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Zeitgeist

Japan Reise: Auf den Spuren von Designer Issey Miyake

Der Modedesigner Issey Miyake ist ein Genie und ein Visionär. Woher kommen seine Inspiration, die Schaffensfreude und die enge Verbindung zur Natur? Eine Spurensuche durch sein Heimatland Japan

Laufstegmodels bei Issey Miyake auf dem Runway
Freigeist trifft auf Design: Looks auf dem Runway bei Issey Miyake Getty Images

Issey Miyake - Freigeist, Designer und Weiterdenker

Den Spirit Issey Miyakes zu spüren heißt innezuhalten, statt zu rennen. Wie hier auf diesem Boot, das vier Stunden südlich von Tokio über das Meer in Richtung der Kunstinsel Naoshima tuckert. Schließt man die Augen, kann man beinahe hören, wie das Meer in Form eines Haikus flüstert: "Die Sorgen gen Himmel, Leben so klar, nur Liebe und Freiheit.“ Freiheit zu spüren ist für Issey Miyake essenziell, in allen Bereichen. Um zu begreifen, von welcher Geisteshaltung er geleitet wird, muss man die japanische Kultur verstehen. Die Wurzeln ergründen, aus denen alles erwächst. Diese sind tief verankert im Shintō, neben dem Buddhismus die wichtigste Religion im Land, die auch das tägliche Tun bestimmt. Shintō bedeutet „Weg der Götter“. Es ist der Glaube, dass jedem Teil der Schöpfung – jedem Regentropfen, jedem Stein, Windhauch, Baum und Blatt – ein Gott innewohnt. Niemals wird gegen die Umwelt gearbeitet, sondern immer nur mit ihr. Im Einklang mit den Göttern ist die Natur Ideengeber für alles.

So wird schnell kristallklar, warum das erste Parfum des Modedesigners "L’Eau d’Issey“ ("Das Wasser Isseys“) getauft wurde, ist dieses Element doch die Quelle des Lebens. Als Issey Miyake 1992 den japanischen Beauty-Konzern Shiseido beauftragte, diesen Damenduft für ihn zu kreieren, lautete sein Wunsch: „Ich hätte gern ein Parfum, das an Wasser erinnert. Wenn möglich, soll es geruchlos sein.“ Olfaktorisch nahe kam diesen Vorstellungen ein frisches Odeur aus Blüten wie Lotus und Rosen. In eine schlichte Kegelflasche abgefüllt, schmückte es bald nahezu jedes Badezimmer minimalistischer Menschen der 90er-Jahre und ist bis heute einer der beliebtesten Parfumklassiker weltweit. "Alles, was Issey macht, ist für die Ewigkeit bestimmt“, erklärt Marie Chalmel. Die Französin ist seit über 30 Jahren die enge Freundin und Mitarbeiterin des Designers. Wenn es eine Person gibt, die Issey Miyakes Herz und Seele kennt, dann sie. "Issey-san“, wie sie ihn liebevoll nennt (der Suffix -san wird im Japanischen unter Freunden hinter den Vornamen gesetzt), "ist der bescheidenste Mensch, den ich kenne. Nicht einmal auf der Straße möchte er erkannt werden“, erklärt sie.

Er hält sich in der Öff entlichkeit stets im Hintergrund, lebt so zurückgezogen, dass er auch an Presseterminen wie diesem nicht teilnimmt. Seine Produkte sollen für sich sprechen, nicht durch Personenkult an Wert gewinnen. Genauso funktioniert auch das Marketing des Hauses: keine Werbekampagne, ob für seine Düfte oder Mode, auf der ein bekanntes Gesicht zu sehen ist. Weder seins noch das eines Prominenten. Wer Issey Miyake trägt, soll Freude spüren und dabei selbst zum wichtigsten Menschen werden.

Die Düfte und Inspiration von Issey Miyake

Optimismus in die Welt zu bringen, das war für ihn der Antrieb, überhaupt Mode zu machen. Gleichzeitig half ihm positives Denken, traumatische Kriegserlebnisse zu bewältigen. Issey Miyake war sieben Jahre alt, als über seiner Geburtsstadt Hiroshima die Atombombe fiel. Seine Mutter starb an den Folgen der radioaktiven Strahlung, er selbst ist bis heute gesundheitlich beeinträchtigt. Mit seiner Mode – bekannt wurde er vor allem durch die legendären plissierten Kleider – wollte er die Fröhlichkeit zurückbringen. Miyakes Blick ist stets nach vorn, in die Zukunft gerichtet, seine Entwürfe sind futuristisch, seine Wurzeln dabei aber immer eng verbunden mit der Natur. In Japan ist die Liebe zur Natur in unzähligen Kunstformen erlebbar. In der Poesie wird diese Zuneigung "Haiku“ genannt. Die traditionellen Dreizeiler, die dem Leben und der Schöpfung huldigen, gelten als weltweit kürzeste Gedichtform. Die Volkskunstbewegung "Mingei“ dokumentiert die Poesie in der Handwerkskunst – göttliche Töpfer- und Webkunst, die nur in echter Handarbeit und nicht durch Maschinen entstehen kann. Dadurch soll die Schönheit der einfachen Dinge bewahrt werden. In Issey Miyakes Designmuseum "21-21 Design Sight“ in Tokio gab es dazu kürzlich eine Ausstellung.

Das Museum gründete Miyake im Jahr 2007 mit seinem Freund, dem großen japanischen Architekten Tadao Andō. Schon immer hatte der Modedesigner eine enge Verbindung zu Kunst und Architektur. Als einer der Ersten zeigte er eine Modenschau im Museum. Von seinen Parfums gab es bereits Kunsteditionen wie mit Ettore Sottsass und Shirō Kuramata, noch bevor andere Mitbewerber überhaupt daran dachten. Issey Miyake ist ein Visionär, angetrieben von einer unbändigen Neugier bewegt er sich abseits der ausgetretenen Pfade. „In seiner Begeisterungsfähigkeit ist Issey bis heute wie ein Kind“, erzählt Marie Chalmel mit leuchtenden Augen. Die Worte, die seine Mitarbeiter am häufigsten von ihm hören, lauten deshalb: "Überrascht mich!“ Genau das passiert, wenn man auf der kleinen Kunstinsel Naoshima ankommt. Sie überrascht an allen Ecken und ist ein Wegweiser zur Seele Issey Miyakes, denn auf der 14 Quadratkilometer großen Insel sind die kreativen Grundpfeiler seiner Arbeit vereint – Kunst, Natur, Neugier, Respekt. Überall sind Artefakte verteilt: Rund um das kleine Dorf, am Strand und auf Grashügeln findet man Installationen und kleine Museen, mal gut sichtbar, mal sehr versteckt.

Die Sehnsucht nach dem Schönen

Wie das Chichu Art Museum, das der Architekt Tadao Andō unter die Erde baute. „Chichu“ bedeutet "in der Erde“. Jedes Objekt hier passt sich der Natur an, nicht umgekehrt. Diese Einheit und Ruhe sind spürbar. Als wolle die Natur sich bedanken. Mit einer unerklärbaren Magie. "Wir sehnen uns nach dem Schönen, dem Unbekannten und Geheimnisvollen“, sagte Issey Miyake einmal. Auf der Rückfahrt in dem kleinen Boot zurück ins laute Tokio steht an der Reling Aurélien Guichard. Er ist der Parfümeur, der die neuen Issey-Miyake-Düfte „Shades of Paradise“ komponiert hat. Um die Düfte zu erschaffen, wurde Aurélien vier Tage und Nächte auf die einsame japanische Insel Zamami geflogen.

Mit den Augen eines Kindes hat er diesen Ort erkundet und den Sonnenuntergang, die Blütenpracht und den warmen Wind eingefangen. "Die wichtigste Voraussetzung eines Parfümeurs ist nicht der Geruchssinn, sondern seine Vorstellungskraft“, erklärt er. An Issey Miyake bewundert der Franzose vor allem dessen visionäre Sichtweise: "In unserer heutigen Welt ein Poet zu sein, Dinge anders zu betrachten und daraus Schönheit zu kreieren ist etwas, wonach sich jeder Künstler sehnt.“ Durch seine Kreationen und seinen Geist öffnet Issey Miyake einem die Augen. Zeigt, was man im Leben öfter tun sollte: seine Fantasie tanzen lassen und die Natur neugierig betrachten – jede Blüte, jeden Stein, Regentropfen oder Sonnenuntergang. Mit kindlichen Augen die Welt neu entdecken. Und in kleinen Momenten das Große finden.

Dieser Artikel stammt von Melanie Jassner und ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 09/19 erschienen.

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