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Fashion

Inspirationsquelle Mode: Der Weg zum modischen Ich

Mode ist weit mehr als immer neue Trends. Sie ist die Einladung an uns, mit verschiedenen Varianten unseres Ichs zu experimentieren. Für mehr Mut zur Maskerade plädiert unsere Autorin Claire Beermann

Frau mit Sonnenbrille und Sektglas
Für mehr Mut zur maskerade plädiert unsere Autorin Claire Beermann iStock

Mode: Alles nur Maskerade?

Im Juni war ich auf einer Bootsparty. Sechs Stunden lang fuhren wir durch die Gewässer des Berliner Umlands und tanzten unter Deck zu Nile Rodgers. Der Dresscode lautete Disco-Chic und wurde mit erstaunlichem Gehorsam befolgt: Die Männer kamen in weißen Anzügen und wild gemusterten Hemden, die Frauen in Zebraröcken, mit goldenen Handtaschen und weißen Sonnenbrillen. Beim Besteigen des Bootes am Spree-Ufer in Berlin-Friedrichshain beäugten uns Passanten. "Ich habe mich so unwohl gefühlt, als ich hergefahren bin“, flüsterte mir meine Freundin L. zu, die ein langes, knallblaues Batikkleid und gelbe Plateausandalen trug. "Ich hatte das Gefühl, mich würden alle anstarren!“ Ich kenne diese Blicke, ich spüre sie auch immer, wenn ich mich mal wieder in etwas vor die Tür gewagt habe, das eine Spur extravaganter ist als ein graues T-Shirt. Und ich ahne, was die Leute gedacht haben, als sie unsere aufgetakelte Partygesellschaft auf das Boot steigen sahen: Für wen halten sich diese Vögel?

Bombastische, flamboyante, ausdrucksstarke Mode – also alles, was auffällige Muster, Farben, Silhouetten oder eine Kombination von allen drei hat, was einen aussehen lässt, als inszeniere man sich selbst, als habe man sich als jemand verkleidet, der oder die man in Wahrheit gar nicht ist – wird in diesem Land mit größtem Misstrauen behandelt. Der sorgfältig abgesteckte Bereich des Karnevals, in dem man sich nicht nur verkleiden darf, sondern sogar muss, ist davon natürlich ausgenommen.

Aber wehe, man steigt im Leoparden-Kaftan in die U-Bahn! Total verkleidet, heißt es dann. Ein Tadel mit langer Tradition: Die "negative Einstellung zur Maske als etwas Falschem, das nackte und wahre Gesicht Verhüllendem verdanken wir der grundsätzlich theaterund maskenfeindlichen Einstellung der frühen Christen“, schreibt die Kunsthistorikerin Sylvia Ferino- Pagden in dem Ausstellungskatalog "Wir sind Maske“. Schon in frühchristlichen Schriften galt das Maskentheater als sündig, weil es das gottgegebene Gesicht verdecke. Offenbar glauben immer noch viele Leute daran. Warum eigentlich? Für mich war Mode schon immer eine einzige Maskerade. Als Teenager probierte ich mich in wilder Abfolge durch modernisierte Aerobic-Looks (die neongrünen Leggings meiner Mutter aus den Achtzigern, dazu ein wollener Herrenblazer vom Flohmarkt) und zirkushafte Kombinationen aus Harlekinblusen und schwarzen Plateausandalen.

Frau mit Sonnenbrille an der Wand lehnend
Alles nur Maskerade? iStock

Gewagte Stilikonen

Manche Leute blicken ja mit Grauen auf die Outfits ihrer Jugend zurück, ich tue das mit Rührung und Freude und experimentiere fröhlich weiter. Gerade jetzt, zur neuen Saison,nimmt mein Verkleidungswahn einmal mehr Schwung auf. Was man mit all den neuen Blazern, Gürteln, aufgebauschten Ärmeln, weiten Hosen und langen Mänteln alles anstellen kann! Oder auch: mit dem, was man schon im Schrank hat. Denn beim Verkleiden geht es ja nicht darum, sich wahllos jeder neuen Laufstegerscheinung an den Hals zu werfen. Die Schauspielerin Diane Keaton präsentiert sich auf ihrem Instagram- Account @diane_keaton mit Melonenhüten, in weißen Anzügen mit breitem Taillengürtel, mit schwarz-weiß karierter Krawatte und im bauschigen Rock mit übereinander geblätterten Volantschichten ("Nennen wir ihn meinen Kohlrock“, schreibt sie darunter). Mal ist sie eine weibliche Version von Charlie Chaplin, mal ein eleganter Goth mit Kruzifixkette. Sie schlüpft mit ihren Kleidern ständig in neue Rollen, hat offenbar einen Heidenspaß daran und sieht genau deshalb nie albern aus. Aus ihren Outfits spricht der pure Spieltrieb.

Warum erlauben wir uns nicht alle mehr davon? Warum glauben so viele Menschen, sie müssten sich auf EIN Ich, auf EINE Rolle festlegen und bis ans Ende ihrer Tage darin eingesperrt herumlaufen? Was für eine gruselige Vorstellung! In dieser Saison teilen die Modedesigner offenbar meine Meinung, denn die Laufstege sind so fantasievoll besetzt wie lange nicht mehr. Schon im Januar zeigte Pierpaolo Piccioli in seiner Haute-Couture-Show für Valentino zeltweite, mit Rüschen, Fransen und Federn besetzte Roben in Bonbonfarben; einige waren so ausladend, dass man ganze Zirkusfamilien darunter hätte auftreten lassen können. In der Herbst/Winter-Show von Marc Jacobs gab es schillernde Paillettencapes und aufgeplusterte Halskrausen. Das Defilee des Pariser Labels Koché fand in einer Basketballarena statt, da sah man autoreifengroße Federhüte und gerüschte Tops aus Trikotstoff mit bodenlanger Schleppe. Jonathan Anderson gab seiner Show für Loewe den Titel "My best self“; an den Wänden entlang des Laufstegs hingen kleine Adeligenporträts aus dem 15., 16. und 17. Jahrhundert, sorgfältig idealisierte Selfies dieser Zeit, von deren Kleidung die Kollektion inspiriert war: spitzenbesetzte weiße Hemden, üppig mit Perlen verzierte Pullover. Die Models in der Show des New Yorker Labels Area erinnerten in ihren glitzernden Netzkleidern und mit Strasssteinen besetzten Stirnbändern an Varietétänzerinnen.

Wie Designer Modeinszenierungen auf dem Runway nutzen

Bei Gucci trugen die Models zu lila schimmernden Leopardenprint-Röcken, schwarzen Spitzenhandschuhen und dschungelgrünen Patchwork- Lederhosen mit Stacheln gespickte Halbmasken. Bei Missoni gab es Harlekinkragen, bei Khaite ein Top mit Puffärmeln aus rotem Samt, bei dessen Anblick ich an einen drapierten Theatervorhang denken musste. Die Botschaft der Designer war klar: Du kannst alles sein und jeden Tag eine andere. Viele Menschen vermuten in der Verkleidung, also der Inszenierung des Selbst, eine Täuschung, eine Lüge. In der Literatur und im Film sind die Verkleideten – Felix Krull, Der Hauptmann von Köpenick, Frank William Abagnale Jr. aus "Catch Me If You Can“ – zwar oft sympathische Helden. Am Ende aber landen sie, so die Moral der Geschichte, doch fast alle im Gefängnis.

Wenn ich mich heute in eine Federboa, morgen in einen Smoking und übermorgen in einen Tüllrock werfe, begehe ich damit noch keine Straftat. Aber ich unternehme, so der Vorwurf, den unlauteren Versuch, mich immer wieder als eine erfundene Figur auszugeben, als jemand, der ich gar nicht bin. Die Frage ist bloß: Wer oder was soll ICH denn bitte schön sein? Wenn man mich fragt, ist die einzige Lüge, die hier entlarvt gehört, die der Authentizität. Das Deutsche Universalwörterbuch definiert authentisch als „echt; den Tatsachen entsprechend und daher glaubwürdig“. Aber Persönlichkeit ist keine Tatsache, sondern ein bewegliches, flexibles Ding, das sich je nach Laune, Erfahrung, Zeit und Umfeld immer wieder wandelt. „Jeder Mensch erfindet sich eine Geschichte, die er für sein Leben hält“, hat Max Frisch einmal gesagt, und diese Geschichte hat viele Bände.

Wir alle spielen verschiedene Rollen – egal, ob wir ein grünes Federkleid anziehen, um anders auszusehen als alle anderen, oder Jeans und T-Shirt, um genauso auszusehen wie alle anderen; egal, ob wir Leuten auf einer Party Komplimente machen oder ihnen ins Gesicht sagen, wie sterbenslangweilig wir die Story von ihrem letzten Wohnwagenurlaub auf Usedom finden. Natürlich kommt es dabei darauf an, wie gekonnt man seine jeweilige Rolle spielt. Ich kenne eine Frau, die mich bei jeder unserer Begegnungen immer so umarmt und umtänzelt, als wären wir beste Freundinnen, die mir aber noch nie eine ernsthaft interessierte Frage gestellt hat.

Der Mensch mit zwei Gesichtern

Man braucht schon ein Gefühl dafür, wann man welches Kostüm auspackt. Bei einem Vorstellungsgespräch die Diva zu geben ist wahrscheinlich auch nicht sehr hilfreich. Bei den alten Griechen hieß die Theatermaske prósopon, was übersetzt „Das, was gegenüber den Augen ist“ heißt. Das Gesicht wurde aber auch als prósopon bezeichnet. Die alten Griechen gingen also davon aus, dass man zwischen dem natürlichen und dem aufgesetzten Gesicht gar nicht unterscheiden kann. Schließlich wird die Maske von dem Menschen ausgewählt und geformt, der dahintersteckt. Wer sich einen großen Hut aufsetzt oder in einen Anzug mit Leopardenmuster steigt, der verkleidet sich also gar nicht unbedingt.

Im Gegenteil: Tatsächlich legt ein Mensch mit der Entscheidung für genau diese „Verkleidung“ sehr viel offen. Das gilt sogar für Kostümfeste. Ich erinnere mich an eine Faschingsfeier, die meine Eltern vor vielen Jahren bei uns im Keller veranstalteten – eine der wildesten Partys, die ich in meinem an Partys nicht armen Elternhaus erlebt habe. Die Kostüme waren nicht nur das perfekte Small-Talk-Thema; jeder Gast erzählte damit auch etwas über sich. Der gewitzte Architekt kam als Elvis, das ehemalige Model als Huhn. Siegfried und Roy blieben am längsten; die Langweiler, deren „Kostüme“ aus Katzenohren oder Fliegen bestanden, gingen zuerst. Verkleidet waren alle – und zeigten dabei doch mehr von sich als sonst.

Eine gute Verkleidung muss natürlich nicht immer knallbunt sein. Ich habe einen tollen dunkelblauen Nadelstreifenanzug im Schrank, den ich immer dann raushole, wenn ich in unbesiegbarer Businessfrauen-Stimmung bin. Mein 60er-Jahre-Kleid mit Obstprint ziehe ich an, wenn mir nach altem Glamour ist; das übergroße weiße Hemd mit High Heels, wenn ich Rihannahörend zur U-Bahn-Station laufe. Und was für eine Freiheit in diesem Rollenspiel steckt! Was für eine unglaubliche Autonomie! Was für eine Chance, dass wir Menschen so viele unterschiedliche Kostüme tragen können! Und auch: Was für ein Glück für unser soziales Zusammenleben. „Verkleidung ist Verfeinerung“, sagte Harald Schmidt mal in einem Interview mit der FAZ. „Ich finde es gerade anstrengend, dass so viele Leute permanent sie selbst sind oder besser: das, was sie glauben zu sein. Anstatt sich mal zu überlegen: Was erfordert der Umgang mit anderen? Das, finde ich, haben die Engländer perfektioniert. Da werden Sie ausgeraubt, aber vorher heißt es: ‚Excuse me!‘“ Ich bin immer wieder fasziniert davon, mit welcher Vehemenz in diesem Land die Jogginghose verteidigt wird, während die Frau, die in pinken Rüschen in den Supermarkt geht, oder der Mann, der im Lederoverall im Café sitzt, gehässige Blicke ertragen muss.

Authentisch sein ist wichtig

Offenbar meinen viele Menschen, authentisch und „ganz bei sich“ sei man, wenn man sich gehen lässt. Im Namen dieses Bei-sich-Seins werden dann nicht nur Jogginghosen verteidigt, sondern auch in letzter Minute Verabredungen abgesagt, damit man daheim vor dem Fernseher ausgiebig in sich hineinhorchen kann. Und wenn man doch hingeht, dann, um seinem Gegenüber endlich mal die Meinung zu sagen. Es gibt dazu sehr erfolgreiche Memes auf Instagram, "Sorry I’m late I didn’t want to come“ oder "I’m not shy I just don’t like you“. Toll, sagen die Leute und liken, was das Zeug hält. Endlich ist da mal jemand er selbst! Was sie übersehen, ist, dass auch Unverblümtheit eine Pose ist, und eine asoziale obendrein. In diesem Sinne sind die großen Kostüme, die wir in der aktuellen Saison auf den Laufstegen sehen, viel mehr als ein Trend. Sie sind ein Aufruf dazu, wieder mehr Gesellschaft zu wagen. In einem riesigen Kleid, in Federn, Rüschen oder Pailletten lümmelt es sich schlecht auf dem Wohnzimmersofa.

In diesen Kleidern muss man vor die Tür und auf die Bühnen des Lebens gehen und etwas von sich preisgeben. Diese Kleider, diese herrlich theatralischen Verkleidungen sind nicht Fake, sondern ein Kommunikationsmittel, eine ausgestreckte Hand. Ich finde es viel mutiger, viel offenherziger und deshalb auch viel ehrlicher, in einem Zebrarock mit größtenteils fremden Menschen auf ein Boot zu steigen, von dem man für die nächsten sechs Stunden nicht wieder runterkommen wird, als in Jogginghose zu Hause zu bleiben. Für wen hältst DU dich eigentlich?, werde ich den nächsten Menschen fragen, der mein aufgebrezeltes Outfit abschätzig mustert. Doch hoffentlich nicht für dich selbst?

Dieser Artikel ist erstmalig von Claire Beermann in der MADAME-Ausgabe 10/19 erschienen.

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