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Magazin-Artikel

Interview mit Gabriela Hearst über nachhaltige Mode

Bei Garnelen und Seeteufel sprechen wir mit der Designerin Gabriela Hearst über ehrlichen Luxus, ihr nachhaltiges Modelabel und ihre Lebensphilosophie

Gabriela Hearst auf dem roten Teppich
Designerin Gabriela Hearst zusammen mit Gugu Mbatha-Raw auf dem roten Teppich bei den "The fAshion Awards" 2019 Getty Images

Im Gespräch mit Designerin Gabriela Hearst

Sie sei das erste Mal in Deutschland, erzählt sie freudestrahlend, als wir uns am Tisch des französischen Sternelokals „Les Deux“ in München gegenübersitzen. "Darum habe ich die Augen weit offen, seit dem Moment der Landung.“ Sie schildert ihre Eindrücke der Straßen und Plätze und wie die Menschen sich hier bewegen. Und sie will unbedingt wissen, wer meine Ringe und meine Kleidung gemacht hat. Die Designerin interessiert sich brennend für die beiden deutschen Kolleginnen, die ich ihr nenne, und erwähnt, dass sie tags zuvor im Atelier von Hemmerle gewesen sei. An ihrem Arm ist unübersehbar ein Stück des Münchner Juweliers zu sehen, eine Spange, an deren Enden Brillanten funkeln. Sie drückt mir das gute Stück in die Hand – in der Tat ein wunderschönes Exemplar. Dann zeigt sie mir, was sonst noch ihr Interesse geweckt hat: eine Brosche, die mit gegensätzlichen Materialien aufwartet, nämlich zusammengefügten Nägeln, darauf ein Edelstein. Mir fällt sofort der deutsche Künstler Günther Uecker ein, dessen Arbeiten Muster aus Nägeln bilden. Ich erzähle ihr von ihm, woraufhin sie mich bittet, ihr den Namen aufzuschreiben.

Als uns die Karten gereicht werden und sie sich darin vertieft, habe ich Zeit, Gabriela Hearst zu beobachten. Die 43-Jährige ist eine herbe Schönheit. Ihre Hände sind filigran, die Nägel unlackiert und ratzekurz. Ihr Look: Zu einem schwarzen Faltenrock aus butterweichem Leder kombiniert sie einen cremeweißen Cashmere- Pullover mit schwarz abgesetztem Rollkragen. Darüber trug sie beim Hereinkommen einen wadenlangen beigen Cashmere- Mantel. Selbstverständlich sind alle Teile Stücke aus ihrer Kollektion.

Gabriela Hearst ist nach Deutschland gekommen, um zusammen mit dem Online-Designerstore Mytheresa eine Kapsel-Kollektion zu promoten. 20 Prozent der Erlöse gehen an die Charity "Save the Children“. Sie ist im Vorstand der seit einem Jahrhundert bestehenden Hilfsorganisation. "Die Farben der Mytheresa Capsule Collection nehmen das Logo von ,Save the Children‘ auf. Ich bewundere zutiefst die Arbeit der Organisation, die in 100 Jahren mehr als einer Milliarde Kindern geholfen hat. Es ist DIE Ehre meines Lebens, dass ich für sie aktiv sein darf.“ Gabriela Hearst lebt heute in New York. Ihre Kindheit und Jugend jedoch verbrachte sie auf der 17 000 Hektar großen Familienfarm in Uruguay. Ihrem Englisch hört man auch heute noch den heiseren spanischen Akzent an. "Die Farm gehört meiner Familie in sechster Generation“, erzählt sie, nachdem wir bestellt haben. Schafe, Pferde, Rinder waren ihre Spielkameraden.

Ihr Vater starb früh an Leukämie, da war sie erst 32 Jahre alt. Seither führt sie die Ranch mithilfe eines Vorarbeiters. "Auf der Beerdigung haben wir uns angesehen und uns stumm das Versprechen gegeben, dass wir das zusammen hinbekommen. Sein Sternzeichen ist Skorpion, wie meines und das meines Vaters.“ Gemeinsam arbeiten sie weiter an seinem Traum. "Es macht mich stolz, dass er, wenn er jemals wieder auf der Erde erscheinen sollte, alles in bester Ordnung vorfindet.“ Als Designerin nutzt sie viele aus Uruguay stammende Rohstoffe wie Merino und Leder. Sie entwirft für berufstätige Frauen: "Anwältinnen, Wissenschaftlerinnen. Frauen, die professionell gekleidet sein wollen, nicht langweilig, die Komfort wollen, aber mit Eleganz und Chic.“

Die Zukunft der Mode

Klassische Schnitte und hochwertige Materialien sind die Schlüsselzutaten und das, was ihren Erfolg ausmacht. Tradition statt Trends. "Ehrlichen Luxus“ nennt sie das. Außerdem baut sie etwas in ihre Kleidung ein, das sie als "Anti-Radiation“ bezeichnet: "Ein unsichtbar eingenähtes Silberfutter in Jacken und Mänteln sorgt dafür, dass die Strahlung von Smartphones nicht durchdringt“, erklärt sie. "Ein deutsches Produkt übrigens.“ Wie sie auf die Idee gekommen ist, frage ich. Eine Ärztin habe ihr mal geraten, ihr Telefon niemals in der Nähe ihrer Fortpfl anzungsorgane zu tragen. Darum habe sie das Silberfutter ausfindig gemacht, das die Strahlung abblockt. "Natürlich ist das alles noch nicht bewiesen“, sagt sie, "aber es hat auch 25 Jahre gebraucht, bevor Ärzte schwangere Frauen nicht mehr geröntgt haben, nachdem man erstmals den Verdacht hatte, dies sei schädlich.“ Und noch ein weiterer Aspekt ist ihr wichtig: Verpackt für den Transport ist die Kleidung nicht in ordinärer Plastikfolie, sondern in zu 100 Prozent abbaubarer "Tipa“-Folie. Und: Die Bügel sind nicht aus Plastik, sondern aus Karton. "In zwei bis drei Jahren wollen wir zu 100 Prozent klimaneutral sein.“ Ihre letzte Fashion Show in New York genügte bereits diesem Anspruch.

Die Amuse-Bouches werden serviert, ein Rindercarpaccio. Als ich besorgt frage, ob sie, die New Yorkerin, überhaupt Fleisch esse, lacht sie schallend, sodass unsere Nachbarn von ihren wohltemperierten Business-Lunches und Gesprächen aufsehen. "Ich bin auf einer Farm aufgewachsen …“ Ein Glas Wein lehnt sie aus Konditionsgründen ab, der Tag sei noch sehr voll mit Terminen. Geboren als Gabriela Perezutti, hat die Designerin ihren heutigen, berühmten Familiennamen ihrem Mann John Augustine Hearst zu verdanken. Er ist Enkel des Verlegers William Randolph Hearst. Zum Imperium gehören Zeitschriften wie "Cosmopolitan“, "Harper’s Bazaar“ und "Elle“. Die Familie lebt mit den drei Kindern – die elfjährigen Zwillingstöchter Mia und Olivia stammen aus einer früheren Beziehung, Sohn Jack aus ihrer aktuellen Ehe – im hippen und gleichzeitig sehr dörflichen New Yorker Stadtteil Greenwich Village. Im Big Apple gründete Gabriela Hearst auch ihre erste Firma, das Contemporary Fashion Label Candela. "Mein Schlüsselerlebnis hatte ich, als ich irgendwann vor einer Zara-Filiale stand und dachte: ‚Wer braucht noch so eine Brand, die ist wie alle anderen?‘“ Damals legte sie den Schalter um und entschied sich für nachhaltige Mode. Schließlich seien Nachhaltigkeit und Langlebigkeit genau die Werte, mit denen sie auch aufgewachsen war. Mehr als fünf Jahre ist das nun her. Als sie Gabriela Hearst launchte, war sie im sechsten Monat schwanger. "Ich war an unserem ersten Verkaufstag so lange auf den Beinen, dass meine Füße derart geschwollen waren, dass ich am nächsten Tag nicht auftreten konnte.“

Seit diesem Tag hängen ihre Kleider und Accessoires in über 70 Verkaufsstellen weltweit und in zwei eigenen Flagshipstores in New York und London. 40 Mitarbeiter gibt es heute, überwiegend Frauen. "Eine Zeit lang haben wir herumgewitzelt: Trink bloß nicht das Wasser in der Firma, sonst bist du im Handumdrehen schwanger.“ Ihren britischen Flagshipstore hat sie erst kürzlich mit Star-Architekt Sir Norman Foster fertiggestellt. Nicht sie musste den berühmten Mann bitten, er selbst wollte das Projekt unbedingt machen, erzählt sie. Schließlich sei dieser Store eine echte Pionierarbeit gewesen:

Jedes Holz und jeder Stoff ist unter strengen Sustainability-Kriterien ausgesucht und verarbeitet worden. Dass beide Flagships in der Nähe von Luxus-Hotels liegen, nämlich dem "Carlyle“ in New York und dem "Claridge’s“ in London, ist kein Zufall: "Ich möchte den gleichen Ansatz für hohen Service bieten wie diese Hotels es tun.

Und natürlich Frauen ansprechen, die in solchen erstklassigen Hotels wohnen.“ Unsere Hauptspeisen, beide in Grün, Weiß und Rot angerichtet, werden serviert: der Seeteufel mit Topinambur und grünem Spargel und einer Kerbel-Estragon-Jus für mich, gebratene Garnelen mit Tomaten-Jus, Pfirsich und Parmesan für Gabriela Hearst. Die Küche hat bei dem Arrangement perfekte Arbeit geleistet. Der Teller ist so hübsch, dass man die Komposition gar nicht zerstören möchte.

Über die Anfänge ihres Labels berichtet die Designerin, dass schon die Debüt-Kollektion eingeschlagen sei wie der Blitz: Das Luxus-Kaufhaus Barneys bestellte. Das Wachstum hielt sich stetig, sie wollte aber nichts überstürzen, erzählt sie. "Wir mussten ja die Qualität sicherstellen, und das geht nicht so schnell.“ Immer wieder habe sie sich die Frage gestellt und tue es bis heute: "Was brauchen wir eigentlich wirklich in dieser Welt? Darum bemühen wir uns mit jedem einzelnen Stück.“ Jede Kollektion hat etwa 300 Designs, mehr nicht. Aber so, dass jede Kundin für ihren Lifestyle das findet, was sie braucht: Business, Ausgehen, Weekend.

Es gehe ihr nicht um Logos und Namedropping, sondern um gute Produkte, die man kauft, weil man sie liebt. "Meine Mutter hatte keine große Garderobe“, erzählt sie. "Alles wurde von ihrer Schneiderin gemacht. Alle paar Jahre gab es neue Stücke, und die haben gehalten. Genau das ist auch meine Philosophie.“ Eine weitere Lebensregel hat die Mutter an ihre Tochter weitergegeben: "Sei emotional und finanziell unabhängig von einem Mann.“ In diesem Geiste erziehe sie auch ihre Töchter. "Zähl auf dich selbst, dann wirst du glücklich.“ Als unsere Hauptspeise abgeräumt wird, kommen wir auf das unvermeidliche Thema Social Media. Wie wichtig ist Instagram für eine Marke wie ihre? "Ich habe meine Produkte von Anfang an für die physische Welt entworfen, weniger für die digitale. Man muss sie anfassen und anziehen, um ihren Wert zu erkennen.“ Sie glaubt fest daran, dass es eine Rückwärtsbewegung hin zu realen Stores gibt. "Da, wo man sich wohlfühlt, wo man gut beraten wird, wo man erstklassige und wertvolle Produkte bekommt, da wird auch in Zukunft noch eingekauft.“

Während der Kellner die Dessertwünsche abfragt – wir nehmen beide die Schwarzwälder-Kirsch-Variation –, erzählt sie von ihren Lieblingskünstlern. Kunst ist auch Teil ihrer Store-Einrichtung. Der Argentinier Diego Gravinese mit seinen hyperrealistischen Malereien hat es ihr angetan, ebenso wie der Amerikaner Dustin Yellin. "Er verkauft Skulpturen für Millionen Dollar, engagiert sich aber gleichzeitig bei ‚Pioneer Works‘, einer Initiative, die Kunst und Wissenschaft verbindet, wie in der Renaissance, als die beiden Disziplinen noch zusammengehörten. Kunst und Wissenschaft werden es sein“, davon ist sie überzeugt, "die uns aus diesem Schlamassel rausholen, das wir Menschen mit der Natur anrichten.“

Die letzten Minuten unseres Lunches verbringen wir mit vielen "Mmmmhhhs“ und "Ohhhs“. Die mit Kirschlikör gefüllte Schokokugel zerplatzt am Gaumen, die Schokolade ist buttercremig. "Ein Grund mehr“, sagt Gabriela Hearst, "bald hierher zurückzukommen.“

Dieser Artikel ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 01/20 erschienen.

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