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Monsieur

Mission Kunst: Im Gespräch mit dem Kuratoren Duo Art Reoriented

Das international renommierte Kuratoren-Duo Art Reoriented im Gespräch über Neuentdeckungen, Leidenschaften und das Sammeln von Kunst

Sam Bardaouil und Till Fellrath
Zwei mit Durchblick: In der NYU Abu Dhabi Art Gallery zeigten Sam Bardaouil (r.) und Till Fellrath im Januar unter anderem die Arbeit von Fred Sandback („Untitled“, 1992). Der Name der Ausstellung ist Programm für die Kuratoren: „Ways of Seeing“ Mohamed Somji / Seeing Things

Über 35 Wochen im Jahr sind die Kuratoren Sam Bardaouil und Till Fellrath im Auftrag der Kunst auf der ganzen Welt unterwegs. Zurzeit auf ihrem Zettel: der Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate auf der Biennale in Venedig, der „Montblanc Patronage Award“ und die Ausstellung „Walking Through Walls“ im Berliner Gropius Bau. MONSIEUR traf die beiden Kuratoren, die in New York und München leben, auf dem Weg von Dubai nach Venedig in Berlin.

Monsiǝur: Als Kuratoren arbeiten Sie beide stets gemeinsam unter dem Namen Art Reoriented. Was bedeutet der Titel?

Till Fellrath: Mit diesem Titel spielen wir auf die Rückbesinnung auf das Wesentliche an: In unseren Ausstellungen versuchen wir, den Künstler und den Betrachter wieder in den Mittelpunkt des Geschehens zu stellen. Jeder soll die Ausstellungen sehen und verstehen können. Die Kunst soll den Besucher direkt ansprechen – wie bei einem Konzert. Da fragt man auch nicht nach dem Konzept oder der Bedeutung. Die Distanz ist geringer – man hat eine direkte Reaktion und mag die Musik oder eben nicht. Genau wie die Musik hat Kunst die Kraft, zu den Menschen zu sprechen.

Monsiǝur: Wie gestalten Sie Ihre Ausstellungen, damit diese Verbindung funktioniert?

Till Fellrath: Research. Wir gehen tief in die Themen und forschen viel. Und wenn wir etwas wirklich verstanden haben, dann versuchen wir, es in wenigen Sätzen zu vermitteln. Wenn man nicht in zwei Sätzen sagen kann, was man sagen möchte, dann hat man nichts zu sagen.

Sam Bardaouil: Man darf eine Ausstellung nicht mit einem Buch verwechseln. Es geht nicht darum, möglichst viel Text an die Wand zu hängen. Eine Ausstellung ist eine dreidimensionale Sache: Augen und Ohren, der ganze Körper nimmt die Kunst auf – das ist eine physische Erfahrung. Wir wollen für alle Sinne einen Spannungsbogen kreieren.

Monsiǝur: An diesem Spannungsbogen arbeiten Sie gerade mit der Poetin und Filmemacherin Nujoom Alghanem für Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate auf der Biennale in Venedig. Was können Sie uns darüber vor der Eröffnung im Mai verraten?

Sam Bardaouil: Wir werden den ganzen Raum multimedial nutzen, das können wir jetzt schon sagen. Nujoom Alghanem ist eine der innovativsten Persönlichkeiten der Golfregion. Sie beschäftigt sich mit den existenziellen Dingen im Leben der Menschen und bereitet für die Biennale eine einzigartige, multidisziplinäre Arbeit vor.

Monsiǝur: Dann gibt es noch Ihr Engagement für die Montblanc Cultural Foundation. Sie haben ein Programm aufgelegt, das junge Neuentdeckungen fördert.

Sam Bardaouil: Genau. Jedes Jahr bieten wir unbekannten Künstlern einen Ort zum Arbeiten und Ausstellen. Das Künstler-Duo Katherine Nuñez und Issay Rodriguez aus Manila hat für uns die Arbeit „In Between The Lines 2.0“ entwickelt. Entstanden ist eine komplette Bibliothek mit Büchern und Briefpapier aus gehäkeltem und besticktem Stoff. Als Reverenz an das Festhalten von Erinnerungen auf Papier passt das auch wunderbar in die Sammlung der Montblanc Cultural Foundation.

Monsiǝur: Auf den Biennalen, Messen, in Ausstellungen und Museen sind Sie weltweit unterwegs. Wie lautet Ihr wichtigster Rat für das Sammeln von Kunst?

Till Fellrath: Zu kaufen, was man wirklich mag, das ist wichtig. Folgen Sie Ihrem Bauchgefühl! Schauen Sie sich um! Es muss nicht die Art Basel oder die Frieze sein. Lokale Künstler können eine Entdeckung sein, wenn die Arbeiten Sie ansprechen. Gute Kunst muss nicht unbedingt aus Berlin oder New York kommen. Ganz wichtig: Wenn man ein Bild sieht und es kaufen möchte, sollte man mit ihm leben wollen. Und es sollte einen glücklich machen. Sehen Sie Kunst nicht als Währung! Zeitgenössische Kunst ist unberechenbar. Es kann sein, dass man eine Arbeit für 50 000 Euro kauft und sie nie wieder verkaufen kann. Das Risiko ist enorm. Von Kunst als Geldanlage rate ich ab. Es geht um etwas anderes ...

Sam Bardaouil: ... um das Herzklopfen geht es! Das ist wie beim Verlieben – manchmal sieht niemand anders, was wir sehen, nur wir selbst spüren diese Verbindung. Viele große Sammler hatten einfach eine gute Nase und haben gekauft, was ihnen gefallen hat. Erst im Rückblick ist daraus ein Wert entstanden. Es macht einen großen Unterschied, ob man Kunst als Statussymbol betrachtet oder als wahre Leidenschaft.

Steckbrief Art Reoriented

Sam Bardaouil & Till Fellrath

  • Das unabhängige Kuratoren-Duo Art Reoriented initiiert und realisiert seit über zehn Jahren Ausstellungen in der ganzen Welt.
  • Bei der 55. Biennale 2013 kuratierten sie den libanesischen Pavillon und stellten den Künstler Akram Zaatari vor.
  • Internationale Anerkennung erlangten die beiden mit einem Projekt, das die Entwicklung des Surrealismus in Ägypten aufarbeitete. „Art es Liberté. Rupture, War and Surrealism in Egypt (1938–1948)“, das im Centre Pompidou in Paris, dem Reina Sofia in Madrid, dem K20 in Düsseldorf und der Tate Liverpool gezeigt wurde.
  • 2015/16 gehörte das Duo zum Team der 20. Biennale Sydney.
  • Seit 2016 sind Sam Bardaouil und Till Fellrath Chairmen im Vorstand der Montblanc Cultural Foundation.

Dieser Artikel ist erstmalig in der Ausgabe Monsieur erschienen, die dem Madame-Heft 04/2019 beiliegt

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