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Im Interview mit Margaret Qualley

Während des Lockdowns in Los Angeles trafen wir virtuell die Schauspielerin Margaret Qualley, um über Dankbarkeit, Leichtigkeit und Zeitvertreib zu sprechen

Margaret Qualley
Im Interview mit Margaret Qualley Foto: Getty Images

Einen Hollywoodstar als Gast zu mir nach Hause einzuladen, wirft so manche Frage auf: Was werde ich kochen? Trinkt sie Wein? Wird sie sich wohlfühlen? Es ist ein bisschen anders als gedacht, natürlich, immer noch unter dem Einfluss der coronabedingten Reisebeschränkungen. Margaret Qualley taucht leider nur virtuell auf, nämlich auf meinem Computerbildschirm.

Trotz der technischen Distanz entsteht sofort eine sonnige Atmosphäre, als sie mir mit ihrem freundlich-schnoddrigen amerikanischen Akzent ein „Hey, how are you?!“ entgegenschmettert. Sofort ist klar: Mit so jemandem würde man gern auf ein paar Drinks um die Häuser ziehen. Ein Kumpelin-Typus, der augenblicklich Nähe herstellt. Vorsichtshalber habe ich die Tür abgeschlossen, damit mein Sohn nicht, wie er es gern macht, plötzlich hereinplatzt mit der Frage: „Mama, ist das endlich dein letzter Call für heute?“ Um sich dann auf der Schaukel neben meinem Schreibtisch niederzulassen und mich vollends aus dem Konzept zu bringen. Nun also Margaret Qualley zum Lunch mit Interview.

Der Karrierestart von Margaret Qualley

Bei uns ist es sieben Uhr abends, bei ihr in Los Angeles schlägt die Uhr erst elf Uhr vormittags. Im Hintergrund sehe ich eine mit Stuckaturen geschmückte Zimmerwand und -decke. Margaret lehnt lässig auf dem Schreibtisch und erzählt, sie habe sich seit dem Lockdown bei ihrer fünf Jahre älteren Schwester Rainey einquartiert. „Wir spielen Gesellschaftsspiele, wie zu unserer Kinderzeit.", erzählt die 25-Jährige und strahlt. Bei allem Übel, das Covid-19 mit sich bringe, sei sie extrem dankbar dafür, dass sie die geschenkte Zeit mit ihr habe.

„Es ist die Gelegenheit – mehr als alles andere – darüber nachzudenken, wie verrückt gesegnet ich vom Schicksal bin, dass ich es mir leisten kann, daheim zu bleiben und dass ich nicht täglich mein Leben riskieren muss wie so viele andere, die im Gesundheitssektor arbeiten.“ Gesegnet ist Margaret Qualley in der Tat, seit ihrer Geburt – zumindest wenn man die Hollywood-Erfolgschancen-Skala anlegt. Ihre Mutter ist Schauspielerin Andie MacDowell, bekannt aus „Green Card“, „Und täglich grüßt das Murmeltier“ oder auch „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“. Von ihrem Vater, Model Paul Qualley, trennte sich MacDowell, als Margaret fünf Jahre alt war. Gern erzählt Qualley die Anekdote, dass sie versuchte, ihre Eltern mit dem Film „Ein Zwilling kommt selten allein“ wieder zusammenzubringen. In dem Familien-Movie heiratet das einst getrennte Elternpaar wieder.

Margaret Qualley und „Once Upon a Time in Hollywood“

Drei Hollywood-Big-Shots außerhalb ihrer Familie haben nun dafür gesorgt, dass sich die junge Schauspielerin in Zukunft um Rollenangebote keine Sorgen machen muss. In Quentin Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“ spielte sie im vergangenen Jahr an der Seite von Brad Pitt und Leonardo DiCaprio ein verführerisches Hippie-Girl. Die Szene, in der sie in Denim-Shorts und gehäkeltem Crop Top zu Pitt ins Auto steigt und ihre nackten Füße auf das Armaturenbrett legt, bleibt unvergessen. Der Film ist ihr Karriere- Booster, auch wenn sie schauspielert, seit sie volljährig ist, und neben einer Serie („The Leftovers“) auf neun Filme zurückblicken kann. Aufgewachsen ist Margaret Qualley weit weg von Hollywood, in Montana und North Carolina.

Trotzdem war früh klar, dass sie in die Fußstapfen ihrer Mutter tritt. In ihrer Kinder- und Teenagerzeit war Ballett die große Liebe. Mit 16 ergatterte sie sogar eines der begehrten Praktika im Sommerprogramm der New Yorker „American Ballett Theatre“-Tanztruppe. Bis ihr der Druck zu groß wurde: „Nie war man dünn und zierlich genug.“ Tanzen ist heute für sie eine Art zu relaxen. „In L.A. gibt es dieses tolle Sweat Spot Studio“, erzählt sie. „Da gehe ich gern hin, weil es einfach nur Spaß macht, sich spontan und ohne Druck zu bewegen.“ Nachdem sie die professionelle Ballett-Karriere ad acta gelegt hatte, unterschrieb Qualley bei der Modelagentur IMG – als Mitel zum Zweck: „Ich wollte mein eigenes Geld verdienen, um meinen Schauspielunterricht zu bezahlen. Eine ihrer ersten Buchungen kam von Chanel, als sie gerade 16 Jahre alt war.

Das Model bei Chanel

„Das erste Mal, dass ich ganz allein gereist bin – und dann gleich nach Paris.“ Lachend berichtet sie von einer Anekdote dieses Debüts: „Ich sollte um 7.30 Uhr morgens im Grand Palais sein, weil dort die Show stattfand. Nur kam ich aus meinem Hotelbadezimmer nicht heraus. Das Schloss klemmte, und auch das Housekeeping konnte mich nicht befreien. Bis endlich der Hausmeister kam. Natürlich war ich viel zu spät – das war peinlich.“ Offenbar kein Hindernis dafür, dass Chanel nun, neun Jahre später, der Schauspielerin einen Vertrag als Gesicht der Marke anbot.

Aktuell ist sie in der Kampagne der neuen „Chanel 19 Bag“ zu sehen. Regisseurin Sofia Coppola drehte den Clip dazu. „Sie ist die eleganteste Frau, die ich kenne“, schwärmt Margaret Qualley. „Das Besondere an ihren Filmen: Sie strahlen Ruhe und Zärtlichkeit aus. Ihre Szenen atmen.“ Mit Hollywood-Royalties arbeitete sie auch für ihre letzten beiden Projekte: an der Seite von Kristen Stewart in „Jean Seberg“ und in der Miniserie „Fosse/Verdon“ mit Michelle Williams. Ihre erste Hauptrolle spielt sie nun in „My Salinger Year“. Dort agiert sie als Assistentin von Sigourney Weaver, die die Literaturagentin des berühmten Schriftstellers J. D. Salinger gibt. Qualleys Rolle als ambitionierte Schriftstellerin steht im Mittelpunk des Plots und wird vermutlich ihre Startrampe für weiteretragende Rollen sein. Vorgestellt wurde das Drama bereits während der Berlinale im Februar.

Margaret Qualley 2020

Dann wurden die Kinos weltweit geschlossen und noch kein Startdatum bekannt gegeben. Vom Schicksal bestraft fühlt sie sich dennoch nicht. „Es ist eher geboren zu sein. Ich denke, dass wir uns jetzt und hier sehr glücklich schätzen sollten.“ Sie zupft an ihrem weißen T-Shirt, auf dem die Worte „drug abuse resistance education“ prangen. Als ich sie frage, was es damit auf sich habe, kichert sie und erklärt, dass das Shirt ihrem älteren Bruder Justin gehöre. Und als ich wissen möchte, wie sie ihren persönlichen Stil beschreiben würde, lacht sie laut auf und meint: „Finders keepers.“

So würde ihre Schwester es nennen, und es hieße so viel wie: „Ich ziehe alles an, was – auf welchem Weg auch immer – in mein Zimmer gelangt.“ Sie könne froh sein, dass ihr eine Stylistin zur Hand gehe, wenn sie sich für fancy Events herausputzen müsse. Diese Leichtigkeit, dieses Hineinstolpern in etwas scheint charakteristisch für Margaret Qualley. In einem kürzlich erschienenen Interview erzählt sie: „Ich bin wie das Essen, das du im Kühlschrank hast, wenn du dir überlegst, was du bestellen möchtest, aber nicht dazu kommst, und dann findest: Ach, ich esse eben, was da ist.“ So sei sie an ihre Rolle in „Once Upon a Time in Hollywood“ gekommen, genauso wie an ihren Part in der Serie „Leftovers“ und in der Broadway-Doku-Fiction „Fosse/Verdon“.

Für ihre Rolle der Tänzerin Ann Reinking erhielt sie eine Emmy-Nominierung. Ihre Tage vertreibt sie sich gerade mit virtuellen Klavierstunden – „ich wollte das schon immer lernen“ – und mit Spaziergängen in der Nachbarschaft von Highland Park im Nordosten von Los Angeles mit vielen historischenHolzhäusern. „Es ist so nett, diese kleinen Begegnungen und kurzen Gespräche mit den Leuten hier zu haben“, sagt sie. Manche haben in ihren Vorgärten Schilder aufgestellt, auf denen steht: „We are in this together“ oder einfach nur „Have a nice day“.

Wo wir eigentlich zum Lunch hingegangen wären, frage ich, wenn ich sie hätte persönlich besuchen können? „In L.A. in die ,Kitchen Mouse‘“, sagt sie nach einigem Nachdenken, „und in New York ins ,Lovely Day‘.“ Prinzipiell sei sie aber gar kein Lunch-Typ, sondern liebe üppiges Frühstück. Als wir uns verabschieden, sagt sie, sie schulde mir eine ihrer berühmten selbst gemachten Frühstücks-Spezialitäten. Als da wären? „Ein Sauerteig-Sandwich mit Dill Pickles und Peanut Butter – klingt ekelhaft, ich weiß, aber das ist ein echter Margaret-Klassiker.“

Dieser Artikel erschien erstmals im MADAME Magazin 09/20 erschienen.