Lebensmittelverschwendung vermeiden

Allein in Deutschland landen laut WWF jährlich über 18 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Gleichzeitig hungern weltweit 795 Millionen Menschen. Im Interview verrät die Welthungerhilfe, was wir gegen Lebensmittelverschwendung tun können. Außerdem: 8 Tipps, wie Sie Verschwendung vermeiden und besser erkennen, ob ein Lebensmittel wirklich reif für die Tonne ist.

Privatpersonen sind der größte Faktor in Sachen Lebensmittelverschwendung

Privatpersonen sind der größte Faktor in Sachen Lebensmittelverschwendung

Lebensmittelverschwendung: Ein Problem

Wann haben Sie zuletzt ein Lebensmittel in den Müll geworfen? Wahrscheinlich ist das gar nicht allzu lange her. Denn jeder Deutsche entsorgt laut Zu gut für die Tonne jährlich 55 Kilo Nahrungsmittel. Das sind rund 150 Gramm täglich. Damit sind Privatpersonen in Sachen Lebensmittelverschwendung ganz oben. Industrie, Handel und Großverbraucher liegen deutlich unter privaten Haushalten. Dabei ist das meiste, das wir wegwerfen, noch essbar. Auch wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum bereits überschritten ist.


Die meisten Lebensmittel sind auch nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums genießbar

Zu diesem Thema möchte ich ein Erlebnis mit Ihnen teilen: Ich war bei einer Freundin zu Besuch. Wir wollten uns als Snack Naturjoghurt mit frischen Früchten zubereiten. Als sie den Deckel vom Joghurt abziehen möchte, sagt sie plötzlich „Mist, der Joghurt ist nicht mehr gut.“ Ich wende ein, dass sie ihn doch erst einmal öffnen und umrühren könnte, schließlich war das Mindesthaltbarkeitsdatum nur um zwei Tage überschritten. Doch sie blieb bei ihrer Meinung, der Joghurt schien sich aus ihrer Sicht innerhalb dieser zwei Tage in eine hochgefährliche Substanz verwandelt zu haben, die nur eines wollte: uns umbringen!
Joghurt ist nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums noch viele weitere Tage genießbar

Joghurt ist nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums noch viele weitere Tage genießbar



Todesmutig, wie ich bin, öffnete ich den Joghurt eigenhändig und rührte diesen um. Meine Freundin ekelte sich sichtlich und weigerte sich, ihn auch nur zu probieren.  Für diese Ignoranz habe ich angesichts der Nahrungsmittelverteilung auf dieser Welt kein Verständnis. Lebensmittel sind zu kostbar, um sie im verzehrbaren Zustand in die Tonne zu schmeißen. Gerade heute ist es wichtig, bewusst und nachhaltig zu leben. Falls du das liest: Der Joghurt war köstlich – und ich habe deine Portion gerne mitgegessen.

Frankreich als Vorbild

Frankreich ist in dieser Hinsicht ein gutes Vorbild: Seit 2016 gibt es in unserem Nachbarland ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung. Dieses legt fest, dass Supermärkte verzehrbare Lebensmittel nicht entsorgen dürfen. Stattdessen müssen diese gespendet oder zu Tiernahrung weiterverarbeitet werden. Eine solche Gesetzgebung wäre auch in Deutschland wünschenswert.

Die Welthungerhilfe im Interview

Im Interview berichtet die Welthungerhilfe von der Lebensmittelverschwendung in Deutschland und was Unternehmen und der einzelne Mensch tun können, um die Zustände zu verbessern.

Madame.de: Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptursachen für Lebensmittelverschwendung?
Welthungerhilfe: Jährlich landen weltweit etwa 1,3 Milliarden Tonnen Nahrungsmittel in der Mülltonne. Etwa ein Drittel der produzierten Nahrungsmittel gehen bereits bei der Herstellung oder dem Transport verloren, verderben in Lagern, Läden oder Haushalten. Grund dafür sind im Süden die schlechten Transportwege bis zu den Märkten und auch fehlende Kühlketten und schlechte Lagerungsmöglichkeiten. In den Industrieländern werden etwa 40 Prozent der Nahrungsmittel durch die Endverbraucher – also jeden von uns der einkauft – weggeschmissen. Das ist der größte Anteil. Dies liegt daran, dass zu viel eingekauft wird und Lebensmittel nicht mehr richtig wertgeschätzt werden. Und im Groß- und Einzelhandel wird aussortiert, was nicht der Norm entspricht oder auch zu viel war.   

Was können große Unternehmen und kleine Betriebe gegen die Lebensmittelverschwendung tun?
Das Wichtigste ist eine neue Wertschätzung. Für jede Tomate und jedes Brot braucht es nicht nur Saatgut, sondern auch Wasser und Treibstoff für den Anbau. Deshalb sollten auch Betriebe nur so viele Produkte herstellen oder einkaufen, wie auch wirklich benötigt werden. In Kantinen sollten regionale und fair gehandelt Produkte angeboten werden.

Wie kann der einzelne Mensch einen Teil beitragen, die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren?
Es beginnt beim Einkaufen. Eine Liste hilft nur das einzukaufen, was auch wirklich gegessen wird. Reste können oft einfach eingefroren oder zu Suppe verarbeitet werden. Viele Produkte sind zudem genießbar auch wenn das Verfallsdatum schon abgelaufen ist. Regionale Produkte sollten den Vorrang haben.
Eine Liste hilft dabei, bewusster einzukaufen

Eine Liste hilft dabei, bewusster einzukaufen


Haben Sie den Eindruck, dass die Gesellschaft in den vergangenen Jahren ein besseres Gespür für die Problematik bekommen hat und mehr auf ihr Verhalten achtet?
Auf jeden Fall. Es gibt gerade unter jungen Leuten Food Share Abende, bei denen man von Haus zu Haus geht und jeder einen Gang kocht. Es gibt Aktionen, bei denen aus Resten ein neues Mittagessen gekocht wird – daran beteiligen sich auch bekannte Köche. Und auch Kantinen und Schulküchen haben erkannt, dass regionale Produkte ankommen und ein Nachtisch pro Schüler ausreicht.

Mit diesen 8 Tipps der Welthungerhilfe fällt es Ihnen leichter, auf Ihren Umgang mit Lebensmitteln zu achten


1. Bewusst einkaufen: Eine Einkaufsliste ist der Schlüssel zum Erfolg: So können Sie besser planen und entsprechend einkaufen. Außerdem gilt: Klasse statt Masse. Auf dem Markt können Sie im Gegensatz zu vielen Supermärkten und Discountern auch kleine Mengen kaufen.

2. Kurzes Mindesthaltbarkeitsdatum: Greifen Sie, wenn Sie für das Abendessen einkaufen, ruhig zu den Produkten, die ein kurzes Mindesthaltbarkeitsdatum haben. Sie verbrauchen die Lebensmittel ohnehin heute Abend.

3. Reste-Partys: Packen Sie Ihre Reste ein und treffen Sie sich mit Freunden zum Reste kochen. Hier kommt ganz bestimmt ein köstliches Menü auf den Tisch.

4. Großmutter als Vorbild: Obst und Gemüse kann man hervorragend einkochen und so zu köstlichen Speisen weiterverarbeiten. Wie wäre es beispielsweise mit Kürbis-Chutney oder Erdbeermarmelade?

Aus frischen Erdbeeren lässt sich einfach eine köstliche Marmelade kochen

Aus frischen Erdbeeren lässt sich einfach eine köstliche Marmelade kochen



5. Vertrauen Sie Ihren Sinnen: Ein Joghurt ist noch lange nicht ungenießbar, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum dies behauptet. Vertrauen Sie Ihren Sinnen. Wenn der Joghurt gut aussieht und riecht, ist er essbar. Nur bei Fleisch und Fisch sollte man sich an das angegebene Datum halten.

6. Richtig schnippeln: Viele Lebensmittel müssen nicht geschält werden. Essen Sie bei der Kiwi ruhig die Schale mit. Den Brokkoli-Stiel kann man übrigens auch wunderbar essen.

7. Stolzer Essensretter: Bei Instagram kann man nicht nur schöne Urlaubsfotos, sondern auch tolle Ideen und Life Hacks teilen. Posten Sie ruhig Ihre selbstgekochte Marmelade oder den abgelaufenen Joghurt – so regen Sie Ihre Freunde zum Nachdenken an. Unter dem Hashtag #esreichtfüralle finden Sie viele solcher Beiträge.

8. Essen verbindet: Sie fahren  in den Urlaub und der halbe Kühlschrank ist noch voll? Eine gute Gelegenheit, um die Nachbarn kennenzulernen. Bieten Sie Ihnen die Lebensmittel an – über geschenktes Essen hat sich noch niemand beschwert.

So erkennen Sie, ob ein Lebensmittel wirklich reif für die Tonne ist

- Molkereiprodukte: Milch, Joghurt, Butter und Co sind meist noch mehrere Wochen nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums genießbar. Probieren Sie das Produkt einfach. Ihre Sinne werden Sie nicht täuschen.

- Backwaren: Solange Brot und Brötchen nicht schimmeln oder steinhart sind, kann man diese unbedenklich essen.

Brot ist erst nicht mehr gut, wenn es schimmelt

Brot ist erst nicht mehr gut, wenn es schimmelt



- Fisch und Fleisch: Nach Verbrauchsdatum lieber nicht mehr essen. Wenn Sie mit dem Finger eine Delle in den Fisch drücken und diese nicht mehr verschwindet, ist der Fisch nicht mehr gut. Weitere Anzeichen, dass Fisch und Fleisch nicht mehr verzehrt werden sollten,  sind Schmierigkeit und ein fauliger oder säuerlicher Geruch.

- Saft: Fruchtsaft ist meist noch mehrere Wochen nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums trinkbar. Wenn der Saft schimmlig wird und gärig riecht, sollten sie ihn nicht mehr trinken.

- Gewürze, Kaffee und Tee: Diese Produkte sind noch mehrere Monate nach Ablauf des Verbrauchsdatums genießbar. Kleine Käfer und ein andersartiger Geruch, dass ein Produkt nicht mehr genutzt werden sollte.

- Konserven: Konserven sind auch mehrere Jahre nach Ablauf des Verbrauchsdatums essbar. Eine starke Verbeulung deutet darauf hin, dass die enthaltenen Lebensmittel nicht mehr gut sind.

- Reis und Nudeln: Diese Kohlenhydrate kann man noch mehrere Jahre nach Ablauf des Mindeshaltbarkeitsdatums essen. Weißer oder hellgrauer Belag sind Hinweise, dass die Ware nicht mehr gut ist.

- Wein: Wein schmeckt auch mehrere Jahre nach dem Verbrauchsdatum gut. Wenn der Wein trüb ist und nach Essig riecht, sollten Sie ihn nicht mehr trinken.


Eine ausführliche Übersicht mit Lagerungshinweisen finden Sie online bei der Verbraucherzentrale Hamburg.