Muss ich bis 3 Uhr morgens auf Partys bleiben?

Ein Essay von Julia Werner

Wann können wir gehen? (Foto: Zeb Daemen)

Früh gehen gilt als Stimmungs-killer. Und als Indikator, dass man nicht mehr 20 ist. Oder? Unsere Autorin verrät, wann sich feiern lohnt

Jenseits der Vierzig sind die meisten von uns auf einer persönlichen Entwicklungsstufe, auf der sie sich von stimmungsaufhellenden Substanzen getrennt haben. Das ist gut für das Inschachhalten von menopausalen Symptomen und fahlem Teint, macht aber das Ausgehen nicht unanstrengender. Denn jetzt ist man um Mitternacht nicht mehr liebestrunken, hellwach und zu jedem Spaß bereit, sondern müde, sehr müde. Aber interessanterweise will das auf einer Party, im Gegensatz zum wahren Leben, wo die ganze Zeit gegähnt und gejammert wird, niemand zugeben. Die Strategien, um die senile Ins-Bett-Flucht zu vertuschen, sind in letzter Zeit immer raffinierter geworden. Konnte man frühes Abhauen früher nur auf den Babysitter schieben, reicht es heute, einen Hund zu haben, der jetzt wirklich dringend raus muss. Andere sind schon mit der Vorbeugung einer langen Nacht beschäftigt, bevor sie überhaupt angefangen hat: Sie rufen vorher den Gastgeber an, uÅm sich scheinbar artig für den verfrühten Abgang zu entschuldigen, also so gegen halb elf, wegen Familienfeier im Harz am nächsten Tag, und dann: der Verkehr! Nichts scheint größer als die Sorge, als der zu gelten, der die Dinnerrunde auflöste.

Ich gebe zu: Ehrlich sein ist keine Option, denn wenn es ums Feiern geht, ist Müdigkeit der ultimative Langeweile-Indikator und damit ein Affront gegenüber dem Gastgeber, der sich ja die größte Mühe gegeben hat. Statt sich also schon vorher um die eventuelle Müdigkeit zu sorgen und im Taxi das Safeword Mykonos zu vereinbaren (lässt sich gut einbauen, kennt jeder), könnte man sich grundsätzlich die Frage stellen, warum so etwas Banales wie eine Einladung heutzutage keine Hoffnung auf Spaß mehr ist, sondern nichts weniger als der Zerstörer der heiligen Balance. Wieso kann man nicht ab und zu mal aus ihr geraten und darauf vertrauen, dass sie sich schon wieder einpendelt? Was ist eigentlich so schlimm daran, mal ein bisschen müde zu sein im Namen einer großen Sause, wenn man pumperlgesund ist? Ich träume übrigens auch auf jeder Veranstaltung von meinem Bett. Und mache es so: Da, wo es garantiert etwas langweilig wird, also fast überall, gehe ich gar nicht hin. Alle anderen Feste – Hochzeiten, Geburtstage, sonstige Feiern werden auch unter größter Kraftanstrengung bis in die tiefe Nacht gefeiert. Nicht nur dem Gastgeber zuliebe, sondern dem Leben, das wir haben – in Frieden und Freiheit. Das muss eigentlich jeden Tag gefeiert, nicht verschlafen werden.

Autorin Julia Werner hat in ihrer nachtaktiven Wahlheimat Athen vor allem eines gelernt: Die Nachtruhe ist vollkommen überbewertet. Aber nur, weil der Nachmittags-Nap heilig ist.