Gesundheit

Relax-Trick: Losbrüllen oder wegdrücken – wohin mit der Wut?

Der Lockdown geht erst einmal weiter, die Lage ist angespannt, die Nerven sind dünn und der Agressionspegel ist hoch. Zu wissen, wie man mit Wut umgeht, ist in diesen Zeiten wichtiger denn je...

Frau wütend
Foto: picture alliance / Westend61 | Veam

Der Kopf wird rot, die Augen schmal und die Nasenflügel beben – man möchte explodieren. Und tut es manchmal auch. Wut ist ein archaisches Gefühl, und von beeindruckter Kraft. Es zeigt uns, dass jemand unsere Grenzen verletzt. Und mobilisiert die Energie, sich zur Wehr zu setzen. Wut ist also ein wichtiges Gefühl. Zu viel davon aber kann verletzen, zerstörerisch sein. Meist entsteht Wut aus Kränkung oder ungerechter Behandlung, so wissen Experten, es geht also um unser Selbstwertgefühl. Nicht selten aber steckt hinter der Wut, ein noch tieferes vielleicht verdrängtes Gefühl, etwa Angst, Hilflosigkeit – oder Trauer. Und da wären wir schon beim ersten Schritt, im sinnvollen Umgang mit der eigenen Wut - man sollte sie sich genauer anschauen: woher kommt sie? Was will sie mir sagen?

Der Sinn der Wut

Als „kurze Geisteskrankheit“ bezeichnete der römische Philosoph Seneca die Wut. Auch heute gilt einer, der seine Wut offen zeigt, als ungehobelt. Ein Mensch von Welt sollte gefälligst Contenance bewahren. Selbst Kindern wird selten zugestanden, ihre Wut zuzulassen. Umso mehr betonen Psychologen und Psychiater heute, wie wertvoll Wut sein kann - etwa weil sie den Mitmenschen klare Grenzen aufzeigt, uns selbst ein Bild unserer Schwachstellen vermittelt. Und zu Veränderung drängt. Experten betonen außerdem, wie wichtig es ist, seiner Wut Ausdruck zu verleihen: Wird Wut dauerhaft unterdrückt, wirkt sie zerstörerisch auf Körper und Seele. Bluthochdruck, nächtliches Zähneknirschen können die Folge sein, sogar Depressionen. Die Kunst ist es also, sich Wut zu erlauben, aber sich nicht von ihr beherrschen zu lassen. Etwa, wenn die Rage gegen die übergriffige Kollegin nicht mehr zu bremsen ist…

Einfach bis 10 zählen

Durchatmen und bis 10 zählen – das raten Therapeuten und Coaches in brenzligen Situationen, damit wir vor lauter Wut nicht übers Ziel hinaus schießen. Erst nach einer kleinen Pause sollen wir unserem Ärger dann gezielt Luft machen – und ansprechen, was uns stört oder verletzt hat. Das ist ganz entscheidend: denn wer seine Grenzen nicht deutlich macht, kann nicht erwarten, dass der andere darauf Rücksicht nimmt. Zu lange sollte man mit dem klärenden Gespräch übrigens nicht warten, sonst ist der Zorn verflogen und das Gegenüber spürt die starken Emotionen nicht mehr – das schmälert den Effekt. Die Fassung zu bewahren, wenn Wut durch den Körper rast, das klingt nicht nur schwierig, es ist tatsächlich etwas, das man trainieren muss. Aber es lohnt sich: Wer im Moment der größten Wut auf dem Boden bleibt, hat gute Chancen, später mehr zu erreichen.

Und wenn nichts mehr geht?

Wut entsteht im alten Teil des Gehirns. Werden wir beispielsweise heftig beleidigt, dann registriert die Amygdala dies, versetzt das Gehirn in Alarmzustand und der Körper wird auf Kampf vorbereitet. Gleichzeitig versucht der präfrontale Kortex, die Stimme der Vernunft, durchzudringen. Mal gelingt das - wir beruhigen uns, mal nicht - wir exlodieren. Zum Trost:  ein unkontrollierter Gefühlsausbruch kann durchaus auch Positives mit sich bringen. Denn Wut setzt Kräfte frei und kann einen Änderungsprozess initieren. Nach und nach sollten wir dennoch lernen, uns nicht von unseren Wutgefühlen treiben zu lassen, sondern einen angemessenen Ausdruck für sie zu finden. Der Weg dahin ist so individuell, wie das Wutempfinden jedes Menschen. Selbstbeobachtung ist ein entscheidender Schritt! Und noch etwas: wenn man doch mal wieder ins Toben gerät, dann sollte die Wut bittesehr den treffen, der sie ausgelöst hat – nicht einen Unbeteiligten.

Autorin: Carla Mülhens