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Fashion

Mode-Industrie und Menschenrechte: Jungunternehmerin Jeanne de Kroon im Interview

Mode mit Mehrwert: Die niederländische Jungunternehmerin Jeanne de Kroon entwirft nicht nur nachhaltige, schicke Fashion, sondern unterstützt damit Arbeiterinnen in Indien

Jeanne de Kroon ist Designerin
Setzt sich für Fair Fashion und ihre Arbeiterinnen ein: Jaenne de Kroon Stefan Dotter

Das ist Jeanne de Kroon

Mode-Industrie und Menschenrechte – nicht immer geht das zusammen. Die Unternehmerin und Designerin Jeanne de Kroon, 25, möchte es mit ihrem Label Zazi Vintage anders halten und lässt aus Vintage-Stoffen in Indien coole Designs fertigen – von indischen Schneiderinnen zu fairen Bedingungen. Wir treffen die Niederländerin in ihrer kleinen Boutique in Berlin-Mitte während der Fashion Week. Hier hängen ihre Seventies-Fellmäntel, die zwischen Jimmy Hendrix und Dr. Schiwago oszillieren, daneben Maxi-Dresses und Blusen aus fantasievollen, farbenprächtigen Ethno- Stoffen. Das ehemalige Model wirkt wie ihr Label: fröhlich, charakterstark, lebendig. Sie trägt ein luftiges Kleid mit Ballonärmeln – natürlich aus der eigenen Kollektion.

Interview mit Designerin Jeanne de Kroon

MADAME: Frau de Kroon, mit Ihrem Label Zazi Vintage wollen Sie eine Brücke zwischen Entwicklungshilfe und Mode-Industrie bauen – eine ziemliche Herausforderung für eine Designerin.

Jeanne de Kroon: Es ist eine wichtige Aufgabe. Wir wissen ja, dass insbesondere die Fast-Fashion-Ketten der zweitgrößte Umweltverschmutzer der Welt sind.

MADAME: Woher kommt Ihre soziale Verantwortung?

Jeanne de Kroon: Ich bin in einer sehr verträumten Welt in Holland aufgewachsen: Meine Mutter ist Professorin für Kunstgeschichte, mein Vater Dokumentarfilmer, der sich mit der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts beschäftigt. Mode und Stil wurden in unserem Haus immer als Spiegel der Gesellschaft verstanden, in diesem Geiste bin ich erzogen worden.

MADAME: Wollten Sie deshalb ursprünglich Model werden?

Jeanne de Kroon: Ich hatte eigentlich vor, Jura zu studieren, doch ich habe gleich am ersten Studientag gemerkt: Das ist nichts für mich. Ich habe das Abenteuer gesucht und bin schließlich nach Paris als Straßenmusikerin gegangen – wo ich als Model entdeckt wurde. Aber bevor man jetzt an eine glamouröse Cinderella-Story denkt, lassen Sie mich eins sagen: Ich war sicherlich das erfolgloseste Model der Geschichte. Es endete damit, dass ich in New York in schrecklichen Modelapartments mit Etagenbetten lebte. Und fast nur für Kataloge gebucht wurde, in denen ich billige Pullover aus Polyester vorführen musste.

Eine zweite Chance für die Mode

MADAME: Danach haben Sie auf Reset gedrückt, sind nach Berlin gegangen und haben angefangen, Politik und Philosophie zu studieren. Warum haben Sie der Mode eine zweite Chance gegeben?

Jeanne de Kroon: In den Semesterferien bin ich öfter nach Nepal gefahren – von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet. Typisch Berlin eben! Beim Wandern im Himalaja sprach mich eine Frau an und sagte zu mir: „Wieso strahlen Ihre Augen, aber nicht Ihr Outfit?“ Sie brachte mich in einen kleinen Sari-Shop und steckte mich in einen knallroten Bollywood-Look. Ich dachte mir nur: Wow! Das fühlt sich viel mehr nach mir an als diese schwarze Uniform! Wieso hat Mode nicht immer diesen Effekt? Wieso muss ich überhaupt als Konsumentin dem Teenagergirl aus der Werbung für die Fast-Fashion-Kette nacheifern? Mode sollte sich so anfühlen wie diese Situation: Zwei Frauen bestärken sich in ihrer Individualität, pushen sich gegenseitig und teilen einen besonderen Moment miteinander.

MADAME: Im Jahr 2016 lernten Sie über Social Media Madhu Vaishnav kennen, die Sie Ihre „indische Mama“ nennen. Kurz darauf gründeten Sie Ihr Modelabel. Wie kam das?

Jeanne de Kroon: Auf meinen Reisen entdeckte ich immer mehr die unethische Komponente der Mode-Industrie und wollte eine Supply Chain aufbauen. Ich bin Idealistin und wollte aktiv und nachhaltig helfen. Madhu entdeckte ich auf Instagram: Sie arbeitet für ihre eigene Nichtregierungsorganisation, IPHD, um Frauen in Rajasthan mit einer lokalen Textilproduktion Arbeit zu verschaffen. Sie erzählte mir, dass jede Frau zur Hochzeit eine Nähmaschine bekommt – daraus entwickelte sich dann schnell mein Konzept. Ich hatte in den Monaten zuvor Stoffe und Textilien aus aller Welt gesammelt und ein großes Vintage-Netzwerk. Wir haben dann gemeinsam sieben Kleider entworfen und produziert, und ich ging schließlich mit dieser Minikollektion zurück nach Berlin. Von heute auf morgen sind ziemlich viele Leute auf uns aufmerksam geworden, und die Story von Zazi Vintage begann ...

MADAME: Wie transparent sind die Arbeitsbedingungen Ihres Frauenkollektivs in Indien?

Jeanne de Kroon: Wir beschäftigen aktuell um die 30 Frauen. Jedes unserer Kleider wird von den Frauen in ihren eigenen Häusern produziert. Sie müssen nur drei Kleider im Monat nähen, um der Armut zu entfliehen: Sie erhalten von Zazi Vintage zehn Prozent des Verkaufspreises und einen Stundenlohn, der weit über dem normalen Standard liegt. Außerdem ermöglicht der Erlös jedes unserer Mäntel einem indischen Mädchen, ein Jahr lang in die Schule zu gehen – mittlerweile konnten wir das schon für über 100 Mädchen realisieren. Was mir bei dieser Organisation besonders am Herzen liegt: Ich möchte nicht, dass diese Frauen allein von Zazi Vintage abhängig sind. Sie sollen organisch ein eigenes Business aufbauen.

Mit Ästhetik und Transparenz durch die Modewelt

MADAME: Glauben Sie, dass diese durchaus rührende Hintergrundstory bei der Kaufentscheidung der Endkundin eine Rolle spielt?

Jeanne de Kroon: Wir dürfen uns nichts vormachen: Am Ende zählt natürlich die Ästhetik. Dennoch: Es ist gerade eine sehr spannende Zeit für ein junges Mode-Business, vor allem im Fair-Fashion-Segment. Aufgeklärte Menschen hinterfragen die Supply Chains der Megabrands und bevorzugen immer mehr Nischenmarken, die eine andere Glaubwürdigkeit haben. Das ist eine gute und richtige Entwicklung. Große Marken werden natürlich weiterhin Nachhaltigkeit als reines Marketingkonzept missbrauchen, wenn der Konsument nicht besser informiert wird. Deswegen appelliere ich auch immer an die Verantwortung der Medien in diesem Zusammenhang.

MADAME: Sie agieren als Marke im Moment noch komplett unabhängig. Ist das ein Prinzip, an dem Sie nicht rütteln, oder interessieren Sie sich auch für Investoren?

Jeanne de Kroon: Ehrlich gesagt: Wir operieren immer noch genau so, wie wir angefangen haben. Das heißt: Erst wenn genug verkauft ist, können wir neu produzieren. Aber wir merken schon, dass unsere Story im Handel sehr gut ankommt. Vor allem in den USA und in Südamerika mag man unsere farbenfrohe Ästhetik. Wir sind aktuell weltweit in 20 Stores vertreten und launchen im Herbst sogar zusammen mit Matchesfashion.com eine Kollektion. Aber natürlich brauchen wir einen Investor, um neue Märkte zu erschließen: Um die Quantität zu steigern, müssten wir eine neue Produktionsstätte entwickeln.

„Erst wenn genug verkauft ist, können wir neu produzieren.“
Jeanne de Kroon

MADAME: Haben Sie noch andere Pläne?

Jeanne de Kroon: In Berlin-Mitte eröffnen wir voraussichtlich Ende des Jahres eine neue Erlebniswelt, Zazi World, in der wir auch neue Produkte vorstellen werden. Ein auffälliger Mantel oder ein Kleid von Zazi Vintage ist der einen oder der anderen Kundin vielleicht zu viel – wir wollen als Einstieg eine süße Korbtasche oder Ethno-Ohrringe anbieten. Und Homewear ist auch eine folgerichtige Erweiterung: Das Material für unsere Mäntel stammt schließlich aus Vintage- Teppichen mit Suzani-Muster, das Fell kommt von mongolischen Schafen.

MADAME: Sie sind seit Kurzem auch aktiv bei den Vereinten Nationen tätig. Was genau ist dort Ihre Rolle?

Jeanne de Kroon: Ich arbeite mit Simone Cipriani zusammen, dem Gründer und Leiter des Ethical Fashion Summit. Hauptsächlich werden wir native Handwerkskünste in Zentralasien scouten und eine Infrastruktur dafür aufbauen, um sie mit der westlichen Modeindustrie in Kontakt zu bringen. Nur so können wir diese traditionellen Techniken in Zeiten der Globalisierung vor dem Aussterben retten.

Dieses Interview wurde geführt von Konstantin Spachis und ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 10/18 erschienen.

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