Magazin-Artikel

Wie wollen wir jetzt Wohnen: Unser Zuhause zu Zeiten von Corona

Die Corona-Krise hat vieles verändert, so auch unsere Vorstellungen von einem Zuhause, in dem wir gerne leben. Wir sollten die Chance nutzen und unsere vier Wände zu einem individuellen Wohlfühlort umgestalten

Eine Frau im Homeoffice
Homeoffice, Kantine, Kindergarten und Zuhause in einem - nicht selten coronabedingt immer noch Realtiät iStock

„Ich bin von ihm genervt“, sagt die Frau in der therapeutischen Sitzung, und dass sie sich scheiden lassen will. Seine Ungepflegtheit! Die mache es ihr echt schwer, sich in seiner Gegenwart zuhause zu fühlen. Auch besagter Problemfall muss auf die Couch. Schließlich kommt heraus, dass die Frau das angespannte Verhältnis mitverursacht hat, so ignorant und unachtsam, wie sie sich die ganzen Jahre ihm gegenüber verhalten hat. Am Ende bleiben die beiden doch zusammen – die Frau und ihr Haus. Statt es zu verkaufen, gestaltet die Frau es liebevoll neu. Und stellt dabei ganz nebenbei fest, dass sie sich damit selbst aufgewertet fühlt.

Die physische Umgebung hat Einfluss auf unsere Persönlichkeit

Diese kleine, etwas skurrile Geschichte ist natürlich nicht ausgedacht. Sie ist aus dem Buch „House as a Mirror of Self“, das die kalifornische Architekturprofessorin Clare Cooper Marcus 1995 publiziert hat. Vom Rollenspiel der Gestalttherapie inspiriert, ermunterte Marcus ihre Probanden zu einem Perspektivwechsel und legte sozusagen auch deren Wohnstätte auf die Couch. Über zwanzig Jahre lang erforschte sie Beziehungen zur Wohnumgebung und was uns bei der Einrichtung glücklich macht. Marcus war die erste, die wissenschaftlich belegte, dass nicht nur unsere soziale, sondern auch physische Umgebung einen Einfluss auf die Entwicklung unserer Persönlichkeit hat. Wie wir unser Zuhause gestalten, wie wir mit ihm umgehen, wirkt auf uns zurück.

Die Beziehung zu unserem Zuhause: Nicht immer leicht

“Liebes Zuhause, wir hatten es die vergangenen Monate wirklich nicht leicht miteinander“, würden wir vielleicht auf Clare Cooper Marcus’ Couch erzählen. „Die ganze Familie hat dich rund um die Uhr belagert, unser Wohnzimmer war Fitnessraum, die Küche Essplatz, Schulzimmer und Home Office, das Schlafzimmer Spielwiese, Home Office und auch mal der Ort, an dem wir unsere Nerven wegschmissen und ins Kissen gebrüllt haben („Wann ist der ganze Quatsch bloß endlich zu Ende??!!“). Anfangs haben wir uns die Zeit noch mit Putzen und Aussortieren vertrieben, aber als die Covid-19-Beschränkungen anhielten, wurdest du uns zunehmend wurscht. Wir haben die Betten nicht mehr gemacht, unser schmutziges Geschirr überall verstreut, Raumgrenzen aufgelöst. Wir haben aus dir ein einziges Mischmasch gemacht. Ah, da fällt mir ein: Mein Drucker steht ja immer noch im Schlafzimmer.“ Und nun haben wir weißgott andere Sorgen – Existenzsorgen vielleicht –, als uns Gedanken über die richtige Einrichtung zu machen!

 

Auch das Stadtbild wird sich ändern (müssen)

Tja, und genau das wäre eine verpasste Chance. Denn mit kaum etwas haben wir uns in der letzten Zeit so intensiv auseinandersetzen müssen, wie mit dem Wohnen, unser Heim war uns Fluch und Segen zugleich (übrigens gibt es dazu gerade die sehenswerte Serie „Homemade“ auf Netflix, von internationalen Regisseur*innen gedrehte Kurzfilme aus der Isolation). Wie hat das unsere Ansprüche an unsere physische Umgebung verändert?

In einer Umfrage der Berliner Morgenpost unter Architekten, ob die Pandemie die Stadtplanung verändert würde, lauten die Prognosen: Durch die Digitalisierung wurde unsere Arbeit eh’ schon stark verändert – Corona hat Arbeitgeber und -nehmer nun gleichermaßen die Vorteile bewusst gemacht, und das wird Konsequenzen haben (ob es nun einen weiteren Lockdown geben wird oder nicht), auf die wir uns künftig wohnlich werden einstellen müssen. Bürokomplexe, aber auch Einkaufszentren werden für Immobilienhaie unattraktiver, Parks, Balkons, Terrassen und Dachgärten für Stadtbewohner wichtiger. Makler sehen schon auf dem Land die Preise durch die Decke gehen, angesichts eines vermuteten Nachfragebooms nach Immobilien im Grünen – ohnehin gab es schon vor Corona den Trend zur „Suburbanisierung“, ausgelöst besonders durch junge Familien, die aus Kostengründen ihren Wohnort eher in die Vororte verlegt haben.

Warum Lofts jetzt out sind

Dann: Lofts ohne Rückzugsmöglichkeiten sind out, ebenso die Vorprogrammierung der Raumnutzung durch den Grundriss, Räume sollten eher gleichgroß angelegt werden. Das klassische Reihenhaus geht an der Wirklichkeit vorbei, es müssen andere Modelle her, die die Isolation aufheben und Gemeinsinn fördern, mit Innenhöfen zum Beispiel: Derzeit leben 42 Prozent der Menschen in einem Privat-Haushalt, Tendenz steigend: 2040 wird fast jeder Zweite in einer Single-Wohnung leben.

Unsere privaten Wohnbedürfnisse

Und was sind, geschärft durch die jüngsten Erfahrungen, unsere privaten Wohn-Bedürfnisse (außer, dass die Ausgangssperre uns schmerzlich bewusst gemacht hat, wie existenziell und heilend frische Luft, freier Himmel und Natur für unser Wohlergehen ist? Und dass es vielleicht einen superlässigen Eindruck macht, wenn wir unser Home-office zwar überall aufklappen können, so richtig konzentriert arbeitet man aber nunmal an einem definierten „Arbeitsplatz“, erwiesenermaßen.)? Wie wollen wir wohnen? Die Wohnpsychologie ist hierzulande leider noch zu wenig etabliert, um Antworten zu haben (noch gibt es keine standardisierte Ausbildung), die Architekturpsychologie erforscht eher die Wirkung von urbanen Strukturen und Räumen. Und selbst renommierte Innenarchitekten werden immer noch von Bauherren belächelt, statt Hand in Hand mit ihnen zu arbeiten, aber dazu gleich.

„Krisenzeiten sind Küchenzeiten“

Es hilft, sich rückzubesinnen auf das, was unser privates Zuhause vom Ursprung her war: Rückzug von der Arbeit, mit dem Essplatz als sozialer Mittelpunkt und einer Schlafstätte zur Rekreation. Später dann ein Ort, um Kraft zu tanken und Schutz zu finden, das Bedürfnis nach Sicherheit ist tief im Menschen verankert. Mit steigendem Wohlstand und Fläche wurde unser Zuhause auch Spiegel unserer Identität, wie wir es gestalten drückt aus, wer wir sind und sein wollen: Unser Zuhause, so der Philosoph Alain de Botton, zeige auch (wohl im Idealfall) die beste Version unseres Selbst, es bilde unseren Wunsch nach Vollkommenheit ab. Also: Hochtechnisierter Küchenblock und Weinkühlschrank müssen nicht bedeuten, dass man jeden Abend Gäste hat. Warum sich nicht als sozialer Mensch und brillante Gastgeberin imaginieren, die man aus Zeitmangel leider nicht sein kann? Immerhin erinnert die Einrichtung uns dann an unser Potential.

 

Überhaupt, Küche: „Krisenzeiten sind Küchenzeiten“, so die Prognose eines Mannes, der es wissen muss, Stefan Waldenmaier ist langjähriger Chef einer renommierten Küchenmarke. In Krisenzeiten investierten wir gern in etwas Beständiges, würden uns auf solidere, nachhaltigere Werte besinnen. Die Küche sei auch künftig der zentrale Raum, in dem alles stattfände, Treffpunkt der Familie, wo man nicht nur koche, sondern auch miteinander entspanne, lese, oder auf dem Tablet surfe. Träumen wir weiterhin von der offenen Küche (Bratengeruch im ganzen Haus)? Corona sei Dank, nein. „Zonierung“ sei das Gebot der Stunde, und zwar geschickt ausgetüftelt: Der Raum wird gegliedert durch Schiebe- und Eindrehtüren, die im Einbau verschwinden, Schränke haben integrierte Bänke und entpuppen sich bei Bedarf mit einem Handgriff als Kaffeebar oder sogar Arbeitsplatz. Individuelle bauliche Lösungen zahlen sich a la longue mehr aus als Standard.

Das Zuhause als sinnliches Ereignis

Die sympathische, aber auch als etwas widerborstig geltende britische Innendesignerin Ilse Crawford hat immer wieder betont, wie wichtig es ist, den Menschen als sinnliches Wesen zu begreifen. Tatsächlich kann unser Auge 20 Millionen Farbnuancen unterscheiden, unsere Fingerkuppen Erhebungen von 0,006 Millimetern erspüren. Der Ansatz der 58-jährigen,„weiche Werte“ wie Haptik, Geruch, Temperatur und Behaglichkeit bei der Gestaltung von Räumen und Umgebung zu berücksichtigen, gewinnt künftig hoffentlich an Bedeutsamkeit. Warum ihr Ansatz so aktuell ist? Das impliziert eine Anekdote: Mit ihrem Londoner „Studioilse“ war sie bei einem Bauprojekt beteiligt, dessen Budget für die Innenausstattung aufgrund irgendwelcher Umstände radikal reduziert werden musste. Der Projektleiter habe sich zu ihr gebeugt und gesagt: "Innenarchitektur. Schön zu haben, aber nicht unbedingt notwendig, oder?“ Solche Selbstgefälligkeit auf Architektenebene ist heute sowas von passé. Da wir erfahren haben, wie schwer es zuweilen auszuhalten ist, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, wollen wir künftig eine Architektur und Wohnungen, die uns beflügeln und in die Arme schliessen. Ein Raum, der eine positive emotionale Wirkung auf seine Nutzer hat, ist außerdem einer, der langlebiger und nachhaltiger ist.

Haltbarkeit – auch darum wird es uns künftig (hoffentlich) gehen.

Der Mensch mag es behaglich

Crawfords Hängeleuchte „Sinnerlig“ aus Bambus, die sie für IKEA entwarf, hängt gefühlt in jedem zweiten Haushalt. Ihre geflochtene Machart spendet behagliches Licht, mit einem simplen Mechanismus ist die Leuchte den eigenen Bedürfnissen anpassbar (man kann die Schirme ineinander schieben). Die Designerin, die auch Gründerin des Studiengangs „Man and Well-Being“ an der Design Academy Eindhoven in den Niederlanden ist, will Möbel und Produkte entwerfen, die unser Handeln im Alltag unterstützen und verbessern. Nicht die Wirkung soll in Zukunft zählen, sondern ob wir darin wirklich gut sitzen, entspannen oder daran arbeiten können. Mehr Sein als Schein also. Unser Schwerpunkt beim Einrichten sollte künftig auf physischen und psychischen Komfort legen.

Der Mensch hatte schon immer das Bestreben, es sich behaglich zu machen und starres Design Mühe, sich in seiner Reinform durchzusetzen. Den Architekten Le Corbusier machten seine reduzierten Gebäude berühmt, die funktionalen, gleichförmigen Wohnriegel sollten Schutz vor Blicken und Temperaturen bieten. Viele Bewohner allerdings errichteten mit der Zeit süße Vorgärten drumherum und erfanden niedliche Verzierungen für die Fenster. Die Belgier haben für ähnliche Volksarchitektur eigens einen Begriff: „Koterij“, eine Art Hinterhof-Gemütlichkeit, die aus selbstgezimmerten putzigen Hütten und Vorsprüngen besteht, auf denen Pflanzen dekoriert werden können. „Wir formen die Gebäude, danach formen sie uns“, soll Winston Churchill mal gesagt haben. Es geht auch umgekehrt.

„Housing-Well-being-Forschung“ -das Planen einer zukunftsfähige Wohn- und auch Innenarchitektur

Seit Jahren schon ist der Berliner Soziologieprofessor Bernd Wegener den Wohlgefühlen beim Wohnen auf der Spur, mit seinen Student*innen betreibt er „Housing-Well-being-Forschung“, die Planern eine zukunftsfähige Wohn- und auch Innenarchitektur an die Hand geben soll. Gerade hat er für das Schlafzimmer den Aspekt der „Wohngesundheit“ ausgemacht, es werde künftig zum „Wohnzimmer für das Ich“, mit „ehrlichem Material“ wie Holz gestaltet, komfortabel nach wie vor mit Boxspringbetten, aber auch mit Möbelstücken, die den Raum mit zusätzlichen Funktionen aufladen, einer Sitzecke mit Sessel oder einem kleinen Schreibtisch fürs Home Office beispielsweise.

Auf Multifunktionalität kommt es an

Wie wäre dies: Dass wir unsere Räume in der Not multifunktional genutzt haben, könnten wir nun in Tugend ummünzen, beispielsweise mit Möbeln, die diese Multifunktionalität schon in sich tragen. Wir erhalten uns einfach die Nutzerfreiheit der vergangenen Monate! Damit wir uns dabei innerfamiliär nicht dauernd in die Quere kommen, werden wir unseren Tagesablauf sicher stärker strukturieren müssen. Außerdem hilft besagte „Zonierung“: Es gibt ja Paravents, Sitzmodule zum beliebigen Aufeinanderstapeln, Zweiersofas mit hohen, schallschluckenden Lehnen, sogar Sessel mit angenähtem Hoodie, den man sich über den Kopf stülpen kann, wenn man ungestört arbeiten oder lesen möchte. Effektiver könnte aber jenes selbstgebastelte Schild sein, das neulich an der Zimmertür meiner siebenjährigen Patentochter klebte: „Disen Raum daf nur ICH betreehten!“ Vielleicht besinnen wir uns auch

auf die „Höhle“ oder das Zelt aus Kindertagen, in dem Film „Die Royal Tenenbaums“ finden Gwyneth Paltrow und Luke Wilson auch als Erwachsene in ihm Schutz, Trost und sogar die Liebe. Lasst uns darüber nachzudenken, wie wir einrichten wollen, nicht nur womit. Cooper Marcus’ Erkenntnis: Die beste Guideline bei der Suche nach der Antwort auf die Frage, wie wohnen guttut, ist unsere Kindheit: Ein besonderer Lichteinfall durch eine Jalousie am Morgen, das Rot unseres Kinderstuhls …Nutzen wir die Chance, am Wohnen zu wachsen!

Dieser Artikel erschien ursprünglich im MADAME Magazin 10/2020

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