Starker Rückhalt: Was hilft gegen Rückenschmerzen?

Ein Zaubermittel gegen Rückenschmerzen existiert leider (noch) nicht. Mit einem ganzheitlichen Programm lassen sich die meisten Beschwerden allerdings innerhalb weniger Wochen lindern.

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Rückenschmerzen: Die Volkskrankheit Nr. 1

Er gibt uns Halt und Unterstützung und leistet dabei Schwerstarbeit: Der Rücken trägt nicht nur einen großen Teil unseres Körpergewichts, sondern sehr häufig auch die Last unserer Gedanken. Kein Wunder also, dass Rückenschmerzen die Volkskrankheit Nummer eins sind. Etwa 20 Millionen Menschen sind jährlich davon betrofen. Dabei ist der Rücken eigentlich ein sich immer wieder erneuerndes System und verfügt über ein hohes Maß an Selbstheilungskompetenz.

Die Wirbelsäule ist sehr belastbar, anpassungsfähig und kann degenerative Veränderungen bis ins hohe Alter erstaunlich gut kompensieren. So überrascht es wenig, dass Ärzte bei etwa 85 Prozent aller Rückenschmerzen keine körperliche Ursache finden können. Die populäre Meinung, dass fast immer die Bandscheiben an dem Kreuz mit dem Kreuz schuld sind, gehört zu den Medizinmythen. In gerade mal zwei bis drei Prozent der Fälle erweisen sie sich tatsächlich als Übeltäter. "Unsere rationalanalytisch ausgerichtete Gesellschaft hat ein Gesundheitssystem entwickelt, in dem Ärzte oft zuerst oder sogar ausschließlich nach anatomischen Ursachen forschen", sagt der Münchner Orthopäde Dr. Martin Marianowicz.

Neueste Erkenntnisse der Schmerzforschung machen aber deutlich, dass ein Umdenken stattfnden muss: Schmerz wird nicht nur im Kopf wahrgenommen, er kann dort auch entstehen. Nach Aufassung von Dr. Marianowicz ist deshalb nur ein ganzheitliches Therapieprogramm dazu in der Lage, den verschiedenen Ursachen der sogenannten unspezifschen Rückenprobleme gerecht zu werden. Die gute Nachricht des Orthopäden lautet: "Ich habe nach 28 Jahren Berufserfahrung und der Behandlung von mehr als 20.000 Patienten die Erkenntnis gewonnen, dass sich selbst chronische Beschwerden mithilfe eines multimodalen Therapieverfahrens innerhalb von sechs Wochen bessern können."

Das Schmerzgedächtnis austricksen

Wenn man über einen längeren Zeitraum ständig oder schubweise unter Rückenproblemen leidet, brennt sich der Schmerz förmlich in das Gehirn ein. Dort kann er auch dann weiter sein Unwesen treiben, wenn beispielsweise eine Entzündung im Rücken längst abgeklungen ist. Zusätzlich begünstigen Schonung und Vermeidungsverhalten die Beschwerden, weil dadurch im Gehirn die immer gleichen Erfahrungen bestätigt werden.

Diese Zusammenhänge gilt es zu verstehen – und aktiv gegenzusteuern. Zum Beispiel mit der MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction), der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion. Die von dem amerikanischen Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn entwickelte Methode fördert die Unterbrechung der Schmerzspirale, indem die Betrofenen mithilfe verschiedener Techniken lernen, diesen loszulassen. Nach dem Motto "Der Schmerz hat seine Aufgabe erfüllt, jetzt darf er wieder gehen" gelingt es den Patienten durch spezielles Atemtraining (Bodyscan), Yoga und Meditation Schritt für Schritt, ihre innere Haltung dem Schmerz gegenüber zu ändern. Die positive Wirkung von MBSR-Kursen konnte in klinischen Studien bei der Behandlung von chronischen Schmerzzuständen nachgewiesen werden (Infos und Adressen: mbsr.de)

Rückenschmerzen: Die häufigsten Ursachen

In einem Punkt sind sich die meisten Rückenexperten einig: Übergewicht und mangelnde Bewegung sind klassische Ursachen für Rückenprobleme. "Übergewicht ist nach meiner Erfahrung sogar sehr viel schädlicher für den Rücken als beispielsweise zu viel sitzen", sagt Professor Michael Mayer, Orthopäde und Chefarzt der Schön Klinik in München-Harlaching. "Zu viel Gewicht beeinflusst sowohl den Startpunkt von Beschwerden als auch deren Verlauf."

Wobei ein zu hohes Gewicht und Bewegungsmangel sich natürlich häufig gegenseitig bedingen. Dr. Marianowicz erklärt: "80 Prozent aller chronischen Rückenschmerzen sind, bevor sich ein Schonverhalten und ein Schmerzgedächtnis ausgebildet haben, aufgrund einer zu schwachen Muskulatur entstanden." In diesem Zusammenhang ist nicht nur die Rückenmuskulatur von Bedeutung, die sei laut Professor Mayer meist gar nicht so schlecht. Wichtig ist vor allem eine ausgeprägte Bauchmuskulatur als Gegenspieler für den Rücken.

Rückenschmerzen: Was hilft?

Kräftigung, Dehnung und Verbesserung der Koordinationsfähigkeit in diesem Bereich sind wichtig, damit Dysbalancen ausgeglichen werden können. "Zehn Übungen und zehn Minuten am Tag genügen, um den Rücken zu stärken und ihm die harte Arbeit, die er täglich für uns leistet, zu erleichtern", so Dr. Marianowicz. Fitness-Übungen und Anleitungen dazu findet man in seinem gerade erschienenen Ratgeber "Den Rücken selbst heilen: Schmerzfrei werden und bleiben – das ganzheitliche Programm" (GU Verlag 19,99 Euro).

Neben Übergewicht und Bewegungsmangel ist unser Sitzverhalten ein Hauptauslöser für Rückenprobleme. Beim Sitzen müssen Wirbelsäule, Bandscheiben und Muskeln erhebliche Haltearbeit bewältigen, während die Muskeln, Gelenke und Nerven gleichzeitig mit zu wenig Sauerstoff versorgt werden. Dagegen hilft sogenanntes dynamisches Sitzen. Damit gemeint ist eine regelmäßige Veränderung der Sitzposition – mal gerade und aufrecht, dann eher entspannt und zurückgelehnt. Wichtig: die Füße auf dem Boden nebeneinander stellen und nicht übereinanderschlagen, sonst verdreht man die Wirbelsäule.

Die Seele entlasten

Auch psychosoziale Faktoren wie Stress, Probleme und Sorgen können Rückenschmerzen verursachen. Zum Beispiel schwere Gedanken darüber, wie man Job und Familie unter einen Hut bringen soll, wie man mit Mobbing oder einem Krankheitsfall in der Familie umgeht. Der Rücken steht für Schutz, Halt und Unterstützung. Schmerzen in diesem Bereich können darauf hindeuten, dass man im eigenen Leben nicht genug Rückhalt erfährt, dass eine zu große Last auf den eigenen Schultern ruht.

Auf der anderen Seite büßen Menschen, die sehr lange unter Rückenschmerzen leiden, egal ob unspezifisch oder aufgrund einer anatomischen Ursache, stark an Lebensqualität ein. Das wiederum fördert eine gedrückte Stimmung und verstärkt die Konzentration auf die Schmerzen. Ein Teufelskreis entsteht. Das Gefühl der Ohnmacht und sogar Depressionen sind deshalb im Zusammenhang mit Rückenschmerzen weitverbreitet. Bei 50 Prozent aller Depressionen zeigen sich Rückenschmerzen als klinisch anerkanntes Symptom.

Verhaltenstherapeutische Maßnahmen helfen, in den Dialog mit dem eigenen Rücken zu kommen. In diesem therapeutischen Prozess geht es darum, herauszufinden, welche Lebenssituationen die Schmerzen verstärken. Selbstverständlich kann man sich auch allein auf Spurensuche begeben: Weshalb treten Rückenschmerzen in bestimmten Situationen auf und in anderen nicht? An welchen Tagen ist es besonders schlimm? Dr. Marianowicz rät: "Wollen Sie Ihren Rücken selbst heilen, gehen Sie mit sich selbst in ein inneres Zwiegespräch. Lernen Sie dadurch Ihren Rücken besser kennen und versuchen Sie, Freundschaft mit ihm zu schließen. Ihr Rücken ist ein treuer Begleiter und versucht mit großer Kompetenz, alle Belastungen auszugleichen."

Text: Marina Jagemann