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Magazin-Artikel

Reiseziel Ruanda: Die wilde Schönheit Afrikas

Ruanda berührt seine Besucher mit einer magischen Natur, faszinierenden Tieren und der Unbeschwertheit seiner Menschen. Eine Liebeserklärung an das afrikanische Land

Wilde Schönheit Ruanda
Reiseziel Ruanda: Die wilde Schönheit Afrikas iStock

Ruanda - Eine grüne Oase in Afrika

Versöhnlich wirkt dieses erste Licht des Tages, das die Nacht verscheucht und mit ihr mein Gefühl, verloren zu sein. In der Dämmerung erkenne ich Plantagen links und rechts der Straße. Ich sehe Lehmhütten, Felder und Bananenhaine. Silhouetten schälen sich aus dem Halbdunkel, Frauen und Männer auf dem Weg zur Arbeit. Manche von ihnen tragen Körbe auf dem Rücken, Teeblätter werden sie pflücken. Sie säumen die Straße, bleiben stehen und schauen dem Auto nach.

Ich öffne das Fenster, damit ich ihren Blicken begegnen kann, und auch, um den nebligen Morgen zu riechen, der schwer über den Hügeln hängt. Menschen, die zu Fuß gehen. Ein Bild, das sich mir einprägen wird. Aussteigen möchte ich und mich ihnen anschließen. Aber Oscar, mein Fahrer, hat es eilig. Er lenkt den Wagen auf eine Schotterpiste. "Afrikanische Massage", sagt er und lacht, weil ich durchgerüttelt werde. Seit einer Stunde fährt er mich durch den Südwesten Ruandas. Wir sind auf dem Weg in den Nyungwe-Nationalpark, um Schimpansen zu beobachten.

Schimpansen, unsere nächsten lebenden Verwandten. Ich muss an Jane Goodall denken, die ihnen ihr Forscherleben gewidmet hat. Wie würde sie sich im Wald verhalten, wie den Menschen begegnen, deren Herzlichkeit mich erschüttert? Sechs Tage schon reise ich durch ein Land, das wir bis heute als Erstes mit dem Völkermord assoziieren. Das auch 25 Jahre später noch achtsam darum bemüht ist, als wiedervereinte Nation aufzutreten und dabei unbeschwerter wirkt als Dänemark. Ich habe Löwen und Elefanten beobachtet, über badende Nilpferde gelacht und die Bewohner in ihren Dörfern nach ihren Erinnerungen, nach dem großen und kleinen Glück gefragt.

Als Oscar mich schließlich auf einem Parkplatz in der Stadt Kibuye einsammelte, fühlte ich mich so leicht, dass mir der starke Regen nichts mehr ausmachte. Mit 40 Stundenkilometern schlängelten wir uns am Ufer des Kivusees entlang und erreichten nach zwei Stunden unser Ziel, das "Nyungwe House", ein Luxusresort der Hotelkette One & Only. Nebel hing über den 22 Holzhäusern inmitten einer Teeplantage. Der Ort auf 1900 Metern wirkte wie die Kulisse eines Filmsets. Ein kleines Elektroauto brachte mein Gepäck und mich zu meinem Zimmer mit Blick auf den nahen Regenwald.

Als wir an diesem Morgen aufbrechen, schlafen die Gäste, sogar die Vögel noch. "Können wir los?", fragt der Guide unsere kleine Gruppe, nachdem er uns am Treffpunkt begrüßt und Stöcke an uns verteilt hat. Wir nicken. Ich laufe Engländern und Amerikanern hinterher. Uns vorausgegangen sind vier Spurenleser, die im Wald auf uns warten. Seit sechs Uhr sind die Tiere wach und haben ihre Blätternester verlassen, über Funk erfährt unser Guide, in welche Richtung sie ziehen. Noch folgen wir einem Pfad. Im Vorbeigehen berühre ich dicke Stämme. Einige von ihnen sind 500 Jahre alt. Ich stolpere über Wurzeln, halte mich an Lianen fest, sehe Blätter, die glänzen, als wären sie mit Wachs überzogen.

Ab und an bleiben wir stehen, warten auf Anweisungen oder darauf, dass die Spurenleser einen Weg ins Dickicht schlagen. Die Erde ist feucht und rutschig. Eine Amerikanerin verliert den Halt und stürzt. Also langsamer jetzt, unser Guide lässt ihre Hand nicht mehr los. Zweimal kraxeln wir denselben Hang hoch, um zu erfahren, dass die Herde weitergezogen ist. Mir ist heiß. Vielleicht sollten wir die Schimpansen in Ruhe lassen, denke ich. Goldmeerkatzen lassen sich von Baum zu Baum fallen, es kracht jedes Mal. Wir entdecken Paviane und Zwergschimpansen. "Simone!", ruft unser Guide in sein Gerät, er scheint der Chefspurenleser zu sein. Simone, bitte kommen. Und als Simone später tatsächlich auftaucht, hält er eine Machete in der Hand und trägt auf dem Rücken einen rosa Kinderrucksack, made in China.

Mulmig wird mir beim Anblick der Machete, Alltagsinstrument, das 100 Tage lang zum Morden missbraucht wurde. Weder die USA noch Belgien, Großbritannien oder die Vereinten Nationen griffen ein, als die Hutu 1994 versuchten, die Tutsi auszulöschen. Eine Million Menschen starben, umgebracht von denen, die bis eben noch ihre Nachbarn waren, Arbeitskollegen, Verwandte.

Heute wird mit der Machete wieder Gras geschnitten, und niemand will mehr von zwei Völkern sprechen: Wir sind Ruander, betonen die Menschen, die ich frage, ob sie Hutu oder Tutsi seien, und dann schwärmen sie von Paul Kagame, Präsident des Landes seit 19 Jahren. Er wird als Wiedervereiniger und Frauenförderer gefeiert, seltener als Autokrat kritisiert. Die Verehrung, die ihm entgegengebracht wird, befremdet mich. Was für ihn spricht, sind die Zahlen: Mehr als 300 000 Familien wurden aus der Armut befreit.

Im Parlament sitzen mehr Frauen als Männer. Ruanda ist ein Frauenland. Bald die Hälfte von ihnen hat ein Bankkonto. Schätzungen zufolge waren 70 Prozent der Bevölkerung nach dem Genozid weiblich, Frauen mussten sich emanzipieren und Führungspositionen übernehmen. Heute ist das selbstverständlich. In einem Land, das zu zwei Dritteln von der Agrarwirtschaft lebt, gibt es mehr Pächterinnen als Pächter. Auch wenn die Strukturen in den ländlichen Regionen immer noch patriarchalischer sein mögen als in den Städten, so spüre ich doch in den Gesprächen mit Frauen, dass sie auf eine ungetrübte Art selbstbewusst sind.

Ruanda gilt heute als sicheres Land, dessen Wirtschaft schnell wächst. Dazu gehört auch der Luxustourismus. Er finanziert den Umweltschutz mit, die Aufforstung der Regenwälder und den Artenschutz. Um Massentourismus vorzubeugen, hat die Regierung den Preis fürs Gorilla-Trekking auf 1500 US-Dollar pro Person angehoben.

In den wenigen Lodges von Wilderness Safari oder One & Only zahlen die Reisenden bis zu 2000 US-Dollar pro Nacht. Mit den Einnahmen werden Landkäufe finanziert, wird der Lebensraum der Tiere vergrößert, versprechen die Anbieter. Das „Nyungwe House“, fünf Autostunden von der Hauptstadt Kigali entfernt, wurde nach einer Renovierung im Oktober 2018 zum zweiten Mal eröffnet. Gäste, die vom Trekking oder vom Canopy Walk, dem Baumwipfelpfad, heimkehren, können sich im neuen Spa-Bereich massieren lassen oder im Infinity-Pool entspannen, der in den Regenwald zu münden scheint. Seit 2004 ist er geschützter Nationalpark. 120 Arten Schmetterlinge leben hier, mehr als 300 Arten Vögel. Sie lassen sich durch die Fernrohre vor der Lobby aus beobachten.

Da, einer der Spurenleser zeigt jetzt in die Baumkrone, ein Schimpanse. Wir stehen still. Ich finde, dass das Tier enttäuschend hoch sitzt, dafür, dass wir schon so lange durchs Unterholz stolpern. Ob wir der Herde noch begegnen werden? Warten wir, bis er die anderen ruft, sagt einer der Spurenleser. Sie tragen grüne Uniformen und sehen aus wie Soldaten.

Ich konzentriere mich auf die Geräusche, die ich nur aus der Tropenabteilung deutscher Zoos kenne. Vogellaute, Klappern, Rascheln, Zirpen. Plötzlich bricht Unruhe aus, zwei kleinere Affenbanden bedrohen sich. Sie bewegen sich schnell und machen dumpfe Rachenlaute. Ob wir sie stressen mit unserer Anwesenheit? Dann ist wieder Ruhe, und auch Simone scheint noch nicht zu wissen, wie es jetzt weitergeht: Ich hoffe, ihr habt es nicht eilig, sagt er in gebrochenem Englisch. Ich denke an das Frühstück im „Nyungwe House“, an den Smoothie aus Früchten, an Müsli und Avocado-Toast mit Ei.

Wenn ich mich anstrenge, kann ich Omars Kaffee schmecken. Omar ist mein Kellner in diesen Tagen, ein besonnener Mensch. Es heißt, er male in seiner Freizeit, aber diese Behauptung lacht Omar einfach weg, so wie er oft lacht, wenn ihm etwas gefällt. Ich würde jetzt viel hergeben für seinen Kaffee, für eine Pause im Blätternest der Schimpansen.

Aber dann fällt mir Jennette ein, die nie Pause macht. Ich strecke mich, während ich mir vorstelle, einen Tag an ihrer Seite Tee zu pflücken. Mindestens 50 Kilo muss sie zusammenbringen, damit sie sich selbst, ihre zwei Kinder und ihre Mutter ernähren kann. Ich habe die 30-Jährige zwischen den Teepflanzen im Resort getroffen und beobachtet, wie schnell sie die obersten Blätter zupft und in den Korb auf ihren Rücken wirft. Sie ist alleinerziehend wie alle Frauen, denen ich auf meiner Reise begegne. Leicht wirkte sie. Was sie glücklich mache? Picknicken mit meinen Kindern, übersetzte eine Angestellte ihre Worte. „Mit dir zu sprechen“, sagte sie und umarmte mich.

Ich werde oft berührt auf dieser Reise. Von der Offenheit der Menschen, der Natur und dem Luxus eines Fünf-Sterne-Hauses. Er hat nichts mit dem Alltag der Teepflücker gemein, die ohne fließendes Wasser leben. Ich versuche, beides nebeneinander stehen zu lassen, ohne es zu bewerten. Jeden Abend werden mir und den anderen Gästen im „Nyungwe Resort“ sechs Gänge serviert.

Kürbissuppe, Mango-Sorbet, Lamm. Cremetupfen und Püree, essbare Blüten und Butter mit Gin zum frisch gebackenen Brot. Omar, der Wein nachschenkt und lächelt, der seine Bilder nicht zeigen wird, weil er sich zurückzuhalten weiß.

Plötzlich muss es schnell gehen, hektische Rufe, wir rennen: In einiger Ferne sitzt ein Weibchen mit ihrem Jungen. Sie schauen zu uns herüber. Die Herde, endlich. Das Junge ist nicht mehr ganz klein, vier Jahre wird der Nachwuchs gestillt. Ein Männchen gesellt sich zu ihnen. Wir schweigen, denn anders als Gorillas sind Schimpansen scheu. Die Spurenleser haben sich an den Wegrand gesetzt, ihre Arbeit ist vollbracht. Alle fotografieren, wie die Tiere sich kratzen und lausen, bevor sie sich im Knöchelgang davonmachen. Ein letztes Mal klettern wir den Hang hinauf. Ich schweige, während die anderen plaudern, das Wurzelwerk und die herunterhängenden Äste fordern meine Aufmerksamkeit.

Es ist kurz nach eins, als Oscar und ich auf der Schotterpiste zurückfahren. Schulkinder rennen neben dem Auto her, sie tragen Uniformen und schlagen mit den Händen gegen die Türen, wenn es das Tempo zulässt. „Wie heißt du, wie geht es dir?“, rufen sie auf Englisch durch die offenen Fenster. Ich winke, Frieda bin ich, und ich bin glücklich.

Dieser Artikel stammt von Lisa Frieda Cossham und ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 11/19 erschienen.

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