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Kultur

Smoke after Reading: Im Gespräch mit Rainer Schmidt

Beim exklusiven "Writers' Thursday" in Berlin trifft die Tradition des literarischen Salons auf das Tempo der Moderne. Gründer Rainer Schmidt im Gespräch mit MADAME

Rainer Schmidt beim Writers Thurday
Gründer des "Writers' Thurday" Rainer Schmidt begrüßt seine Gäste Jan Kapitän für Writers´ Thursday

Viermal im Jahr findet der „Writers’ Tursday“ im ersten Stock über dem Berliner Restaurant „Borchardt“ statt. Gastgeber des privaten Abends ist der Journalist Rainer Schmidt, 54, Redaktionsleiter von „FAZ Quarterly“, der eine ganz eigene Art von Literatur-Salon erfunden hat. Seit drei Jahren lädt er eine wilde Mischung von rund 200 Gästen ein: Autoren, Schauspieler, Literatur-Interessierte, Musiker. Der Rahmen: eine großzügige Gründerzeitwohnung mit schweren Ledersofas und zwei Bars. An der Wand: moderne Fotografie, um die Oscar-Wilde- Atmosphäre zu brechen. Geredet wird an diesen Abenden viel, auch nach den Lesungen auf der Bühne. Es darf geraucht werden. Nicht unwichtig, wenn man Schriftsteller einlädt.

Gäste beim Writers Thursday von Rainer Schmidt
Gäste im Restaurant "Borchardts" lauschen den Autoren bei der Lesung Jan Kapitän für Writers´ Thursday

Interview mit Rainer Schmidt von "Writers' Thursday"

MADAME: Das Konzept des „Writers’ Tursday“: Sechs Autoren, jeder liest 15 Minuten, zwei Sets. Wie kamen Sie auf die Idee?

Rainer Schmidt: Ich hatte gerade meinen Roman „Legal High“ veröffentlicht und ärgerte mich, dass mich niemand zu einer Lesung einlud. Also fragte ich meinen Freund Roland Mary, Besitzer des Restaurants „Borchardt“, ob ich bei ihm lesen könne. Sagen wir es so: Er reagierte nicht gerade enthusiastisch. Das gab mir zu denken. Offensichtlich war ich alleine nicht spektakulär genug. Ich baute die Idee aus. Er war sofort begeistert und unterstützt den Abend seitdem.

MADAME: Warum lesen die Autoren jeweils nur eine Viertelstunde?

Rainer Schmidt: Normale Lesungen nerven oft, weil zu lange gelesen wird. Beim „Writers’ Tursday“ öffnet sich innerhalb von anderthalb Stunden ein ganzes Panorama an Stoffen und Stimmen. Ich glaube, dass man sich in Bücher neu und anders verlieben kann, wenn sie live vorgelesen werden.

MADAME: Sie haben eine Art literarischen Rave kreiert?

Rainer Schmidt: Kann man so sagen, die Autoren wechseln sich an dem Abend ab wie Bands oder DJs. Sie lesen ihren Text, danach gibt es kein zähes Frage- Antwort-Spiel auf der Bühne. Wer mit den Autoren reden will, macht das später bei einem Drink.

MADAME: Wie kommt man mit Autoren am besten ins Gespräch?

Rainer Schmidt: Reine Komplimente sind eine One-Way-Street. Nicht nur sagen „Ich fand Ihr Buch gut“, sondern eine Begründung mitliefern, auf die der Autor einsteigen kann. Je spezifischer und persönlicher, desto besser.

MADAME: Wer wird eingeladen?

Rainer Schmidt: Voraussetzung ist immer, dass die Bücher und ihre Verfasser mir gefallen. Die Auswahl ist total subjektiv, an dem Abend bündeln sich meine Interessen: Literatur, Nachtleben, Musik. Und meist liest noch ein Schauspieler aus einem internationalen Buch. Ich habe keine Hemmungen, andere mit meinem Geschmack zu beglücken.

MADAME: Welcher Autor hat Ihnen einen Korb gegeben?

Rainer Schmidt: Heinz Strunk, den hätte ich gerne mal dabei gehabt, aber der Mann füllt alleine ganze Säle. Und Wolf Wondratschek wollte auch erst nicht kommen, weil er mit fünf anderen lesen sollte, dann kam er doch.

MADAME: Ihre Mischung kommt an, viele würden gerne eingeladen werden, sind es aber nicht. Wie erklären Sie sich den Erfolg?

Rainer Schmidt: Das nicht downloadbare Live-Erlebnis schlägt in allen Bereichen die Konserve. Ich habe das Gefühl, dass viele Leute an Literatur interessiert sind, aber keinen Spaß an einer sakralen Atmosphäre haben. In Amerika wird ja schon lange die Tradition des Book Club gepflegt, man trifft sich, um über Bücher zu reden, die Schauspielerin Reese Witherspoon kuratiert einen Online-Book-Club, Sarah Jessica Parker akquiriert Bücher für den Verlag Hogarth. Mir fällt auf, dass viele sich fragen: Was soll ich eigentlich lesen? Die Verlage werfen immer schneller immer mehr Bücher auf den Markt, um jede Nische abzudecken. Irgendjemand muss den Berg an Neuveröffentlichungen sichten. Das kann der Buchhändler des Vertrauens sein, eine lesefreudige Freundin oder eine Veranstaltung wie unsere.

Rainer Schmidt zusammen mit Heike Makatsch
Schauspielerin Heike Makatsch im Gespräch mit Rainer Schmidt Jan Kapitän für Writers´ Thursday

MADAME: Wie bleiben Sie auf dem Laufenden?

Rainer Schmidt:Eine kompetente Stimme habe ich gleich im Haus, meine Frau Julia Encke ist Literaturchefin bei der FAS. Ansonsten lese ich diverse Feuilletons, Online-Kritiken oder schnappe bei Facebook einen Tipp auf. Ein Freund hatte mir zum Beispiel von „Auerhaus“ erzählt. Fand ich großartig und habe den Autor Bov Bjerg sofort zum „Writers’ Thursday“ eingeladen. Bevor sein Buch zum Bestseller wurde!

MADAME: Ihre Leseempfehlung für diesen Herbst?

Rainer Schmidt: „Kampfsterne“ von Alexa Hennig von Lange, „The Hills“ von Matias Faldbakken und „Bungalow“ von Helene Hegemann.

MADAME: Lesen Sie Romane auf Kindle oder iPad?

Rainer Schmidt: Niemals! Ich muss die Bücher besitzen, die mir gefallen. Sie stapeln sich in unserer Wohnung. Meine Frau sortiert alphabetisch, ich nach dem Jahr, in dem ich ein Buch gelesen habe. Kein System, das ich weiterempfehlen würde.

MADAME: Ein Leser-Irrglaube, dem Sie abgeschworen habe?

Rainer Schmidt: Wenn ich ein Buch anfange, muss ich es auch zu Ende lesen. Ich habe mich lange dem Autor gegenüber verpflichtet gefühlt, aber damit ist jetzt Schluss. Wenn es nach 50 bis 70 Seiten nicht gefunkt hat, gebe ich auf. Ohne schlechtes Gewissen, es gibt zu viele gute Bücher.

Dieser Artikel ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 10/18 erschienen.

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