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MADAME-Kolumne: Geschwisterbande

Teresa Bücker, Autorin der MADAME-Kolumne, hat selbst erfahren, wie tief und prägend die Verbindung zwischen Geschwistern ist – und warum auch Freunde von ihr profitieren

Gigi und Bella Hadid
Gigi und Bella Hadid drücken einander ihren Stempel auf und sind sich ein Leben lang nah Getty Images

"Du bist wie eine große Schwester für mich.“

Ist das nicht eines der schönsten Komplimente, das einem jemand machen kann? Die große Schwester kommt in der Idealisierung der perfekten Elternfigur nah, die Geborgenheit spendet. Sie kann Beschützerin sein, ohne einzuengen. Wir vertrauen ihrem Rat, ohne uns bevormundet zu fühlen. Ihre Kritik macht uns stärker.

Geschwister sind ein Sehnsuchtsort für das, was wir uns emotional von Beziehungen erhoffen. Sogar ohne selbst Schwestern oder Brüder zu haben, beschreiben wir die Geschwisterbeziehung als eine der engsten, die man mit einem Menschen erleben kann. Freundschaften, die man mit ihr vergleichen kann, zeichnet eine tiefe Verbundenheit aus. Als sei dieser Mensch schon immer da gewesen und nicht mehr aus dem Leben wegzudenken.

Ich bin kleine und große Schwester zugleich. Über Mittelkinder gibt es, genau wie über Erstgeborene und Nesthäkchen, eine Menge Mythen. Aber eine Geschwisterkonstellation ist so individuell wie jede Familie, und sie verändert sich im Laufe des Lebens. Meine Mutter erzählte mir, dass ich zu meiner jüngeren Schwester meist garstig war und sie nicht mitspielen ließ, wenn meine Freundinnen zu Besuch waren.

Heute ist meine Beziehung zu ihr lose und gleichzeitig innig. Gespräche mit ihr brauchen kein Warmwerden. Das Grundvertrauen ist da, ein großes Interesse an dem, was sie gerade bewegt, und vor allem die schwesterliche Empathie: Ich will, dass sie glücklich ist, und es bricht mir das Herz, wenn es ihr nicht gut geht. Ich dulde kein schlechtes Wort über sie. Die einzige Gewaltfantasie, die ich in meinem Leben hatte, richtet sich gegen den Mann, der meiner kleinen Schwester sehr wehtat. Als große Schwester wird man zur Löwenmama.

Geschwister: Ergänzung und Abgrenzung zugleich

In Geschwistern sehen wir immer einen Teil von uns selbst: Wir teilen nicht nur Gene, wir teilen ein ganzes kleines Leben voller intimer Momente, die uns geprägt haben. Auch durch unsere Schwestern und Brüder werden wir zu den Personen, die wir sind. Von ihnen kann man sich Dinge abschauen und stolz den Pulli tragen, der dem großen Bruder zu klein geworden ist.

Durch die Abgrenzung zu ihnen gelingt es, herauszufinden, was man selbst gern möchte und was nicht. Wenn das Geschwisterkind den Beruf ergreift, den sich die Eltern wünschen, bekommt man selbst mehr Freiheiten, einem ganz anderen Weg zu folgen. Geschwister machen unsere Welt ein bisschen größer, auch wenn es sich als Kind vielleicht anders angefühlt hat, wenn wir teilen mussten.

Wie sich Geschwisterbeziehungen entwickeln, hängt auch von den Eltern ab. Sie können Konkurrenz zwischen ihren Kindern schüren und deren Selbstbewusstsein beeinflussen, indem sie ein Kind für bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen bevorzugen. Kinder lernen dann, wie man sich verhalten muss, um akzeptiert und geliebt zu werden. Doch woher weiß man als Mutter oder Vater, wie man Geschwister fair behandelt?

Ich bekomme in wenigen Wochen mein zweites Kind und werde wieder ins kalte Wasser springen. Ob sich die Liebe für dieses Kind anders anfühlen wird, weiß ich noch nicht. Aber wäre das überhaupt schlimm? Ich kann die Liebe zu den Männern, mit denen ich im Laufe meines Lebens zusammen war, nicht vergleichen. Jede meiner Freundschaften ist auf ihre Weise unverzichtbar. Auf ähnliche Weise könnte der Blick auf Geschwisterkinder gelingen: Egal ob Baby oder Teenager – Kinder sind immer ein eigener Mensch. Das Kind, das ich bekomme, wird anders sein als das erste. Wie könnte die Liebe zu ihm überhaupt vergleichbar sein?

Geschwisterbande prägen Generationen

Vielleicht ist das sogar ein Grund, warum ich eine größere Familie wollte. Ich war neugierig darauf, wie unterschiedlich meine Kinder sein würden. Schließlich ist schon meine Tochter ganz anders als ich, und ich staune seit fünf Jahren jeden Tag aufs Neue, woher dieser kleine Mensch seine Persönlichkeit hat.

Wie kann ich als introvertierte Frau ein Kind zur Welt gebracht haben, das ein 24/7-Stand-up-Comedy-Programm ist? Der Wunsch danach, dass meine Tochter mit Geschwistern aufwachsen kann, stammt aber vor allem aus meiner eigenen Erfahrung. Wenn ich gefragt würde, für was ich meinen Eltern dankbar bin, dann zuerst dafür, dass sie mir einen Bruder und eine Schwester geschenkt haben. Ohne sie wäre ich heute eine andere Person.

Meine Konfliktfähigkeit, immer die Nerven zu behalten und das Wissen, dass mit Solidarität alles besser wird, habe ich durch sie gelernt. Diese Schwesterlichkeit kann ich heute an alle weitergeben, die mir ebenso wichtig sind wie sie. Um eine große Schwester zu sein, braucht es nicht die gleichen Eltern – wir können jederzeit damit anfangen, diese Person für andere zu sein.

Diese Kolumne stammt von Teresa Bücker und ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 04/20 erschienen. Die MADAME-Kolumne erscheint monatlich im MADAME-Magazin und online.

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