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Magazin-Artikel

MADAME-Kolumne: Von nichts getrieben zu sein, verändert uns zum Guten

Teresa Bücker, Autorin der MADAME-Kolumne, gibt Einblicke in den Lebensalltag - vom täglichen Trott über Selbstoptimierung und Wohlfühlfaktoren

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Von nichts getrieben zu sein, verändert uns zum Guten iStock

"The best version of myself"

Als ich kürzlich meinen Lebenslauf auf den neuesten Stand bringen wollte, dachte ich darüber nach, ob ich dort meine persönlichen Interessen auflisten sollte. Während man Hobbys in internationalen Lebensläufen selten findet, tauchen sie in deutschen häufig noch auf. Manche Personaler finden das sympathisch, andere unprofessionell. Ich entschied mich dagegen – aus Platzgründen und auch, weil ich merkte, dass ich dort nicht die Dinge frei hinschreiben konnte, die mir wirklich Spaß machen.

Viel komplizierter noch die Frage: Tue ich diese Dinge überhaupt regelmäßig? In einer Bewerbung zu erwähnen, womit man sich abseits des Berufs gern beschäftigt, hatte ursprünglich den Sinn, mehr über seine Persönlichkeit mitzuteilen. Vielleicht schreiben sogar heute noch Bewerberinnen hinein, was sie wirklich gern tun: gärtnern, Tango tanzen, mit ihrem Hund durch den Wald laufen. Doch die meisten treibt etwas anderes: Wie kann ich über meine persönlichen Interessen herausstellen, warum ich die perfekte Person für den Job bin?

Hobbys dienen dann der Selbstoptimierung. Sie sollen Charaktereigenschaften unterstreichen. Wer angibt, Kampfsport zu machen, Fremdsprachen zu lernen und philosophische Bücher zu lesen, möchte das Bild eines gesunden, durchsetzungsfähigen, wissbegierigen Menschen erfüllen. Immer auf dem Weg zur "best version of myself“. Unnützes Tun ist tabu. Diese Haltung offenbart einen strengen Blick auf uns selbst und andere. Wir schauen weniger danach, was wir brauchen, als auf das, was wir glauben, sein zu müssen. Genau das war es, was ich bemerkte, als ich darüber nachdachte, was meine Interessen über mich erzählen würden. Ich habe hohe Anforderungen an mich selbst und wie die meisten anderen Menschen: zu wenig Zeit.

Als Ausgleich zu einem Beruf, bei dem ich viel am Schreibtisch sitze, brauche ich Bewegung, um mich wohlzufühlen. Aber nicht nur. Wie viele Frauen bin auch ich nicht frei davon, schlank und sportlich sein zu wollen. Das regelmäßige Laufen macht mir den Kopf frei und ich habe dabei oft neue Ideen für Texte, doch ich laufe nicht nur aus diesen Gründen. Ähnliches gilt für meine kulturellen Interessen. Warum lese ich wirklich so viele Bücher, warum gehe ich ins Theater, in Museen? Natürlich, weil mich die Kunst inspiriert, aber auch, weil ich kulturell gebildet sein will und das von mir erwartet wird. Ich glaube, interessanter zu wirken, wenn ich erzähle, was ich in diesem neuen Buch dazugelernt habe, als wenn ich erzähle, dass ich mit meinem Freund einen entspannten Abend auf der Couch hatte.

"Ach daher kommt es, dass ich immer rastlos bin"

Wann waren Sie das letzte Mal faul? Wann haben Sie das letzte Mal etwas gemacht, das keinen Zweck erfüllte? Was vielleicht nur der eigenen Muße diente, der Erholung, was keinen anderen Sinn verfolgte, als im Moment zu verweilen und ganz bei sich zu sein? Welches Hobby hatten Sie als Kind? Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass Töchter von ihren Müttern lernen, wie sie ihre Freizeit nutzen können. Mütter also, die sich keine Pausen gönnen, die immer "busy“ sind und ihren Kindern nur Hobbys gönnen, in denen Leistung das Wichtigste ist, bringen neue Erwachsene hervor, die nicht entspannen können.

Als ich diese Erkenntnis mit meinen Freundinnen teilte, ging vielen von ihnen ein Licht auf: "Ach daher kommt es, dass ich immer rastlos bin.“ Dabei können wir nicht kreativ sein, wenn wir nur in Kategorien der Selbstoptimierung denken. Wir können nicht nachsichtig sein, wenn wir jede freie Minute sinnvoll nutzen wollen. Dieser viel zu hohe Anspruch an uns selbst versperrt uns den Blick auf die schönen Seiten des Lebens, schränkt unseren Optimismus ein und steht auch unserer Gesundheit im Weg – denn wir brauchen Pausen. Ich höre regelmäßig aus meinem Freundeskreis, wie harmonisch ihre Beziehungen plötzlich werden, sobald sie im Urlaub sind. Einmal von nichts getrieben zu sein, nicht performen zu müssen, verändert uns zum Guten.

Zurück im Alltag wird der Umgang miteinander wieder grober. Mehr Zeit für Tätigkeiten, die nichts als Freude bringen, könnte also sowohl unsere persönlichen Beziehungen als auch das Miteinander in unserer Gesellschaft positiv verändern. Uns vor allem über Arbeit und Leistung zu definieren, so wie wir Kinder für ihre Schulnoten loben, ist viel zu wenig. Bewusst zu leben, ein ganzer Mensch zu sein, bedeutet ebenso, zu wissen, was uns guttut, und nicht nur davon zu träumen. Könnte ich offen sein, stünden in meinem Lebenslauf als Wohlfühlmomente die Sauna (viel zu nackt!), lange Ausritte (der letzte ist fünf Jahre her) und ein noch unbekanntes Hobby, das ich mir in diesem Jahr suchen werde, um meinen Teil dazu beizutragen, zu mir selbst und anderen netter zu sein.

Diese Kolumne stammt von Teresa Bücker und ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 06/20 erschienen. Die MADAME-Kolumne erscheint monatlich im MADAME-Magazin und online.

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