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Martin Suter im Interview

MADAME-Chefredakteurin Petra Winter traf den gefragten Autor und Schriftsteller in Zürich und sprach mit ihm über seinen neuen Kriminalroman "Montecristo", professionellen Ehrgeiz, kreatives Chaos und schlechte Werbung.

Bei Bollito und einem Cüpli Champagner philosophiert der Schritsteller in der Zürcher Kronenhalle“ über schlechte Werbung, gute Unterhaltung und Unabhängigkeit
Bei Bollito und einem Cüpli Champagner philosophiert der Schritsteller in der Zürcher Kronenhalle“ über schlechte Werbung, gute Unterhaltung und Unabhängigkeit Bei Bollito und einem Cüpli Champagner philosophiert der Schritsteller in der Zürcher Kronenhalle“ über schlechte Werbung, gute Unterhaltung und Unabhängigkeit Caroline Andrieu

In der altehrwürdigen "Kronenhalle“ bricht die Sonne durch die hohen Fenster zur Straße. Man hat mir Martin Suters Stammplatz zugewiesen, einen Vierertisch in einer lauschigen Ecke, die umrahmt wird von Dürrenmatt-Zeichnungen. "Man muss genau hier sitzen“, wird er später sagen. Da, wo einst James Joyce und Dürrenmatt selbst tafelten. Das Interior ist edel: Lederbänke, schwere, weiße Tischtücher, hohe Decken, große Bar, viel Messing, eine Atmosphäre wie aus Suters "Allmen“-Krimis, in denen der Protagonist Johann Friedrich von Allmen mehr Wert auf einen gediegenen Lifestyle als auf ein Plus auf seinem Konto legt. Die Wände sind bemalt mit den Wappen der Zünfte, darunter hängen in Sichtweite unseres Tisches ein Chagall, ein van Gogh, ein Matisse. Im Stimmengebrumme und Besteckgeklappere der wohlsituierten Klientel höre ich nicht, wie sich der Schriftsteller dem Tisch nähert.

Plötzlich steht er da in dunkelblauem Mantel, streckt die Hand zur Begrüßung aus und komplimentiert mich auf die Lederbank, die ich eigentlich ihm überlassen wollte. "Sie sind heute der Gast“, sagt er mit einer leisen, freundlichen Stimme, gefärbt vom Singsang des Schweizerdeutschen, das es mir im Laufe des Gesprächs ab und zu schwer macht, ihn zu verstehen. Seit er sich entschlossen hat, nach 22 Jahren mit seiner Familie wieder ganz nach Zürich zu ziehen, kommt er oft in die "Kronenhalle“. "Hier fühle ich mich wohl, und nach Hause sind es 15 Minuten Fußweg.“ Guatemala und Ibiza hat er als Winterquartiere aufgegeben. Seine Tochter Ana ist jetzt acht Jahre alt, da brauche sie eine gute Schule.

Martin Suter, 67, ist eine elegante Erscheinung, er trägt einen anthrazitfarbenen Anzug mit weißem Hemd und grauem Pullover mit V-Ausschnitt, dazu eine schmale Krawatte. Seine Hände sind zart, die Haare akkurat nach hinten gekämmt. Unter der Anzugjacke leuchten bunte Armbänder hervor, der einzige Bruch zum Gentleman-Look. "Mit Mode beschäftige ich mich nicht, aber mit Kleidung. Ich besitze sehr viele Anzüge“, sagt er, als wir über seinen Stil sprechen. "Mein ältestes Paar Schuhe ist über 40 Jahre alt. Handgenähte Qualität. Meinen ersten Maßkonfektionsanzug hatte ich mit 18 Jahren.“ Und schon als Junge habe er Krawatte getragen. Kleidung zeige eben, wie ein Mensch sein wolle. Er fragt, ob ich auch einen Cüpli, ein Glas Champagner, möchte, und bestellt. Wir plaudern über gemeinsame Bekannte in der Schweiz und bleiben bei Urs Rohner hängen, dem Präsidenten der Credit Suisse. Dem dankt Suter in seinem neuen Buch "Montecristo“ dafür, dass er ihm bei seinen Recherchen über Banken zur Seite stand. Der Roman, der Ende Februar erschien, rankt sich nämlich um einen Journalisten, der zufällig einem Bankenskandal auf die Spur kommt.

"Montecristo“ ist sein 13. Roman. Mit "Small World“ gelang ihm 1997 ein Erfolgsdebüt als Romanautor, nachdem er sich mit seiner Kolumne "Business Class“ in der Schweizer "Weltwoche“ und später im Magazin des "Tages-Anzeiger“ einen Namen gemacht hatte. Darin beschrieb er 15 Jahre lang auf pointierte und amüsante Weise die Managerklasse. Mit seinen Büchern, Hörspielen, Theaterstücken und Drehbüchern ist er der erfolgreichste Schriftsteller der Schweiz und einer der Bestsellerautoren im deutschsprachigen Raum. Im Herbst kommt die Verfilmung von "Die dunkle Seite des Mondes“ mit Moritz Bleibtreu und Nora von Waldstätten ins Kino.

Für welches Buch er die meisten Komplimente erhalte, frage ich. "Viele mögen 'Small World‘, viele 'Die dunkle Seite des Mondes‘, auch 'Lila, Lila‘ und 'Ein perfekter Freund‘ – ich bekomme sehr gemischte Reaktionen. Bei 'Die Zeit, die Zeit‘ haben manche den Schluss falsch verstanden. Sie haben geglaubt, die ganze Geschichte habe sich als Traum entpuppt. Das finde ich ganz schlimm. Jetzt habe ich für die neueste Auflage den Schluss ein wenig umgeschrieben, weil es mich sehr geärgert hat.“

Ein paar Mal ist schon der Kellner in weißer Kochjacke und -mütze mit der Voiture vorbeigekommen und hat uns aufmunternd angeschaut, jetzt lüftet er die imposante Kupferhaube und zeigt seine kulinarischen Schätze: Heute gibt es Bollito, verschiedene gekochte Fleischsorten. Ziemlich deftig. Ich schaue noch mal in die Karte. Bei allen Begrifflichkeiten, die sich schwer übersetzen lassen, hilft Martin Suter weiter, erklärt, dass Balleronsalat mit einer Kalbswurst gemacht wird, und zu meinem Hauptspeise-Favoriten, dem Zürcher Geschnetzelten, meint er, dass es vielleicht etwas zu reichhaltig sei. Stattdessen empfehlt er einen Nüsslisalat – also einen Feldsalat – mit Ei. Er selbst nimmt das Bollito, dazu wird gemischter Salat gereicht. Die Bürli, die Brötchen, die bereits in einem aneinander gebackenen Quartett auf dem Tisch liegen, sehen köstlich aus. Sie haben das Krosse eines Baguettes und die Substanz eines Landbrotes. Suter hält sich diszipliniert zurück. Ein paar Mal lässt er während des Gesprächs fallen, dass man sich als "älterer Herr“ nicht mehr alles erlauben könne.

„Deutsch bleibt immer eine fremde Sprache. Darum überlege ich jeden Satz zweimal.“
Martin Suter

"Was nervt am Älterwerden?“, frage ich. "Der körperliche Zerfall ist sehr ärgerlich. Ich mache Sport, aber nur daheim. Diese Fitness-Sachen sehen ab einem gewissen Alter immer lächerlich aus.“ Doch er kann dem Alter auch Positives abgewinnen: "Man wird gelassener, hat nicht immer das Gefühl, man verpasst was. Das geht mir aber schon lange so.“ Weniger entspannt ist Suter, wenn es um seinen Erfolg geht. "Mein Ansporn ist immer, mein letztes Buch zu übertreffen. Wenn man den Ehrgeiz nicht hätte, dann würde was schieflaufen…“ In Zürich habe er sich schnell wieder eingelebt, erzählt er, sicherlich auch, weil er nie ganz weg war, immer eine Bleibe hier behalten habe. Aufällig sei allerdings, dass die Kinder jetzt ab dem Kindergarten zuerst Schweizerdeutsch, nicht Hochdeutsch, lernen müssten.

"Ich komme aus der Nachkriegsgeneration, in der man sein bäuerisches Hochdeutsch pflegte, um nicht für einen Deutschen gehalten zu werden.“ Den Vorteil seiner Herkunft sieht er darin, dass er als Schweizer Schriftsteller gründlicher nachdenken müsse, dass es eine Art eingebaute Entschleunigung gebe, weil Deutsch doch immer eine fremde Sprache bleibe. "Wir müssen uns jeden Satz zweimal überlegen. Bei manchen deutschen Autoren habe ich das Gefühl, dass sie die Sprache so beherrschen, dass sie auf die Feinheiten nicht mehr achten.“ Er sei ein langsamer Schreiber, sagt er, acht Stunden am Tag sitze er diszipliniert an seinem Computer. Eine spezielle Ordnung brauche er beim Schreiben nicht. Im Gegenteil: Seine Frau Margrith Nay Suter, eine Architektin und Mode-Designerin, würde eher die Hände über dem Kopf ob des Chaos auf dem Schreibtisch zusammenschlagen. Äußere Unordnung, um die innere Ordnung zu finden?

Suter ist ein klarer, reduzierter Schreiber, kein Freund von Adjektiven. "Er fängt seine Leser mit schlanken, raffinierten Plots“, schrieb der "Spiegel“ über ihn. Inspirieren ihn andere Schriftsteller, hat er Vorbilder? "Eher nicht. Als junger Mann dachte ich, ich könne während des Schreibens keinen anderen Schriftsteller mehr lesen, weil dieser sonst meinen Stil beeinflussen würde. Das denke ich heute nicht mehr.“ Zur Entspannung nimmt er gern romantische Dichter wie Joseph von Eichendorff zur Hand. Ab und zu lernt er eines der Gedichte auswendig. "Das ist gut für ältere Herren“, schmunzelt er. Oder er hört Hörbücher. Das lenke ihn weniger ab als ein anderes Buch. "Wenn ich schreibe, lebe ich schon in der Welt des Buches, dann gibt es die wirkliche Welt mit meiner Familie, da vertrage ich oft keine dritte.“

Der Autor Martin Suter auf der Frankfurter Buchmesse
Der Autor Martin Suter auf der Frankfurter Buchmesse Der Autor Martin Suter auf der Frankfurter Buchmesse ddp Images

Gibt es ein Buch, auf das er neidisch ist, das er selbst gern geschrieben hätte? Ohne nachzudenken antwortet er: "Das Parfum.“ Suters Realismus gegen Süskinds Surrealismus? Vielleicht bewundert man immer das, was man glaubt, selbst nicht so gut zu beherrschen… Gerade hat er den Amerikaner Don Winslow für sich entdeckt: "Wenn ich nicht am intensiven Schreiben bin, dann lese ich Winslow, einen Krimi-Autor, der eine Saga über den mexikanischen Drogenkrieg und die Rolle der USA darin geschrieben hat.“ Außerdem mag Martin Suter – "etwas ganz anderes“ – Joseph Roth, den österreichischen Journalisten und Schriftsteller der 1920er- und 30er-Jahre. Als der Champagner geleert ist, votiert er für Rotwein ("Ich trinke nur Champagner und Rotwein“). "Kennen Sie den Dieter Meier von Yello?“, fragt Suter und meint damit eine Hälfte des Elektropop-Duos Yello aus der Schweiz. "Er macht in Argentinien eine Rinderzucht und baut Rotwein an. Den Cabernet gibt es hier als Hauswein.“ Ich frage, ob der nicht ein bisschen stark sei für mittags. "Na ja“, lächelt er, „argentinische Weine haben zwar weniger Sonne als spanische, aber unter 14 Prozent Alkoholgehalt haben sie selten.“ Wir fachsimpeln noch ein wenig über deutschen, österreichischen und Schweizer Wein und wundern uns, dass dieser so selten auf Weinkarten außerhalb des Landes steht.

„Ich lerne ab und zu Gedichte auswendig. Das ist gut für ältere Herren.“
Martin Suter

Der Kellner erkundigt sich nach unserem Befnden und legt noch mal nach: ein weiteres Stück Suppenfeisch für den Schriftsteller, ein Nachschlag Rösti und Geschnetzeltes für mich. Auch die Chefn der "Kronenhalle“ schaut kurz nach dem Rechten, erzählt einen Witz auf Schweizerdeutsch, in dem sie ihre rundliche Figur auf die Schippe nimmt, und macht dann weiter ihre Runde. Wir kommen noch einmal auf Suters neues Buch "Montecristo“ zurück, in dem Journalisten, Banker und Politiker recherchieren, vertuschen und am Ende gemeinsame Sache machen.

"Sind diese Berufe die verhassten Kasten unserer Zeit?“, frage ich. „Nein, es ist nur eine Geschichte, deren Kern ein Finanzskandal und dessen Vertuschung ist. Dafür braucht man Journalisten als Protagonisten. Meine Figur befindet sich in einem ständigen Konflikt zwischen dem Anspruch, investigativen Journalismus zu machen, und der Realität, dass leichtes Entertainment gefragt ist.“ Suter sagt, ihm sei völlig klar, dass es Journalisten heute nicht mehr so gut gehe, dass man sich seine Jobs nicht mehr aussuchen könne, geschweige denn unabhängig sei.

"Wer kann seinem Verleger oder Chefredakteur einfach sagen: Ich gehe jetzt zu einer anderen Zeitung, wenn du meine Story nicht bringst?“ Genau das hatte Suter getan, nicht wegen mangelnden Mutes des Chefredakteurs der "Weltwoche“, sondern weil ihm dessen politischer Kurs nicht mehr gefiel. Er nahm seine Kolumne und veröffentlichte sie fortan im Magazin des "Tages-Anzeiger“. Heute kritisiert der Schriftsteller, dass Redaktionen zusammengelegt, verknappt, gestrichen würden.

Man solle auf Dutzenden Kanälen gleichzeitig kommunizieren. "Wer kann da noch einen originellen Gedanken ersinnen?“ Stattdessen würden die Marketing-Leute bestimmen, wofür Geld ausgegeben wird. Suter selbst arbeitete während mehr als 20 Jahren immer wieder als Texter und Creative Director in der Werbung, bevor er sich ganz auf die Schriftstellerei verlegte: "Die Werbebudgets und die Honorare sind kleiner geworden, das erhöht die Abhängigkeit der Werber von ihren Kunden und reduziert ihre kreative Unabhängigkeit. Das Resultat sind dann diese kundenbestimmten, ideenlosen Marketing-Kampagnen, von denen wir belästigt werden.“

Welche Werbeslogans hat er gerade positiv in Erinnerung? "Mir fällt bloß auf, dass die Werbung heute nur noch selten unterhaltsam ist. Da stöhne ich oft auf, wenn ich mit meiner Frau vor dem Fernseher sitze.“ Ansonsten schaut er gern an, was es Neues im TV gibt, vor allem Serien. Besonders angetan haben es ihm "The Good Wife“, "House of Cards“, "Revenge“, "Game of Thrones“ und "Scandal“ über eine Krisenmanagerin, die Politskandale verhindern soll. Nun sollen seine "Allmen“-Krimis für die ARD verfilmt werden.

"Etwas Süßes?“, fragt die Kellnerin. "Sie müssen eine Mousse essen“, meint Martin Suter. Er selbst bleibt lieber abstinent. „Ich hoffe, es schmeckt Ihnen?“, fragt er freundlich nach, als das Dessert im Handumdrehen auf dem Tisch steht. "Köstlich!“ Der letzte Wein wird nachgeschenkt. Wir reden noch eine Weile, und als sich das Lokal leert, sind wir beide überrascht, dass es schon so spät ist. Martin Suter bedankt sich sehr charmant für die Essenseinladung und begleitet mich noch zum Taxistand die Straße hinunter, wo schönster Sonnenschein das Blau der Limmat zum Leuchten bringt. Ganz Gentleman hält er die Tür auf und wartet, bis das Taxi um die Kurve biegt. Ich frage den Fahrer, ob er den Mann kenne. "Natürlich, das war Martin Suter“, antwortet er und schaut mich fast verständnislos in seinem Rückspiegel an.

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