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Monsieur

Tom Schilling über guten Stil

Für Schauspieler Tom Schilling ist der Anzug eine Selbstverständlichkeit – in jeder Lebenslage. Ansichten über Gangsterkrawatten, Anzüge von der Stange und Helmut Kohl

Schauspieler Tom Schilling bei einer Filmpremiere im schwarzen Anzug mit weißem Hemd
Tom Schilling, 37, spielt in "Werk ohne Autor" einen Künstler im Nachkriegsdeutschland. Der Film wurde für einen Oscar nominiert Getty Images

Die Liebe zum Anzug

Meinen ersten Anzug habe ich mir mit 18 Jahren schneidern lassen. Der Grund war eine Preisverleihung, damals wurde ich mit dem Bayerischen Filmpreis als bester Nachwuchsdarsteller für „Crazy“ ausgezeichnet. Mir passte kein Modell von der Stange, und es war klar, dass ich zu einem Herrenschneider musste, wenn ich einen perfekt sitzenden Anzug tragen wollte. Generell mag ich es nicht, shoppen zu gehen. Die Anfertigung eines Anzugs ist allerdings etwas ganz anderes. Es ist ein individueller Prozess, und mich interessiert das Handwerk. Das Zusammenspiel von Stoff und Konstruktion. Es braucht – auf beiden Seiten – Zeit und Geduld, bis ein maßgeschneiderter Anzug fertig ist. Ich habe mir die Basics erklären lassen und begonnen, mich mit den Materialien zu beschäftigen. Bin alleine in den Stoffgroßhandel gefahren, habe gelernt, dass Rosshaar die beste aller Einlagen ist und welcher Schnitt zu meinen Schultern passt. Einmal Anzug, immer Anzug. Damals wollte ich mich von dem üblichen Turnschuh-Jeans-Look abgrenzen und habe den Anzug in meinen Alltag integriert. Als ich anfing, ihn in der Schule zu tragen, fanden das einige seltsam. Es braucht Mut, wenn man aus der Masse herausstechen will.

„Generell mag ich es nicht, shoppen zu gehen. Die Anfertigung eines Anzugs ist allerdings etwas ganz anderes. Es ist ein individueller Prozess, und mich interessiert das Handwerk.“
Tom Schilling

Guter Stil wird zur Selbstverständlichkeit

Guten Stil muss man sich erarbeiten, indem man eine Weile sein Ding durchzieht und sich nicht durch Kommentare irritieren lässt. Irgendwann zahlt sich das aus, dann kommt der Punkt, an dem sich die Leute an deinen Stil gewöhnt haben. Er wird zur Selbstverständlichkeit. Heute bekomme ich eher mal zu hören: „Komisch, du heute in Jeans? Passt gar nicht zu dir!“ Ein Anzug provoziert Reaktionen: Man merkt, dass einen manche Leute sofort in eine Ecke stellen. Wenn ich ausgehe und im Anzug nicht in Clubs reinkomme, weil der Türsteher meint, ich komme gerade von der Bank, dann weiß ich: Er erkennt nicht den Unterschied. Für ihn ist jeder Anzugträger automatisch ein Spießer. In erster Linie trage ich gerne Anzüge, weil ich sie schön finde. Ich mag es, wenn man merkt, dass sich jemand Gedanken gemacht hat, was er anzieht – und ich mag Genauigkeit. Ich schätze Liebe zum Detail – und das gilt nicht nur für Kleidung. Der Anzug ist heute kein Medium der Distinktion mehr, es kommt eher darauf an, wie man ihn trägt. Ich erinnere mich, dass ich Dirk von Lowtzow, den Sänger von Tocotronic, mal zufällig am Flughafen im Anzug gesehen habe. Er sah lässig aus und zugleich stilvoll. Es kommt darauf an, mit welcher Haltung man den Anzug trägt. Details und Nuancen spielen natürlich auch eine Rolle.

„Wenn man nur einen Tick daneben liegt, wirkt es spießig oder unseriös, als sei man ein Versicherungsbetrüger.“
Tom Schilling
Schauspieler Tom Schilling im Anzug schreibt über guten Stil
Für den Schauspieler Tom Schilling sind Anzüge eine Selbstverständlichkeit Getty Images

Tom Schilling über modische Fehlgriffe

Fehlgriffe gehören bei der Stilfindung unbedingt dazu. Meine waren: ein cremefarbener Anzug aus Polsterstoff mit aufgestickten weißen Lilien. Das war mein dritter Anzug, ich habe ihn ein einziges Mal getragen. Dann wollte ich einen in diesem ganz bestimmten Helmut-Kohl-Anzugblau. Aber das richtige Blau zu treffen ist schwer. Wenn man nur einen Tick daneben liegt, wirkt es spießig oder unseriös, als sei man ein Versicherungsbetrüger. In der Komödie „Die Goldfische“ spiele ich einen Banker, der im Rollstuhl landet, und trage einen blauen Anzug. Tadelloses Modell, aber eben ein Blau, das ich privat nicht tragen würde. Das Anti-Bild des Anzugs: ein Sakko von der Stange, das nicht sitzt, bei dem die Schultern traurig herunterhängen und das am Rücken zerknittert ist. Schlimm finde ich auch Sakko zu Jeans. Das empfinde ich als viel spießiger als einen Dreiteiler mit Weste. Ein offenes weißes Hemd ist oft viel angepasster als eine Krawatte.

„Krawatte trage ich meist dann, wenn es nicht angebracht ist.“
Tom Schilling

Die Vorteile von Mode

Keine Figur ist vollkommen. Das Wunderbare an Mode ist ja, dass sie dich vollkommener aussehen lässt. Frauen wie Männer. Ich habe 25 bis 30 Anzüge im Schrank, viele davon trage ich schon seit Jahren. Ich bin zufrieden mit meiner Garderobe, ich betrachte sie als Notwendigkeit, nicht als Obsession. Ich mag schwere Stoffe, zum Beispiel Schurwolle. Mein extravagantestes Modell ist ein schwarz-weißer Prince of Wales Check. Der Stoff erinnert an ein Geschirrtuch. Sehr oft trage ich einen dunkelblauen mit feinen goldenen Nadelstreifen. Ich mag weiße Punkte, ebenfalls gerne zu Nadelstreifen.

Krawatte trage ich meist dann, wenn es nicht angebracht ist. Also nicht im Theater, aber dafür beim Rock-’n’-Roll-Konzert. Die besten Krawatten habe ich in New York gefunden, auf einem Flohmarkt in Little Italy: schmale Gangsterkrawatten aus den 50er-, 6oer-Jahren. Sie lassen sich leicht binden, ermöglichen einen flachen Knoten, tragen kaum auf. Kürzlich war ich mit dem Film „Werk ohne Autor“ zur Verleihung der Golden Globes eingeladen. Das Protokoll ist ziemlich streng, die Frauen sollen Couture tragen, die Männer Smoking. Ich hatte einen maßgeschneiderten Smoking von Rooks & Rocks, den Schneidern meines Vertrauens, im Koffer. Der kam nur leider nicht in Los Angeles an. Also habe ich mir last minute einen ausgeliehen. Ich war dankbar, dass dies überhaupt möglich war, obwohl ich mich generell nicht gern ausstatten lasse. Ab und zu werde ich mal gefragt, ob ich nicht ein bestimmtes Kleidungsstück öffentlichkeitswirksam tragen kann, aber das lehne ich immer guten Gewissens mit dem Argument ab, dass ich mich selbst am besten anziehen kann.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Monsieur, die dem Madame-Heft 04/2019 beiliegt. Protokoll: Antje Wewer

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