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Magazin-Artikel

MADAME-Kolumne: Eine Frage des Anstands

Schade, dass wir erst in Krisenzeiten merken, auf was es wirklich ankommt – und auf wen. Teresa Bücker, Autorin der MADAME-Kolumne, fragt sich: Geht’s nicht generell etwas dankbarer?

Mann und Frau besteigen Berg
Die neue MADAME-Kolumne beschäftigt ich mit der aktuellen Lage der Welt 2020 iStock

MADAME-Kolumne von Teresa Bücker

Ausgerechnet die Menschen, die es zu ihrem Beruf gemacht haben, sich um andere zu kümmern, bekommen für ihren Einsatz zu wenig Geld: in Krankenhäusern, Seniorenheimen, Kitas und auch an der Supermarktkasse, wo sie für ältere, oft einsame Kunden ein offenes Ohr haben. Dass die niedrigen Löhne zu Personalmangel führen, ist nur logisch. Viele Gehälter reichen schon jetzt kaum, um davon die Miete zu bezahlen. Teilzeitkräfte in der Pflege oder im Einzelhandel müssen oft aufstocken. Übrigens wieder einmal besonders betroffen: die Alleinerziehenden, denen schlicht die Energie und Zeit fehlt, für ihre Bedürfnisse Lobbyarbeit zu betreiben.

Wir wissen das alles ja schon lange. In den letzten krisenhaften Monaten ist dieses Thema aber endlich auch auf die Agenda der Nachrichtenmacher gerutscht. Warum wohl? Weil viele derer, die sich sicher wähnten, plötzlich ihr eigenes Sicherheitsnetz prüfen mussten? Als ich schon mehrere Monate mit meinem zweiten Kind schwanger war, kam mir plötzlich der Gedanke: „Bin ich verrückt, noch ein Kind zu bekommen? Es fehlen mindestens 300 000 Kitaplätze in Deutschland, und wir werden für unseres lange keinen Platz bekommen. Wie arbeiten wir dann?“ Wenn ich mit Freundinnen über die Angst vor Altersarmut spreche, gehen wir davon aus, dass bei uns selbst die Rente nicht gerade üppig sein wird. Aber dass die Verkäuferin in der Drogerie und der Bote, der unsere Paketeliefert, trotz Mindestlohn nicht von ihrer Rente werden leben können, das nehmen wir schulterzuckend hin.

In unseren Köpfen sitzt ein Mythos, den wir dringend vertreiben müssen: dass die meisten Menschen in ihren Jobs faire Gehälter bekommen. Denn die Summe, die man monatlich in all den unterschiedlichen Jobs verdient, hat viel zu wenig mit Leistung oder der vorangegangenen Ausbildung zu tun. Logisch ist es jedenfalls nicht zu erklären, dass eine Erzieherin, die sich um die kleinen Menschen kümmert, die unsere Zukunft sind, so wenig Geld dafür bekommt. Ich wäre nicht tough genug für diesen Beruf, und doch verdiene ich besser als sie.

Das Wort, das in der Corona-Krise plötzlich auftauchte, kühl klingt, aber Wertschätzung ausdrücken soll, heißt „systemrelevant“. Es beschreibt die Menschen, die nicht im sicheren Homeoffice sitzen konnten, sondern die draußen weiterarbeiteten, damit der Alltag nicht zusammenbricht. Wirkt es nicht wie ein kosmischer Unfall, dass ausgerechnet all diese wichtigen Jobs schlecht bezahlt werden?

Würden wir unseren Kindern empfehlen, systemrelevante Jobs zu ergreifen?

Ich konnte in den ersten Wochen der Krise kaum noch ohne schlechtes Gewissen einkaufen gehen und die Angestellten im Supermarkt sehen, die bei ihrer Arbeit ein hohes Ansteckungsrisiko in Kauf nahmen und Überstunden machten, um Klopapier und Schokolade nachzufüllen. Die beschimpft wurden für fehlende Ware und die, obwohl sie so wichtig sind und immer schon waren, abends nicht in eine großzügige Altbauwohnung zurückkehren würden mit einer guten Flasche Wein. Die meisten von ihnen mussten in diesem Sommer nicht einmal einen Urlaub absagen – zu teuer –, und sie werden am Ende der Corona-Monate auch keine Reise planen, obwohl ihre Erholung so sehr verdient wäre. Von ihrem systemrelevanten Job können sie sich wenig kaufen. Genauso wenig wie vom Klatschen der Nachbarn auf dem Balkon.

Wie kann man also diesen Menschen Danke sagen? Vielleicht muss man dazu erst einmal um Entschuldigung bitten: „Es tut uns leid, dass auf eure Berufe herabgeschaut wird, dass wir sie unseren Kindern niemals empfehlen würden und dass wir zu wenig dafür getan haben, dass ihr ein faires Gehalt bekommt. Entschuldigt bitte, dass wir uns lange für etwas Besseres hielten, nur weil Glück und Zufall es gut mit uns meinten.“ Diese Entschuldigung ernst zu meinen, impliziert schon das Danke. Denn aufrichtiges Entschuldigen muss mit einer Verhaltensänderung einhergehen.Wer auch über die Corona-Zeit hinaus denkt, dass die Heldinnen und Helden der Krise nicht nur Ärztinnen und Virologen waren, sondern ebenso Pflegekräfte, Kassiererinnen, Paketboten und Erzieherinnen in der Notfallbetreuung, der muss sich dafür einsetzen, dass die Arbeitsbedingungen besser werden und die Gehälter auf das Niveau steigen, das eine Heldin oder ein Held verdient. Dazu gehört ein großes Interesse an Politik, um zu überblicken, wer welche Verbesserungen plant – und die Partei dann auch zu wählen. Wer die Wertschätzung ernst meinte, der muss sich für diese Berufe so einsetzen, dass man dem eigenen Sohn gern empfehlen würde, zum Beispiel Pfleger zu werden. Dafür würde ich sehr gerne Beifall klatschen.

Dieser Artikel wurde von Teresa Bücker für die MADAME 07 Ausgabe geschrieben.

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