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Magazin-Artikel

Moderne Heldinnen auf Instagram: Diese Menschen wollen die Welt verändern

Widerspruchsgeist, eine eigene Geschichte oder Millionen Follower: Woran erkennen wir eigentlich eine Heroine in einer postheroischen Zeit? MADAME-Autorin Lisa Frieda Cossham macht sich auf die Suche

Portrait von Greta Thunberg
Moderne Heldinnen – die 16-jährige Greta Thunberg gehört zu den einflussreichsten Teenagern der Neuzeit und setzt sich für den Klimawandel ein Getty Images

Moderne Heldinnen: Greta Thunberg

Ein Mädchen, sie sieht jünger aus, als sie ist. Steht da mit einem Schild aus Pappe vor dem schwedischen Reichstag: „Schulstreik für das Klima“, eine Forderung in Schwarz. Ihre Haare sind zu Zöpfen geflochten, ihr Blick ist ernst. Sie sollen handeln, die Politiker, sie sollen sich der Klimakrise stellen, und zwar jetzt. Demonstrieren will sie, bis ihr Land die Treibhausgas-Emissionen senkt, bis es das Übereinkommen von Paris einhält. Ein Jahr später hat sich daraus die Bewegung „Fridays for Future“ entwickelt, der Millionen Menschen überall auf der Welt folgen. Greta Thunberg ist heute Repräsentantin der internationalen Klimaschutzbewegung. Sie gilt als einer der einflussreichsten Teenager 2018, als eine der 100 einflussreichsten Personen. Zuletzt war sie auf dem Cover des Magazins „Time“ zu sehen, abgelichtet in einem grünen Plisseekleid und Turnschuhen – als „Anführerin einer neuen Generation“.

Greta Thunberg ist 16 Jahre alt und eine Leitfigur. Allerdings keine, wie ich sie aus den Büchern meiner Kindheit erinnere. Sie hat nicht als Erste den Atlantik überquert, nicht Polonium und Radium entdeckt. Sie kämpft nicht für das Wahlrecht von Minderheiten. Sie ist keine Indira Gandhi, keine Hannah Arendt oder Mutter Teresa. Sie ist ein Kind, das unter dem Asperger-Syndrom leidet, hochfunktionaler Autismus, und darauf drängt, was wir eigentlich wissen: dass der Klimawandel eine existenzielle Bedrohung ist. Dass wir sofort handeln müssen: „Da niemand sonst etwas tut, habe ich das Gefühl, das hier tun zu müssen.“ Sie folgt ihrem Gewissen, ein innerer Zwang ist es, und hebt ihre Stimme. Wir feiern sie dafür wie einen Popstar. Auf Instagram hat sie 1,7 Millionen Follower. Wie kommt es, dass wir dieses Mädchen zur Heldin erklären, eine, die unsere Gegenwart prägt, wie es früher Politikerinnen und Frauenrechtlerinnen schafften?

„In Zeiten des Umbruchs suchen wir nach einer Orientierung, die uns hilft, sinnhaft zu handeln“
Lisa Frieda Cossham

Woran erkennen wir überhaupt eine Heroine in einer Zeit, die als postheroisch gilt? Und welche Vorbilder sind es, nach denen wir uns im digitalen Zeitalter sehnen? Heldinnen machen etwas anders als andere, so viel steht schon einmal fest. Sie nehmen sich etwas, so schreibt es die Autorin Jagoda Marinić in ihrem Buch „Sheroes“, von dem andere dachten, dass es ihnen nicht zustünde. Sie sprengen die Normen und leisten etwas Außeralltägliches, setzen sich mit ihren Überzeugungen der Welt aus und sind dazu bereit, die Konsequenzen ihres Handelns zu tragen. Dass jedenfalls galt für die Helden der griechischen Mythologie, Gestalten wie Odysseus und Zeus, sie sind in weiter Ferne. Kann es auch für die Heldinnen unserer Gegenwart gelten? Lange habe ich sie als Sache der Fiktion verstanden, denn brauchen sie nicht eine übermenschliche Begabung? Müssen sie nicht fliegen, zaubern, die Zukunft voraussehen können? Sind Heldinnen nicht vor allem fiktive Figuren, die unnahbar bleiben, weil dies ihr Außergewöhnlichsein schützt? Wie oft habe ich mir gewünscht, mit Hans Christian Andersens kleiner Meerjungfrau sprechen zu können, sie ist eine meiner ersten Heldinnen. Sie ist stumm, ihre Stimme hat sie für eine menschliche Gestalt hergegeben. Doch der Prinz, den sie liebt, erkennt sie nicht, und so muss sie als Schaum auf dem Meer enden. Als Kind hat mich die Trauer über ihr Unglück jedes Mal hinweggefegt, und bis heute schwöre ich an dieser Stelle wütend dem Heldentum ab. Zu schmerzhaft, zu unbequem ist es. Doch gerade in Zeiten der Krise und des Umbruchs suchen wir nach einer Orientierung, nach Persönlichkeiten, die uns helfen, sinnhaft zu denken und zu handeln. Die uns durch ihr Verhalten wachrütteln und einen Weg aufzeigen, der Generationen später einmal selbstverständlich sein könnte.

Die Heldinnen, die wir aus dem Geschichtsunterricht kennen, haben geforscht, obwohl ihnen das nicht zustand. Sie haben gearbeitet, anstatt, wie von ihnen erwartet, einem anderen den Rücken frei zu halten. Sie haben gegen die Vorschrift getanzt und gesungen, auch das ein gewagter Vorstoß. Heute sind wir ungleich freier in unseren Lebensentscheidungen, unsere Leitbilder diverser. Über die Kanäle der sozialen Medien beeinflussen uns ihre Stimmen direkter als jemals zuvor, und gleichzeitig sind die Kämpfenden weniger allein: Zustimmung erreicht sie auf direktem Wege, indem wir zu ihren Followern werden. Nun ist es leichter als früher, seine Stimme zu erheben, der Kampf um Aufmerksamkeit härter – schließlich ringen wir alle um Anerkennung. Doch was einen Menschen zum Helden macht, ist sein Bemühen um eine Veränderung. Und dabei helfen ihm eigens entwickelte Bilder und das Gefühl: Genug ist genug, so formuliert es Jagoda MariniĆ. „Da es niemand sonst tut …“, sagt Greta.

„Anders als Influencerinnen und Stars haben wahre Heldinnen ein Ziel, das größer ist als sie selbst“
Lisa Frieda Cossham

Alexandria Ocasio-Cortez und Malala Yousafzai

Die Pfeile der Kämpfenden sind Hashtags. „Resist“ und „istandwithimmigrants“ steht auf denen der US-amerikanischen Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez, die sich selbst als demokratisch-sozialistisch bezeichnet. Sie ist puertoricanischer Abstammung, erst 29 Jahre alt, geboren in der Bronx. Seit Januar ist sie die jüngste Abgeordnete der Demokraten im Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten für den 14. Kongresswahlbezirk von New York. Sie hat sich bei den Vorwahlen parteiintern gegen den erfahrenen abgeordneten Joseph Crowley durchgesetzt, obwohl ihr weniger finanzielle Mittel zur Verfügung standen als dem politikerfahrenen Mitbewerber. Das hat ihr das Image eines Shootingstars verschafft, auf Twitter folgen ihr über 4,3 Millionen Menschen. AOC, wie sie von ihren Anhängern genannt wird, ist die sichtbarste Abgeordnete ihrer Partei, weil sie neben den traditionellen Medien auch die sozialen Kanäle nutzt, um ihren Forderungen Ausdruck zu verleihen: eine staatliche Krankenversicherung für alle, die Abschaffung der Einwanderungsbehörde, einen Mindestlohn von 15 US-Dollar und bezahlbare Colleges. Am linken Rand ihrer Partei steht sie und setzt sich für Minderheiten ein: „Lasst euch nicht erzählen, dass wir ganz anders sind.“ Sie selbst kommt aus armen Verhältnissen, und anstatt sich auf ihren mühsam errungenen Privilegien auszuruhen, versucht sie, Chancen zu verteilen. Vielen zu ermöglichen, was ihr zuteilwurde. Heldentum, sagt der Theologe und Philosoph Holger Zaborowski, der in Vallendar lehrt, habe auch mit Menschlichkeit zu tun. Damit, dass man etwas für andere Menschen tut und vorbildhaft handelt. Alexandria Ocasio-Cortez gelingt das genauso wie der Schülerin Greta Thunberg, sie kämpfen für ihr Anliegen. Weil sie selbst erlebt haben, wovon sie sprechen, oder wie Greta Thunberg eine Gabe haben, die Bedrohung des Planeten auf unmittelbare Weise zu spüren. Malala Yousafzai aus Pakistan, das uns bekannte Mädchen mit dem Kopftuch, das mit 22 Jahren die jüngste Trägerin des Friedensnobelpreises ist, hat sich ebenfalls für die Rechte der Unterdrückten eingesetzt. Sie hat dafür fast mit ihrem Leben bezahlt. Schon mit elf bloggte sie über die alltägliche Gewalt der pakistanischen Taliban im Swat-Tal. Mädchen wurde verboten, die Schule zu besuchen, Musik zu hören, zu tanzen, sich im öffentlichen Raum zu bewegen. Angst hatte Malala Yousafzai, und darüber schrieb sie. 2012 verletzten sie die Taliban an Kopf und Hals, sie überlebte knapp und erholte sich in England, wo sie bis heute studiert und dafür kämpft, dass alle Mädchen auf der Welt ein Recht auf Schulbildung haben. Unmittelbar ist die Forderung, die diese jungen Heldinnen formulieren. Sie ergibt sich aus ihrer eigenen Geschichte, die sie gewagt haben zu erzählen. Das verbindet sie mit jenen Frauen, die im Zuge der #MeToo-Bewegung von ihren Erfahrungen berichten.

Malala Yousafzai
Malala Yousafzai ist mit 22 Jahren die jüngste Trägerin des Friedensnobelpreises – und eine Heldin der Neuzeit Getty Images

Heldinnen der Neuzeit in Roman und Film

Es sind keine Heldinnen im klassischen Sinne, sie kommen im Gewand der Opfer daher. Und doch ist die eigene Stimme das Instrument, mit dem jede von uns die Möglichkeit hat, heldenhaft zu handeln. „#MeToo ist deswegen so stark, weil es aus der Tradition des ‚I confess …‘ kommt“, schreibt die Autorin Jagoda Marinić in ihrem Buch „Sheroes“. „Im Gegensatz zum deutschsprachigen Raum wird in den USA die Geschichte eines Menschen als Wahrheit an sich gewürdigt, die Selbststärkung und Kraft, die eigene Geschichte zu erzählen, ganz gleich, was einen sprachlos gemacht hat.“ Das Eigene zu formulieren und preiszugeben bedeutet, sich seiner selbst zu ermächtigen. Ähnlich formuliert es Michelle Obama in ihrer Biografie „Becoming“. In ihrem Bewerbungsschreiben an die Universität Princeton erzählt sie nicht nur von ihren Zielen, sondern auch von den einfachen Verhältnissen, aus denen sie stammt: „Ich lernte (…), auf meine eigene Geschichte zu vertrauen.“ Jahre später wiederholt sich dieser Moment, als sie zum ersten Mal allein auf einer Wahlkampfveranstaltung für ihren Mann Barack Obama spricht. Sie steht im Wohnzimmer eines Wohnhauses in Iowa und spricht über die South Side von Chicago, die Gegend, in der sie aufgewachsen ist. „Ich sagte nur, was ich aufrichtig empfand“, schreibt Michelle Obama, deren sicheres Gespür für Menschen (und Mode) wir bis heute bewundern. Die eigene Geschichte ist es also, aus der viele moderne Heldinnen ihre Kraft schöpfen. Eine Kraft, die auch Influencerinnen wie Ariana Grande und Kim Kardashian nutzen, denen mehr als hundert Millionen Abonnenten auf Instagram folgen. Sie sind Artisten der Selbstdarstellung. Doch haben sie vor allem die Absicht, ihr Eigenes zu Geld zu machen. Sie beschäftigen sich mit ihrer Performance, andere mit Mode und Beauty-Themen, darauf bedacht, den eigenen Marktwert zu steigern. Stars sind sie, Heldinnen können sie nicht sein. Weil ihnen ein Ziel fehlt, das größer ist als sie selbst. Weil sie die Normen festigen, anstatt sie zu hinterfragen. Das übernehmen die Heroinen des Kinos, der Romane und Comics. Die Auflösung der klassischen Rollenbilder lässt sich in den fiktiven Erzählungen unserer Zeit gut beobachten: Superheldinnen wie Wonder Woman und Captain Marvel retten die Welt. Ihre Stärke aber, wie auch die einer Lara Croft, hat Jagoda Marinić beobachtet, ist noch immer gekoppelt an alte physische Heldenmythen des Mannes. Es geht um Muskeln und Nervenstärke, um scheinbar männliche Fähigkeiten, die Frauen überschrieben werden. Auch eine Fernsehserienfigur wie The Marvelous Mrs. Maisel, jüdische Hausfrau und Mutter im New York der 1950er-Jahre, die nach ihrer Scheidung Karriere als Stand-up-Comedian macht, nimmt sich nur, was jedem Mann zugestanden hätte: das Recht, aufzutreten und lustig zu sein. Charmant und unnachgiebig kämpft sie sich durch die Clubs in einem gesellschaftlichen Umfeld, das damit überfordert ist. Sie ist eine großartige Heldin ihrer Zeit. Und dann tauchte in diesem Jahr Königin Anne auf, Olivia Colman spielte sie in „The Favourite“ und erhielt dafür den Oscar. Seitdem wissen wir, wie roh und echt weibliche Helden aussehen und wirken können:

Olivia Colman und Michelle Obama
Olivia Colman und Michelle Obama haben Ziele, die größer sind als sie selbst Getty Images

Sie haben so viele Laster wie Tugenden. Sie sind alt, vom Leben gezeichnet. Ängstlich dürfen sie sein, beeinträchtigt, wirr. Königin Anne ist unter ihrer Macht degeneriert. Sie frisst und kotzt und fordert Aufmerksamkeit wie ein Kind, nichts an ihrer Körperlichkeit wirkt gesund. Alles ist Fetisch, Matsch und hängende Haut. Diese Antiheldin will niemandem gefallen, sie ist ganz bei sich – in ihrem Fall außer sich. Königin Anne folgt ihren eigenen Regeln, und das gilt auch für eine Figur wie Marvel’s Jessica Jones aus der gleichnamigen Netflix-Serie. Jones ist eine ehemalige Superheldin, die von ihrer Vergangenheit eingeholt wird, trinkt, mies drauf ist und auch beim Sex keine Bella Figura machen muss. Heutige Heldinnen, das zeigen diese Figuren, bleiben sich selbst und niemandem sonst treu. Sie werden nicht nur bewundert für eine außergewöhnliche Leistung, sondern dafür, dass sie sind, wer sie sind. Ihre Geschichte, ihr genuin weibliches Ich und ihr Talent, das sie mitbringen, formen ihre Ambitionen und Absichten. Das gilt auch für reale Leitfiguren. Greta Thunberg sagt: „Ohne Asperger wäre das hier nicht möglich. Ich sehe die Welt aus einer anderer Perspektive – schwarz und weiß.“ Ihre Beeinträchtigung ist Teil ihrer Stärke. Moderne Heldinnen exkludieren nichts aus ihrem Wesen, um den Glanz eines Vorbilds zu polieren – denn sie wollen keinem bestimmten entsprechen. Sie sind einmalig. Folgen wir ihnen!

Dieser Artikel stammt von Lisa Frieda Cossham und ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 08/19 erschienen.

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