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Familie

Lunch mit... Veronica Etro

Zum Cappuccino mit Erdbeeren und Hörnchen treffen wir die Modedesignerin, um über Fashion mit Botschaft, den Musikgeschmack ihrer Kinder und ihre Arbeit in einem Familienunternehmen mit drei Brüdern zu sprechen

Portrait Illustration von Veronica Etro
Petra Winter traf Modedesignerin Veronica Etro zum Lunch Illustratoren.de/Jessine Hein

Lunch mit... Veronica Etro

Die Welt von Veronica Etro ist heiter und farbenfroh. Wie die Muster ihrer Kleider mit dem berühmten Paisley. Darum verwundert es nicht, dass ihr Büro im Headquarter des Familienunternehmens an der Mailänder Via Spartaco einer Wunderkammer gleicht – mit kleinen Artefakten, bunt espannten Sesseln, einem runden Flokati und allerlei Mitbringseln und Erinnerungsstücken in den Regalen. Man bestaunt einen antiken chinesischen Drachenstoff, eine menschenhohe Cola-Flasche, der Etro ein Paisley-Kleid verpasst hat, und die vielen Bücherstapel auf einem überdimensionalen, fuchsiafarbenen Schreibtisch. Dazwischen hat ihre Assistentin das Frühstück hergerichtet: eine appetitliche kreisrunde Ansammlung perfekter Erdbeeren, eine Platte mit kleinen Hörnchen und Keksen, ein Tablett mit Wasser und Säften. Die Designerin hatte einen Tag nach ihrer Herbst/Winter-Show 2019/20 gebeten, unser Lunch in ein spätes Frühstück zu verwandeln, weil das Wochenende nach dem großen Trubel der halbjährlichen Fashion Show traditionell ihrer Familie gehört, ihrem Mann Alessandro und den zwei Söhnen Filippo und Lorenzo, zehn und 14 Jahre alt. Veronica Etro heißt mich mit einem strahlenden Lachen und einer herzlichen Umarmung willkommen. Ihre Füße stecken in schwarzen Samtslippern, verziert mit Hundegesichtern. Sie trägt eine Hose im Zigarettenschnitt, natürlich mit Paisley-Muster, und einen schwarzen Wollsweater mit ausgefransten Säumen und einem kleinen Wappen am Ärmel. Ihre langen schwarzen Haare fließen leicht wellig über Schulter und Rücken. Nachdem wir ein wenig durchs Büro mäandert sind, sie dieses und jenes erläutert hat, setzen wir uns. Sie bestellt bei einem Mitarbeiter zwei Cappuccini, schenkt Wasser ein und schiebt die Platten mit Früchten und Hörnchen in meine Nähe. Der Duft der Erdbeeren erfüllt den ganzen Raum. Etros Deutsch ist perfekt, nachdem sie als Kind die deutsche Schule in Mailand besucht hat. Sie wechselt dann trotzdem ins Englische. Das falle ihr leichter. England, das sei auch das Stichwort für ihre neue Kollektion: exaktes Tailoring, viktorianische Blusen, schottisches Karo, Korsagen, Jodhpur-Hosen und Minikleider – anders als mit den gewohnten fließenden, langen und hippiesken Roben hatte Veronica Etro die Fashion-Show-Besucher mit einer neuen Facette der 50 Jahre alten Marke überrascht. Sie möchte wissen, wie man das empfunden habe. Und erklärt dann, dass sie nach der 50-Jahre-Feier und -Ausstellung im vergangenen Jahr und nachdem sie alle Archive noch mal aufgearbeitet hatte, beschlossen habe, dass nun ein Kapitel zu Ende sei. „Trotzdem steht das Paisley nach wie vor im Zentrum“, sagt sie mit mädchenhafter Stimme. „Ich habe die Kollektion ‚Aristocratic Indies‘ getauft. Indies steht für Independent Music.“ Seriös und vertraut auf der einen, experimenteller und verrückter auf der anderen Seite sollte die neue Mode sein. „Und bei allem zeitlos.“ Auf einem Tablett werden die Cappuccini hereingetragen, Decaf mit Süßstoff für sie. Sie lächelt ihren Mitarbeiter an und bedankt sich.

„Ich will reale Frauen mit einem realen Leben in realer Mode zeigen.“
Veronica Etro, Modedesignerin

Als sie den Faden wieder aufnimmt, erzählt sie, dass ihr beim Casting der Models wichtig gewesen sei, Frauen aller Altersgruppen auf den Laufsteg zu schicken. Und so defilierten neben den aktuell angesagten jungen Model-Gesichtern auch Frauen wie Tatjana Patitz mit ihren 52 Jahren, die 41-jährige Alek Wek sowie Jacquetta Wheeler, 37, über den Runway. „Tatjana war eine meiner Superheldinnen der 90er“, sagt Veronica Etro mit leuchtenden Augen. „Ich will reale Frauen mit einem realen Leben in realer Kleidung zeigen“, fasst sie ihre Idee zusammen. Sie mag den Gedanken, dass man Etro-Kleidung nicht von Saison zu Saison austauschen muss, sondern dass alte und neue Teile aufeinander aufbauen, sich ergänzen. Das Gute an den Mustern und Farben sei, dass man sie mixen und matchen könne. Nachhaltigkeit ist ein Thema, das ihr sehr am Herzen liegt.

Es war ihr Vater, Gimmo Etro, heute 79 Jahre alt, der das indische Blattmuster für Stoff-Prints entdeckte und es zur DNA der 1968 gegründeten Firma machte. Paisley wird es genannt, seit es mit britischen Soldaten nach Schottland kam und dort in der Stadt Paisley verarbeitet wurde. „Ich wurde von meinem Vater als Kind oft gefragt, welche Stoffe und Muster ich mag. Ich habe immer gern Collagen gemacht, geklebt, gestickt. Das war ein Spielplatz für mich und ist es bis heute. Ich habe nie darüber nachgedacht, dass das Paisley ein schweres Erbe sein könnte oder ob ich die Nase voll habe davon. Am Ende ist es ein sehr vielseitiges Muster, man kann es unendlich interpretieren. Es ändert immer wieder sein Gesicht, seine Seele. Es kann traditionell, rockig, psychedelisch und aristokratisch sein. Ein Unisex-Muster.“ Gimmos Kinder, Veronica und ihre Brüder Ippolito, Kean und Jacopo, haben das Muster aufgesogen und arbeiten heute alle in der Firma. „Langeweile oder Überdruss – diese Wörter existierten bei uns nicht.“ Ihr persönlich habe besonders gefallen, dass sie ständig von Schönheit und Kunst umgeben gewesen sei. Heute lässt sich die Designerin besonders von Reisen nach Asien inspirieren. „Die Entstehung einer neuen Kollektion ist dann wie eine Schwangerschaft“, meint sie und lacht. „Man trägt die Ideen sehr lange mit sich herum, verarbeitet, verwirft, verschiebt alles hin und her – und die Show ist dann wie eine Geburt.“ Für Veronica war es immer natürlich, mit der Familie, mit ihren Brüdern zusammenzuarbeiten.

„Ich sehe, wie wichtig es ist, mit beiden Füßen auf dem Boden zu bleiben und das an meine Kinder zu vermitteln.“
Veronica Etro, Modedesignerin

„Jeder ist unabhängig in seinem Bereich, jeder hat seine eigene Freiheit, und an manchen Schnittpunkten treffen wir uns dann.“ Die Aufgabenverteilung hat sich ergeben: Jacopo macht die Homewear, Kean die Menswear und Ippolito ist der Mann für Finanzen und Strategie. Wie ein Puzzle seien die Teile an ihren Platz gefallen. „Ich weiß, was Frauen wollen, so war es eine natürliche Sache, dass ich die Damenkollektionen mache.“ Studiert hat Veronica Etro am Central Saint Martins in London. Wichtig war ihr, dass das College zuvor eine Kunstschule gewesen war und dass es nicht nur um Kleidung ging. „Wir haben Kunst, Schmuck, Schaufenstergestaltung, Theaterproduktionen gemacht. Für mich hat sich da ein ganzes Universum aufgetan.“ Diese Vielseitigkeit liebt sie auch heute noch an ihrem Job. Bei den Shows bezieht sie den ganzen Raum mit ein, macht sich Gedanken über die richtige Musik, die Bühne, die Accessoires. Für die Herbst/Winter-Show hat Etro zum ersten Mal seit vielen Jahren die Location gewechselt. Ihre Wahl fiel auf die Musikhochschule Giuseppe Verdi. „Sie ist für mich die Quintessenz Mailands. Ich erinnere mich daran, dass ich als Kind öfter an dem Konservatorium vorbeigegangen bin und immer fasziniert von den Klängen der übenden Studenten war.“ In ihren Träumen war die junge Veronica Sopranistin und beherrschte ein Instrument. „Leider musste ich einsehen, dass das nicht meinen Talenten entsprach“, sagt sie. Heute ist ihr Musikgeschmack sehr gemixt. Während der Show wurde The Clash mit Verdi gemischt. Aber als Mutter von zwei Jungs müsse sie sich auch Trap, technical Rap, anhören. Wie man seinen Musikgeschmack von Zeit zu Zeit infrage stellen sollte, müsse man auch in der Mode Hergebrachtes überdenken, meint Etro. Sie empfindet das als großen Spaß. „Die Menschen brauchen nicht einfach mehr Kleidung, sie brauchen Kleidung mit Werten. Eine hübsche Kollektion reicht nicht mehr. Die Leute wollen die Geschichte dahinter wissen, die Inspiration, die Bedeutung, die Herkunft der Materialien, für wen ich die Kleider gemacht habe, wer das tragen soll. Man muss eine Welt eröffnen. Und man muss eine Geschichte erzählen mit echten Emotionen, mit authentischem Hintergrund und Botschaften.“ Ihre ist es, Frauen schön zu machen, egal mit welcher Kleidergröße. „Jede hat andere Stärken, die man betonen kann.“ Und wenn – wie jetzt bei der Show am Vortag – ein Model nicht in das Sample passt, dann sei es klar, dass man das Kleid ändere und nicht das Mädchen auswechsle. Sie nimmt einen Schluck Cappuccino und beißt in ein Hörnchen. Hat ihr Dasein als Mutter ihre Arbeit beeinflusst? „Sicher“, sagt sie. „Ich sehe, wie wichtig es ist, mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben und das auch an meine Kinder zu vermitteln.“ In der Show sitzen ihre Jungs nicht selbstverständlich in der Front Row. Genauso wie sie selbst nehmen die Kinder meistens den Bus. „Und ich passe auf, dass sie bewusst konsumieren, etwa wenn die beiden neue Klamotten oder ein Smartphone haben wollen.“ Der Ältere ist seit einem Jahr mit einem Gerät ausgestattet, der Kleine noch nicht. No Social Media, no Instagram – das ist ihre Policy. Weil sie kein schlechtes Beispiel abgeben will, ist Veronica Etro selbst auch nicht auf Instagram unterwegs. „Außerdem mag ich menschliche Kontakte und rufe lieber eine Freundin an, um zu quatschen.“ Die Haltung, sein Leben Instagram-tauglich aufzubereiten, erschließe sich ihr nicht. „Ich habe ein sehr normales Leben, das ist ohnehin viel zu langweilig.“ Zu ihrem normalen Leben gehören regelmäßige Familienzusammenkünfte, das gemeinsame Essen mit den Eltern. Ihr Bruder Jacopo lebt nur ein Stockwerk tiefer. Für die italienische Küche daheim ist ihr Mann Alessandro zuständig. Er sei da im Gegensatz zu ihr sehr begabt. Wenn die Etros außerhalb essen, dann immer alles außer italienisch: chinesisch, japanisch, indisch … Und wenn sie sich vom Fashion-Wirbel der italienischen Mode-Metropole erholen möchte, reist Veronica Etro ans Meer, am liebsten in das Familienhaus auf Ibiza. Jetzt hat sie erst einmal ein erholsames Wochenende vor sich, das für sie beginnt wie für Millionen von Müttern: Als wir uns verabschieden, erzählt sie, dass sie noch in den Supermarkt müsse und dass die Kinder ein neues Geodreieck für die Schule bräuchten. Herrlich!

Dieser Artikel ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 05/19 erschienen.

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