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Hype um Kneipp

Derzeit erfährt der "Wasserdoktor“ ein riesiges Revival – und mit ihm die Traditionelle Europäische Medizin. Warum lieber TEM statt TCM?

Thinkstock

Traditionelle Europäischen Medizin (TEM)

Gesundheit ist der wahre Luxus unserer Zeit. Mehr als die Hälfte der Deutschen betrachten sie als den wichtigsten Aspekt in ihrem Leben und sind bereit, dafür auch einiges zu tun. Bei jedem Wehwehchen allerdings gleich die chemische Keule auszupacken und Medikamente zu schlucken ist für immer mehr Betroffene der falsche Weg. Alternative Heilweisen boomen, allen voran Methoden aus dem Themenkreis der Traditionellen Europäischen Medizin (TEM). Wer den Begriff noch nie gehört hat, ist damit nicht allein. Denn während inzwischen fast jeder asiatische Heilmethoden wie Ayurveda oder TCM (Traditionelle Chinesische Medizin|_blank)$ kennt, schon einmal mit Akupunkturnadeln behandelt wurde oder eine Abhyanga-Ölmassage genossen hat, ist der Begriff TEM bisher vor allem Insidern der Naturheilkunde bekannt.

Dabei verbergen sich hinter der Dachbezeichnung so bekannte Methoden wie die klassische Homöopathie oder die F.X.-Mayr-Medizin. Aber auch die Behandlung nach Pfarrer Kneipp, die gerade ein unglaubliches Revival erlebt, oder die eher unbekannte Spagyrik gehören dazu. Die Palette der Traditionellen Europäischen Medizin ist umfangreich.

Regionalität liegt im Trend

Erklären lässt sich das Comeback dieser Heilsysteme wohl am ehesten mit der Sehnsucht nach Regionalität. In Zeiten von Globalisierung wächst auch beim Tema Gesundheit das Bedürfnis nach Authentizität, Erdung und Qualität. "Diese Sehnsucht macht Sinn und ist berechtigt“, erklärt der Internist und Spezialist für Integrative Medizin Dr. Jochen Henn. "Warum sollte man sich mit zum Teil sogar nachgewiesenermaßen pestizidbelasteten Extrakten von asiatischen Kräutern oder Pilzen behandeln lassen, wenn es heimische Alternativen gibt?“ Bei näherer Betrachtung kann man sogar viele Parallelen zwischen den asiatischen und den europäischen Heilmethoden erkennen.

Ganzheitliche Behandlungen

So geht es bei den Behandlungen beispielsweise immer darum, den ganzen Menschen und nicht einzelne Symptome zu kurieren. Beide Gesundheitsschulen orientieren sich an der Natur, und die Heilmittel durchlaufen bei ihrer Herstellung oft aufwendige Prozesse. Allein 400 Arzneipflanzen, genauer: zu Arzneidrogen verarbeitete Blüten, Blätter, Wurzeln, Rinden, Früchte, Samen oder Mineralien, hat die Europäische Medizin im Angebot. Manchen sind die Heilmethoden allerdings zu esoterisch, andere nutzen sie als Ergänzung zur Schulmedizin. "In jedem Fall ließe sich ein großer Teil der chemischen Arzneimittel einsparen, wenn mehr Menschen sich mit alternativen Heilmethoden behandeln ließen“, konstatiert Dr. Henn.

Mehr als Wassertreten: Kneipp-Therapie

Den wohl spannendsten Hype erfährt gerade die Kneipp-Therapie. Was lange ein angestaubtes Image hatte, entwickelt sich zu einem Trendthema. Wie vor über 150 Jahren, als der bayerische Pfarrer Sebastian Kneipp, ohne es zu wissen, die vielleicht erste Wellness-Bewegung eingeleitet hat. "Die Kneipp-Anwendungen waren damals ein absoluter Modetrend wie heute Yoga“, sagt Dr. Hans-Georg Eisenlauer, Vorsitzender des Kneipp-Vereins. "Denn Kneipp ist mehr als Wassertreten.

Lebensordnung, Wasser, Heilpflanzen, Ernährung und Bewegung sind die fünf Säulen der Kneipp-Medizin.“ Es geht also um ganzheitliche Gesundheit, die verschiedenste Lebensbereiche umfasst. Ein Erfolgsrezept, das sich heute moderne Spas zunutze machen und das sogar in manchen Kindergärten eingesetzt wird, um schon bei den Kleinsten Gesundheitsprävention zu betreiben.

Ein wichtiges Prinzip der Kneipp-Medizin sind Wasseranwendungen wie Wassertreten (im Storchengang im kalten Wasser waten), Wechselgüsse (etwa zehn Grad kaltes Wasser im Wechsel mit 37 Grad warmem Wasser) oder Waschungen (den gesamten Körper mit einem kalten Waschlappen erfrischen). Was der "Wasserdoktor“ schon wusste, ist jetzt auch wissenschaftlich belegt: Güsse von Warm und Kalt halten gesund und fit. Die Haut wird besser durchblutet. Das macht sie nicht nur straffer, sondern wirkt sich auch auf die inneren Organe aus.

Über das Rückenmark wird der Bereich des Gehirns angeregt, der das gesamte vegetative Nervensystem steuert – das wiederum vermindert Stressreaktionen. Der Körper gewöhnt sich durch die Güsse an "kleine Stressoren“ und kann so andere Reize des täglichen Lebens besser verarbeiten. Zusätzlich wird die Hormonproduktion angeregt, was einen Anti-Aging- Effekt hat. Bereits nach vier Wochen, belegt eine Studie der Uni Halle-Wittenberg, bewirken die gezielten Kälte- und Wärmereize, dass der Körper vermehrt Abwehrzellen bildet.

TEM: Hildegard von Bingen

Gehört zur Familie der Ingwergewächse: Galgant
Gehört zur Familie der Ingwergewächse: Galgant Gehört zur Familie der Ingwergewächse: Galgant Thinkstock

Auf den heilerischen Fähigkeiten der Äbtissin Hildegard von Bingen basiert die gleichnamige Naturmedizin. Die Klosterfrau ist mit ihrer Gesundheitsauffassung quasi eine Vorreiterin der modernen Work-Life-Balance, denn sie setzte neben den Heilpflanzen auch auf einen ausgeglichenen Lebenswandel, der aus Arbeiten, Ruhen, Essen, Fasten sowie Reden, Schweigen und Schlafen besteht. Sehr modern ist auch ihre Einschätzung von Lebensmitteln. In ihrer Küche spielen Zutaten wie Dinkel, Galgant, Bertram oder Maronen eine wichtige Rolle, deren basische Wirkung wissenschaftlich belegt ist. Es erstaunt also nicht, dass in Zeiten von immer neuen Detox-Methoden auch die Hildegard-Medizin ein Comeback erlebt.

F.X.-Mayr-Medizin

Und noch eine Methode boomt: die F. X.-Mayr-Medizin. Nach Auffassung des österreichischen Arztes essen die meisten Menschen falsch. Er erkannte, dass viele Krankheiten ernährungsbedingt sind. Damit der Körper wieder harmonisch funktioniert, gibt es die bekannte Milch-Semmel-Diät, die heute allerdings in dieser strengen Form kaum mehr angewendet wird. Das modernste Angebot in Sachen Mayr-Medizin bietet der "Lanserhof“ am Tegernsee. Das Konzept wurde um die Bereiche "Energiemedizin“, "Life Coaching“ und "Vital Aging“ erweitert, um nur einige Schlagworte zu nennen. Selbstbewusst nennt sich der "Lanserhof“ deshalb auch "Das Gesundheitskloster des 21. Jahrhunderts“.

Das Prinzip der Homöopathie

Homöopathie: Je stärker die Verdünnung, umso stärker die Wirkung
Homöopathie: Je stärker die Verdünnung, umso stärker die Wirkung Homöopathie: Je stärker die Verdünnung, umso stärker die Wirkung Thinkstock

Am weitesten verbreitet von allen TEM-Methoden ist wohl die Homöopathie. Ihr Prinzip: Ähnliches mit Ähnlichem heilen. So behandelt man beispielsweise Insektenstiche mit Apis, das ist stark verdünntes Bienengift. Ausgangsstoffe von homöopathischen Mitteln, wie Pflanzen oder Mineralien, werden mit Alkohol, Wasser und Milchzucker verdünnt oder "potenziert“, wie die Homöopathen sagen. Dabei gilt: je stärker die Verdünnung, umso stärker die Wirkung. Sogar wenn chemisch kein Molekül der ursprünglichen Substanz mehr nachweisbar ist, soll das Mittel auf der feinstofflichen Ebene umso intensiver arbeiten.

Spagyrik

Und schließlich die unbekannteste TEM-Disziplin, die Spagyrik, die bei näherer Betrachtung zahlreiche Ähnlichkeiten zum Ayurveda aufweist. Wie dort gibt es auch in der Spagyrik sogenannte Konstitutionstypen. Die Analyse der individuellen Verfassung hilft, schon sehr frühzeitig eventuelle Disharmonien in Körper, Geist und Seele zu erkennen und sich zu vergewissern, ob das Energiesystem ausgewogen dynamisch schwingt oder ob Blockaden den Energiefluss stoppen und somit zu Krankheiten führen können. Was im Ayurveda als Doshas (Vata, Pitta, Kapha) bekannt ist, heißt in der Spagyrik Sal, Sulfur und Merkur.

Ziel der spagyrischen Behandlungen ist es, diese drei Prinzipien ins Gleichgewicht zu bringen. Das geschieht vor allem durch eine ausführliche Anamnese, die auch mal an eine spirituelle Sitzung erinnern kann. Ist man beispielsweise wegen Herzrhythmusstörungen beim Arzt, betrachtet der auch die Farbe der Haut, prüft, ob sie warm, kalt oder rau ist. Anschließend erklärt er die Zusammenhänge zwischen den Beschwerden und dem Konstitutionstyp, um dann spagyrische Essenzen zu verschreiben, die nach traditionellen Rezepturen hergestellt sind. Dazu werden Kräuter, Blüten und Wurzeln nicht nur in Alkohol ausgezogen wie bei normalen Pflanzenmitteln, sie werden wochenlang vergoren und immer wieder gerührt. Dieses Gemisch wird bis zu 144-mal destilliert und bei hoher Temperatur geglüht. Bis eine spagyrische Essenz fertig ist, können einige Monate vergehen. Durch die Art der Herstellung – die übrigens nicht in Kräuterküchen, sondern in Hightech-Laboren stattfindet– wird der Ausgangsstoff veredelt und die Heilkraft erhöht. Vielleicht also mal TEM statt TCM – unserer Kultur jedenfalls wäre sie näher.

Marina Jagemann

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