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#SHETOO: Penélope Cruz über Haltung, Respekt und Sexismus in Hollywood

„Das Gefühl, für sich selbst einzustehen, ist unbezahlbar“, sagt Weltstar Penélope Cruz. Ein Gespräch mit der spanischen Schauspielerin über Haltung und Respekt, emotionale Höllenritte und den Sexismus in der Traumfabrik

Penélope Cruz im Interview
Schauspielerin Penélope Cruz im Interview über ihre Karriere in Hollywood Getty Images

Penélope Cruz schwitzt. Ein Programm-Marathon steht für sie auf dem Plan. Morgens schon lief sie für das Female-Power-Projekt „355“ mit Jessica Chastain, Marion Cotillard und Lupita Nyong’o über die Croisette, gab dann nonstop TV-Interviews und besuchte schnell noch einen Lunch von Swarovski. Am Vorabend waren sie und Javier Bardem als die Stars des Eröffnungsfilms „Offenes Geheimnis“ die Attraktion beim wichtigsten Filmfestival der Welt. Jetzt sind wir auf der Dachterrasse eines Luxushotels mit Traumblick über die Bucht von Cannes zum Interview verabredet. Mit einer halben Stunde Verspätung trifft die 44-jährige Spanierin ein, außer Atem, in einem weißen Kleid in Dreiviertellänge mit Volants, die beim Gehen um sie herumtanzen und ihre Erscheinung noch zierlicher wirken lassen.

In „Offenes Geheimnis“ spielt Cruz Laura, eine Mutter, deren Teenie-Tochter während eines Hochzeitsfestes im spanischen Heimatdorf ihrer Familie entführt wird. Hilfe in der Not bekommt Laura von ihrem Ex Paco, gespielt von Bardem, im realen Leben Penélope Cruz’ Ehemann. Das Paar, seit 2010 verheiratet, legt es nicht darauf an, miteinander zu drehen. Aber dem iranischen Regie-Wunder Asghar Farhadi, der für „A Separation“ und „The Salesman“ je einen Oscar gewonnen hatte, konnten beide nicht widerstehen. Auch „Offenes Geheimnis“ ist eine Familienstudie voller Mysterien, Fehleinschätzungen und sozialer Spannungen. Für die Hauptdarstellerin ein emotionaler Höllenritt: Die meiste Zeit sehen wir Penélope Cruz aufgelöst, getrieben von Verzweiflung und Panik, immer ungeschminkt.

Ihre exquisite Schönheit geht einher mit ungewöhnlicher Intensität: Mit 16 debütiert sie in „Jamón, Jamón“ neben Javier Bardem. Meisterregisseur Pedro Almodóvar wird ihr Mentor, er formt sie in „Live Flesh“ und „Alles über meine Mutter“ zur Charaktermimin. Hollywood – und die Herzen ihrer Co-Stars – erobert Penélope in „Vanilla Sky“ mit Tom Cruise, „All die schönen Pferde“ mit Matt Damon und „Sahara“ mit Matthew McConaughey. Nach Almodóvars grandiosem „Volver“ (2006) bringt Woody Allens Komödie „Vicky Cristina Barcelona“ ihr zwei Jahre später den Oscar ein – als erster Spanierin! Dieser Dreh markiert den Beginn einer filmreifen Lovestory mit Javier Bardem. Die beiden größten Schauspieler Spaniens, beide Hollywood-erprobt, oscargekrönt, mit Talent, Charisma und Schönheit gesegnet, verlieben sich nach 20 Jahren Freundschaft ineinander. Ihre beiden Kinder, Leo und Luna, sind heute sieben und fünf.

Penélope Cruz im Interview

MADAME: Penélope, erinnern Sie sich an Ihren ersten Eindruck von Javier Bardem damals 1992 am Set von „Jamón, Jamón“?

Penélope Cruz: Und ob, als sei es gestern gewesen: Ich sah ihn erstmals bei einer Kostümprobe. Und wusste sofort, dass er großen Erfolg als Schauspieler haben würde. Wir hatten damals beide so gut wie keine Berufserfahrung – aber ich war mir völlig sicher. Er strahlte so viel Kraft, Charisma und Talent aus.

Javier Bardem und Penélope Cruz
Schauspielerin Penélope Cruz mit ihrem Mann Javier Bardem Getty Images

MADAME: In „Offenes Geheimnis“ spielen Sie eine Mutter in Todesangst. Hat es Ihnen geholfen, Ihren Mann an der Seite zu haben?

Penélope Cruz: Klar ist es ein Vorteil, wenn man sich so gut und lange kennt, in unserem Fall 25 Jahre! Es war herzzerreißend, zur Vorbereitung Berichte über Eltern zu lesen, die ihre Kinder verloren haben durch Krankheit, Krieg oder Verbrechen.

MADAME: War es strapaziös, so lange solches Leid zu „simulieren“?

Penélope Cruz: Ja, sehr, weil ich mich nie mit halben Sachen zufriedengebe. Wenn man sich so radikal auf Szenen einlässt wie ich, kann das schon Folgen haben. Ich musste mich bei diesem Dreh oft aus dem einen oder anderen emotionalen Loch herausretten, mit Ruhemomenten oder Spaziergängen. Vier Monate lang habe ich die ganze Palette menschlicher Gefühle durchlebt, von Angst über Depression bis hin zu Wut, Hass, völliger Erschöpfung und einem winzigen Funken Hoffnung. Dieser Film hat mich in die Knie gezwungen. Am Ende war ich fertig mit der Welt. Völlig ausgelaugt. Einmal musste sogar ein Krankenwagen für mich kommen. Ich hatte mich so stark in eine Szene hineingesteigert, in der ich eine Panikattacke spielen sollte, dass mein Blutzucker in die Höhe schoss und mein Blutdruck in den Keller sackte. Ich klappte zusammen. Aber ich war nie in ernsthafter Gefahr. Mein Regisseur hat sich vom Notarzt versichern lassen, dass es mir gut ging, und gleich gefragt, ob wir die Szene noch mal drehen könnten. Das ist nun mal der ganz normale Wahnsinn unseres Jobs. Aber meine Begeisterung für Farhadi hat mich immer wieder aufgerichtet und mir Energie gegeben.

MADAME: Was beeindruckte Sie speziell an seinem Regiestil?

Penélope Cruz: Er stimmte uns zum Beispiel jeden Morgen mit einem Zitat von Rumi auf die Szenen ein, die auf dem Drehplan standen. Dieser orientalische Mystiker hat sehr poetische Gedanken zu unseren Schlüsselthemen wie Familie oder Leid. Auch bei unserem Filmprojekt steht die Familie als Metapher für die Gesellschaft und die Menschheit allgemein. Die Frage ist und bleibt doch, ob wir Menschen je aufhören werden, uns gegenseitig das Leben schwer zu machen.

MADAME: Ist für Sie persönlich jetzt Oscarpreisträger Farhadi schon in die Nähe Ihres Lieblingsregisseurs Pedro Almodóvar gerückt?

Penélope Cruz: Ja, und die beiden haben viel gemeinsam: zum Beispiel eine Art eingebauten Lügendetektor. Sie spüren sofort, wenn sich etwas nicht wahrhaftig anfühlt. Und sie bewundern sich gegenseitig, einer fragt mich gerne über den anderen aus.

Penélope Cruz auf dem roten Teppich
Hollywood-Star Penélope Cruz auf dem roten Teppich Getty Images

MADAME: In Hollywood bricht eine neue Ära an: Frauen fordern Chancengleichheit und die gleichen Gagen wie Männer. Der Thriller „355“ setzt neben Ihnen auch mit Jessica Chastain, Marion Cotillard, Lupita Nyong’o und Fan Bingbing auf weibliche Star-Power.

Penélope Cruz: Es ist höchste Zeit dafür. In einigen Genres sind nur sieben Prozent der Regisseure weiblich, und es gibt keinen logischen Grund für diese ungleiche Verteilung. Da muss sich grundlegend etwas am System ändern. In Frankreich sind es ein paar Prozent mehr, aber insgesamt sind wir weit davon entfernt, dass das Verhältnis zwischen den Geschlechtern 50 : 50 ist.

MADAME: Haben Sie selbst Ambitionen, Regie zu führen?

Penélope Cruz: Davon träume ich, seit ich mit 16 Almodóvar gefragt habe, ob er mir zutraue, eines Tages Regie zu führen. Er meinte: „Wenn dein Herz das will, musst du es tun!“ Bisher habe ich Werbespots und eine Doku über Kinder mit Leukämie gedreht. Doch ein eigener Spielfilm bleibt mein Langzeitziel.

MADAME: Was für Geschichten würden Sie gerne erzählen?

Penélope Cruz: Vermutlich kleine, spanische, die von der wichtigsten Sache der Welt handeln, nämlich zwischenmenschlichen Beziehungen. Und ein Musical könnte mich auch reizen.

MADAME: Umbrüche in der Filmbranche zeigen sich auch in Bewegungen wie Time’s Up oder #MeToo. Mussten Sie sich je mit Machtmissbrauch und sexueller Ausbeutung auseinandersetzen?

Penélope Cruz: Ich werde keine Namen nennen, aber: Ja, auch mir ist das schon passiert. Wie allen Frauen. Ich war kaum 20, als mir Hollywood einen großen Film anbot, eine fantastische Chance. In L.A. wurden mir völlig neue Unterlagen vorgelegt, mit ein paar extrem pikanten Nacktszenen, die so nicht in dem Skript standen, das man mir gegeben hatte. Ich habe die Produzenten und den Regisseur zur Rede gestellt. Sie setzten mich unter Druck, ich sollte mich nicht so anstellen und sofort unterschreiben, wo man mich doch schon extra eingeflogen habe.

MADAME: Und, haben Sie?

Penélope Cruz: Natürlich nicht. Dabei konnte ich damals kaum Englisch! Heute wundert mich, wie klar und flüssig ich mich in diesem schrecklichen Meeting ausgedrückt habe. Ich war so wütend und fand diese Behandlung extrem respektlos und unfair! Nie werde ich das großartige Gefühl vergessen, nach dieser Begegnung im Flieger nach Madrid zu sitzen und meine Würde bewahrt zu haben. Ich schaute aus dem Fenster auf die Lichter von Los Angeles und wusste, dass ich mein Leben lang auf diese Entscheidung stolz sein würde. Diese Prüfung hat mir viel Stärke und Selbstbewusstsein gegeben. Bisher habe ich diese Geschichte nie öffentlich erzählt. Aber, und das möchte ich jungen Kolleginnen, die in ähnliche Situationen geraten, sagen: Das Gefühl, für sich selbst einzustehen, ist unbezahlbar! Selbst wenn mir eine Chance verloren gegangen war, hatte ich dadurch eine neue Quelle der Kraft gefunden, die mir zuvor gar nicht bewusst gewesen war. Und weil zu Hause meine Familie auf mich wartete und mir Sicherheit gab, fühlte ich mich unverwundbar. So habe ich gelernt, auf mein Herz und mein Bauchgefühl zu hören, und wurde oft wunderbar belohnt.

MADAME: Woher nahmen Sie diese Charakterstärke?

Penélope Cruz: Die Frauen in meinem Umfeld haben mich immer schon inspiriert. Besonders meine Mutter. Sie ist Friseurin und hat mit dem Showbusiness nichts am Hut, aber sie ist eine ehrliche Frau mit Prinzipien. Sie respektiert sich selbst und die Menschen um sie herum, und dafür bewundere ich sie.

MADAME: Wurden Sie nach dieser miesen Erfahrung bei späteren internationalen Projekten besser behandelt?

Penélope Cruz: Schon die nächsten Dreharbeiten waren absolut klasse, als ob das Schicksal mich hätte entschädigen wollen. Stephen Frears, den ich verehre, bat mich um ein Video, flog daraufhin zu mir nach Madrid und bot mir meine Rolle in „The Hi-Lo Country“ an. Ein völlig anderer Stil.

MADAME: Sie drehen seit 25 Jahren Filme, haben einen Kollegen geheiratet und hegen Regie-Träume. Ist Kino Ihre Lebensmelodie?

Penélope Cruz: Ja, Filme takten mein Leben, seit ich 16 war. Jetzt, als Mutter, sage ich oft Nein, weil meine Kids Priorität haben und ich meine Sache gut machen will. Aber ich liebe auch meinen Beruf und kann mal in Spanien, mal in den USA oder Frankreich arbeiten. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht dankbar bin für all die Möglichkeiten, die mir das Leben schenkt.

MADAME: Seit Sie Familie haben, ist Ihr Lebensmittelpunkt Madrid. Hat die Zeit in Amerika Ihre Sicht auf Europa verändert?

Penélope Cruz: Nein, weil ich immer einen Fuß in Europa hatte. Ich war immer auf dem Laufenden und habe täglich mit meiner Familie gesprochen. Ich habe gern ein paar Monate in New York oder London gelebt. Aber meine Heimat habe ich nie hinter mir gelassen. Bei jedem Job, den ich angenommen habe, hatte ich ein gebuchtes Rückflugticket in der Tasche. Italien, Frankreich oder die USA, meine Aufenthalte dort waren wichtige Erfahrungen für mich, aber nie komplette Wohnortwechsel.

MADAME: Überall nehmen nationalistische Strömungen zu, auch bei Ihnen zu Hause in Spanien. Machen Sie sich darüber Sorgen?

Penélope Cruz: Ich rede nicht gern über Politik. Aber ich lege großen Wert auf Respekt und Integration. Dass man im Jahr 2018 noch über die Würde des Menschen, ob Flüchtling oder nicht, diskutieren muss, macht mich sehr traurig und betroffen.

MADAME: Hat Ihr Oscar Ihr Leben entscheidend verändert?

Penélope Cruz: Nicht drastisch. Aber er hilft. Ich bekomme fantastische Angebote und arbeite mit den talentiertesten Regisseuren der Welt. Und mein Oscar leistet Javiers Gesellschaft und ist meist auch sehr, sehr nett zu ihm.

Dieses Interview wurde von Miriam Schaghaghí geführt und ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 10/18 erschienen.

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