Leben

Träume verstehen: Was die nächtliche Gedankenreise über uns verrät

Was ein Psychologe anhand von Träumen erkennt und welche geheimen Sehnsüchte und Ängste sie symbolisieren.

Celine Resort Frühjahr/Sommer 2021
Nächtliche Reisen spiegeln unsere geheimen Sehnsüchte Foto: Imaxtree

Die Pandemie bestimmt unsere Tage - die Nächte leider auch. Oder warum träumen wir zurzeit so oft unruhig, sehnsüchtig oder gar schlecht. Traum und Wirklichkeit haben mehr gemeinsam als wir oft annehmen. Denn Sorgen und Ängste lassen uns auch im Schlaf nicht los. Muss das so ein? Wie finden wir dennoch Ruhe? Und was können wir vom nächtlichen Kopfkino lernen? MADAME.de im Gespräch mit dem Schlaf- und Traumforscher Michael Schredl.

Träumen wir in Krisenzeiten - wie jetzt in der Pandemie - mehr bzw. intensiver?

M.S.: Geträumt wird immer, Träumen ist eine Grundfunktion des gesunden Gehirns! Jetzt in der Pandemie sind zwei Faktoren von Bedeutung. Zum einen der veränderte Schlaf-Rhytmus: wer im Homeoffice ist, kann länger schlafen - und träumt mehr. Denn je länger der Schlaf, desto mehr traumintensive REM-Phasen hat man und desto größer ist auch die Chance, sich an seine Träume zu erinnern.  

Und gibt es zur Zeit mehr Albträume, oder wirkt das nur so?

M.S.: Das ist der zweite Faktor, den ich ansprechen wollte: Träume werden beeinflusst von dem, was tagsüber erlebt wird, was uns beschäftigt. Und je mehr Stress man hat, desto mehr intensive negative Emotionen tauchen im Traum auf. Und diese Träume werden besser erinnert als neutrale Träume. In aktuellen Studien sagen zwischen 10 und 15 Prozent der Menschen, dass sie in der Pandemie vermehrt Albträume haben. 

Was tun, wenn uns ein Albtraum quält?

M.S.: Licht anmachen, aufstehen, kurz etwas Entspannendes tun, und sich erst wieder hinlegen, wenn man sich beruhigt hat. Schläft man gleich weiter, kann es sein – das berichten Betroffene, dass auch der Albtraum gleich weitergeht. Es ist also wichtig, sich etwas Beruhigung zu verschaffen. Tagsüber sollte man sich dann aktiv mit den Albträumen auseinandersetzen, damit sie dauerhaft verschwinden.

Kann man sich denn gegen Albträume wappnen?

M.S.: Der Fachbegriff heißt „Imagery Rehearsal Therapy“, auf deutsch klingt das etwas holprig – Vorstellungs-Wiederholung-Therapie. Die Grundidee ist, sich aktiv zu verhalten und die unangenehme Situation des Traumes in der Vorstellung zu verändern. Dafür wird das Problem, was einem im Traum auftaucht, tagsüber in Gedanken gelöst. Diese imaginierte Lösung wird über zwei Wochen jeden Tag einmal für ca. 5 Minuten geübt. Tatsächlich wirkt sich das auf die Träume aus – sie verändern sich, die belastenden Träume nehmen ab. Sich mit seinen Träumen auseinanderzusetzen, ist in jedem Fall empfehlenswert, denn sie sagen viel über unsere Stärken und Schwächen. 

Wenn man sie denn versteht… 

M.S.: Das ist gar nicht so kompliziert. In der Regel ist es so, dass bei den Albträumen die normalen Ängste aus dem realen Leben, die jeder Mensch so hat, in einer überspitzen, übertriebenen Form dargestellt werden. Träume neigen - wie gute Filmemacher - zur Dramatisierung. Häufig kommen zum Beispiel Verfolgungsträume vor: man hat Angst und rennt weg, vor einem Monster etwa. Das Thema, das dahinter steht, ist Vermeidungsverhalten. Man scheut die Auseinandersetzung mit einem Problem aus dem realen Leben, das einem bedrohlich erscheint. Da Träume im Grunde das wiedergeben, womit wir uns im Wachzustand auseinandersetzen, ist es immer sinnvoll auf der Erlebnisebene zuschauen - was beschäftigt mich gerade? 

Auch der Traum vom Fallen gehört zu den häufigen, den „universellen Träumen“. Wofür steht er?

M.S.: Das Fallen im Traum ist die übertriebene Version des Gefühls, die Kontrolle zu verlieren. In unserem Sprachgebrauch gibt es eine entsprechende Floskel - „Ich verliere den Boden unter den Füßen“. Dieses Gefühl hat man ja öfter mal im Leben. Ein weiteres typisches Grundmuster neben der Angst vor dem Kontrollverlust, ist die Schwierigkeit sich abgrenzen zu können. Im Traum kommen dann Einbrecher vor, oder auch bekannte Personen kommen ungefragt in die eigene Wohnung gestürmt und kümmern sich nicht, um das, was man selbst will. 

Gibt es auch positive universelle Träume?  

M.S.: Ja, der Traum vom Fliegen. Auch da gibt Entsprechungen in unserer Sprache - wie: "auf Wolke 7 schweben" oder "Hochgefühle".  

Warum fällt es uns eigentlich so schwer, Träume zu erinnern? 

M.S.: Das Gehirn hat im Schlaf andere Aufgaben als im Wachzustand. Es gibt physiologische Funktionen - regenerative etwa, und es gibt psychologische Funktionen - wie die schlafbezogene Gedächtniskonsolidierung. Das heißt: Dinge, die tagsüber aufgenommen werden, werden im Schlaf nochmal bearbeitet und verbessert abgespeichert. Um das zu tun muss das Gehirn in einem anderen Arbeitsmodus sein als im Wachzustand. Beim Aufwachen wird von einem Modus in den anderen gewechselt, und in dieser Phase geht das, was man während des Schlafes erlebt hat, relativ leicht verloren. Aber Traumerinnerung ist trainierbar. Zum Beispiel indem man Traumtagebuch führt. Das kann sehr inspirierend sein.

Kann man denn aus Träumen etwas lernen?

M.S.: Natürlich. Es kommt vor, dass man schon im Traum merkt, toll, das ist eine gute Idee, das mache ich - so wie Paul McCartney den Song „Yesterday“ träumte. Die zweite Variante ist, dass man sich mit Träumen, die man als besonders interessant empfindet, im Wachzustand genau auseinandersetzt – um dann daraus etwas für sich ableiten zu können. 

Prof. Dr. phil. Michael Schredl, Jahrgang 1962, ist Schlaf-und Traumforscher, Autor zahlreicher Studien und wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim. Dort bietet er auch eine Albtraum-Sprechstunde für Erwachsene an. Sein populärwissenschaftliches Buch „Träume - Unser nächtliches Kopfkino“ ist bei Springer Spektrum erschienen.

Interview: Carla Mülhens