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Magazin-Artikel

Kristen Stewart im Interview über ihren neuen Film und die Freundschaft zu Karl Lagerfeld

Vor zehn Jahren zerbrach sie fast am Hype um die „Twilight“-Filme. Mit MADAME sprach sie über ihre neue Gelassenheit, Kunst als politisches Statement und ihre Freundschaft zu Karl Lagerfeld

Kristen Stewart im Interview
Die Meinung anderer sei ihr nicht mehr so wichtig wie früher, erzählt sie im MADAME-Interview. Getty Images

Kristen Stewart: Schauspielerin und Stil-Ikone

Wir alle kennen sie aus ihrer "Twilight"-Zeit, als süße, ewig liebeskranke, vom Schicksal gepeinigte Bella Swan. Während die Teenies damals kreischten, wirkte "KStew" bei Events und auf Fotos verschlossen, kühl, sogar schlecht gelaunt, als würde sie die Publicity-Manöver der Studios verachten.

Zehn Jahre ist das her. Die Kristen Stewart, die uns heute gegenübersitzt, kurzhaarig und kaum geschminkt, wirkt frei, entspannt, lebendig. Sie gestikuliert beim Sprechen mit den Händen, redet mit klarer, fester Stimme, flucht gerne und lächelt noch lieber. Die 29-jährige Amerikanerin hat die Regie in ihrem Leben übernommen. Munter mixt sie Popcorn-Komödien wie "3 Engel für Charlie" mit französischem Arthouse ("Personal Shopper"), dreht lieber mit Freunden als fremden Regiemeistern, gesteht sich auch mal Fehler zu, probiert sich aus, liebt mal Mann, mal Frau. Ende letzten Jahres verkündete sie, sie könne sich eine Hochzeit mit Freundin Dylan Meyer, einer Drehbuchautorin, vorstellen.

Nun empfiehlt sie sich mit der Hauptrolle im Biopic „Seberg“ (Start 26.3.) als Charakterdarstellerin. Die 1938 geborene Schauspielerin Jean Seberg wurde mit „Bonjour Tristesse“ zur Galionsfigur einer ganzen Generation und mit „Außer Atem“ zum Gesicht der Nouvelle Vague. Doch sie war nicht nur der blonde Bubikopf neben Jean-Paul Belmondo. Seberg engagierte sich politisch, setzte sich für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung ein und geriet dadurch ins Visier des FBI. Auf genau diese Phase in ihrem Leben konzentriert sich der Film.

Im Interview mit Kristen Stewart

MADAME: Kristen, war Jean Seberg für Sie ein Freigeist oder eine Revoluzzerin?

Kristen Stewart: Beides. Sie kämpfte für ihre Ideale, auch wenn es gefährlich für sie war. Schon als Kind setzte sie sich für Unterdrückte und Underdogs ein. Seit ich weiß, was diese Frau alles erlebt hat, frage ich mich schon, warum ihre Geschichte nicht viel bekannter ist.

Jeans „Sündenfall“ war, dass sie sich für die Black Panther starkmachte. Das missfiel dem FBI, das sie mit einer Schmutzkampagne psychisch und beruflich ruinierte. Sie starb mit 40, ihr Tod wurde als Selbstmord deklariert, doch daran gab es immer wieder Zweifel.

Jean hat sichimmer mehr um andere gekümmertals um sich selbst. Umso tragischer,dass ihr eigenes Lebenpraktisch von anderen Menschen zerstört wurde. Es hat mir das Herzgebrochen zu sehen, wie ihr langsam das Strahlen genommen wurde, ihre Lebenslust und Offenheit. Dabei hat sie nie versucht, eine Rebellion anzuzetteln oder gar eine Regierung zu stürzen. Sie hat sich nur für mehr Menschlichkeit eingesetzt.

Haben Sie in ihr eine Seelenverwandte gefunden?

Ja, ich bewundere ihre Ehrlichkeit und Menschlichkeit. Es war wirklich ein Scheißgefühl, in Jean Sebergs Haut zu stecken, durchzumachen, was sie erlebt hat. Aus Budgetgründen mussten wir manchmal sechs große Szenen an einem Tag drehen, was mir echt Angst machte. Aber ich wollte alles geben. Und ihr ein Denkmal setzen.

Finden Sie, dass Schauspieler und Schauspielerinnen sich politisch engagieren sollten?

Du kannst als Künstler*in nicht unpolitisch bleiben. Kunst wird immer deine eigene Gesinnung spiegeln. Genauso endet Kunst an der Stelle, an der man sich selbst zensiert, um nicht anzuecken. Ab dem Moment macht man nur noch Unterhaltung. Nichts gegen gute Unterhaltung – manchmal braucht man nichts anderes! –, aber wahre Künstler*innen tragen immer auch ihre politischen Ansichten nach außen. Ihre Arbeit ist ihr Statement.

Kunstschaffende haben also generell eine gesellschaftliche Verantwortung und sollten die Stimme erheben, sobald sie in der Öffentlichkeit stehen?

Man kann Leute nicht dazu bringen, sich für etwas einzusetzen, wenn ihr Herz nicht dafür schlägt. Aber wenn ihr Herz dafür schlägt, dann ist es schwer, sie davon abzubringen. So einfach ist das.

Während der Anfänge Hollywoods war die Klatschpresse, verkörpert von Reporterinnen wie Louella Parsons, noch eine gefeierte Institution. Heute sind es die sozialen Medien, die den (Miss-) Ton angeben.

Ich selbst nutze keine Social Media, aber ich kann mich auch nicht davor schützen. Soll ich mich vor jedem Smartphone verstecken? Ich kann auch die Meinung der Leute über mich nicht steuern. Social Media reißt einen in vielen kleinen Posts in viele kleine Stücke. Das große Bild aber fehlt. In diesem Zirkus stecken wir alle fest. Die Lösung für mich ist, mir keine Gedanken mehr zu machen, wie ich auf andere wirke, sondern einfach authentisch, ganz aus mir heraus zu agieren. Ich lasse nicht mehr zu, dass mein Selbstwertgefühl von Kritik bestimmt wird, die nichts Konstruktives beizutragen hat.

Wie blicken Sie denn dann auf den medialen Wahnsinn Ihrer "Twilight"-Zeit zurück?

Der Wahnsinn ist nicht vorbei! Es gibt immer noch Verrückte, die mich verfolgen, um Fotos zu schießen. Aber ich habe mich geändert, ich kann gelassener damit umgehen. Früher meinte ich auch, auf jede Frage eine Antwort finden zu müssen, und sagte oft die seltsamsten Dinge. Jetzt kommentiere ich nicht mehr jeden Quatsch. Ich halte auch mal die Klappe.

Wann machen Sie den Mund gern auf?

Mit jedem Atemzug positioniere ich mich politisch. Das ist mir bewusst und das hat Folgen. Würde ich plötzlich die Republikaner unterstützen, wäre jeder schockiert.

Was nervt Sie an den USA von heute besonders?

Wir Amis haben eine kollektive Illusion, die wir "amerikanischen Traum" nennen. Wir glauben, alles schaffen zu können, was wir uns vornehmen. Natürlich ist das Quatsch. Das System führt nur dazu, dass die Reichen noch reicher werden und die Armen ärmer. Es ist krank, dass die Regierung diese miese Lüge noch bestärkt. Ich verstehe auch nicht, warum die Öffentlichkeit immer noch nicht aufwacht. Die Wahrheit ist nun mal: Nicht jeder Amerikaner kann Millionär werden.

Waren Sie nicht auch ein Teil des amerikanischen Traums? Die 18-Jährige, die über Nacht weltberühmt wird und sich auch noch in ihren Filmprinzen Robert Pattinson verliebte?

Doch, aber ich wurde davon völlig überrumpelt, ich war erst 18 Jahre alt. Plötzlich stand ich im Zentrum eines Orkans – und alle um mich wurden wahnsinnig. Nichts hätte mich darauf vorbereiten können. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass ich nicht jeden Aspekt meines Lebens kontrollieren kann – und auch nicht muss. Was passiert, passiert.

Ihre Karriere scheinen Sie aber sehr gut unter Kontrolle zu haben. Ihnen gelingt der Spagat zwischen Kunst und Kommerz perfekt. Wie machen Sie das?

Das ist großes Glück. Ich habe genug Erfolg, damit mir kommerzielle Projekte angeboten werden. Nur so kann ich kleinere Filme mit einer bedeutenden Botschaft unterstützen. Gerade heute ist es wichtig, sich für das Richtige einzusetzen. Ich vertraue da meinem Instinkt und arbeite nur mit Menschen, die mir diese Freiheit lassen. Auch die Rollen werden immer besser, weil die Stimmen von Frauen in der Branche mehr Gehör finden.

"3 Engel für Charlie" war leider nicht so erfolgreich in den USA wie erwartet.

Ich bin aber extrem stolz darauf, und auf Elizabeth Banks als Regisseurin. Sie hat ja auch das Drehbuch geschrieben. Es war für sie nicht einfach, diesen Film zu realisieren. Sie musste sich gegen männliche Studiobosse behaupten, für die unser Film nie die Top-Priorität hatte. In Hollywood gibt es immer noch ein strukturelles Problem, das es Frauen dort sehr schwer macht. Männer glauben immer noch, sie wüssten alles besser.

Der Testosteron-Wahn …

Dass am Ende ein so warmherziger Actionspaß entstand, war nur Liz’ Verdienst. Die "Engel" versprühen einfach gute Laune. Und man spürt: Frauen, die zusammenhalten, können nicht aufgehalten werden!

Ihr Wort in Gottes Ohr!

Wirklich, die Kritik prallt inzwischen an mir ab. Wenn mich jemand nicht mag, ist er nicht mein Freund. Ich habe aber tolle Freunde, also investiere ich meine Energie lieber in sie.

Ein Freund fehlt seit letztem Jahr: Karl Lagerfeld. Was liebten Sie an ihm?

Karl war ein fantastischer Geschichtenerzähler. Er sah Menschen so, wie sie wirklich sind. Seine Mode war nie eine oberflächliche Erscheinung, sondern half Frauen, eine bessereVersion ihrer selbst zu werden. Er berührte ihre Essenz. Mich hat oft gewundert, warum Karl als arrogant galt. Vielleicht hat er sich eine äußere Distanz bewahrt, damit man nicht in ihn hineinschauen konnte.

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In Zukunft wollen Sie Regie führen, Stoffe entwickeln – sind Sie dabei, eine Mentorin zu werden, ein wohlwollend-weiser Coach für Kids, die dasselbe durchleben wie Sie damals?

Ich hoffe! Das ist einer der Gründe, warum ich Regisseurin werden will: Ich sehe so viele Talente, die ich fördern möchte. Ich glaube, dass ich ihnen eine Hilfe sein kann, z. B. Margaret Qualley …

… die Tochter von Andie MacDowell, die in "Once Upon A Time … In Hollywood" als sexy Biest Brad Pitt den Kopf verdreht.

Sie ist umwerfend. Ich feuere sie richtig an. Denn in ihrem Alter hat man noch so viele Selbstzweifel. Ich weiß, wovon ich spreche. Jeder braucht im Leben Menschen, die einen unterstützen, ermutigen und ermuntern. Und ich liebe es, so ein Mensch geworden zu sein.

Dieser Artikel ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 04/20 erschienen.

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