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Nicola Gerber Maramotti im Interview

Im Münchner Restaurant "Pageou“ unterhalten wir uns mit der Retail-Chefin und Ehefrau des Firmeninhabers von Max Mara über die Lichtverhältnisse in Umkleiden, über das neue Primat von Stil gegenüber Sex-Appeal, über das Einheiraten in eine italienische Familie – und Lambrusco.

Jessine Hein

Lunch mit Nicola Gerber Maramotti

Nicola Gerber Maramotti ist kein Promi, allenfalls im Inner Circle der Modewelt. Die gut aussehende, große Hannoveranerin fiel mir zum ersten Mal vor einigen Jahren auf, als sie in Mailand am Rande des Runways stand und man mich kurz vor der Schau von Max Mara mit ihr bekannt machte. Ich habe nur ein paar Worte mit ihr gewechselt und war sofort eingenommen von ihrem lässig eleganten Look und ihrer schüchternen Souveränität. Sie ist das, was unsere Großmütter früher eine "feine Dame“ nannten. Erst später erfuhr ich, dass sie den Titel "Director European Retail Development“ der italienischen Modemarke trägt und seit 22 Jahren mit dem Spross der Inhaberfamilie, Ignazio Maramotti, verheiratet ist.

Zusammen mit seinem Bruder Luigi führt er das 1951 gegründete Modehaus in zweiter Generation. Als Retail-Entwicklerin sorgt sie dafür, dass die 130 vom Unternehmen direkt gemanagten Stores in ganz Europa laufen, dass das Ambiente, der Einkauf und das Merchandising stimmen, die Verkäufer bestens geschult sind und natürlich die Zahlen stimmen. Als wir uns zum Mittagessen in München treffen, kommt sie gerade aus London, von der Wiedereröffnung des dortigen Flagship-Stores in der Old Bond Street. Ein Jahr lang hat sie mit ihrem Team, mit dem Architektenbüro Duccio Grassi, den Handwerkern, den Beleuchtern, an der Überarbeitung des Stores gearbeitet.

Ignazio Maramotti mit Ehefrau Nicola Gerber Maramotti
Ignazio Maramotti mit Ehefrau Nicola Gerber Maramotti Ignazio Maramotti mit Ehefrau Nicola Gerber Maramotti ddp Images

Als ich das "Pageou“ betrete, sitzt sie schon da und lächelt einladend mit den strahlend grünen Augen. Sie trägt einen hellgrauen Anzug aus anschmiegsamem Jersey, dazu eine weiße Bluse, dezenten Schmuck, die Haare kurz und blond. Sie ist zum ersten Mal in diesem noch recht neuen Lokal mit hohen Stuckdecken, dem luftigen Ambiente und der feinen mediterranen Küche. Ihr gefallen die Atmosphäre und das elegante Publikum sichtlich. Der Vorstand der Hypo sitzt in der Nähe, Frau Müller-Elmau vom Hotel "Schloss Elmau“. Business-Runden in eleganter Garderobe, perfekte Zielgruppe für die "moderne, aber bodenständige“ Modemarke, wie es Nicola Gerber Maramotti einmal zusammenfasste. Nach einem kurzen Blick in die Karte entscheiden wir uns beide für Spargelsuppe und Spargel mit Zander als Hauptgang. "In Italien gibt es nur grünen Spargel. Da freue ich mich immer auf den weißen“, sagt sie. Die Kellnerin empfehlt einen Riesling, den sie nur zögerlich bestellt. Schließlich will sie im Anschluss an unseren Lunch noch schnell in der Münchner Max-Mara-Boutique, die gleich um die Ecke liegt, nach dem Rechten sehen.

Sie ist durch und durch Geschäftsfrau und fragt erst einmal, wie es bei der MADAME so laufe und überhaupt in der Verlagsbranche. Es ist offenkundig, dass sie sich im Vorfeld eingehend mit dem Titel beschäftigt hat. Sie stellt Fragen zur Leserschaft und zu einzelnen Rubriken im Heft. Bevor ich das Ruder der Fragenden wieder übernehmen kann, steht schon die weiße, cremige Suppe vor uns. Nach ihrem neuen Shop-Konzept in London befragt, erzählt sie, dass Max Mara alle fünf bis sechs Jahre das Konzept überarbeite und gerade sehr viel Wert auf organische Materialien und Formen lege. "Das Holz in unseren Stores stammt zum Beispiel aus Argentinien“, sagt sie mit leiser, angenehmer Stimme in lupenreinem Norddeutsch. "Wir haben das gesamte Holz der dort abgerissenen Fußballstadien gekauft. Es ist unglaublich schön. Für die Shops haben wir es recycelt.“

„Mode machen wir, um geliebt zu werden. Schließlich wollen wir ja verkaufen.“
Nicola Gerber Maramotti

Ihre Leidenschaft sei es, zusammen mit dem Team ein Gleichgewicht aus warmen und kühlen Elementen zu finden. Als jetzt der Store in London wiedereröffnet wurde, legte sie besonders viel Wert auf warmes, weiches Licht in den Kabinen. "Keine Frau will im Spiegel schlecht aussehen. Wir hatten Lichttechniker, die acht verschiedene Kabinen aufgebaut hatten, und in keiner einzigen war das Licht perfekt. Die habe ich, glaube ich, zur Weißglut getrieben. Aber Italiener lieben ja die Herausforderung, und so haben wir das zusammen hinbekommen“, sagt sie lächelnd. Man nimmt es ihr vollends ab, dass sie charmant überzeugend sein kann. La bella bionda tedesca.

Ich frage nach ihrer Anpassungsfähigkeit an Italien, wohin sie 1992 von New York aus übergesiedelt war, nach Reggio Emilia, Heimatort und Stammsitz ihrer neuen Verwandtschaft. Die Werte der Familie Maramotti seien denen ihrer Familie sehr ähnlich, erzählt sie: harte Arbeit, hohe Konzentration, Disziplin. "Trotzdem verlasse ich mich sehr auf mein Gefühl.“ Sie hat auch feststellen müssen, dass man fast noch härter arbeiten muss als Außenstehende, wenn man in der Familie respektiert werden will. Sie spricht aus Erfahrung. Nachdem ihre vier Kinder, drei Mädchen, ein Junge, geboren und aus dem Gröbsten heraus waren – heute sind sie zwischen 16 und 20 Jahre alt –, nahm sie ihren alten Beruf, in dem sie ausgebildet wurde und gearbeitet hatte, wieder auf.

Nachdem sie ihren Bachelor in BWL in Hamburg gemacht hatte, wurde die damalige Nicola Gerber sehr früh Store-Leiterin des Juweliers Wempe in New York. Kim-Eva Wempe, die Tochter des Inhabers, hatte sie auf der Uni kennengelernt, bei Wempe hat sie ihre Praxis-Semester gemacht. "Kim-Evas Vater fragte mich dann, ob ich nicht nach New York gehen wollte. Damals gab es dort nur eine kleine Wempe-Boutique, die ich rasch vergrößern und dann an die 55. und an die 5th Avenue bringen konnte.“ Den Erfolg für die gerade mal 24-Jährige spielt sie charmant herunter. Sie habe eben den richtigen Immobilienmakler ausfindig gemacht.

Ihren Mann hat sie in dieser Zeit auf Long Island kennengelernt, auf einer Party von gemeinsamen Freunden. "Er sagte zu mir: Ich verkaufe bei Max Mara.“ Sie habe ihn damals nicht einordnen können, ahnte nicht, dass er der Erbe von Max Mara war. Es scheint ihr fast peinlich, dass sie von sich spricht; sie fragt, was mein Mann so mache, und wir schweifen kurz ab. Der Spargel mit dem Zander wird serviert, nach Hollandaise-Wünschen gefragt. "Ein bildschöner Teller“, freut sie sich. Ich nutze die Gelegenheit, um das Gespräch wieder auf sie und die Mode zu lenken. Was kann sie, die selbst viel mit Kundinnen und Verkäuferinnen spricht, feststellen, das sich an Stil und Geschmack geändert hat? "Es hat sich einiges verändert“, antwortet sie nach kurzer Pause. "Es gibt kein Alter mehr. Ich sehe, dass das gleiche Kleidungsstück in allen Altersklassen getragen wird. Nur das Styling ist immer anders. Die Frau von heute um die 45, 50 Jahre ist sehr viel sportlicher, selbstbewusster.“

Auch die Tatsache, dass heute immer mehr Frauen Karriere machen, würde dazu beitragen, dass es ein größeres Bedürfnis gebe, sich mit Stil zu kleiden. "Sex-Appeal oder das Modische stehen nicht mehr so sehr im Vordergrund“, fasst sie ihre Beobachtungen zusammen und nimmt sich selbst als Beispiel für die neue "Alterslosigkeit“: "Allein mein Haarschnitt! Ich habe vor 20 Jahren einen Haarschnitt gehabt, den ich älter finde als den heutigen.“ An ihren drei Töchtern stellt sie fest, dass diese "immer mehr weggehen vom Einheitslook. Sie wollen special sein und suchen gleichzeitig nach Stilikonen“.

Dann erzählt sie eine Anekdote, die sie kürzlich in einem Career Talk an einer englischen Universität erlebt hat: "Ich habe die Studenten nach ihren Träumen gefragt und ihnen von einem erzählt, der eine Vision hatte, nämlich meinem Schwiegervater Achille Maramotti. Er wollte, dass jede Frau seinen Mantel trägt.“ In dem Augenblick sei die Tür zum Hörsaal aufgegangen, ein bildhübsches Mädchen sei hereingekommen und habe ihren Mantel auf den Stuhl geschmissen. "Das war ein alter Mantel von uns, den sie von ihrer Mutter geerbt hatte“, erzählt Nicola Gerber Maramotti, und dass sie eine Gänsehaut bekommen habe. Achille Maramotti hatte seinen Traum verwirklicht.

Der Mantel mit Kimonoärmeln, in den 80ern als Modell „101801“ auf die Welt gekommen, war lange die Stilikone von Max Mara. "Irgendwann haben wir gedacht, dass er ins Museum gehört, wir haben ihn nur noch übers Internet verkauft. Aber dann erlebte er einen absoluten Boom. Seitdem findet man ihn in jeder unserer Winterkollektionen in Mailand wieder.“ Werte wie Design, Modernität, Langlebigkeit, Qualität und Authentizität spielen bei Max Mara eine außerordentliche Rolle. Viele der Mitarbeiter sind seit den 50er-Jahren im Unternehmen. Man pflegt einen familiären Umgang – und keiner ist wichtiger als der andere. "Ein Kleidungsstück entsteht nicht nur, weil der Designer einen Entwurf gemacht hat“, sagt Maramotti. "Ein ganzes Team sorgt dafür, dass es gefertigt und dann auch verkauft wird. Vieles, was wir im Einzelhandel von den Kundinnen erfahren, wird ans Design und an die Näher zurückgespielt.“

Vor zwei Jahren gründete sie eine Retail Academy. "Gute Beratung ist der Schlüssel für gute Verkäufe. Und unsere Challenge ist es heute, dass wir im gehobenen Segment noch besser beraten.“ Die Academy nimmt sechs Studenten pro Semester auf. Diese müssen ein abgeschlossenes Studium haben, am besten bereits Joberfahrung, mindestens zwei Sprachen fließend sprechen. Sie werden zwei Jahre ausgebildet, ein Jahr in Italien, ein Jahr in Europa. "Im Headquarter machen wir dann kleine Seminare. Oft, wenn wir sehen, dass jemand wirklich gut ist, bekommt er oder sie schon vor dem Abschluss ein Jobangebot von uns.“

Es wird nach Dessert-Wünschen gefragt. Wir nehmen Vanille-Sauerrahm mit Erdbeer-Rhabarber und eine Mango-Mousse. Beim Espresso erzählt Nicola Gerber Maramotti, dass ihre Familie zu Hause in Reggio Emilia gern und oft Gäste bewirte: Künstler, Musiker, Schauspieler. "Da wird die gute, einfache Küche der Emilia aufgetischt, dazu der regionale Lambrusco.“ Lambrusco, hake ich nach, dieser moussierende Rotwein, der in Deutschland ziemlich verrufen ist? "Ja“, lacht sie, "in L. A. habe ich mal Philippe Starck kennengelernt. Der trinkt nur Lambrusco.“

Die Maramottis sind große Mäzene, sie unterstützen beispielsweise das Whitney Museum in New York, vergeben seit 2007 alle zwei Jahre in London den "Art Prize for Women“ zusammen mit der Whitechapel Gallery. Die Familie besitzt eine der größten zeitgenössischen Kunstsammlungen Italiens, untergebracht in einer der ersten Fabrikhallen. "Neue Ideen hat man nur, wenn man Interesse an der Welt hat, an Kunst zum Beispiel“, fasst Nicola Gerber Maramotti das Engagement der Familie zusammen. "Wir versuchen aber, die Welten auseinander zuhalten, Mode nicht mit der Kunst zu vermischen. Mode macht man, um geliebt zu werden. Wir müssen die Sachen ja verkaufen, und je mehr Frauen kaufen, umso besser. Kunst ist da anders. Sie darf nicht kommerziell sein. Der Künstler will sich selbst verwirklichen. Künstler bringen oft Dinge hervor, die politisch oder kulturell relevant sind. Das muss Mode nicht.“

Ein zweiter Espresso wird gereicht. "Das Essen war köstlich“, strahlt sie die Kellnerin an. Und als wir uns schon fast voneinander verabschiedet haben, fragt sie noch schnell, wo ich in München gern einkaufen gehe und warum. Marktforschung am lebenden Subjekt und eine echte Leidenschaft fürs Business.

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