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Petra Winter im Interview mit Andreas Bourani

Bei Rinderfiletspitzen und Rhabarberstrudel sprechen wir im Berliner "Café Einstein“ mit dem Pop-Sänger darüber, dass Glück Stillstand bedeutet und warum es immer wieder nötig ist, Gewohnheiten zu durchbrechen.

MADAME-Chefredakteurin Petra Winter hat den Sänger Andreas Bourani zum Interview getroffen
MADAME-Chefredakteurin Petra Winter hat den Sänger Andreas Bourani zum Interview getroffen MADAME-Chefredakteurin Petra Winter hat den Sänger Andreas Bourani zum Interview getroffen Caroline Andrieu

Das „Café Einstein“ in der Berliner Kurfürstenstraße ist eine ungewöhnliche Restaurantwahl für einen 30-jährigen Musiker: Altes Kaffeehausambiente mit deftiger, österreichisch angehauchter Küche. Mit einem XL-Rollkoffer erscheint Andreas Bourani ein paar Minuten nach der verabredeten Zeit zum Lunch.

Ein herzlicher Händedruck. "Ich bin Andreas“, sagt er mit samtener Stimme und freundlichem Blick und lässt sich auf der rotledernen Bank nieder. An den Fingern vier massive Silberringe, zwei Armbänder, auf der Brust baumelt ein silberner Anhänger. Sein athletischer Körper steckt in einem leichten Denim-Hemd und senffarbenen Stoffhosen. Im "Einstein“ ist man Prominente gewöhnt, es gibt kein Aufheben und kein Hälseverdrehen. Wer Andreas Bourani, den Mann, der mit "Auf uns“ die Hymne zur Fußball-WM 2014 gesungen hat, nicht kennt, könnte ihn mit Xavier Naidoo verwechseln. Die Kellnerin eilt herbei, notiert das Mineralwasser, die beiden Spargelsuppen, die Rinderfiletspitzen für den Musiker, den Tafelspitz für mich.

Lunch mit ... Andreas Bourani

Viel weiß man nicht über den gebürtigen Augsburger, halb Deutscher, halb Ägypter. Obwohl er 2011 mit "Nur in meinem Kopf“ den erfolgreichsten Song des Jahres landete, zumindest wenn es nach den Playlisten der Radiosender geht. Wesentliches über ihn erfährt man, wie ich nach unserem fast zweistündigen Lunch feststelle, wenn man sich seine Liedtexte genau anhört: Sie sind nachdenklich, sensibel, wortschön, harmonisch und oft melancholisch.

War es Berechnung, diese Hymne auf die Glücksmomente im Leben passend zur Fußball-WM auf den Markt zu bringen? "Nein“, sagt er. "Ich bin nicht mal Fußball-Fan. Der Sport erschien mir immer eher bedrohlich und ein bisschen prollig. Ein Vorurteil, das mir eigentlich auch nicht gefällt. Ich wollte mit 'Auf uns‘ eine Hymne auf die besonderen Momente im Leben singen.“ Fragt man ihn nach den besonderen Momenten in seinem Leben, gerät er ins Philosophieren. Er definiert sie erst mal aus dem, was sie nicht sind: "Ich feiere nie Geburtstag, weil ich denke, dass das Alter ein Vorurteil ist. Warum fragt man die Leute nach dem Alter? Um sie einzuordnen? Ist das Verhalten dem Alter angemessen? Man sollte eher seiner Mutter Geschenke machen. Die hat einen schließlich auf die Welt gebracht.“

„Ich belausche Gespräche und mache daraus meine Songs. Oder lasse mich von Gedichten inspirieren.“
Andreas Bourani

Geschenke hat Andreas Bourani lieber dann, wenn er sie nicht erwartet. "Ich liebe Überraschungen. Inspiration ist für mich Überraschung dann, wenn man etwas Besonderes entdeckt. Das ist wie ein Geschenk.“ Inspiration zieht der Sänger aus den unterschiedlichsten Quellen: "Wenn ich auf Ideensuche bin, sauge ich alles auf. Belausche Gespräche am Nebentisch. Mich inspirieren Menschen, die mir Geschichten von sich erzählen, auch wenn ich diese Menschen gar nicht gut kenne. Wenn jemand einen guten Satz sagt, schreib ich ihn auf.“

Andreas Bourani singt neben Manuel Neuer
Andreas Bourani singt neben Manuel Neuer Andreas Bourani singt neben Manuel Neuer Getty Images

Bourani mag Gedichte, hat viel Rilke gelesen. Auch eine Schlagzeile oder ein Film kann der Stoff für den nächsten Song sein: "Der größte Filmemacher ist Woody Allen, weil er Beziehungen und Zwischenmenschliches so gut auf den Punkt bringen kann.“ Andreas Bourani schreibt seine Songs grundsätzlich selbst. Das sei auch der Grund, warum man so lange nichts von ihm gehört habe. Nach den ersten Erfolgen mit "Nur in meinem Kopf“ ist er erst mal auf Tournee gegangen, zunächst solo, dann mit dem Grafen der Band Unheilig. "Ich konnte in der Zeit gar nicht schreiben, brauchte wieder Ruhe, um Lieder zu schreiben, die meinen Ansprüchen genügen. Da ist dann die Nummer 'Hey‘ entstanden.“

In der Hochphase seiner ersten Erfolge sei ihm klar geworden, dass jeder, auch der Erfolgreiche, sein Päckchen zu tragen habe: "Wir erleben und machen zu viel von allem, haben zu viele Gedanken und Ideale, die man erfüllen möchte, dazu wollen wir mehr Sport machen, eine gute Figur haben. Es ist ein immenser Erfolgsdruck da, dem wir uns unterwerfen. Heute wird dauernd selbst optimiert, sogar mit allen möglichen Apps. Da muss man schon aufpassen, dass es nicht überhandnimmt.“

Er löffelt die soeben servierte Spargelsuppe mit Appetit, erzählt, dass er vor sechs Jahren von Augsburg nach Berlin, in den Prenzlauer Berg, gezogen sei und dass er schon als Kind Musiker werden wollte. Bourani war auf einem Benediktiner-Gymnasium mit musischem Zweig, hat dort Klavier spielen gelernt. "Ich habe mich hauptsächlich mit klassischer Musik beschäftigt. Mit komplexen Kompositionen. Da habe ich Disziplin gelernt.“ Popmusiker wollte er werden, um sich freier, kreativer ausdrücken zu können. "Ich finde, dass Popmusik eine besondere Magie hat, weil man in einem Song in drei, vier Minuten eine ganze Geschichte erzählen kann. In kurzer Zeit etwas genau auf den Punkt bringen zu können, das finde ich reizvoll.“

Seine Eltern hatten Zweifel, ob er das schafft. "Sie sind pragmatisch und bodenständig. Meine Mutter besteht zum Beispiel darauf, dass wir an Weihnachten immer zusammen sind, die Eltern, meine zwei Schwestern und ich. Mir wurde erst klar, was Tradition ist, als ich ausgezogen bin. Meine Mutter hat eigentlich nichts anderes erzwungen, als dass wir uns besinnen, Dingen Bedeutung geben. Wir waren noch nie Weihnachten woanders. Tradition hat ja was mit Wiederholung zu tun.“ Mein Handy-Display leuchtet auf mit dem Bild meines dreijährigen Sohnes. Es liegt auf dem Tisch, weil ich es als Aufnahmegerät gebrauche. Andreas Bourani reagiert entzückt: "Was für ein süßer Kerl!“

Andreas Bourani performt Auf uns im Rahmen der Verleihung des Silbernen Lorbeerblatts im Schloss Bellevue
Andreas Bourani performt 'Auf uns' im Rahmen der Verleihung des Silbernen Lorbeerblatts im Schloss Bellevue Andreas Bourani performt 'Auf uns' im Rahmen der Verleihung des Silbernen Lorbeerblatts im Schloss Bellevue Getty Images

Er erklärt mir, wie man das Smartphone so einstellt, dass die Aufnahme nicht unterbrochen wird, und erläutert mir bei der Gelegenheit noch ein paar andere Funktionen meines Telefons, die ich noch nicht kannte. Welchen musikalischen Vorbildern er nachgeeifert hat, möchte ich wissen. "Herbert Grönemeyer. Er hat bewegt. Er hat den Zeitgeist getroffen. 'Mensch‘ ist das bis heute mit Abstand meistverkaufte Album mit über drei Millionen Tonträgern. Udo Lindenberg, Nena – die hatten damals unglaubliche Bedeutung für die Gesellschaft. 'Freiheit‘ von Marius Müller-Westernhagen – nach dem Mauerfall hatte der Song Bedeutung für eine ganze Nation. Was ist dagegen ein WM-Lied?“ Für eine Fußball-Nation eine ganze Menge, wende ich ein.

Er würde gern irgendwann mal zurückblicken auf sechs, sieben Alben, die sein Leben erzählen, sein Leben festhalten. "Erfolg bedeutet ja auch, Widerstände und Rückschläge zu überstehen. Auch alle Großen haben das erlebt. Andreas Bourani gelingt es, mit seinen Texten virulente Gefühle und Stimmungen aufzunehmen. Sie sind konkret genug, um sich davon einfangen zu lassen, abstrakt genug, um niemanden auszuschließen. Er sagt dazu: "Etwas Außerordentliches erleben und andere daran teilhaben zu lassen ist das Glück des Künstlers. Ich wollte immer Musik für viele Menschen machen, nachvollziehbare Geschichten erzählen. Und ich möchte die Vielfalt des Lebens zeigen. 'Auf uns‘ ist eine Ode an die schönen Momente des Lebens. Wir haben aber auch Zweifel, Ängste, Gefühle, die wir nicht so gern nach außen tragen.“

Sänger Andreas Bourani und Mark Forster
Sänger Andreas Bourani und Mark Forster Sänger Andreas Bourani und Mark Forster Getty Images

Zweifellos mit Genuss schaut Andreas Bourani jetzt seine Hauptspeise an: Rinderfiletspitzen mit einer dicken Sauce. "Mmmh, das sieht gut aus!“, freut er sich über seine Wahl und wird langsam, aber gründlich seinen Teller leer essen. Ab und zu legt er Messer und Gabel hin, um seine Hände zum Gestikulieren zu gebrauchen. Oder wenn er ein paar Sekunden benötigt, damit seine Gedanken in wohlgesetzten Worten ihren Ausdruck finden. Auch wenn sich auf seinem neuesten Werk dynamische mit ruhigen Songs abwechseln, bleibt eine melancholische Grundnote. "Glück ist zwar ein wunderschönes Gefühl, bedeutet aber auch Stillstand. Es bedeutet, dass man den Moment genießt“, erklärt er. "Kreative wollen ja immer etwas, meistens etwas verändern. Man sieht einen Istzustand und möchte ihn verändern, verbessern. Kreative haben in ihrem Leid Großes geschaffen. Glück und Zufriedenheit geben nicht so viel her.“

Das klingt sehr erwachsen, sehr reflektiert. Ist man heute als 30-Jähriger reifer als frühere Generationen? "Finde ich nicht. Reife hat viel mit Reflexion und Beobachtung zu tun, aber auch mit Zeit. Unsere Generation erschafft bloß immer neue Technologien, die uns eigentlich mehr Zeit schenken sollen. Wir nutzen sie dann aber nicht, um uns auszuruhen oder uns selbst zu finden, sondern um noch mehr zu arbeiten.“ Bourani plädiert dafür, dass wir Menschen mehr in die Natur gehen sollten: sehen, genießen, bewusst essen, den Geschmack erspüren, einzelne Dinge, die uns umgeben, wahrnehmen. "Dann begegnet man sich auch selbst.“ Die Natur habe seit Millionen von Jahren eine Geschwindigkeit, der wir uns anpassen sollten. Wer nicht die Gelegenheit habe, genau hinzuschauen, verliere die Kontrolle und die Verbindung zu sich selbst. Er selbst geht gern im Umfeld von Berlin in die Natur, probiert oft was Neues aus, lässt sich treiben, um so kleine Abenteuer zu erleben. "Immer den selben Weg zu gehen, bei dem selben Italiener zu essen macht einen nicht offener. Eine Gewohnheit zu durchbrechen schafft das Bewusstsein dafür, was sie bedeutet.“

Durch seinen Erfolg ist er in den letzten Jahren viel herum gekommen, hat sein Heimatland so intensiv erlebt wie noch nie. War in Städten, von denen er noch nie gehört hatte. "Berühmt sein heißt, oft stundenlang irgendwo rumzusitzen und zu warten. Wir trinken ja nicht den ganzen Tag Champagner. Erfolg ist sehr abstrakt – von null auf eins – was heißt das schon? Ich bin ja nicht dabei, wenn jemand im Laden mein Album kauft. Aber wenn mir jemand schreibt, was meine Songs mit ihm gemacht haben – oft sind das sehr intime Geschichten –, dann wird Erfolg für mich greifbar, bekommt er eine Bedeutung.“

Selfie mit Andreas Bourani, Sebastian Krumbiegel, Xavier Naidoo, Hartmut Engler, Tobias Künzel, Daniel Wirtz, Yvonne Catterfeld und Christina Stürmer
Selfie mit Andreas Bourani, Sebastian Krumbiegel, Xavier Naidoo, Hartmut Engler, Tobias Künzel, Daniel Wirtz, Yvonne Catterfeld und Christina Stürmer Selfie mit Andreas Bourani, Sebastian Krumbiegel, Xavier Naidoo, Hartmut Engler, Tobias Künzel, Daniel Wirtz, Yvonne Catterfeld und Christina Stürmer Getty Images

Was leistet er sich von dem Geld, das er verdient? "Ich gebe kaum Geld aus. Habe kein Haus, kein Boot, keinen Besitz. Ich versuche, das zu reduzieren, weil es Verpflichtung bedeutet. Ich brauche nicht viel. Wenn, dann höchstens mal eine schöne Lederjacke.“ Von was er wirklich träume, möchte ich wissen. "Von einem Haus in der Natur, am liebsten am See.“ Die Kellnerin kommt an den Tisch, sagt: "Ich will euch nur Gutes tun und wenig stören. Wollt ihr vielleicht noch ein Dessert?“

Sie ist bei Andreas Bourani an der richtigen Adresse. Er wählt den Rhabarberstrudel und animiert mich, das Gleiche zu tun. Dazu einen Cappuccino, für mich Espresso macchiato. „Ein Kaiserschmarrn wäre jetzt zu krass“, sagt er verschmitzt. Schließlich hat er heute Abend noch einen Auftritt. Er entschuldigt sich, weil er kurz seinen Gitarristen Julius anrufen möchte.Die beiden fahren zusammen mit dem Zug zu dem Konzert in Leipzig. Es ist 14.30 Uhr, und ich höre, wie er seine Abreise von 14.52 Uhr auf 15:52 Uhr verschiebt. Das sei völlig o. k., er wolle keine Hektik, versichert er charmant.

Auf seinem Album finden sich facettenreiche Liebeslieder. Was weiß ein 30-Jähriger über die Liebe? "Meine Songs sind ausschließlich eigene Geschichten. Ich hatte eine über siebenjährige Beziehung. Aber wir haben uns auseinandergelebt. Daraus ist der Song 'Auf eigenen Wegen‘ entstanden. Ich wollte nicht den Schmerz festhalten. Das Ende einer Beziehung ist ja immer wie ein kleiner Tod. Ich wollte lieber über die Umstände der Trennung, über die Gründe, schreiben. Es ist gut, wenn man loslassen kann.“ Andreas Bourani hat seine Definition von Liebe vorerst gefunden: "Sie ist immer gleich, das absolute Gefühl, auch wenn wir in unserem Leben unterschiedliche Menschen lieben. Ich finde es wichtig, dass sich Liebende überraschen, sich gegenseitig inspirieren. Die schönste Form der Liebe ist doch, wenn man sich gar nicht erklären kann, warum man zusammen ist, weil man so unterschiedlich ist. Und das akzeptiert. Erst durch ein liebendes Gegenüber wird man zu der Person, die man eigentlich ist.“

„Ich pendle zwischen Liebe und Freiheit. Darum glaube ich auch nicht an Monogamie.“
Andreas Bourani

Auch über das ewige Spannungsverhältnis von Liebe und Freiheit hat der Sänger gründlich nachgedacht: "Immer wenn man sich für eine Sache entscheidet, entscheidet man sich gegen eine andere. Und Liebe steht für Sicherheit. Ich pendle zwischen beiden. Darum glaube ich auch nicht an Monogamie.“ Dass das auf die Dauer schwierig werden könne mit seinen Partnerinnen, wende ich ein. Er holt mit seiner Antwort weiter aus und beschreibt das Dilemma einer Gesellschaft, die noch kein wirkliches Modell des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau gefunden hat. "Früher wurde aus Versorgungs- und aus religiösen Gründen geheiratet. Mit dem Verfall von Werten gewinnt man Freiheit. Werte aber bedeuten Halt, Orientierung, und die gewonnene Freiheit bedeutet Arbeit, weil man selbst ein Wertegerüst bauen muss. Und das dann auch noch leben muss.“

Weise Worte zum Schluss. Die Zeit drängt. Ich muss mich auf den Weg zum Flughafen machen. Andreas Bourani bleibt entspannt sitzen – er wolle noch ein paar Mails schreiben, bevor er zum Bahnhof fahre, um heute Abend mit Udo Lindenberg, seinem Hero von einst, auf der Bühne zu stehen. Ihm fällt noch was ein. "Wir sollten noch ein Selfie zusammen machen.“ Lächelt, holt sein Smartphone und knipst uns beide im "Einstein“. Das Bild wird er mir zwei Stunden später an meine E-Mail-Adresse schicken. Was für ein sympathischer Typ!

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