MADAME wird geladen...

Lunch mit Sam Keller

Bei Flammkuchen sprechen wir mit dem Direktor der Fondation Beyeler und langjährigen Chef der Art Basel über die aktuelle Gerhard Richter Ausstellung, Sammelleidenschaft und die Popularität von Kunst.

Direktor der Fondation Beyeler und langjährigen Chef der Art Basel: Sam Keller
Direktor der Fondation Beyeler und langjährigen Chef der Art Basel: Sam Keller Direktor der Fondation Beyeler und langjährigen Chef der Art Basel: Sam Keller

Frühlingsstimmung im Berower Park. Magnolienblüten explodieren, dazu der coole Kontrast des Alexander-Calder-Mobiles "Te Tree“ von 1966. Die ersten warmen Sonnenstrahlen lassen das Kraut spießen. Der Renzo-Piano-Bau der Fondation Beyeler verschwindet fast vollständig zwischen knospenden Bäumen und Sträuchern, hier die Schweiz, drüben – der Blick geht auf einen nahen Hügel – liegt Deutschland: Rapsfelder, Heimeligkeit, mittendrin die großartigsten und wertvollsten Kunstwerke der Welt von Anselm Kiefer bis Picasso, Tomas Schütte und Gerhard Richter. In Riehen bei Basel zieht die Fondation Beyeler jährlich weit über 300.000 Besucher aus aller Welt an. Damit ist die Stiftung immer unter den meistbesuchten Kunstmuseen der Schweiz.

Wesentlich dazu beigetragen hat Sam Keller, der Mann, der schon als Direktor der Art Basel und Art Basel Miami in seiner siebenjährigen Amtszeit (2000–2007) Hochkultur meisterhaft mit Glamour und Sex-Appeal verwoben hat. Seit Sam Keller ist Brad Pitt Dauergast auf der Art Basel, was nicht nur Kenner und Kultur-Menschen zur "Art“ zieht, sondern auch jede Menge Kunst-Groupies.

Lächelnd eilt der Mann, den sie in der Schweiz auch den "Kunstdiplomaten“ oder auch den "Robbie Williams der Kunstszene“ nennen, auf uns zu: dunkelblauer Anzug, Strickkrawatte, Pullunder, warme braune Augen, erste Bräune im Gesicht. Der 48-Jährige genießt hier das Nebeneinander von Kunst und Natur, wie er später erzählt. Dabei habe es ihn anfangs verwundert, dass Ernst Beyeler, der Gründer der Fondation, seiner Sammlung "so weit ab vom Schuss“ ein Zuhause gab. Vor sieben Jahren hat Sam Keller als Nachfolger des Gründers dessen Werk fortgesetzt. Er sitzt gern hier draußen, mit Blick auf den Kunstnabel der Welt und die gemütliche deutsch-schweizerische Landschaft. Lachfältchen, volle Lippen.

Er, der Mann aus Basel, Weltkunst-Strippenzieher, immer verwurzelt in diesem gemütlichen Städtchen am Rhein. New York, London, Berlin – warum hat es ihn nie woanders hingezogen? "Basel ist ein wunderbarer Heimathafen. Die Amerikaner würden sagen: Hub oder Base. Weil man von hier unglaublich schnell überall hinkommt und umgekehrt, weil hierher unheimlich viele Einflüsse und Menschen kommen. Außerdem ist Basel zwar eine mittelgroße Stadt, aber auf vielen Gebieten Champions League, vor allem in der Kunst und in der zeitgenössischen Architektur. Für mich sind hier die Wege sehr kurz. Der Austausch zwischen Kunst und Architektur ist sehr groß. Es braucht ein Telefonat, damit man ein gemeinsames Projekt auf die Beine stellen kann – wie auf dem Dorf, aber auf internationalem Niveau.“ Er habe mit Anfang 20 auch mal Berlin ausprobiert, jedoch schnell festgestellt, dass es sich dort zwar ganz gut feiern, aber nicht so effektiv arbeiten lässt.

Kunsthändler Tony Shafrazi und Sam Keller auf der Art Basel Miami im Jahr 2012
Kunsthändler Tony Shafrazi und Sam Keller auf der Art Basel Miami im Jahr 2012 Kunsthändler Tony Shafrazi und Sam Keller auf der Art Basel Miami im Jahr 2012 Getty Images

Wir bestellen Flammkuchen mit Zwiebeln und Speck ("ich bin total karnivor“), serviert auf der Terrasse des Restaurants "Berower Park“. Sam Keller nimmt vorher ein Tatar – "ein großes, natürlich“. Spricht er mit der Kellnerin, verfällt er ins Schweizerdeutsche. Augenblicklich hängen in den Räumen der Fondation Werke von Odilon Redon (1840–1916), wichtigster Vertreter des französischen Symbolismus. Am 18. Mai wird er von der größten, jemals in der Schweiz gezeigten Gerhard-Richter-Ausstellung abgelöst. Die Frage, warum Richter, beantwortet Sam Keller mit einem Superlativ: "Er ist der bedeutendste lebende Künstler“ – und spricht von seinem lang gehegten Traum, mit ihm zu arbeiten. Die Fondation besitzt ein wichtiges abstraktes Werk des deutschen Malers, "Lot“ von 1988, es ist Teil einer Serie. Darum geht es in der bis zum 7. September gehenden Retrospektive, in der erstmals als Serien, Zyklen und Räume realisierte Werke aus allen Schaffensperioden vereint werden. "Wir haben hier eine der schönsten Räumlichkeiten, um genau das zu zeigen“, schwärmt Keller und deutet auf den Museumskubus, dessen Besonderheit die verglasten Decken sind, die die Werke mit Tageslicht beleuchten, dem Museum so etwas Frisches und Unsakrales geben. "Richter hat besonderes Interesse am Raum. Er hat in Dresden Wandmalerei studiert und bei seinen Arbeiten immer mitgedacht: Wie kann ein Raum funktionieren?“

„Kunst ist eine Konvention. Was gute Kunst ist, wird von Menschen definiert.“
Sam Keller

Als Gastkurator hat der "Kunst-Diplomat“ seinen Freund und Weggefährten Hans-Ulrich Obrist, 46, gewonnen, Co-Direktor der Serpentine Gallery in London. Obrist wiederum ist seit drei Jahrzehnten mit Richter befreundet. Sam Keller, der geniale Netzwerker. Dafür ist er in der Szene berühmt. Wie kaum ein anderer versteht er es, Sammler, Künstler, Galeristen und Museumsdirektoren zusammenzubringen. So hat er die Art Basel spannend und über die Grenzen der Kunst hinaus bekannt gemacht. Als Mitglied in Vorständen, Aufsichtsräten und Jurys verschiedener Museen und Privatstiftungen von Paris über Moskau bis nach Tokio spinnt er sein Netz und sichert sich damit Know-how, Leihgaben und aufregende Projekte. "Kunst ist eine Konvention“, sagt Keller. "Was gute Kunst ist, wird von Menschen definiert. Da braucht es Personen, die sich darüber auseinandersetzen. Ich brauche ein globales Netzwerk, um herauszufinden, welcher Künstler gerade wie performt. Und ich brauche den Zugang zu Museen und Sammlungen, um interessante Leihgaben zu finden.“ Und so kommen auch Richters Werke aus der ganzen Welt, aus St. Louis, San Francisco, dem MoMA in New York. "Wenn Sie Serien zeigen wollen, brauchen Sie alle Werke, sonst fällt ein ganzer Raum zusammen.“ Der Besucher wird den "Oktoberzyklus“ sehen können, in dem sich der heute 82-jährige Richter mit der RAF auseinandersetzte, ebenso findet er seinen "Waldzyklus“. Ein Highlight wird das weltberühmte Werk "Betty“ sein, ein Bildnis Richters erster Tochter: "Die ,Mona Lisa‘ unserer Zeit“, wie Keller sagt.

Sam Keller
Sam Keller Getty Images

"Mona Lisa“-hafte Preise werden seit Langem für Richters Werke gezahlt. Bis zu 29 Millionen Euro für seinen "Domplatz, Mailand“. Der Kölner Maler kommentierte diese Preisentwicklung einmal als "absurd, unverständlich, albern, unangenehm“. Keller hakt hier ein und ergänzt den Satz Richters, den die Quellen nicht mehr hergeben: "... aber wenn ich sehe, wofür reiche Menschen ihr Geld sonst ausgeben, um sich mehrere Häuser, Autos, Jachten zu kaufen, dann ist Kunst wenigstens sinnvoll.“ Er finde das eine gute Bemerkung. "Kunst ist nicht des Kaisers neue Kleider, Kunst hat einen Wert – für unsere Gesellschaft, für Menschen persönlich, sie ist lebensbereichernd“, so Keller, der einst Philosophie und Kunstgeschichte studierte. Kunst könne auch einen Anlagewert haben, aber der sei sicherlich der am wenigsten wichtige. Jungen Sammlern rät Sam Keller, Kunst allein für sich selbst zu sammeln – nicht, weil sie andere schön finden oder weil sie irgendwann mal was wert sein könnte. Dazu müsse man erst mal herausfinden, was einem wichtig sei. „Manche wollen eine schöne Dekoration, manche eine Erinnerung an ein Projekt oder einen Teil ihres Lebens, an eine Reise. Für andere ist die Beziehung zum Künstler wichtig. Für die meisten ist es aber der Aspekt: Hab ich Lust, mir das jeden Tag anzuschauen?“ Er rät, sich viel anzusehen: "Gehen Sie auf Kunstmessen, Biennalen, schauen Sie sich Zeitschriften und Kataloge an! Es ist ein Prozess, in dem man was lernt, und oftgefallen einem die Dinge, die man am Anfang mochte, nicht mehr, weil man merkt, dass man die offensichtliche Kunst weniger spannend findet als die, die mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt und mit der man selbst eine Entwicklung mitmacht. Man darf nicht erwarten, dass man gleich alles versteht.“

Verständnis fördern – das hat sich die Fondation Beyeler bei Gründung in die Statuten geschrieben. Vor allem das Interesse von Jugendlichen an der Kunst soll gefördert werden. Und so ist die Stiftung mit ihren Workshops, Happenings, Künstler-Gesprächen und immer wieder aufsehenerregenden Ausstellungen zu einem lebendigen Ort der Begegnung geworden. Es gibt eine App, den "App Shaker“, der digital aufgenommene Fotos durch verschiedene Raster in surrealistische, impressionistische oder Pop-art-Bilder verwandelt. Sam Keller hat mittlerweile einen erwachsenen Sohn. Was bringt er ihm über Kunst bei? "Momentan lehrt er mich mehr als ich ihm. Von Sammlern mit Nachwuchs habe ich mal den Tipp bekommen: Ja nicht pushen! Wenn das zur Qual wird, bringt es nichts. Ich hab ihn früher viel durch Museen und Galerien geschleppt, was er irgendwann nicht mehr wollte. Jetzt wählt er selbst aus, und für mich ist es interessant, seine Kommentare dazu zu hören.“

Bittet man Menschen in Basel um einen Kommentar zu Sam Keller, fällt kein schlechtes Wort. Die meisten geraten ins Schwärmen, sprechen von der Herzlichkeit und Natürlichkeit des Kunststars, der immer mit beiden Beinen auf dem Boden geblieben sei. Einhellige Meinung ist, dass er maßgeblich zur Attraktivität der Kunst beigetragen habe. Keller selbst ist der Meinung, dass die Kunst das selbst geschafft habe, weil sie zugänglicher und figurativer geworden sei. Aber natürlich fördere es auch das Vergnügen, dass es Veranstaltungen und Performances gibt, Essen für Künstler, Galerie-Partys an interessanten Orten. "Es ist ein Lifestyle geworden. Menschen verbinden ihr Interesse an der Kunst mit anderen Interessen. Ich selbst habe nichts dagegen. Es hat der Kunstwelt viel gebracht, populär zu werden. Es wird sicherlich dadurch für manche, nicht für alle, ein wichtiger, emotionaler Teil ihres Lebens.“

Sind das auch die Zutaten, die die Art Basel unter seiner Regentschaft so attraktiv gemacht haben? "Mit der Art wollte ich eine Plattform schaffen, wo über Kunst gesprochen werden kann ebenso wie über Themen, die auch Menschen außerhalb der Kunstwelt interessieren.“ Auf der diesjährigen Art Basel plant Sam Keller mit Udo Kittelmann und Hans-Ulrich Obrist eine Art Boulevard, auf dem es 14 Türen gibt. Wer die Türen öffnet, tritt in unterschiedliche Räume, in denen lebende Menschen die Kunstwerke sind. Das Ganze heißt "14 Rooms“. Manche Performances werden von Künstlern choreografiert, manchmal ist es der Besucher selbst, der zum Performer wird. Choreografen sind u.a. Marina Abramović, 67, Tino Sehgal, 37, und Yoko Ono, 81. Wir kehren zu Gerhard Richter zurück, als wir über die Funktion von Kunst sprechen.

Die Hälfte von Kellers Flammkuchen ist unberührt. Es gibt noch so viel zu sagen. Hektisch wirkt der Mann, der die Hälfte des Jahres im Flugzeug sitzt, dabei keineswegs. Im Gegenteil: Er genießt es, über seine große Liebe, die Kunst, zu sprechen. Später wird er uns noch eine persönliche Führung durch die Sammlung geben. In der Beschreibung zur Ausstellung steht, dass Gerhard Richter Kunst als Katalysator sieht, um Irrsinn und Brutalität zu ertragen. Keller selbst sieht das nicht ganz so dramatisch: Kunst solle dazu anregen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Sie biete Hilfe, sich in der Welt zurecht zu finden, mit den eigenen Gefühlen klarzukommen. Richter habe schließlich auch mal gesagt, Kunst sei die schönste Form der Hoffnung. Wir fragen nach Kellers eigener Interpretation: "Kunst ist eine Art kollektives Gedächtnis, das heißt sie ist eine Spur, die besonders begabte und sensible Menschen hinterlassen haben, der direkte emotionale und individuelle Ausdruck eines Menschen.“

„Ich liebe es‚ dass ich etwas an die Gemeinschaft zurückgeben kann, aus der ich komme.“
Sam Keller

Espresso wird bestellt. Sam Keller ordert eine "kleine Schoki“, heiße Schokolade mit Sahne. Wir wagen den Blick zurück nach vorn. Was treibt ihn an, was hält ihn fest? "Ich liebe es, dass ich in meinem Beruf etwas an die Gemeinschaft zurückgeben kann, aus der ich komme. Ich bin ja nicht aus einer Kunstsammler-Familie, sondern zur Kunst gekommen wegen Leuten wie Ernst Beyeler. Er hat Kulturausstellungen in öffentlichen Parks gemacht. Da habe ich als Schüler zum ersten Mal Alberto Giacometti und Richard Serra gesehen.“ Wie möchte Sam Keller als alter Mann auf sein Leben zurückblicken? "Mir ist es wichtig, dem Wunsch meines Vaters nachzukommen, der immer sagte: ,Ist mir egal, was du machst, du musst nur ein guter Mensch werden.‘ Das möchte ich gern erfüllen. Und ich hoffe, dass ich die Welt mit 70 Jahren mit anderen Augen sehe als heute. Mein Großvater war Bauer, mein Vater hat noch gegärtnert, und ich merke, je älter ich werde, desto wichtiger wird mir die Natur. Vorerst sind es ein paar kleine Pflanzen und Spaziergänge. Mit der Arbeit hier weiß ich es zu schätzen, jeden Tag in der Natur zu sein. Die Natur und die Kunst in Harmonie zu bringen, das war es, was Ernst Beyeler wollte, das hoffe ich, in meinem Leben auch zu erreichen.

var premium1Fallback = mobile_premium1Fallback = '
';var premium2Fallback = mobile_premium2Fallback = '
';var premium3Fallback = mobile_premium3Fallback = '
';
var basic1Fallback = mobile_basic1Fallback = '
';var basic2Fallback = mobile_basic2Fallback = '
';var basic3Fallback = mobile_basic3Fallback = '
';