Familie

Im Interview mit Keira Knightley – Muttersein, Gleichberechtigung und Kindererziehung

Mit ihren Rollen in Kostüm- und Historienfilmen begeistert Keira Knightley seit fast 20 Jahren das Publikum – wie jetzt wieder in „Niemandsland“. Wir sprachen mit der britischen Schauspielerin und bekennenden Feministin über ihr Muttersein, die fehlende Gleichberechtigung in ihrer Branche und geschlechtsneutrale Kindererziehung

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Keira Knightley spricht im Interview mit MADAME über geliebte Anti-Klischees

Keira Knightley im Interview

Entspannt sitzt Keira Knightley beim Interviewtermin auf dem Sofa einer Suite im Londoner „Dorchester Hotel“. Die dunklen Haare trägt sie offen, die Nägel sind schwarz lackiert, passend zum burschikos-schlichten Outfit aus schwarzem Pulli über weißer Bluse und langem Rock. Die 34-jährige Schauspielerin hat blendende Laune, lacht und strahlt in einer Tour. Dabei ist der Film, in dem sie jetzt die Hauptrolle spielt, ein tragisches Melodram und alles andere als heiter: „Niemandsland“ (ab 11.4.) erzählt von einer mit einem Colonel verheirateten Britin, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Hamburg eine Affäre mit einem Deutschen beginnt.

Dort wurde teilweise auch gedreht, allerdings habe sie, erzählt sie gleich, von der Hansestadt kaum etwas gesehen. Ausnahmen seien ein Besuch in der Elbphilharmonie und eine köstliche Currywurst in der Nähe der Reeperbahn gewesen. Doch statt mit ihr über Deutschland zu plaudern, wollen wir uns mit der Londonerin, deren Tochter Edie vor fast vier Jahren geboren wurde, über das Muttersein und Kindererziehung unterhalten. Dass Knightley, die sich selbst als Feministin bezeichnet, bei diesem Themen ausgesprochen meinungsstark ist, demonstrierte sie in ihrem Essay „The Weaker Sex“, in dem sie den gesellschaftlichen Druck kritisierte, Frauen müssten schon kurz nach der Geburt wieder makellos aussehen. Der Text, zu finden im Buch „Feminists Don’t Wear Pink (and other lies)“, sorgte nicht zuletzt deswegen für Aufsehen, weil sie als Beispiel Kate Middleton anführte, die bereits wenige Stunden nach der Geburt ihres dritten Kindes perfekt gestylt für Fotos posierte.

MADAME: Keira, das eigentliche Trauma Ihrer Rolle in „Niemandsland“ ist der tragische Verlust eines Kindes. Überlegt man sich als Mutter zweimal, eine solche Rolle zu spielen? Vielen Eltern ist es ja schon zu viel, Krimis zu schauen, in denen Kinder ums Leben kommen…

KEIRA KNIGHTLEY: Das geht mir genauso. Geschichtenüber tote Kinder ertrage ich als Zuschauerin kaum. Seit ich Mutter bin, ist der Verlust meiner Tochter meine allergrößte Angst, keine Frage. Nur haben meine persönlichen Gefühle eben nichts mit meiner Rolle zu tun. Ich greife nicht auf eigene Erfahrungen zurück, um vor der Kamera Emotionen zu erzeugen. An den Tod der Großmutter zu denken, weil man in einer Rolle traurig sein muss –das ist ein Klischee über die Schauspielerei. Wenn ich eine tragische Figur spiele wie in „Niemandsland“, kann ich das also gut trennen von meinen persönlichen Ängsten.

MADAME: Das Muttersein hat Sie als Schauspielerin verändert?

KEIRA KNIGHTLEY: Doch, sicher. Es hat mich als Menschen verändert. Ich habe einen anderen Blick auf das Leben, seit ich Mutter bin, und jede Erfahrung, die ich im Leben mache, erweitert auch meinen Horizont als Schauspielerin. Aber es bedeutet nicht, dass ich plötzlich eine Mutter besser verkörpern könnte. Das kann eine Kollegin, die keine Kinder hat, genauso gut.

MADAME: Sie haben den Film teilweise in Deutschland gedreht und hatten Ihre Tochter wie immer mit dabei. Wie schneiden wir ab in Sachen Kinderfreundlichkeit?

KEIRA KNIGHTLEY: Da gab es keinen Grund zur Beschwerde.

MADAME: In welchem Land oder welcher Stadt haben Sie besonders positive Erfahrungen gemacht?

Keira Knightley: Das tollste Land, um mit einem Kind unterwegs zu sein, ist für mich Italien. Einmal abgesehen von der Tatsache, dass man dort immer so spät zu Abend isst. Aber ansonsten war ich völlig begeistert, als wir letztes Jahr dort Urlaub gemacht haben. Edie war damals gerade in ihrer Trotzphase und hatte ständig Wutanfälle, am liebsten mitten im Restaurant. Aber statt uns rauszuschmeißen, kam immer irgendein Kellner und sang ihr etwas vor oder eine Frau vom Nachbartisch hat mit ihr gespielt. Nur in New York habe ich ein einziges Mal schlechte Erfahrungen gemacht, da waren wir in einer Location mit Baby nicht gern gesehen. Dafür gibt es dort richtig tolle Spielplätze. Genauso wie übrigens in Berlin. Dorthin nehme ich Edie immer besonders gern mit.

MADAME: Wenn Sie Ihre Tochter fast immer dabei haben: Wie steht es um die Kinderbetreuung an Filmsets?

KEIRA KNIGHTLEY: Die gibt es leider nicht, und tatsächlich würde ich sagen, dass das einer der Hauptgründe dafür ist, warum es Frauen in der Filmbranche immer noch deutlich schwerer haben als Männer. Ich verstehe natürlich, dass die Sache schwieriger ist als bei einer Firma, deren Angestellte geregelte Arbeitszeiten haben und wo man eine feste Krippe einrichten kann. Gleichzeitig kann es doch aber nicht so kompliziert sein, einen zusätzlichen Wohnwagen zu mieten, mit Spielzeug zu füllen und eine Person dafür zu bezahlen, die Kinder zu beaufsichtigen. Gerade alleinerziehenden Müttern – und auch Vätern – würde das mit Sicherheit neue Jobmöglichkeiten eröffnen, die sie ohne eine solche Betreuung vielleicht absagen müssten.

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Keira Knightley im Interview zu "Niemandsland", ihrem neuesten Film

MADAME: Wer in der Filmbranche für mehr Gleichberechtigung sorgen will, sollte sich also zuerst um Set-Kindergärten kümmern?

KEIRA KNIGHTLEY: Der erste und wichtigste Schritt ist natürlich nach wie vor, dass mehr Frauen als Regisseur und Produzent zum Zug kommen. Das sind die Positionen, in denen Entscheidungen getroffen werden, die Auswirkungen auf das ganze Team haben. Und dann würden vermutlich auch Themen wie Kinderbetreuung ernster genommen. Auf jeden Fall muss sich was ändern, denn die Sache ist ein Teufelskreis. Genau in dem Alter, in dem sich die meisten Kameramänner, Regisseure oder andere Filmemacher etablieren, müssen viele Frauen pausieren, wenn sie Kinder bekommen. Und später wundert man sich dann, warum es so wenige Kamerafrauen mit der gleichen Erfahrung wie ihre männlichen Pendants gibt.

MADAME: War die Lage im England der späten Achtzigerjahre besser? Oder wie haben es Ihre Eltern, die ja auch als Schauspieler gearbeitet haben, mit Ihrer Erziehung gemacht?

KEIRA KNIGHTLEY: Unsere Situation war eine andere. Nicht zu vergleichen mit dem, was ich gerade beschrieben habe. Meine Mutter und mein Vater haben beide vor allem in London Theater gespielt, deswegen mussten wir nicht reisen, sondern hatten zu Hause einen recht geregelten Alltag. Mein großer Bruder allerdings verbrachte als Kind noch viel Zeit bei unserer Großmutter, denn da war meine Mutter manchmal wochenlang auf Theatertournee, und ein Vater machte damals noch nicht wirklich Anstalten, beruflich zurückzustecken. Es gab sogar mal einen Job, da hatte meine Mutter meinen Bruder abends im Theater dabei und drückte ihn immer nur kurz jemandem in die Hand, wenn sie für eine Szene auf die Bühne musste. Als ich dann geboren wurde, arbeitete sie bereits überwiegend als Autorin und von zu Hause aus. Das vereinfachte die Sache natürlich sehr.

MADAME: Ein großer Unterschied zwischen den Achtzigern und heute ist natürlich auch all das gegenderte Spielzeug und die Kleidung. Wie gehen Sie als Feministin damit um?

KEIRA KNIGHTLEY: Puh, das ist ein großes Thema. Wir wollten es nicht mehr als nötig dramatisieren und haben Edie möglichst geschlechtsneutral angezogen. Wobei mir irgendwann allerdings auffiel, dass ich sie zunehmend wie einen Jungen einkleidete. Was vielleicht an meinem persönlichen Stil liegt, der eher burschikos ist. Mein Mann gab dann zu bedenken, dass ich Edie dadurch womöglich vermittle, alles Weibliche sei negativ, was natürlich keineswegs meine Absicht war. Also hielt dann doch auch ein bisschen Pink Einzug in ihre Garderobe. Inzwischen sucht meine Tochter sich allerdings schon selbst aus, was sie anziehen will. Und ich kann nicht leugnen, dass es mir schwerfällt zu sehen, wenn sie lieber Kleider und Röcke statt Hosen trägt. Die Sache mit dem Spielzeug ist aber noch komplizierter.

MADAME: Tatsächlich?

KEIRA KNIGHTLEY: Ja, weil ich mich noch viel mehr dabei ertappe, selbst in Stereotypen gefangen zu sein. Es erschien mir ganz selbstverständlich, ihr eine Puppe zu kaufen und eben keine Eisenbahn. Immer wenn ich das gemerkt habe, habe ich bewusst gegengesteuert, also hat Edie auch eine Eisenbahn, Bauklötze und eine kleine Werkbank. Aber man hat es natürlich nie ganz selbst in der Hand. Kaum ging Edie in die Kindertagesstätte, wurde sie mit diesen ganzen Prinzessinnensachen konfrontiert. Letztlich kann man wohl nur sein Bestes tun und beides anbieten, also sowohl ihre weibliche als auch ihre männliche Seite bedienen und hoffen, dass sie daraus selbst eine gute Mischung kreiert. Keine Ahnung, ob das der richtige Weg ist, aber es ist der, den wir gehen.

MADAME: Haben Sie insgesamt manchmal das Gefühl, dass um die Themen Babys und Kinder heutzutage ein bisschen zu viel Aufhebens gemacht wird? Man denke nur an Baby-Shower-Partys…

KEIRA KNIGHTLEY: Ach, ich weiß nicht. Ich habe so etwas nie gemacht und meine Freundinnen auch nicht. Ich habe aber auch nichts übrig für den Valentinstag oder ähnliche künstlich erzeugte Feiertage. Manchmal frage ich mich, ob solche modernen Rituale so beliebt sind, weil sie Traditionen ersetzen, die uns verloren gehen, weil wir immer weniger religiös sind. Womöglich sind das also neue Formen von Initiationsriten und Zeremonien, die uns ein bisschen Halt und Struktur geben. Oder rede ich mir die Sache nur schön? Und es ist doch einfach nur Kommerzquatsch, der aus amerikanischen Filmen stammt und die ganze Welt überschwemmt hat?

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Mackenzie Foy und Keira Knightley bei der Premiere zu "Der Nussknacker" Getty Images

Dieses Interview stammt von Patrick Heidmann und ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 05/19 erschienen.