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Monsieur

Oben ohne? Warum die Krawatte zurückkommen muss

Andere Zeiten, andere Stil-Sitten: Im Zuge der Casualisierung der Männermode ist die Krawatte kurz vor dem Aussterben. Unser Autor plädiert für ein sofortiges Artenschutzprogramm

Krawatte am Mann braucht ein Comeback
Das Comeback der Krawatte hätte viele Vorteile Getty Images

Hat die Krawatte in der heutigen Zeit eine Chance?

Sportive Trackpants mit Gummizug, bunt bedruckte T-Shirts, Sweatshirts im Oversized- Look und natürlich das Phänomen „Ugly Dad Sneakers“ – klobige Joggingschuhe, die junge Männer und Väter schon in den 90ern trugen. Blickt man auf das aktuelle Straßenbild, so muss man sich als stilistisch versierter Mann unentwegt die Frage stellen: Wo ist eigentlich die Eleganz geblieben? Wo sind all die Männer, die nicht aussehen, als ob sie gerade aus dem Fitnessstudio kämen, sondern sich in gut geschnittenen Anzügen präsentieren, die den Körper optimal in Form bringen.

Bedingt durch die Casualisierung der Gesellschaft, die nicht nur in der Mode zum Ausdruck kommt, sagen Stilkritiker daher schon seit längerer Zeit das Ende des klassischen Zweiteilers voraus. Noch ärger scheint es um das Accessoire bestellt, das die Hippies noch mehr verabscheuten als den Muff unter den Talaren: die Krawatte. Ihren Ursprung hat sie überraschenderweise nicht etwa in Paris oder der Londoner Savile Row, sondern in Kroatien, wo sie vor knapp vier Jahrhunderten erfunden wurde. 1635 kamen während des Dreißigjähriges Kriegs 6000 Kroaten zur Unterstützung Frankreichs nach Paris. Ein um den Hals geknotetes Tuch, dessen Enden bis auf die Brust hingen, war Teil der Militäruniform. Ludwig XIV. war entzückt: Bald schon fühlten sich in Frankreich adelige Herren ohne dieses Textil nicht mehr standesgemäß gekleidet.

Die Geschichte der Krawatte

Das französische Wort „cravate“ leitet sich daher von der Bezeichnung „à la croate“ ab. Während der Französischen Revolution waren die weißen Seidenkrawatten des Hofes allerdings als dekadent verschrien: Der Revolutionär schlug lieber kämpferisch den Hemdkragen zurück und bot dem Feind nicht nur die Stirn, sondern auch den Hals. Zeitgleich entwickelte sich in der jungen englischen Adelsschicht das Dandytum, und mit ihr wurde das Krawattenbinden zur Kunstform erhoben. Ihr prominentester Vertreter: Bryan „Beau“ Brummel, dessen Krawattenknoten – sehr kurz, sehr breit – die Kreativvorlage für die britische Oberschicht lieferte, einschließlich des späteren Königs George VI.

Spätestens seit Beginn der Industrialisierung hat sich die Krawatte allerdings von ihrem Image als modische Extravaganz verabschiedet und ist – als so genannter Langbinder – zu einem bierernsten Symbol von Macht und Männlichkeit in der Geschäftswelt geworden. Als ultimative Erfolgsuniform in den Vorstandsetagen der Dax-Konzerne galt seit den 90ern ein dunkelblauer Anzug zum signalroten Schlips. Mit der Finanzkrise ist die Krawatte in Verruf geraten: Sie weckt Misstrauen, ihr Träger in den Business-Vierteln symbolisiert den Wolf im Schafspelz.

Wo zieht man(n) Krawatte an?

Und welche Botschaft sendet man heute als modebewusster Mann, wenn man sich für eine Krawatte entscheidet? Im Idealfall Antikonformismus – gern mit einer Prise Humor. So kombiniert der Designer Alessandro Sartori für Ermenegildo Zegna zu lässig geschnittenen Anzügen schmale Seidenstrickkrawatten mit doppelten Knoten und dazu derbe Combat Boots. Das französische Luxushaus Hermès sendet mit seinen „Tell me a secret“-Modellen versteckte Messages: Auf der Rückseite finden sich Aufschriften wie „Ich liebe Mutti“, ein roter Kussmund oder sogar ein goldenes Piercing. Avanciert die Krawatte etwa zum neuen Punk- Statement? Fortgeschrittene haben sie längst wieder entdeckt und tragen sie richtungsweisend zu ihrem aktuellen Broken Suit, einem Anzug, dessen Teile scheinbar nicht zusammenpassen. Ein kämpferisches Utensil war dieser schmale Streifen Stoff eben schon vor 400 Jahren, die Schlacht wird heute nur glücklicherweise in Büros und Bars geführt.

Dieser Artikel stammt von Konstantin Spachis und ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 10/19 erschienen.

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