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Pokémon GO and Chill

Warum alle mal aufhören müssen, über Pokémon GO zu mosern

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Zubats can go diaf

Samstag Nacht vor einer der hipperen Vorglüh-Bars in München. Bevor meine Freundinnen und ich uns nach ein paar entspannten Drinks im Lucky Who zum Club Bob Beaman aufmachen, zücke ich noch schnell mein Handy, um die Brienner Straße nach Pokémon zu scannen. Und tatsächlich, ein Zubat taucht genau vor meiner Nase auf! Mein erstes, und deswegen dauert es auch ein bisschen, bis ich das flatterige Viech endlich eingefangen habe. So lange, dass mir zwei junge Männer vor die Kameralinse springen und Fratzen schneiden.

"Sorry", sage ich, "da ist ein Pokémon, das muss ich grade einfangen." Das große Augenverdrehen beginnt: "Pokémon? Oh, come ON! Das ist doch nicht dein Ernst!" stöhnt Jungmann 1, während Jungmann 2 traurig den Kopf schüttelt. Ganz genau sehe ich es nicht, weil dieses Drecksding von Zubat meinen Pokébällen weiter ausweicht, freches Viech!

Israels Staatspräsident Reuven Rivlin postete diesen Screenshot bei Facebook Alarmiert die Sicherheitskräfte
Israels Staatspräsident Reuven Rivlin postete diesen Screenshot bei Facebook Alarmiert die Sicherheitskräfte Israels Staatspräsident Reuven Rivlin postete diesen Screenshot bei Facebook: Alarmiert die Sicherheitskräfte facebook.com/reuvenruvirivlin

Das ist für die zwei jungen Herren kein Zustand. Es gibt so viele mäßig attraktive Männergesichter, die ich jetzt doch bewundern könnte. Zum Beispiel vor meiner Nase. "Jetzt schau doch mal von deinem Handy hoch! Das Leben spielt sich draußen ab! Lebe ein bisschen!" ermahnt mich Jungmann 1 streng, während Jungmann 2 mehr schlecht als recht Albert Einstein bemüht: "Realität ist eine Illusion, das hat doch … Dings gesagt."

Urgs. "Wenn selbst Forbes zehn Artikel mit den besten Tipps und Tricks für Pokémon Go veröffentlicht und der israelische Präsident Pokémon-Screenshots bei Facebook postet, kann ich ja gerade noch zwischen zwei Ausgeh-Locations zwei Minuten lang ungestört ein Pokémon fangen, danke!" Das Zubat flattert noch immer höhnisch vor mir herum und verschwendet meine Pokébälle.

Jungmann 2 ist entsetzt: "Forbes? Forbes wie Warren Buffett und äh-"

"Der israelische Präsident??" Jungmann 1 macht ein Gesicht, als hätte ich ihm gesagt, Mumford & Sons seien eine gecastete Band.
"Yep." YES! Endlich habe ich das verdammte Ding eingefangen, wir können jetzt los.

Ich geh nicht ins P1. Oder ist da ein Pokéstop??

Während die Halbstarken bei einem ironischen Malzbier über den Untergang des Abendlandes sinnieren, ärgere ich mich auf dem Weg zum Club kurz darüber, dass zwei Studenten denken, sie müssten einer erwachsenen Frau was vom echten Leben ™ erzählen, während sie selbst Frauen bei Tinder nach rechts und links swipen.

Und dann frage ich mich, wie prätentiös und abgeklärt man denn mit Anfang 20 schon sein muss, wenn man über ein Handyspiel, das über Nacht zum globalen Phänomen wurde und mit der fast beiläufigen Verwendung von Augmented Reality die Gaming- und App-Landschaft grundlegend verändern wird, nur die Nase rümpfen kann?

Die Tiraden kenne ich sonst nur von den älteren Generationen. Da ist "dieses Internet" abseits von SPON, Amazon und der Login-Seite von T-Online synonym zu Dantes Inferno, jeder Selfie ein Schritt näher zu Sodom und Gomorrha.

Kurz nach dem Launch von Pokémon GO berichten die etablierten Zeitungen und wutbürgerische Social-Media-Kommentatoren wie nicht anders erwartet von - Achtung! Cooles Jugendwort! - erhöhter "Smombie-Sichtung" und äußern entnervte Unverständnis angesichts einer globalen Pokémon-Euphorie, an deren Erfolg sie nicht beteiligt waren. "In der U-Bahn starren alle nur noch auf ihr Handy, niemand spricht mehr miteinander!"

Richtig – bloß dass wir prä-Smartphone/prä-iPod/prä-Sudoku-Megaheft auch nicht gern mit Fremden gesprochen haben. Stattdessen lesen wir nun auf dem Smartphone interessante Artikel im Netz, beobachten via Social Media, was unsere Freunde so machen oder updaten die Eltern gerade per Whatsapp und Facetime über Nachwuchs und Enkel. Ist das kein Fortschritt zu den "Walkman-Zombies" der 80er? Anscheinend nicht. Im Netz kursiert eine Email eines britischen Journalisten von The Sun, der Geld für Negativ-Storys über Pokémon Go à la "Pokémon Go hat meine Beziehung ruiniert" bietet.

Die intellektuelle Elite wird nicht ruhen, bis in den Zügen nicht jeder wieder steif auf ästhetisch fragwürdigen Polstern sitzt und das alte "Bloß keinen Augenkontakt herstellen"-Spiel spielt.

Gotta catch 'em all

Passend zum 90ies-Revival spielen wir stattdessen also ein Videospiel mit putzigen Monsterchen, das man eigentlich um die Jahrtausendwende herum begraben glaubte.

In nur knapp zwei Wochen nach dem Release der Pokémon GO App am 6. Juli haben laut Nintendo über 47 Millionen Menschen weltweit Nintendos erstes Spiel fürs Smartphone runtergeladen, mehr als 3 Milliarden Accounts erstellt und den Wert des Unternehmens buchstäblich über Nacht mehr als verdoppelt. Mittlerweile hat der abgehängt geglaubte Spielehersteller mit fast 130-jähriger Tradition den großen Konkurrenten Sony an der Börse überholt.

Überall auf der Welt jagen Menschen mit dem Smartphone bewaffnet den virtuellen Taschenmonstern hinterher und lassen sie in Arenen gegeneinander antreten. Die sozialen Medien sind voll von Berichten über entgeisterte Eltern, deren sonst so Outdoor-scheuer Nachwuchs plötzlich lange und oft spazieren gehen will ("Kommen wir auf fünf Kilometer? Ich muss noch ein paar Eier ausbrüten und Fahrrad fahren gilt nicht!") und euphorischen Storys, wie "Netflix and chill" von "Pokémon GO and hike" abgelöst wurde.

Da fragt man sich, weshalb Eskapismus mit Büchern und TV sozial akzeptiert und gewünscht ist, elaborierte Videospiele und der Internet-Austausch mit Menschen, die man sonst nie kennengelernt hätte, hingegen mit herablassender Verachtung zu strafen ist.

„Durr hburr technology is bad fire is scary and Thomas Edison was a witch“

Sicher: Wo Spieler dazu aufgefordert werden, auf ihr Handy schauend in der realen Welt Monster zu fangen, passieren Unfälle durch Unachtsamkeit bis hin zu Einbrüchen in Privatgrundstücke, weil in einem Garten ein seltenes Vaporeon gesichtet wurde.

Auf der anderen Seite führt die riesige Schnitzeljagd aber zu unverhofften Momenten der Kameraderie wie beispielsweise nachts um 4 Uhr am Königsplatz, wo mir eine lose Gruppe von weiteren Spielern schüchtern zulächelt und wir nebeneinander Pokémon fangen, die bevorzugt bei Dunkelheit erscheinen. Überall sprechen Spieler von spontanen Pokémon-Happenings, Freundschaften sollen entstanden, die große Liebe gefunden worden sein.

Will jemand 2.861 Taubsis?

Gastronomen auf der ganzen Welt haben Pokémon GO als potentiellen Kundenbringer erkannt und bewerben ihre Nähe zu Pokéstopps und Kampfarenen, manche versprechen sogar den Einsatz der virtuellen Rauchbomben, die Pokémons für die Kunden anlocken. Schon sollen erste US-Universitäten auf ihren Websites mit der Anzahl von Pokéstops werben. Nintendo hat bereits angekündigt, dass Unternehmen im nächsten Schritt Werbung im Spiel platzieren und für die Einrichtung als Pokéstop oder Arena bezahlen können.

Es bleibt abzuwarten, was nach dem Initial-Hype um Pokémon GO und seine bislang endlichen Spielfunktionen übrig bleibt. Ob es Nintendo und Niantic schaffen, das Spiel durch neue Funktionen wie Trading und Konnektivität mit anderen Usern so attraktiv zu machen, dass Casual Gamer nach Einsammeln aller Pokémons weiter am (Poké)Ball bleiben - trotz Frust um hohen Akku- und Datenverbrauch.

Bis es so weit ist, fangen wir auch mit Ü30 und einem echten Leben im Schlepptau niedliche Pokémons und freuen uns in einem Jahr, das zwischen Alptraum-US-Präsidentschaftskandidaten und jede Woche neuen Terroranschlägen wenig Gutes gebracht hat, über das erste erfolgreiche Handyspiel mit Augmented Reality und das Gefühl der Verbundenheit mit Millionen von anderen Menschen auf der ganzen Welt.

Übrigens: Dieses Handy hat einen ziemlich großartigen Akku und eine Schnell-Ladefunktion!

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