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Magazin-Artikel

Kirche und Corona: So funktioniert der Glaube online

Moderne Menschen, moderner Dialog: Pfarrerin Theresa Brückner öffnet die evangelische Kirche für Social Media. Ein Trend, der durch Corona beschleunigt wurde

Social Media in Form von iPads in der Kirche
Social Media goes Kirche Foto: iStock

Fast 430 000 Austritte hätten beide Amtskirchen im vergangenen Jahr zu verzeichnen, meldete das ZDF kürzlich. Die Kirchen müssen sich dringend etwas gegen den Mitgliederschwund einfallen lassen. Wie wichtig und tröstend die Präsenz von InternetPastor*innen sein kann, hat gerade die Corona-Krise eindrucksvoll demonstriert. Mittlerweile hat die evangelische Kirche das ContentNetzwerk „yeet“ gelauncht, auf dem auch die Berliner Pastorin Theresa Brückner, 33, verlinkt ist. Wie verändert der digitale Raum die Sprache, den Dresscode und religiöse Themen?

Madame: Frau Brückner, unter dem Namen „theresaliebt“ bespielen Sie die Social Networks mit einem breiten Themenspektrum: Sie lesen aus der Bibel vor, posten das unaufgeräumte Spielzimmer Ihres Sohnes oder erzählen auch mal, während Sie zum Gottesdienst hetzen, wie fertig Sie sind, weil Ihr Kind Sie nachts wach gehalten hat. Eine ungewöhnliche Privatheit für eine Pfarrerin!

Theresa Bückner: Mein Kanal hat ja explizit nicht nur christliche Themen. Ich poste zum Beispiel auch, was es bedeutet, als Mama eines kleinen Kindes voll berufstätig zu sein, dass ich damit bestimmte gesellschaftliche Erwartungen nicht erfülle und dass mich mein Alltag manchmal überfordert. Ich finde, es ist wichtig, dass sich auch die Kirche an feministischen Themen beteiligt. Als Pfarrerin spüre ich diese Verantwortung.

Madame: Sie hätten nach Ihrem Studium und Examen auch klassische Gemeindepastorin werden können. Ihr offizieller Titel „Pfarrerin im digitalen Raum“ wurde 2019 extra für Sie geschaffen. Wie kam es dazu?

Theresa Brückner: Ich war noch im Vikariat, also in der praktischen Ausbildungsphase zur Pfarrerin, da erzählte ich als Referentin im Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg, dass ich über ein Tabuthema wie das Sterben auch auf Instagram berichte. Ich habe damals regelmäßig aus dem Hospiz gepostet, in dem mein Opa lag, natürlich datenschutzkonform. Ich wollte möglichst viel Zeit mit ihm verbringen und schrieb meine Studienarbeit bei ihm im Zimmer. Auf meine Posts haben viele reagiert, sie seien dankbar, dass über das Sterben gesprochen wird. Der Kirchenkreis hat dann entschieden, für 2019 eine digitale Stelle zu schaffen.

Madame: Gab es eine Job Description?

Theresa Brückner: Die Stelle wurde ganz offen konzipiert. Ich konnte frei gucken: Was hat eine sinnvolle Außenwirkung, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen? Und die Mehrheit findet es gut. Mir folgen Menschen, denen es oft genauso geht wie mir: berufstätige Mütter zum Beispiel, die vorher aus Zeitgründen nicht in Kontakt mit einer Pastorin gekommen sind. Oder Menschen, die sich für religiöse und spirituelle Themen interessieren.

Madame: Auf Social Media folgen Ihnen offenbar nicht nur „Digital Natives“.

Theresa Brückner: Auf Facebook sind es sogar eher Leute ab 45. Meine Hauptkanäle sind YouTube und Instagram. Ich hatte mal öffentlich gesagt, meine 17000 Follower auf Instagram seien bis 60 Jahre alt, da schrieb mir gleich jemand: „Ich bin übrigens 72 und folge dir auch!“ Das zeigt, dass sich das Medium noch mal geöffnet hat.

Madame: Sie bekommen aber auch Hasskommentare: „Stimme des Satans“, „substanzbefreite Selbstdarstellerin“, gekleidet „wie eine Bordsteinschwalbe“. Was macht das mit Ihnen?

Theresa Brückner: Sie beziehen sich auf meinen Post auf Instagram, einer Collage meiner „hübschesten“ Beleidigungen. Inzwischen tangiert mich das nicht mehr. Ich lösche das, lese es nicht mal. Aber es hat eine Weile gebraucht, bis ich so weit war. Ich habe mich mit Leuten ausgetauscht, die noch mehr in der Öffentlichkeit stehen als ich, habe mir einige Vorträge auf der Digitalmesse re:publik Berlin angehört, das hat geholfen. In der NDR-Talkshow, in der ich eingeladen war, hat Barbara Schöneberger so schön gesagt: „Wenn wir alle auf die Hassnachrichten hören würden, wären wir gar nicht mehr da.“ Aber ich habe letztes Jahr auch eine Mail zur Anzeige gebracht wegen sexueller Beleidigung.

Madame: Die Strukturen der Kirche sind stark männlich geprägt. Wurden Sie anfangs belächelt?

Theresa Brückner: Ja. Das Gefühl habe ich auch immer noch mal, aber nicht mehr so stark – weil die meisten gemerkt haben, welche Außenwirkung meine Arbeit hat. Wir haben als Team im Kirchenkreis überhaupt nicht damit gerechnet, dass meine Kanäle so öffentlichkeitswirksam und interessant für die Leute sind. Kritikern konnte ich entgegenhalten, dass man die Wirksamkeit sozialer Netzwerke schwer beurteilen kann, wenn man noch nie auf den Seiten war. Vor Corona habe ich Menschen in der Kirche sogar noch erklären müssen, dass das Internet keine Modeerscheinung ist, sondern sich längst durchgesetzt hat… Das ist hoffentlich, seit wir es alle in der CoronaKrise so oft genutzt haben, vorbei.

Madame: Sie beziehen als Pastorin im Netz explizit Stellung, wenn es um Menschenwürde geht. Was berührt Sie aktuell?

Theresa Brückner: Was ich jetzt in der letzten Zeit noch mal richtig anstrengend fand, sind die Auseinandersetzungen mit fundamentalen Christen und Christinnen, die meinen, dass das, was ich mache, nicht richtig für eine Frau sei und dass man als Frau zu schweigen habe. In fundamentalistischen Gemeinden wird auch „kein Sex vor der Ehe“ gelehrt, Sexualität wird dadurch für Jugendliche sehr schambesetzt. Andererseits gibt es diese Fülle pornografischer Inhalte im Netz. Wie entwickeln sie da ein gesundes Verhältnis zur Sexualität? Da fällt ja ganz viel rein: Geschlechteridentität, Auseinandersetzung mit Transidentität… Das sind alles Themen, bei denen die Kirche über viele Jahre zurückhaltend war und vieles aufzuarbeiten hat.

Madame: Als „Pastorin im digitalen Raum“ tragen Sie normalerweise Alltagskleidung. Als Sie und Ihre Familie aber im Frühjahr in Quarantäne mussten, haben Sie von zu Hause aus einen Gottesdienst gehalten, mit interessantem Dresscode…

Theresa Brückner: Ich trug ein ärmelloses Collar-T-Shirt für Frauen. Ich habe das schon eine ganze Weile, weil ich dachte, irgendwann kommt die Situation, in der ich es mal tragen möchte. Ich drehe immer im Kinderzimmer, weil es eine Tür zum Schließen hat. Ich musste also erst die Spielsachen wegräumen und wollte mich dann vor die weiße Wand stellen und die Predigt einsprechen. Das Collar-T-Shirt – übrigens von einer Schwedin, die speziell Mode für Pastorinnen designt – hat mir selbst geholfen, den Gottesdienst dieser Ausnahmesituation anzupassen.

Madame: Sie haben einen dreijährigen Sohn. Welches Rüstzeug für die Zukunft wollen Sie ihm mitgeben?

Theresa Brückner: Das Gefühl, unbedingt geliebt zu sein. Wir wollen unser Kind beziehungs- und bedürfnisorientiert erziehen, es soll seine Gefühle ausleben dürfen. Und natürlich wünsche ich mir von Herzen, dass er im Glauben und in der Kirche ein Zuhause finden kann. Aber das kann ich natürlich nicht für ihn entscheiden, ich kann ihm das nur vorleben. Seit er geboren ist, ist er regelmäßig mit uns in Gottesdiensten und Kirchengebäuden. Er turnt so gern da rum, und es ist ein Ort, von dem er weiß, da sind auch Mama und Papa. Und er sieht hoffentlich, dass der Glaube für seine Eltern etwas ist, das im Leben hält und trägt, auch wenn alles um einen herum zerbricht. Vor Leid kann ich ihn nicht bewahren, das gehört zum Leben dazu. Aber ich wünsche ihm, dass er eine gute Resilienz für sich erarbeiten kann.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im MADAME-Magazin 09/2020