“, sagt sie lachend. Genauso wenig ist sie ein Partymensch. Sie habe gelernt, bereits während der Vorstellung das angesammelte Adrenalin bis zur letzten Note wieder abzubauen. „Reine Trainingssache“, meint sie. „Wenn die Aufführung vorbei ist, hat sich alles schon normalisiert.“ Weitere Geheimnisse ihrer Kondition: „Exakt zwölf Minuten Mittagsschlaf, das geht bei mir auf Kommando, und Arnika-Globuli vor dem Einschlafen.“

Elīna Garanča weiß bis einschließlich 2023, wann sie auf welcher Bühne steht. „Eigentlich absurd, aber es gibt mir auch eine gewisse Ruhe – finanziell wie organisatorisch. Schließlich kann man dadurch alle Familientermine genau einplanen.“ Aber ob sie dann an den gebuchten Abenden auch gesund ist? Ob sie Lust, genügend Inspiration hat zu singen? Oder ihre Familie sie dringend braucht? Sie stellt sich viele Fragen darüber, wie viel Elīna ihr Leben zulässt und wie viel die Garanča diktiert. In ihrem Buch wird sie sehr konkret, wenn es um die Verdienstmöglichkeiten von Opernstars geht. In Wien, schreibt sie, bekommt ein Top-Sänger 13 000 Euro Gage pro Vorstellung. Das sei auf den ersten Blick nicht wenig, am Ende bleibe davon aber nicht allzu viel übrig. Flugtickets, Hotelzimmer, Taxikosten, alle Spesen rund um das Engagement müssen die Künstler selbst zahlen. Ganz anders als Filmschauspieler.

Sie erzählt von ihrer Freundin Katie Lowes, die in der Serie „Scandal“ mitspielt. „Katie wollte mir das gar nicht glauben. Wenn sie dreht, hat ihr Baby einen Extra-Trailer, genauso wie ihre Begleitperson und sie natürlich auch. Jede Menge Personal scharwenzelt den ganzen Tag um sie herum.“ Sie selbst wolle all das gar nicht, erklärt Garanča, schließlich sei sie dann für diese Menschen verantwortlich, müsse ständig reden. „Ich bin happy, wenn ich abends allein mit meinem Abendessen im Hotelzimmer sitze und nicht sprechen muss.“ Sie scherzt, dass einmal ein Kollege ihres Mannes zu ihm gesagt habe, er müsse der glücklichste Mann der Welt sein, „weil ich so wenig Redelust habe“. Klischees erfüllen, das ist ihre Sache nicht. Auch das der Diva passe nicht zu ihr. Ihre Mission: „Die in einer Oper erzählten Geschichten real und nachvollziehbar zu machen.“ Ob Oper nicht vornehmlich etwas für ein älteres Publikum sei, frage ich und stecke mir noch schnell ein letztes Stück fluffigen Kaiserschmarrn in den Mund. „Bis man Shakespeare und die Feinheit eines Leonardo-da-Vinci-Gemäldes verstanden hat, ist man meistens ein paar Jahre älter“, zieht sie die Parallele zur Malerei und Literatur.

Sie selbst mag klassische Inszenierungen genauso wie moderne. Und ja, natürlich helfe eine gewisse Kostümierung, um sich ideal in die Rolle einzufinden und deren Geschichte zu erzählen. Die Sängerin genießt es, wenn sie wie kürzlich in einer „Samson und Dalila“-Aufführung an der New Yorker Met in einem Kleid auf der Bühne steht, das über und über mit glitzernden Steinen besetzt ist. Elīna Garanča begeistert sich für Mode, vor allem für Valentino, Armani, Oscar de la Renta. 30 Konzerte hat sie im Jahr neben ihren Opern-Engagements, da braucht sie eine Menge Abendkleider.

„Ich habe als Sängerin einen sehr großen Brustkorb und breite Schultern, da ist es nicht so leicht, das richtige zu finden.“ Wichtig seien gut sitzende Schuhe, fügt sie noch hinzu, mit schmerzenden Füßen könne sie nicht singen. Ganz anders als mit Fieber und Halsschmerzen. Ich staune, als sie erzählt, dass sie auch auftritt, wenn sie nach normalen Maßstäben das Bett hüten müsste. „Solange der Kehlkopf nicht betroffen ist, kann man das. Wir Sänger haben eine Technik, damit wir auch bei Schnupfen und Halsschmerzen singen können. Wenn ich nachts merke, dass mein Hals brennt, stehe ich sofort auf, mache mir einen unglaublich starken Ingwertee, gurgle mit Salzwasser oder Jod und spüle meine Nase. Dann geht’s weiter.“ Viel trinken – sie trinkt bis zu vier Liter Wasser täglich – und nicht reden, das sei immer noch die beste Medizin, um die Qualität der Stimme einigermaßen zu erhalten.

Einen Monat im Jahr singt Elīna Garanča gar nicht. Dann, wenn sie in Ferien geht. „Meistens bin ich am ersten Tag richtig stimmlos und heiser, als würde mein Körper herunterfahren und streiken.“ Als wir zum Ende unseres Gesprächs kommen, hat sich die anfängliche Anspannung sichtlich gelöst. Die Sängerin freut sich sehr auf ihre Kinder und ihren Vater, der sie ebenfalls in Wien besuchen kommt. Mit seiner neuen Partnerin, er habe gerade tatsächlich noch einmal geheiratet, sagt sie skeptisch und herzlich zugleich. Wenn man ihr Buch gelesen hat, weiß man, welch harte Zäsur der Tod ihrer Mutter war. Sie schreibt: „Sie war meine wichtigste Kritikerin, meine Freundin, meine Lehrerin. Ich durchlebte einen emotionalen Tsunami, der mir alle Kräfte raubte und mich zu einer künstlerischen Pause zwang.“ Elīna Garanča ist eine Überlebende.

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