Familie

Kindererziehung: Die Herausforderung in der Erziehung von Söhnen

Sie schneiden in der Schule schlechter ab als Mädchen und ecken mit ihrem Verhalten häufig an. Ist es in Zeiten, in denen männlichkeit kritisch hinterfragt wird, ein Nachteil, ein Junge zu sein? Und was bedeutet das für die Erziehung von Söhnen? Zwei Mütter über die Herausforderung – und das Glück –, einen Sohn großzuziehen.

Zwei Jungs spielen im Garten
Die Erziehung von Jungs: Ist sie wirklich schwieriger als bei Mädchen? Getty Images

Petra Winter über die Erziehung ihres Sohnes

Gespräche über Söhne mit deren Müttern beginnen meistens mit einem Seufzen. „Ach ja, ist deiner auch so widerspenstig in der Schule? So grobmotorisch? So verträumt?“ Ich könnte eine endlose Liste schreiben mit Eigenschaften, die Mädchen spielend erfüllen und die unsere Jungs zu Problembären der Evolution gemacht haben. Setzt man die Unterhaltung mit Jungs-Müttern fort, fällt irgendwann der aufmunternde Satz: „Das wird schon.“ Und: „Die bekommen die Kurve eben später.“ Ein kaum mehr hörbares „hoffentlich“ wird hinterhergeschoben. Ich erinnere mich an viele Momente, in denen ich solche Gespräche hatte und die Mütter von Mädchen beneidete, dann etwa, wenn mein Sohn neben der gleichaltrigen Tochter einer Freundin saß, die detailreich Menschen und Pferde zeichnete, und er ein paar schräge Striche aufs Papier warf und erklärte, dass das ein Ritter sei. Und klar denke ich über den Geschlechterunterschied nach, wenn ich morgens meinem achtjährigen Sohn beim Anziehen helfen muss, weil er seine Socken nicht anbekommt. Oder dann, wenn jedes Wort für die Hausaufgaben mit viel Drama und Geschrei aufs Papier gedrückt wird. Oh Boy! Ich war wirklich anders in dem Alter! Ja, natürlich auch ein Trotzkopf, aber schneller, geschmeidiger, lernbegieriger. Sicher habe ich auch schon darüber nachgedacht, dass wir unseren Söhnen weniger zutrauen als den Töchtern und ergo ihr Verhalten eine Self-fulfilling Prophecy ist. Ähnlich wie wir unseren Männern nicht zutrauen, mit einem Baby angemessen umzugehen (zu grobmotorisch, zu unsensibel).

Im Zeugnis meines Sohnes steht: „At times, Vincent engaged in classroom activities … with some encouragement and guidance, he was able to share his ideas and observations while experimenting with light and sound.“ Er ist in der dritten Klasse einer internationalen Schule. Mit kleinen Klassen und Support Teachers, die sich gesondert um die schwierigen Fälle kümmern. In seinem Jahrgang sind das ausschließlich Jungen. Da geht es nicht nur um Konzentration und Motorik, sondern auch um solche Dinge wie „how to make friends“. Hilfe! Ich hatte seit der Vorschule eine beste und mindestens fünf gute Freundinnen. Mein Mann versucht, mich zu beruhigen, er sei auch so gewesen. Ich mag das nicht glauben. Dass Jungs die Verlierer unserer heutigen Erwartungen an soziales Verhalten und damit auch unseres Wertesystems sind, weiß man spätestens dann, wenn zum wiederholten Male eine E-Mail der Lehrerin kommt, in der das aggressive Verhalten des eigenen Kindes moniert wird mit dem Hinweis, dass Tätlichkeiten an dieser Schule nicht geduldet werden. Dem würde jede Mutter erst mal zustimmen, oder? Meine Freundin Elisabeth, die im Chiemgau lebt, erzählte mal, dass sie sich dafür starkgemacht hätte, dass ihren Jungs auf dem Schulhof erlaubt wird, Holzpistolen mitzubringen und sich zu hauen. Ich habe daraufhin beschlossen, dass ein dem Klassenkameraden über den Kopf gezogenes Federmäppchen eine lässliche Sünde ist.

„Ich bin glücklich darüber, dass mein Sohn in der Lage ist, seine Gefühle zu artikulieren, und sein Umfeld das zulässt“
Petra Winter, Chefredakteurin der MADAME

Ich pauschalisiere sicher, wenn ich schreibe, dass weibliches Verhalten in den Schulen belohnt wird und typisch männliches bestraft. Unterm Strich läuft es jedoch darauf hinaus. Wäre es also nicht an der Zeit, genauer hinzuschauen, wie wir die Jungen unterstützen können, damit sie nicht zu den Verlierern von morgen werden in einer Welt, die (zu Recht) Frauen mehr und mehr nach ihren Vorstellungen formen? Die FDP hatte diesen Punkt sogar schon 2013 in ihrem Wahlprogramm. Jetzt muss ich noch mal seufzen. Nicht, weil alles so schwierig ist, sondern voller Liebe und Hingabe. Denn ich habe den süßesten, tollsten, schlausten und charmantesten Sohn der Welt. „Mama, bist du schön!“, sagte der damals Fünfjährige voller Inbrunst, als ich in einem neuen Kleid die Treppe herunterkam. Er erklärt mit dem Fachwissen eines Geologen, wie ein Vulkan ausbricht, und schafft es trotz Schnorchel im Mund, die Lage unter Wasser zu kommentieren. Er arbeitet mit Boxhandschuhen an seinem Sixpack, macht Vernissagen mit dem Verkauf seiner eigenen Kunstwerke, um sein Taschengeld aufzubessern, und hält gern und ohne Scheu kleine Reden. Mittels einer selbst gebastelten Collage machte er uns vor Kurzem seine Standpunkte klar. Unter „Ich mag“ stand Folgendes: Lob, Wasser, Gipfel und Filetstück (mit Pommes). Unter „Das mag ich nicht“: Frühstücken, Radfahrer, Hässliches. Und unter „Alles später bitte“: Bescheidenheit, Anstand und innere Werte. Zum Brüllen ist das. Ich bin froh über eine so unverstellte Sicht auf die Welt. Als ich vor neun Jahren schwanger wurde und erfuhr, dass da ein Junge in meinem Bauch heranwuchs, brauchte ich eine Weile, um zu begreifen, dass das mit den Zöpfen, den Kleidchen und den Ballettstunden nichts werden würde. Stattdessen wilde Locken, Lederhosen, Ritter, Drachen und Kung-Fu. Ich liebe diese Welt heute, weil sie anders ist als meine damals mit Barbies und Prinzessinnen. Ich würde mir wünschen, dass mein Sohn – so wie ich damals – mehr auf Bäume klettern könnte, Stunts mit dem Fahrrad drehen und einfach mal im Wald abtauchen könnte. Aber wir wohnen mitten in der Großstadt mit weniger Chancen auf solche Abenteuer. Dafür bin ich glücklich darüber, dass Vincent in der Lage ist, seine Gefühle zu artikulieren, dass nicht nur wir, sondern sein gesamtes Umfeld das zulässt und positiv bewertet. Das war in meiner Kindheit sicherlichanders. Ich habe Hoffnung.

Autorin: Petra Winter

Zwei Jungs spielen mit einem Schiff am Brunnen
Die Kindererziehung hat sich in den letzten Jahren verändert, nicht nur bei Mädchen Getty Images

Kerstin Holzer über die Erziehung ihres Sohnes

Diesen Frühling schreibt mein Sohn sein Abitur, im Sommer wird er 18 Jahre alt, und im Herbst wird er wahrscheinlich das Nest verlassen. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich ihn ausreichend auf die Welt vorbereitet habe. Er kann zwar proteinreiche Sportler-Shakes für mehr Muckis zubereiten, aber keine Spaghetti bolognese. Er besteht auf Boxershorts, kann sie aber nicht bügeln. Er kann auch keinen Fahrradreifen flicken oder einen Knopf annähen. Macht mir das Sorgen? Nicht wirklich. All das ließe sich in einer Woche spielend lernen. In den vergangenen 17 Jahren ging es mir in Erziehungsfragen um andere Dinge. Als Lion auf die Welt kam, hatte die Pisa-Studie gerade den Katastrophenfall für Jungs ausgerufen: Sie galten plötzlich als schulische Bildungsverlierer, abgehängt von zielstrebigen, kontrollierten Mädchen. Umgeben von einer Heerschar immer mehr alleinerziehender Mütter, fehlten ihnen zudem in Kindergärten und Schulen männliche Role Models, hieß es. Typisch männliches Verhalten (über den Kopf gezogene Federmäppchen!) würde geahndet, möglichst lautlose soziale Geschmeidigkeit (typisch weiblich?) hingegen belohnt. Im Laufe der letzten Jahre, spätestens seit #MeToo, ist das klassische Mannsein dann immer weiter unter Beschuss geraten. In der modernen Gender-Debatte heißt raubeinige, aggressive Männlichkeit jetzt „toxic masculinity“, die American Psychological Association (APA) rückte sie 2018 in die Nähe psychischer Krankheiten mit hohem Risikofaktor für Isolation, Suchtgefahr, Gewalt.

Dass Männlichkeit als Problemfall gilt, kann eine ziemliche Bürde sein, wenn man heute einen Jungen großzieht. Vor allem, wenn man wie ich einige Jahre lang alleinerziehend ist. Die gut informierte und von massenhaft Ratgebern verunsicherte Mutter weiß, dass sie ihrem Sohn ein positives Männerbild vermitteln muss – nur leider nicht, wie. Ich behalf mir damals mit einem Großvater, der im Laufe seines Lebens die wundersame Wandlung vom toughen Manager zum liebevollen Geduldsengel durchlaufen hat. Ich schickte meinen Sohn zum Kinder-Kung-Fu, wo er bei einem ultrastrengen Trainer nicht nur seine Kraft kennenlernte, sondern auch wie man sie diszipliniert einsetzt. Ich guckte mit ihm alte Filme, deren Männerbild mir sympathisch war: „Der rote Korsar“ mit einem Burt Lancaster, bei dessen Lachen einem das Herz aufgeht, „Rio Bravo“, wo Freundschaft und Tapferkeit über das Böse siegen, und „Die Ferien des Monsieur Hulot“, dessen rührende Ritterlichkeit sogar meinen Neunjährigen ergriff. Ich ließ ihn außerhalb des Faschings als Lucky Luke mit der Spielzeugpistole knallen und hielt ihn fern von reformpädagogischen Parallelwelten, wo stilles Püppchenfilzen gefragt ist. Aber ich ließ ihn auch kräftig mit anpacken, wenn ich Hilfe brauchte (Katzentoilette säubern, Weihnachtsbaum schleppen …). Überhaupt war ich recht streng, als es noch Eindruck machte. Ich dachte mir: besser früh klarstellen, dass Frauen was zu sagen haben und Respekt verdienen. Mit der Vorstellung, dachte ich, wäre er in der Zukunft ganz gut beraten. Vielleicht ist es nämlich heute überhaupt nicht schwerer, ein Mann zu werden. Es ist seit #MeToo nur schwerer, als übergriffiger Macho durchs Leben zu pflügen, der zu Hause die Füße hochlegt, während die Hausfrau darunter staubsaugt. Es stimmt auch überhaupt nicht, dass Männlichkeit auf dem Prüfstand steht, sondern nur rücksichtsloses Primatengebaren. Genau besehen, ist es eine prächtige Zukunft, auf die sich unsere Söhne freuen können: Männer werden mehr von ihren Kindern haben, weil sie Elternzeit beantragen können, und beim Geldverdienen werden sie von ihren Frauen artnerschaftlich entlastet. Sie dürfen zart, poetisch, gefühlvoll sein und trotzdem erfolgreich – wenn sie mögen. Und wenn sie Lust haben, dürfen sie sich die Fingernägel lackieren und gelten trotzdem als coole Hunde. Es ist auch die Aufgabe von Müttern, ihre Jungs zu Männern zu erziehen, die all das zu schätzen wissen.

„Es stimmt nicht, dass Männlichkeit auf dem Prüfstand steht, sondern nur rücksichtsloses Primatengebaren“
Kerstin Holzer, stellv. Chefredakteurin MADAME

Seit mein Sohn 14, 15 Jahre alt ist, finde ich seine Jugend in der heutigen Welt allerdings doch manchmal schwerer als zu meinen Teenagerzeiten. Aber das ist sie auch für Mädchen. Die Dauerkontrolle durch WhatsApp und Instagram erschwert, was für Heranwachsende so verdammt wichtig ist: ausbüxen und unbeobachtet bleiben beim Träumen, Flirten, Fehlermachen. Auch der Zwang zur Selbstoptimierung ist nicht nur für jugendliche GNTM-Zuguckerinnen, sondern auch für Jungs ein Fluch. Da hilft nur eins: den Kindern vorleben, dass Unperfektion das Dasein erst unterhaltsam macht. Das gelingt meinem Mann und mir nun wirklich ganz gut. Als ich vor 18 Jahren erfuhr, dass ich einen Jungen erwartete, war ich sofort begeistert. Erstens hat mir das Konzept von Feuermachen, Zelten und Westerngucken schon immer mehr Spaß gemacht als Backen und Zöpfeflechten. Und zweitens fiel es mir mit einem Sohn leichter, das Prinzip Erziehung zu begreifen: Ein Kind ist eben keine Verlängerung seiner selbst, kein „Mini-Me“. Es soll, darf, muss anders sein können. Erziehung bedeutet auch, dass man Misserfolge und Kummer des Kindes aushält, statt sofort mit Lösungen einzugreifen. Wie soll es sonst lernen, dass es Kraft aus sich selber schöpfen kann? Ist mein Sohn nun schon erwachsen? Ich schätze, nein. Sein Zeitmanagement ist eine Katastrophe, für Klausuren wird erst spät in der Nacht gelernt, nach vertrödelten Nachmittagen. Ich verstehe auch nicht, wie man umgeben von den achtlos zu Boden geworfenen Klamotten einer Woche (alle Pulliärmel auf links gedreht) in Ruhe lesen kann. Seiner Mutter gegenüber spart er nicht an flapsigen Bemerkungen. Aber dafür trägt Lion den alten Nachbarn die Einkaufstüten in den dritten Stock. Wenn er auf dem nächtlichen Heimweg von einer Party in der U-Bahn ein fremdes, angetrunkenes Mädchen aufliest, das von seinen Freundinnen sich selbst überlassen wurde, bringt er es nach Hause und übergibt es seinen dankbaren Eltern. Er interessiert sich für Motorräder, Soul der 80er und will unbedingt nach Tokio. Und: Er hat neben seine Kumpeln auch platonische Freundinnen, die er ziemlich cool findet. Ja, auch ich habe Hoffnung. Und Knöpfe kann ich selbst nicht annähen.

Autorin: Kerstin Holzer

Dieser Artikel ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 05/19 erschienen.