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Lunch mit ... Ulrich Tukur

Im Hamburger "Fischereihafen Restaurant“ erzählt der Schauspieler bei Aalsuppe und Stint, warum er so gern historische Figuren verkörpert, was er Gedichten abgewinnt und wieso er die Langsamkeit liebt.

Ulrich Tukur im Gespräch mit MADAME-Chefredakteurin Petra Winter
Ulrich Tukur im Gespräch mit MADAME-Chefredakteurin Petra Winter Ulrich Tukur im Gespräch mit MADAME-Chefredakteurin Petra Winter Illustration: Caroline Andrieu

Das plüschig und gediegen eingerichtete Lokal ist eine Hamburger Institution. Direkt am
Hafen gelegen, hat man einen wunderschönen Blick auf die Elbe. Zehn Minuten vor der Zeit erscheint Ulrich Tukur, 57, in einem schwarzen, weit geschnittenen, altmodisch anmutenden
Anzug mit breitem Revers und weiten Hosen mit hohem Bund. Dazu trägt er ein Shirt mit Knopfleiste, wie man es vielleicht in den Dreißigern als Wäsche getragen hätte. Später wird er mir erzählen, dass er einmal in einem Film einen Anzug aus dem Jahr 1938 getragen hatte, der ihm so gut gefiel, dass er ihn als Schnittmuster für acht weitere Anzüge nahm: "Nie war die Mode so schön, so elegant wie um die Zeit, als sich die Welt anschickte, sich selbst zu verbrennen."

Er nimmt beide Hände für die Begrüßung, herzlich, zugewandt, und entschuldigt sich für seine Erkältung. Die Nacht zuvor habe er noch mit 39 Grad Fieber und Wadenwickeln im


Bett gelegen. Meine Befürchtung, dass er unser Essen früh beenden wird, bestätigt sich nicht. Auch zwei Stunden später reden wir noch an unserem Platz direkt am Fenster, fast als schwebten wir über dem Fluss. Der Schneeregen weicht der Sonne, die das Elbwasser funkeln lässt.

Tukur ist ein charmanter und vielseitiger Erzähler. Seine Interessen und seine Betätigungsfelder reichen von der Darstellung unzähliger Charaktere in Filmen und
auf der Theaterbühne über Schriftstellerei bis hin zur Musik. Er ist Sänger, Pianist und Akkordeonspieler der Band Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys, mit der er gerade auf Konzerttournee im deutschen Norden unterwegs war – im "schönen, grauen,
winterlich-romantischen Husum".

Die Kellnerin begrüßt ihn mit einem strahlenden Lächeln, und Tukur erzählt mir im Flüsterton, dass er gerade zwei Tage zuvor hier, in ebendiesem Lokal, reichlich dem Wein zugesprochen habe. Vom Juniorchef des Lokals, Dirk Kowalke, wird er persönlich begrüßt. Der Schauspieler fühlt sich wohl in dieser traditionellen Umgebung, sie entspricht seinem ästhetischen Empfinden. Überhaupt scheint er jemand zu sein, der gern in den 20er- oder 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts gelebt hätte. Seine Musik, die Auswahl seiner Rollen der meist historischen Figuren, sein Kleidungsstil und seine Wahlheimat Venedig – diese morbide Stadt, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint –, das alles gebe ihm Ruhe in einer von Kommunikation überfluteten Welt, die sich immer schneller drehe, sagt er.

In die Speisekarte schaut er erst gar nicht: "Ich kann Ihnen eines empfehlen, und das gibt es nur in dieser Jahreszeit: Stinte! Das sind kleine Fische aus der Elbe, die zur Familie der Lachse gehören, mit sehr weißem, schönem Fleisch. Und als Vorspeise: Nehmen Sie unbedingt die süßsaure Övelgönner Aalsuppe. Herrlich! Oder wollen Sie lieber Austern?"
Wir bestellen beide das Gleiche, die Aalsuppe, dann die Stinte. Dazu "diesen leichten französischen Sauvignon blanc" – eigentlich will er wegen seiner Erkältung nichts trinken, lässt sich aber dann doch animieren.

Ulrich Tukur stellt selbst gern Fragen und interviewt mich erst einmal ein wenig. Wir sprechen über Italien, unsere gemeinsame Heimat Niedersachsen, wo er seine Gymnasialzeit verbracht hat, die Wahl der Studienfächer, den Zustand der Medien. Er ist als Kind oft umgezogen, weil sein Vater für verschiedene fossile Kraftwerke arbeitete. "Alles fließt, und alles, was entsteht, ist es wert, dass es zugrunde geht", fasst er seine Erinnerungen zusammen. "Zum Wohl!" – wir prosten uns zu und kommen auf die Bilderflut der schlechten Nachrichten aus der Ukraine und Syrien zu sprechen. "Ich fühle mich immer mehr vergiftet, ich kann mir das nicht jeden Tag reinziehen", sagt er mit Abscheu. Er bevorzuge den langsamen Journalismus, der aus einer gewissen Distanz Meinungen formuliere. "Wir haben heute eine Geschwindigkeit aufgenommen und eine Fülle an Kanälen, die bedenklich ist. Es geht alles in einer Massenhaftigkeit unter, sodass man kaum noch in der Lage ist, das bisschen Qualität herauszufiltern, das es immer geben wird. Ich strecke die Waffen vor so viel Masse." Um informiert zu bleiben, höre er gern Deutschlandradio, weil er wisse, wie sehr Bilder lügen und manipulieren können.

„Wir haben heute eine Geschwindigkeit aufgenommen, die bedenklich ist. Ich strecke die Waffen.“
Ulrich Tukur

Der Gruß aus der Küche wird gereicht, Tatar vom Gelbflossen-Thunfisch mit Ingwer. Normalerweise gebe es hier immer warmen Aal auf Schwarzbrot, erzählt er, der sei so gut, dass er nirgendwo sonst diesen Fisch esse.

Tukur ist ein Ausnahmeschauspieler, seine Verkörperung des "Tatort"-Kommissars Felix Murot hat der Krimi-Reihe eine neue künstlerische Dimension gegeben. Aufällig oft verkörpert er historische Figuren: Erwin Rommel, John Rabe, Dietrich Bonhoefer, jetzt Bernhard Grzimek in einem Fernsehfilm über das Leben des deutschen Tierfilmers und Verhaltensforschers.

Ist es Zufall, dass er sich so oft für das Spielen historischer Figuren entscheidet? "Zufall gibt es nicht", schmunzelt er. "Mich hat immer interessiert, was die Generationen vor mir getan haben, was sie gedichtet und gemalt haben." Er sei in einem Elternhaus aufgewachsen mit der Bibliothek seiner Großeltern, die Bücher waren in Sütterlin und Fraktur verfasst. "Ich existiere ja nur auf dem Rücken dieser vorangegangenen Menschen und stelle mir die Frage: Wie sind sie mit den Katastrophen ihrer Zeit umgegangen? Das bringt mir als Mensch enorm viel, weil ich mich dann besser verorten kann."

Vor der Schauspielschule studierte Ulrich Tukur in Tübingen neben Anglistik und Germanistik auch Geschichte. "Bei der Wahl meiner Figuren achte ich schon darauf, dass es immer wieder neue Aspekte in den Lebensgeschichten gibt. Bei Grzimek sieht man: Mit einer Leidenschaft, mit einer Kraft zur Aktivität kann man einen Unterschied machen, etwas bewirken. Dass es Naturparks gibt, dass wir Deutschen ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein haben, dass es die Grünen gibt, das haben wir alles Grzimek zu verdanken."

Im Film spielt die Beziehung Bernhard Grzimeks zu seinem Sohn Michael eine wichtige Rolle. Dieser starb bei einem Flugzeugabsturz während der Dreharbeiten zum 1960 mit einem Oscar prämierten Film "Serengeti darf nicht sterben". "Der Einzige, dem er sich je öffnete“, resümiert Tukur die Vater-Sohn- Beziehung. Sein eigenes Verhältnis zu den beiden Töchtern Lilli und Marlene, die er mit seiner ersten Frau hat, sei eher schwierig.
"Als Vater war ich einfach nicht vorhanden. Und jetzt, da meine Töchter erwachsen sind, versuche ich, ihnen näher zu sein, sie zu unterstützen, ihr Lebensthema zu finden."

Die Suppe wird gereicht, getrockneter Apfel schwimmt obenauf. „Sie werden begeistert sein“, schwärmt Tukur und wünscht guten Appetit. „Ist die Suppe nicht toll?! Die Hamburger Küche war zu Heinrich Heines Zeit hervorragend, die Elbe einer der fischreichsten Flüsse Europas. Es gab Hummer aus Helgoland und Austern, aber mit dem Desaster des Ersten Weltkriegs ist der größte Teil dieser Küche verschwunden.“

Wir kommen auf seine eigene Kindheit zu sprechen. Auf dem Gymnasium in Großburgwedel habe er viel auswendig gelernt, zum Beispiel Marc Antons Rede aus William Shakespeares Stück „Marcus Antonius“. Mit britischem Akzent und rollendem R rezitiert Tukur: „Friends, Romans, countrymen, lend me your ears ...“

Ulrich Tukur ist verliebt in die Schönheit von Sprache, hat selbst eine Gedichtsammlung
herausgebracht: „Wehe, wirre, wunderliche Worte“. „Die Poesie ist eine funkelnde Welt, eine Welt, die verschlossen ist in einem Sublimat. Gedichte sind Leuchtfeuer in der Dunkelheit“, sagt er. Auch zwei von ihm verfasste, maliziös-lustige Gedichte verstecken sich zwischen den Texten Heines, Rilkes und Morgensterns.

Man müsse Schüler heute, in dieser virtuellen Welt, wieder zwingen, Gedichte auswendig zu lernen, fordert er. „Was, um Himmels willen, wollen wir denn machen, wenn mal der Strom weg und das Internet lahmgelegt ist?!“

Als Kind haben ihm vor allem die „blutrünstigen Balladen“ gefallen, von Ludwig Uhland, Theodor Fontane. „Das sind echte Actionfilme“, sagt er, „zum Beispiel ‚Der Taucher‘ von Friedrich Schiller.“ Sein Vater hat ihm im Schein einer Nachttischlampe diese Ballade vorgetragen. „Solche Stücke bringen die eigenen Gedanken und Gefühle in eine Form, die man selbst nie finden würde. Der Kampf, das hässliche Leben schöner zu machen, als es ist, das ist der Sinn solcher Worte.“

Die Kellnerin stellt die Stinte vor uns ab, Tukur entschuldigt sich für die Brotkrümelei auf dem Tisch. Er isst mit Appetit, am besten ließen sich die mit Mehl panierten kleinen Fische mit der Hand filetieren und verspeisen, merkt er an.
Ist seine Wahlheimat Venedig seinem Hang zur Nostalgie geschuldet? Ursprünglich sei er der Liebe wegen nach Venedig. „Ich hatte die Beziehung zu meiner heutigen Frau Katharina John aus Unachtsamkeit versemmelt. Daraufhin beschloss sie, mich nur im Ausland zu erhören. Sie liebt Italien, ich hätte Frankreich bevorzugt, aber dazu meinte sie nur: ‚Franzosen sind wie Deutsche, die Italiener spielen.'"

Gerade freut sich der viel beschäftigte Künstler auf eine kurze Auszeit, auf seine Wohnung auf der kleinen Insel Giudecca vor Venedig, auf Erholung und gute Bücher. Er hat sich vorgenommen, die Klassiker „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi, Herman Melvilles „Moby-Dick“ und „Don Quijote“ von Cervantes zu lesen. „Die Russen, die schreiben nur einen Satz, und es entsteht so viel Seele und Atmosphäre. Das hat eine unglaubliche Kraft“, schwärmt er. Ich frage ihn, ob er den legendären Satz aus der Kurzgeschichte „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“ von Ernest Hemingway kennt, der da lautet: „Es war jetzt Essenszeit, und sie saßen alle unter dem doppelten grünen Sonnendach des Speisezeltes und taten, als sei nichts passiert.“ „Großartig!“, freut sich Ulrich Tukur, und seine Augen leuchten. Die Kunst, eine ganze Geschichte in einen Satz zu verpacken, imponiert ihm. Er zieht allerdings den Schriftsteller Tomas Mann vor, weil er die Musikalität seiner Sprache liebt. Seine Novelle „Der Tod in Venedig“ sei heute noch sein liebstes Buch.

„Der Kampf, das hässliche Leben schöner zu machen, das ist der Sinn von Poesie.“
Ulrich Tukur


Die Kellnerin räumt die übrig gebliebenen Stinte ab, er entschuldigt sich, nicht alles gegessen zu haben, das sei ihm noch nie passiert und wohl auf seine Erkältung zurückzuführen. An Venedig arbeitet sich Tukur schon seit Langem ab. „Ich habe das
Gefühl, ich werde von dieser Stadt zurückgewiesen, auf charmante, aber indifferente Art. Ich will sie aber kriegen.“ Er hat vor sieben Jahren einen Band mit venezianischen Geschichten verfasst: „Die Seerose im Speisesaal“. Seine Erzählungen fußen auf Geschichten, die er selbst erlebt hat, die dann aber „surreal explodieren“, wie er es beschreibt. Man erfährt sehr viel über den Menschen Ulrich Tukur in diesem Buch und kommt nicht umhin, ihn für, ja, die Schönheit seiner Sprache zu bewundern. Er ist ein nachdenklicher Mann. „Ich lebe lieber mein Leben in meinem eigenen Tempo“, sagt er. „Die ganze Schnelligkeit ist doch von Menschen gemachter Unsinn.“ Ein Thema, um das sich sein zweites Buch, „Die Spieluhr“, dreht, das er im vorletzten Jahr veröffentlichte.

Restaurantchef Dirk Kowalke erscheint noch einmal an unserem Tisch mit einer großen Flasche Eau de Vie, den er uns als Digestif servieren möchte. Tukur zögert, nimmt dann doch ein Gläschen, schließlich töte das alle Bakterien, lacht er. Versonnen schaut er aufs Wasser, ich frage ihn nach seinem Sehnsuchtsort. Ohne zu zögern, antwortet er: „Ein nebliger Tag in einem reetgedeckten Bauernhaus an der dänischen Ostseeküste. Italien, ja, das ist lustig, aber oft sehr anstrengend, weil sich alles in endlosem Palaver verliert.“

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