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Seele, Kinder & Beziehung: Im Gespräch mit Axel Milberg

Scampi-Gröstl, zum Dessert Marillenknödel: In München treffen wir den Schauspieler Axel Milberg, um über die norddeutsche Seele, die Erziehung von Kindern und die Fallstricke moderner Beziehungen zu sprechen

Axel Milberg im Interview
Der Schauspieler Axel Milberg im Interview über Familie und Job Getty Images

Im Gespräch mit Schauspieler Axel Milberg

Axel Milberg wartet schon an einem runden Gartentisch, sein blaues Polohemd und sein lachsfarbenes Käppi leuchten im Schatten der gestreiften Markise. Der Innenhof des Lokals „Nymphenburger Hof“ ist hübsch begrünt mit blühenden Sommerblumen und gut besetzt mit den Gästen aus den umliegenden Büros und des Oberlandesgerichts ein paar Meter die Straße runter. Die hellblauen Augen des Schauspielers blicken auf, leuchten im gebräunten und mit silber-blonden Bartstoppeln bedeckten Gesicht. Man fühlt sich gleich wohl mit ihm und seiner markanten Stimme, der man oft im Radio, in der Werbung und natürlich im TV begegnet.

Neben internationalen Produktionen wie Tom Tykwers „The International“ und unzähligen deutschen Filmen („Der Schattenmann“, „Die Pfeiler der Macht“) spielt der 62-Jährige seit 15 Jahren den nachdenklichen und leicht kauzigen Kommissar Borowski aus dem Kieler Tatort. Natürlich ist man versucht, den Fernseh-Kieler mit dem gebürtigen Kieler abzugleichen. Doch, das wird er später sagen, habe er sich immer angestrengt, den Borowski auf Distanz zu halten. „Er ist ja eher ein Einzelgänger, der nicht gern viel redet, aber gut zuhört. Er ist niemand, der die Welt umarmt, er macht sehr fleißig und uneitel seinen Job. Er hat gute norddeutsche Eigenschaften, das heißt, er quatscht nicht so viel. Und irgendwann später merkt man dann, dass er sehr genau zugehört hat. Auch das ist für mich sehr norddeutsch: Du weißt viel mehr, als du rauslässt.“

Milberg über Pippi Langstrumpf und "Big Little Lies"

Es ist sehr heiß an diesem Mittag im August. Bei 35 Grad werden auch die Schattenplätze gut aufgeheizt. Milberg bestellt einen Sanbittèr, einen alkoholfreien Aperitif, nimmt sein Käppi ab und erzählt, dass er noch ganz unter dem Eindruck seiner Arbeit am Vormittag stehe. Beim Bayerischen Rundfunk spricht er seit vielen Jahren eine Hörserie namens „Betthupferl“ für Kinder ein. Da habe man ihm mehrfach gesagt, er würde den Kindern Angst machen. Angst? Er gibt eine Kostprobe, indem er raunt: „Weit weg in der Antarktis, wo sich graue Wolken ballen …“ Dann trägt er das Gleiche beschwingt und lässig vor. Man kann sich gut vorstellen, dass die Vier- bis Achtjährigen, für die die Sendung gedacht ist, nach der ersten Version nicht gut einschlafen können. Seine Frau Judith habe ihm das auch immer zu verstehen gegeben, sagt er, als er ihren Söhnen früher Märchen vorgelesen habe und sie mit schreckgeweiteten Augen und klappernden Zähnen – und vor allem hellwach – auf dem Bett gesessen hätten. Die Begeisterung für Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga und natürlich Hauffs und Grimms Märchen (vor allem die nicht so bekannten wie „Jorinde und Joringel“) ist wohl mit ihm durchgegangen.

Geschichten, die ihn heute begeistern, werden oft auch im Fernsehen erzählt. Er liebt die Serie „Big Little Lies“. „Das Beste, was das Fernsehen gerade im Serienbereich zu bieten hat“, schwärmt er. „So fein, so ruhig, so überraschend erzählt.“ Der Plot: Unter anderem spielen Reese Witherspoon und Nicole Kidman hippe, moderne Mütter. Eine kommt als alleinerziehende Mutter neu dazu. Deren Sohn schlägt angeblich eine Mitschülerin. Alle sind entsetzt. Aber war es wirklich dieses Kind? Dann kommt eine ganz andere Geschichte zum Vorschein. „Ich werde natürlich nicht verraten, wie es ausgeht“, lacht Milberg.

Axel Milberg und seine Frau Judith
Axel Milberg zusammen mit seiner Frau Judith bei der Bambi-Verleihung Getty Images

Wie funktioniert eine Patchwork-Familie?

Wir werfen einen Blick in die Karte, während er erzählt, dass er neulich mit seiner Frau Judith hier war. „Aus dem Auto heraus habe ich gedacht: Das Lokal sieht aus wie ein Geheimtipp, ein bisschen 70er-Jahre-Style.“ Die Milbergs wohnen mit dem gemeinsamen Sohn im selben Stadtteil, Nymphenburg. Sein Sohn aus erster Ehe und die beiden Jungs seiner Frau sind schon erwachsen. Der Jüngste ist 15 Jahre alt. Er werde eine etwas ungewöhnliche Kombination wählen, sagt er und fragt, ob ich beim Dessert mitmache. Zuerst nehme er die Scampi-Gröstl-Pfanne, dann die beiden Nachspeisen Marillenknödel und Crème brûlée. Ich schließe mich gern an, bestelle die gleiche Hauptspeise und einen Langenloiser Rosé – mit viel Eis. Der kühle Wein tut gut.

Wir kommen auf das Thema Kinder und seine eigene Patchworkfamilie zurück. Der Schauspieler sagt die überraschenden Sätze: „Wir als Eltern haben nicht aktiv erzogen. Vor allem nicht mit der Methode des Belohnens und Bestrafens.“ Wie das genau funktioniere, frage ich. „Wir sind den Kindern immer sehr nah gewesen, immer im Gespräch, immer verständnisvoll. Selbst als die Kinder noch ganz klein waren, noch nicht sprechen konnten, habe ich sie immer verstanden: Trag mich, trag mich nicht. Zeig mir das, erklär es mir. Ich will nicht nur vom Eis abbeißen, sondern mein eigenes Eis, auch wenn es nach dreimal Schlecken auf den Boden fällt.“ Da sei er offenbar mit besonderer Empathie ausgestattet, bemerke ich, seltener bei Männern als bei Frauen anzutreffen, vor allem in Bezug auf Kinder.

„You know, Axel, Ingmar wasn’t a nice man“
Axel Milberg

Er schmunzelt und erzählt, dass er sich in seiner Branche manchmal wundere, dass Künstler wie Ingmar Bergman in ihrem Werk Auskunft gäben über die Schrecken ihrer Kindheit, feinste Chronisten der erlittenen grausamen Erziehungsmethoden seien, es dann aber den eigenen Kindern gegenüber gänzlich an Mitgefühl fehlen lassen. „You know, Axel, Ingmar wasn’t a nice man“, zitiert Milberg Henning Mankell, den Schwiegersohn Ingmar Bergmans, mit einem polternden Akzent. Eines der wenigen Dinge, die er seinen Kindern nie habe durchgehen lassen, seien Lügen. „Weil so kaputtgeht, was substanziell an einer Beziehung ist: das Trainieren einer Kraft, die man braucht, um mit der Wahrheit bestehen zu können.

“ Wenn man diesen Muskel vernachlässige, sich durchlüge, dann könne man auch kein anständiger Mensch werden. Milberg ist das jüngste von drei Kindern mit einem Abstand von drei Jahren zur Schwester und vier zum Bruder. Er habe mehr beobachtet, wie seine Eltern seine Geschwister erziehen, als dass er direkt erzogen wurde, sagt er: „Bevor der Regen über meinem Beet alles zerstört hätte, habe ich meinen Schirm aufspannen können.“ Seine Eltern hätten schon früh über ihn gesagt, dass er schon mal gelebt habe, dass er nicht ihr Kind sei. „Durchaus mit Respekt gegenüber einem Fünfjährigen. Ich will mich gar nicht interessanter machen, als ich bin, aber diese Äußerung hat mich eigentlich glücklich gemacht.“

Axel Milberg als Weihnachtsmann: Karriereplan Nummer 2

Er beschreibt sich selbst als heiteres, unkompliziertes und kommunikatives Kind, das schon früh andere Menschen unterhalten konnte. „Meine Mutter hat mehr als einmal zu meinem Vater gesagt: Du, der wird mal Schauspieler.“ Nach dem Abitur bewarb sich der damals 19-Jährige an der Otto Falckenberg Schule in München, „möglichst weit weg von Kiel. Bis ich zur Schauspielschule ging, kannte ich niemanden persönlich, der diesem Beruf nachging. Meine Helden waren damals Heinz Rühmann und James Stewart.

Hätte es damals in München nicht mit der Aufnahme geklappt, hätte ich es wohl nicht noch einmal versucht.“ Plan B in der kindlichen Berufsplanung war ziemlich originell: Weihnachtsmann. „Ich habe mir damals gedacht: Da habe ich immer Geschenke in der Hand und 363 Tage im Jahr frei, und ich mache den Leuten Freude. Außerdem ist der Weihnachtsmann ja schon alt und macht es nicht mehr lange. Ach ja, und die schnellen Gadgets, mit denen man durch die Luft fliegt, fand ich auch gut.“ Es kam bekanntlich anders. Nach Absolvierung der Schauspielausbildung wurde Axel Milberg Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen – und blieb es für 17 Jahre, er heiratete, wurde Vater. „Als meine erste Ehe vorbei war, ich – ungewohnt frei – meine Füße auf den Tisch legen und abends vor dem Fernseher ein halbes Hähnchen verzehren konnte, da lernte ich ein paar Tage später bereits Judith kennen.“

Axel Milberg und Maria Furtwängler
Tatort-Komissare unter sich: "Borowski"- Axel Milberg und "Charlotte Lindholm "-Maria Furtwängler Getty images

Die Kunsthistorikerin und heutige Künstlerin war sofort überzeugt: Das ist er! „Wir wurden schnell ein Paar. Trotzdem haben wir uns mit dem Heiraten zwölf Jahre und mit einem gemeinsamen Kind elf Jahre Zeit gelassen. Das war wichtig für mich, und das kann ich auch als Tipp so weitergeben: Lass dir Zeit, überfordere die alte und die neue Familie nicht. Man muss ja gar nichts. Lebensklug sein, ja, das wäre gut, genau schauen, wie man miteinander umgeht.“ Milberg hat die Erfahrung gemacht, dass man als Mensch überhaupt nichts freiwillig lernt, sondern: „Wenn alles, was einem wichtig ist, tatsächlich bedroht ist, Beruf oder Familie, erst dann lernt ein Mensch, erst dann muss er!“ Auch das sei eine wichtige Erkenntnis: „Sich nur jemand anderem zuliebe zu ändern, das hält nicht lange vor. Man kann sich nur langfristig ändern, wenn man es für sich selbst tut, die Kritik für berechtigt hält.“ Fatal sei, dass man den richtigen Moment für ein Umdenken verpassen kann.

Liebe mit 40, 50: So sieht sie aus

Das Dessert wird gereicht, der Schauspieler teilt den Marillenknödel sauber mit einem Messer und reicht mir erst einmal die Crème brûlée rüber. Zusätzlich haben wir einen Affogato bestellt, eine Kugel Vanilleeis, übergossen mit einem Espresso. Während wir die Nachspeisen genießen, steigen wir etwas tiefer in die Herausforderungen heutiger Beziehungen ein. Frauen und Männer um die 40, 50 Jahre, das beobachte er, seien durch die Gleichberechtigung der Geschlechter eigentlich zu sehr in die Selbstoptimierung getrieben worden.

„Jeder ist so sehr mit sich beschäftigt und fragt sich ständig: Was tut mir gut? Was will ich? Wozu habe ich Lust? Komm ich da vor? Dieser Ehrgeiz, diese Unruhe ist für jede Partnerschaft auf Dauer schwierig.“ Durchaus heitere Kompromisse, miteinander sprechen, ein Team sein, darauf komme es an. Leicht gesagt und doch so schwer. „Man kann den anderen nicht beherrschen, es macht gar keinen Spaß, zu siegen oder hundertprozentig seinen Willen durchzusetzen. What a stress!“ Neben dieser Großzügigkeit des Herzens ist für Axel Milberg Toleranz die tragende Säule einer Beziehung.

Der Klassiker: „Dass sich, sagen wir, ein Mann in eine Frau verliebt – es kann auch umgekehrt sein, oh ja –, weil sie stark ist, und dann aber anfängt, sie zu domestizieren, sie vielleicht sogar kleinzumachen, ja, dann ist sie doch nicht mehr dieselbe, in die er sich verliebt hat! Völlig klar, irgendwann ist da ein Mäuschen und so sehr verändert, dass die Liebe verschwindet. Paradox!“ Das Paar Milberg scheint sich gegenseitig viel Raum zu geben. Beide arbeiten viel, sind viel unterwegs und freuen sich daher jetzt auf die gemeinsamen Ferien. Es ist spät geworden, wir sind die letzten Gäste im Lokal. Auf dem Weg hinaus und das kleine Stück, das ich ihn in meinem Auto noch bis zum Königsplatz mitnehme, plaudern wir über unsere Reisen nach Apulien und in die Bretagne. Aber jetzt fährt er erst einmal an den Ammersee, um sich mit seiner Frau im E-Boot den frischen Wind um die Nase wehen zu lassen.

Dieser Artikel ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 10/18 erschienen.

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