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Leben

Margarete Stokowski zum Stand der Feminismus-Debatte

Autorin Margarete Stokowski hat sich, in Zeiten des Aufruhrs, Gedanken über den aktuellen Stand der Feminismus-Debatte gemacht

Margarete Stokowski über Feminismus
Autorin Margarete Stokowski spricht im Interview über Feminismus Getty Images

Margarete Stokowski über die Feminismus-Debatte

Als ich vor ungefähr zehn Jahren anfing, Texte für Zeitungen zu schreiben, hatte ich nicht vor, hauptsächlich über Feminismus zu schreiben. Ich glaube, damals nannte ich mich selbst noch nicht mal Feministin, und ich schrieb über alles Mögliche, was mich interessierte. Theater, Literatur, manchmal Politik, manchmal Sex. Die Sex-Themen wurden mit der Zeit mehr, was unter anderem daran lag, dass die Redaktionen, für die ich schrieb, unzählige Leute zur Hand hatten, die gerne mal einen Roman besprachen, aber offenbar nicht so viele, die über Sexuelles oder Körperliches schreiben wollten. Einen veganen Sex-Shop besuchen, über schlechte Sex-Szenen in Filmen schreiben oder über die Frage, warum Frauen sich ihre Schamlippen operativ verkleinern lassen, während Männer ihre Penisse vergrößern.

Die Sex-Texte wurden mit der Zeit politischer, was wohl daran liegt, dass man sich als Autorin nur schwer über lange Zeit mit Sex befassen kann, ohne auf gesellschaftliche Missstände zu stoßen, auf Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Weil ich sehr viele von diesen Texten schrieb, lag es irgendwann nahe, einige von ihnen in einem Buch gesammelt zu veröffentlichen. Ich wählte Essays und Kolumnen aus den letzten sieben Jahren aus und brauchte dann einen Titel für dieses Buch. Das fand ich einigermaßen schwierig, weil das, was man unter „feministische Themen“ versteht, so viele Themenfelder berührt – außer Sex und Körpern auch Macht, Geld, Gewalt, Kunst, Religion, Kinder, Sport … eigentlich alle Bereiche, in denen es darum geht, wie Menschen zusammenleben.

Dazu zählen auch Fragen großer Politik, die manchmal zunächst nicht aussehen, als würden sie feministische Debatten betreffen: Wer herausfinden will, warum zurzeit in so vielen Ländern rechtspopulistische oder rechtsextreme Parteien im Aufwind sind, wird schnell feststellen, dass deren Vertreterinnen und Vertreter meist auch sehr konkrete Vorstellungen davon haben, was sich für Frauen und Männer gehört, und dass ihre rückwärtsgewandte, spalterische Sehnsucht gar nicht funktioniert ohne die Forderung nach festgelegten Geschlechterrollen und beschränkter sexueller Freiheit. Irgendwann fiel mir für das Buch der Titel „Die letzten Tage des Patriarchats“ ein, und ich erzählte ein paar Leuten davon.

Erleben wir den Zerfall des Systems?

Die Reaktionen kann ich in drei Gruppen unterteilen. Die erste Gruppe reagierte so: Haha, ja, sehr gut, wir arbeiten dran! Das waren Menschen, die überzeugt sind, dass immer noch so etwas wie ein Patriarchat existiert, das aber beständig zerfällt – sich allerdings auch immer wieder von Neuem aufbäumt und immer noch Erklärungen dafür findet, warum Frauen letztlich doch nicht so viel draufhaben wie Männer. Zu kleine Gehirne, Stilldemenz, Harmoniesucht, whatever. Die zweite Gruppe reagierte auch oft mit „haha“, aber in ganz anderem Sinne: Haha, du denkst, wir könnten schon die letzten Tage abzählen, während Frauen immer noch deutlich weniger verdienen als Männer, im Bundestag nicht mal ein Drittel der Abgeordneten weiblich sind und wir gerade erst an der #MeToo-Debatte gesehen haben, wie oft Frauen immer noch belästigt und gedemütigt werden.

Die dritte Gruppe hatte nur mitleidiges Kopfschütteln übrig: Ach komm, jetzt soll das Patriarchat wieder an allem schuld sein, dabei können Frauen doch heute alles erreichen, wenn sie sich nur mal anstrengen und nicht nur rumheulen. Ich muss vielleicht nicht erwähnen, dass mir die erste Gruppe am sympathischsten war. Aber die zweite kann ich natürlich auch verstehen. Es war durchaus Absicht, nicht darüber zu mutmaßen, wie viele Tage wir das Patriarchat noch ertragen müssen, bis wir es endlich abgeschafft haben – oder ob wir das überhaupt noch erleben werden. (Einer meiner wichtigsten Ratschläge an andere Feministinnen: immer schön gesund essen und viel schlafen, damit ihr alt genug werdet, um den kompletten Zerfall dieses Systems zu erleben. Ernst gemeint.)

„Auch unsere Kultur ist darin geübt, Frauen den Mund zu verbieten.““
Margarete Stokowski

Wir sind so weit gekommen und sind so unfertig. Heutige Feministinnen, und auch andere Frauen, ernten permanent die Früchte der Arbeit voriger Generationen. Aber nicht nur. Wir ernten auch eigene Früchte, und dann gibt es Bäume, die noch nicht richtig tragen. Manchmal sind die Probleme, gegen die wir ankämpfen, so verstörend gleich wie die vor Hunderten von Jahren.

#MeToo im Zeichen des Feminismus

Die Historikerin Mary Beard schreibt in ihrem Buch „Women & Power“ über die vielfältigen Arten, auf die Frauen seit der Antike von der Macht ferngehalten wurden. Man mag sich wundern, welche Feindlichkeit einigen Frauen entgegengebracht wurde, die im Zuge der #MeToo-Debatte von Übergriffen berichteten oder von unangenehmen Momenten, in denen sie sich schlecht behandelt fühlten. Oder man kann daran sehen, wie tief verwurzelt diese Reaktionen in einem System sind, das Frauen nicht gern zu Wort kommen lässt, wenn sie sich beschweren wollen: „Die abendländische Kultur ist seit Jahrtausenden geübt darin, Frauen den Mund zu verbieten“, schreibt Beard. Es stimmt zwar, dass Frauen heute wesentlich mehr Macht haben als vor einigen Jahrzehnten oder Jahrhunderten, aber es ist immer noch nicht der Normalfall, dass wir Frauen ganz oben sehen. Der Fortschritt der Emanzipation bemisst sich nicht allein daran, was Frauen heute erreichen können, sondern auch daran, mit welcher Selbstverständlichkeit sie es tun können: ob es normal ist, dass wir sie an bestimmten gesellschaftlichen Positionen sehen, und wie hart ihr Weg dahin war. „Wenn wir die Augen schließen und versuchen, uns das Bild eines Präsidenten oder (…) eines Professors vorzustellen“, schreibt Mary Beard (beide Wörter, „president“ und „professor“, sind im Englischen geschlechtsneutral), „sehen die meisten von uns keine Frau. Und das ist sogar dann der Fall, wenn man selbst Professorin ist: Das kulturelle Stereotyp ist so stark, dass es mir bei jenen Fantasien mit geschlossenen Augen immer noch schwerfällt, mir mich oder jemanden wie mich in dieser Rolle vorzustellen.“

Wer einmal darauf achtet, wo die Präsenz und die Stimmen von Frauen normal sind, wird bald merken, wie viel es noch zu tun gibt. Es gibt Bereiche, da wollen Männer offenbar lieber unter sich bleiben. Dax-Vorstände oder auch: Fußballspiele. Die Wucht der Aggressionen, die der Sportreporterin Claudia Neumann entgegenschlugen, als sie es wagte, zur Weltmeisterschaft im Sommer Männerfußball im Fernsehen zu kommentieren, lässt sich nur damit erklären, dass hier etwas verteidigt werden soll, wo Frauen nicht erwünscht sind. Während einige unverhohlen sexistisch reagierten, versuchten andere einen indirekten Weg: Es sei nicht schlimm, dass Neumann eine Frau sei – gar nicht! –, nur ihre Stimme sei so unerträglich. Klar. Als wenn Frauenfeindlichkeit sich nicht schon seit Jahrtausenden darin äußern würde, dass Frauenstimmen für ätzend, unangenehm, kindisch erklärt werden.

Was ist dran an den gesellschaftlichen Klischees?

„In der antiken Literatur wird die Autorität der tiefen männlichen Stimme immer wieder betont, als Gegensatz zur weiblichen“, schreibt Mary Beard über eine Zeit, in der es den Beruf der Sportkommentatorin definitiv noch nicht gab. Nun mag Männerfußball ein billiges Beispiel sein, um über Bereiche zu sprechen, die Frauen noch nicht mit völliger Selbstverständlichkeit betreten können. Aber andere, vermeintlich fortschrittlichere, stehen nicht viel besser da. Auch in der Literatur ist es häufig noch so, dass Bücher von Männern geschrieben werden, die dann von Männern besprochen werden, woraufhin dann Jurys aus Männern Männern Preise verleihen, die nach Männern benannt sind. Es ändert sich – aber langsam. Bücher, die von Frauen geschrieben werden, gelten oft als „Frauenliteratur“, aber niemals würde jemand auf die Idee kommen, Bücher von Männern als „Männerliteratur“ zu bezeichnen.

Wer neue Bücher empfohlen bekommen möchte, kann sich beim Perlentaucher informieren. In einem beliebig ausgewählten Newsletter zu den Büchern des Monats finden sich: bei den Romanen eine Frau und vier Männer, bei den Sachbüchern (wo es immer noch schlimmer ist) null Frauen und fünf Männer. Ein Blick in die Sachbuch- Bestenliste bei welt.de: Da empfiehlt eine Jury aus 21 Männern und vier Frauen Bücher von sieben Männern, zwei Frauen und einer Organisation. Marcel Reich-Ranicki hat mal gesagt, Frauen könnten keine Romane schreiben, und viele heutige Kritiker würden ihm sicher widersprechen – aber sie benehmen sich immer noch so, als würden sie ihm recht geben. Literatur ist immer noch eine Welt, in der Männer viel Raum zum Reden bekommen und andere Männer das gut finden. Wo man doch immer sagt, Frauen hätten so viel zu erzählen. Wer solche Zustände kritisiert, wird oft zurechtgewiesen, es sei kleinlich, Frauen so abzuzählen, man solle sich nicht mit solchem Kleinkram aufhalten und überhaupt, die Frauen in muslimischen Ländern, da solle man doch mal hinsehen, und so weiter.

„Frauen sind keine besseren Menschen als Männer“, schreibt die Psychologin Sandra Konrad. „Macht kann von jedem Geschlecht missbraucht werden. Wer allerdings die Macht hat, ohne sie an sich gerissen zu haben, möchte nicht dafür kritisiert werden. So erklärt sich, warum auch Männer, die sich selbst nicht für frauenfeindlich halten, empfindlich oder genervt reagieren auf die Kritik am Status quo.“ Konrad vergleicht die aggressiven Reaktionen solcher Männer mit den Reaktionen von Menschen, die Fleisch essen und dann Dokumentationen über Massentierhaltung sehen – sie spielen die Probleme herunter und sagen, sie würden ja ohnehin nur ganz selten ...

„„Es ist unseriös, Miley Cyrus als Geisel eines immer noch sexistischen Zeitalters zu sehen.““
Margarete Stokowski

Miley Cyrus und die Emanzipation

Sie reden sich schön, dass sie von einem System profitieren, das auf dem Leid bestimmter Wesen aufbaut, einem Leid, das sie meistens nicht sehen müssen. „Wir spalten etwas ab“, schreibt Sandra Konrad, „wenn es bedrohlich ist, wenn wir es nicht ertragen können, wenn es uns in unseren Grundfesten erschüttern könnte.“ Für ihr Buch „Das beherrschte Geschlecht“ hat Konrad über 70 Frauen im Alter von 18 bis 45 Jahren befragt. „Wie frei und selbstbestimmt sind Frauen heute wirklich?“ war ihre zentrale Frage, und sie kommt bezüglich der Sexualität von Frauen zu keinem guten Schluss: Es seien immer noch mehrheitlich Männer, die darüber bestimmten, was Frauen wollen. Viele Frauen würden beim Sex versuchen, vor allem den Mann zu befriedigen, während sie selbst keinen Orgasmus bekommen – oder ihn vorspielen, um dem Mann kein schlechtes Gefühl zu geben. Doch selbst diejenigen, die sich wie Konrad Mühe geben, weibliche Sexualität differenziert zu beschreiben und den Stand der gegenwärtigen Selbstbestimmung zu analysieren, tappen bisweilen in alte Fallen misogyner Erklärungsmuster.

Über die Sängerin Miley Cyrus, die in einem Video nackt auf einer Abrissbirne ritt, schreibt sie, diese sei „eine typische Geisel des immer noch sexistischen Zeitgeists: Als 15-Jährige trug sie einen ‚Purity Ring‘ und versprach, bis zur Ehe enthaltsam zu bleiben, mit 23 gibt sie die Sexbombe und beschwört ihre vermeintliche sexuelle Befreiung.“ Warum? Einerseits kritisiert Konrad, wie Männer jahrtausendelang haarsträubende Urteile über weibliche Sexualität gefällt haben, andererseits maßt sie sich an, einer jungen Künstlerin aufgrund deren medialer Inszenierung eine Ferndiagnose zu stellen. Es ist weder nett noch seriös, aus ein paar öffentlichen Auftritten auf den tatsächlichen Zustand der Emanzipation einer Frau zu schließen, egal wie häufig sie vor Kameras die Zunge rausstrecken mag. Tatsächlich kann man am Aussehen einer Frau nie, wirklich nie, den Grad ihrer Befreiung ablesen, außer sie ist gerade gefesselt und geknebelt, aber auch das machen Leute bisweilen freiwillig. Es ist ja nicht mal einfach, den Zustand der eigenen Emanzipation zu bestimmen.

Das Dilemma unserer Zeit

An wem soll man sich messen – an anderen Frauen, an sich selbst zu einem früheren Zeitpunkt, am eigenen Idealbild? In ihrem Buch „Stillleben“ erzählt die Schriftstellerin Antonia Baum, wie sie ein Kind bekam und während der Schwangerschaft merkte, dass sie bestimmte Fragen verinnerlicht hatte: ob sie, wenn sie das Kind nicht bekommen würde, sich später als Frau unvollständig fühlen würde. Oder ob sie mit Kind nur noch gestresst sein würde und nicht mehr schreiben könnte. „Ich wusste, dass es Klischees waren, denen ich da hinterherdachte, und sie ließen mich trotzdem nicht in Ruhe.“ Als das Kind dann da war, stellte sie fest, wie gegensätzlich das Leben mit Baby zu allem war, was sie vorher gelebt hatte. Hier eine Arbeitswelt, die darauf ausgerichtet ist, stets erreichbar und in Bewegung zu sein, um immer weiterzukommen, und auf der anderen Seite das Leben mit einem abhängigen Wesen, das unaufhörlich Chaos produziert. Zwei Welten, die schwer zusammenzukriegen sind, solange die eine immer noch auf Männer ausgerichtet ist und die andere hauptsächlich von Frauen verwaltet wird: Frauen, die diese Gesellschaft am Laufen halten, mit Eigenschaften, Fähigkeiten, mit Kraft und Zeit, die man von ihnen erwartet, für die sie aber weder angemessen respektiert noch entlohnt werden. Es gibt in all diesen Debatten immer Menschen – Männer und Frauen –, die die Probleme kleinreden wollen.

Frauen, die sich beschweren, dass sie im öffentlichen Raum nicht genug gehört werden – und andere, die ihnen sagen, sie sollen nicht jammern, sondern machen. Frauen, die sexuelle Schieflagen ansprechen – und zu hören bekommen, es sei hier ja wohl viel besser als woanders, und sie sollten froh sein. Frauen, die vom Wahnsinn der Mutterschaft berichten und zu hören bekommen, sie seien narzisstische Gören, die sich nicht so anstellen sollen. Es bleibt ein ewiges Dilemma, Ungerechtigkeiten zu beschreiben, Zustände, wirklich schlimme Zustände, und gleichzeitig – nicht nebenbei, nicht hinterher, gleichzeitig! – zu sehen, wie weit wir gekommen sind und wie Menschen hart dafür gekämpft haben und weiterkämpfen, dass es besser wird. Dieses Dilemma wird bleiben, solange es keine Gleichberechtigung gibt, aber auf dem Weg dahin werden Frauen, die das Wort ergreifen, mehr und lauter werden, und es mag sein, dass die letzten Tage des Patriarchats sich noch eine ganze Weile ziehen werden. Aber sein Zerfall geht weiter, und in diesem langwierigen Prozess können wir der Kompostbeschleuniger sein oder, auch gleichzeitig, der riesige Kürbis auf dem Komposthaufen, und die wachsen oft ganz besonders gut.

Margarete Stokowski zählt zu den wichtigen feministischen Stimmen in Deutschland. Sie studierte Philosophie und Sozialwissenschaften in Berlin, wo sie als freie Publizistin (Spiegel Online, taz) und Buchautorin lebt. Ihr aktuelles Buch „Die letzten Tage des Patriarchats“ (Rowohlt, 20 Euro) erschien am 25.9.2018.

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