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Im Interview mit Dorothee Bär

Bei Gartensalat und Rinderfilet mit Pfifferlingen sprechen wir mit der Staatsministerin für Digitales über Arbeitsmoral, autonomes Autofahren, die Angstbesessenheit der Deutschen und Dinge, die sie auf die Palme bringen

Dorothee Bär
Im Interview mit Dorothee Bär Getty Images

MADAME im Gespräch mit Dorothee Bär

"Das eine tun, ohne das andere zu lassen“ – dieses Motto prägt die politische Philosophie Dorothee Bärs. Es ist der Tenor ihrer Agenda, mit der sie aus Deutschland ein Land von Digital Natives, von künstlicher Intelligenz geprägten Fortschritts (ja, auch autonom fahrende Autos und Flugtaxis gehören dazu) und einem Bildungswesen machen möchte, zu dem das iPad genauso gehört wie der Goethe-Klassiker auf gedrucktem Papier. Dafür braucht man eine unverwüstliche Natur, eine, die geprägt ist vom Zupacken, von familiärer Wärme und Werten. Dass sie all das aus ihrer unterfränkischen Heimat mitbringt, wird sich in unserem Gespräch mit vielen rollenden "Rs“ zeigen. Wir sind verabredet im „Garden“-Restaurant des "Bayerischen Hofs“.

Interior-Papst Axel Vervoordt hatte das Restaurant vor zehn Jahren modernisiert und ihm bei aller Solidität der Materialien und der Seriosität gedeckter Farben Leichtigkeit verliehen. Die Küche zog nach und bietet neben den Schnitzel-Klassikern vor allem – genau – Leichtes an. Die Stammklientel aus Anwalts- und Notarkanzleien, Personalberatungen und Privatbanken rund um den Münchener Promenadeplatz schätzt diesen Zutaten-Mix. Ein paar Minuten vor der verabredeten Zeit erscheint Dorothee Bär mit strahlendem Lächeln auf der Terrasse, wo ich uns einen etwas versteckten Tisch ausgesucht habe, damit aus unserem Lunch keine Bürgersprechstunde wird. Sie trägt ein mit Blumen bedrucktes, rosafarbenes Kleid und– wie passend zum Look! – Ohrringe in Form von Bienen. Natürlich ist das kein Zufall. Auch wenn sie ihre Garderobe oft spontan und intuitiv auswähle, wird sie später erzählen, versuche sie, sich immer sehr genau dem Anlass entsprechend zu kleiden. Heute also mit der Botschaft "Rettet die Bienen!“, sagt sie lachend, und spielt dabei auf das Volksbegehren in Bayern an, bei dem fast zwei Millionen Menschen ihre Unterschrift für die gute Sache abgaben.

Als wir uns setzen, frage ich nach ihren Urlaubsplänen. "Ich fahre mit den drei Kindern nach Sylt“, erzählt sie. "Diese Auszeit auf der Insel brauche ich mindestens einmal im Jahr.“ Ihr Mann, Landwirt und Landrat im fränkischen Hof, muss noch die Ernte einbringen. "Wir haben ja einen richtigen landwirtschaftlichen Betrieb zu Hause“, erklärt sie. "Da kann er leider nicht weg.“

Dorothee Bär privat

Nach einem kurzen Blick in die Karte entscheidet sie sich zügig für einen Garden Salat als Vorspeise und für ein kleines Steak mit Pfifferlingen und extra roten Chilis als Hauptspeise. Ich wähle den toskanischen Brotsalat und Fregola Sarda mit Chorizo und Kraut, eine Pasta-Spezialität aus Sardinien. Bei unserem Gespräch zu Speis und Trank erzählt sie von den Weinfesten in ihrem Wahlkreis Bad Kissingen, auf denen witzige Trinksprüche statt langer Reden erwartet werden, und von ihrer Aufgabe vor ein paar Tagen als Mutter tennisspielender Kinder, die Töchter sind 13 und acht Jahre alt, der Sohn ist sieben: "Ich stelle mich auf Turnieren meiner Kinder mit anderen Eltern auch an den Stand und verkaufe Kaffee und Kuchen, um für die Kinder -und Jugendmannschaft Extra-Ausgaben tätigen zu können.“ Schließlich sei sie da Profi und habe schon als Teenager in der "Pizzeria di Maria“ im heimatlichen Ebelsbach bedient. Dorothee Bär ist nicht nur im persönlichen Gespräch eine sehr nahbare Frau.

Egal, wo sie öffentlich in Erscheinung tritt, hält sie zwangsläufig Bürgersprechstunden ab. Das kann auch im Zug zwischen Bamberg und Berlin sein. "Die meisten Passagiere sind sehr nett, über manche muss man sich aber auch wundern“, schmunzelt sie und erzählt, dass ein Sitznachbar sie neulich mit der Frage begrüßte, ob sie jetzt Wahlkampf machen wolle. Wir werden mit einem Gruß aus der Küche überrascht, ein Hauch von bayerischem Leberkäse und einer Senf-Vinaigrette, und kommen noch mal auf ihre Kellnerin- Erfahrung zurück. Was hat sie in dieser Zeit gelernt? "Menschenkenntnis und Gedächtnistraining“, fasst sie diese "Ausbildung“ spontan zusammen. "Ich kenne heute noch alle Bestellabkürzungen für die Kasse und wusste immer haargenau, wer am Tisch was bestellt hatte.“ Außerdem, sagt sie, trainiere man beim Kellnern das Gespür dafür, wann Menschen in Ruhe gelassen werden wollen und wann sie etwas brauchen. Dieses Gespür und die Wertschätzung für sehr guten und zuvorkommenden Service begleitet sie seit dieser Zeit. "Ich hätte nie diese Scheuklappen aufgesetzt, die einige Kellner manchmal haben – ja nicht schauen, ob der Gast etwas braucht.“ Auch der Satz "Dafür ist der Kollege zuständig“ kam ihr nicht über die Lippen.

Für ihre Arbeitsmoral und Leistungsbereitschaft wurde Dorothee Bär schon damals belohnt: „Ich hatte meistens mehr Trinkgeld als meine Kollegen.“ Finanziert hat sie damit Klamotten und Make-up. Sich für nichts zu schade zu sein und gleichzeitig das Privileg einer guten Schulbildung schätzen zu wissen, das hat sie aus einem weiteren Ferienjob gelernt. „Da habe ich mit 14 Jahren neun Stunden am Tag gestäbelt, das heißt Kletterpflanzen an Rankhilfen befestigt.“ Ihren Vater, den Bürgermeister des Ortes, habe sie danach mit der Aussage beglückt, dass sie jetzt doch ganz gern wieder Latein lerne. Und noch ein Learning kam durch einen Putzjob im Krankenhaus zustande. Die Schwestern seien da oft grußlos über den frisch gewienerten Boden gelatscht. „Da habe ich mir vorgenommen, egal welchen Job ich jemals habe, niemals andere Menschen, so sehr sich ihre Arbeit auch von der eigenen unterscheiden mag, respektlos zu behandeln.“

Alltag einer Politikern

In ihrem heutigen Job als Staatsministerin gibt es zwar keine unmittelbaren Leistungsprämien wie beim Kellnern, dafür Wiederwahl und höhere Ämter. Es ist ein wahres Pfund, dass ihre Themen direkt im Kanzleramt, mit der Kanzlerin und für sie verhandelt werden. Das bringe das Thema Digitalisierung spürbar voran. Dazu gehöre auch, dass das Bundeskanzleramt eine hohe Anziehungskraft auf alle Arten renommierter und hilfreicher Gesprächspartner habe. Natürlich profitiere man von Synergien, dadurch dass hochrangige Besucher im Büro Merkels dann bei der Gelegenheit auch meist bei ihr vorstellig würden. Der Kellner erscheint mit dem hübsch angerichteten Salat in genau richtiger Portionierung: nicht zu klein, aber auch nicht so groß, dass man ihn als Hauptspeise durchgehen lassen könnte. Mein Brotsalat ist geschmacklich fein austariert: Die krossen Brotstücke, die salzig-scharfe Chorizo, der knackige Krautsalat und die frischen Blätter bilden eine optimale Komposition. Auch der Garden Salat scheint zu schmecken, dem sich Dorothee Bär in Gesprächspausen konzentriert, aber ohne Eile und bis zum letzten Blatt widmet. Beim Essen kommen wir natürlich aufs Essverhalten zu sprechen. Gar nicht so einfach bei einem Pensum, das in Sitzungswochen von 8 bis 24 Uhr geht. Die Abende sind geprägt von Veranstaltungen, auf denen sie als Sprecherin oder Verleiherin von Preisen auftritt, von Sitzungen verschiedener Gremien und vom Aktenstudium, zu dem sie erst kommt, wenn alle gegangen und die Telefone lautlos sind. Eines der Gremien ist ihr Innovation Council. Dabei sind Frauen wie Westwing- Unternehmerin Delia Fischer, Tech-Pionierin Verena Pausder, Telekom-Vorständin Claudia Nemat und Deutsche-Bahn-Vorständin Sabina Jeschke. Vorangetrieben wird in den Meetings aktuell das Thema digitale Bildung. „Wir haben zuerst Modellschulen identifiziert.

Nächster Schritt ist, die Kosten zusammentragen, was die digitale Aufrüstung kostet. Das ist sehr komplex, weil jede Schule eine andere Infrastruktur mitbringt. Ziel ist, eine Art Baukastensystem zu entwickeln, an dem sich andere Schulen orientieren können. Jede Schule soll aus den Modellbeispielen ableiten können, welche Schritte sie konkret gehen muss und was das kostet.

Soziale Verantwortung gegenüber Kindern

"Hier herrscht momentan bei den Schulen wenig Klarheit, was ein echter Hemmschuh ist.“ Was hält sie davon, dass unsere Kinder immer stärker in den Sog von iPad und Co. geraten? "In Deutschland neigen wir bei dem Thema dazu, Extreme zu propagieren“, schickt sie vorweg. Natürlich sei es wichtig, dass Kinder nicht den ganzen Tag vor einem Gerät sitzen, sondern dass sie gleichzeitig rausgehen, Sport machen, Musikinstrumente spielen lernen. "Ein iPad gibt es bei uns zu Hause vorwiegend, wenn wir länger im Auto sitzen. Und wenn ich merke, dass es die Kinder aufwühlt, verschwindet es eben.“ Ihre älteste Tochter hat mit 13 Jahren ein Smartphone, auf das die Mama allerdings kompletten Zugriff hat. "Ich muss da nicht jeden WhatsApp-Chat lesen, weil sie sehr verantwortungsvoll ist. Aber wer weiß, ob die beiden Kleinen das später auch sind.“

Ein No-Go sind die Gadgets bei Familie Bär am Essenstisch. "Es war mir immer wichtig, dass wir beim gemeinsamen Essen ganz bei uns sind, uns in die Augen schauen und nicht auf Bildschirme.“ Ihr Fett weg bekommt die Mama natürlich auch. "Das sagt die Richtige“, schießen die Kinder dann schon mal zurück. Dorothee Bär ist sowohl in der Familie als auch in ihrer Politik für gesundes Augenmaß. Von Tablets würden Kinder fett und faul und dumm, schallt es ihr nicht selten entgegen. "Wir sind immer so extrem und verstehen die Dinge exklusiv. Wenn das eine geht, dann geht das andere nicht. Schrecklich. Was spricht denn dagegen, wenn Kinder in der Grundschule programmieren lernen? Smarte Geräte sind doch eine gute Ergänzung. Und kluge Animationen machen Lernen viel verständlicher. Ich habe Geografie noch mit dem alten Diercke Weltatlas gelernt – von 1988. Bis zu meinem Abi war da Deutschland immer noch geteilt. Mit den heutigen Filmen, dynamischen Karten und Animationen, die es im Netz gibt, ist das Lernen doch viel interaktiver und macht dann auch mehr Freude.“

Wir sind inzwischen bei unserem Hauptgericht angekommen. Während sie mir von ihren Pfifferlingen anbietet, erzählt sie, dass sie als Politikerin oft mit diffusen Ängsten der Bürger konfrontiert werde. Beim Thema autonomes Fahren etwa. Eine Mehrheit sagt, dass sie einer Maschine nicht vertraut. Dabei sei doch der Risikofaktor Mensch viel größer, sagt sie.

Über 3000 Verkehrstote mit über 95 Prozent menschlichem Versagen, referiert sie die Zahlen, die sie noch sehr genau aus ihrem Job als parlamentarische Staatssekretärin im Verkehrsministerium, ihrem Amt vor dem jetzigen, präsent hat. "Ein Algorithmus ist nie übermüdet oder wechselt einfach mal so die Spur. Da gibt es noch viel Aufklärungsbedarf und man muss auch als Politiker weniger schwurbelig sein. Wenn man etwa sagt: Freust du dich darauf, nie mehr im Leben im Stau zu stehen, nie mehr einen Parkplatz suchen zu müssen, sondern dich um deine Kids kümmern zu können, wenn sie sich auf der Rückbank streiten? Da kann man doch das Thema autonomes Fahren ganz anders erklären, als wenn wir abstrakt davon sprechen, wie toll und wirtschaftlich wichtig diese neuen Technologien sind.“

Warum, frage ich, glaubt sie, sind wir Deutschen so angstbesetzt und unflexibel? Damit habe sie sich sehr stark beschäftigt in den letzten Jahren und in einer Studie eine spannende Erkenntnis gewonnen: "Von allen Nationen in Europa sind wir die, in der die meiste Angst vor Veränderung herrscht. Die gute Nachricht: Wir sind gleichzeitig diejenigen, die am besten mit Veränderungen klarkommen. Wenn wir müssen, können wir“, fasst sie die Analyse zusammen. Den Grund der Verzagtheit sieht sie darin, dass wir zu sehr mit unserer Besitzstandswahrung beschäftigt sind. "Meine Großeltern wollten, dass es den Kindern und Enkeln besser geht. Wir fragen uns dagegen heute, ob es unseren Kindern in Zukunft noch genauso gut geht wie uns.“ Der Aufstiegswille sei weg.

Sie legt die Gabel aus der Hand, macht eine Pause. "Wir versuchen nur noch festzuhalten und entwickeln uns darum nicht weiter.“ So langsam kommen wir zum Ende unseres Lunches (ihre Referentin hat sich schon bemerkbar gemacht) und denken über ein Dessert nach. Für Dorothee Bär darf es eine Kugel Limonen-Sorbet sein, ich nehme einen Affogato, eine Kugel Vanilleeis mit Espresso übergossen. Ein guter Zeitpunkt, sie am Ende noch mal zu ihrem Verhältnis zur Kanzlerin und ihrer Einschätzung der Lage der Frauen in unserem Land zu befragen. Wieder fällt ihr eine Studie ein, nach der wir echte Gleichberechtigung erst in 200 Jahren haben werden. Nicht ermutigend. „Es geht ja schon damit los, dass nur ich gefragt werde, wie ich Job und Familie vereinbare, mein Mann hingegen nicht. Obwohl jeder weiß, was ich beruflich mache. Das könnte man ihn doch auch fragen.“ Machogehabe begegnet ihr allerorten, ob beim Bewerbungsgespräch, in dem ihr ein Mann nahelegt, sie solle sich besser mehr um ihre Kinder kümmern. Oder als Hinweis von männlichen Kollegen, doch bitte keine Frauen im gebärfähigen Alter einzustellen. Und das, nachdem mit Angela Merkel seit 14 Jahren eine Frau die mächtigste Position unseres Landes innehat … Dorothee Bär lacht herzlich, als ich frage, ob sie auch einem Mann die Nachfolge von Angela Merkel zutrauen würde. Statt direkt zu antworten, sagt sie, dass es sie vielmehr nerve, dass manche in Berlin meinten, auf eine Frau dürfe nicht wieder eine Frau folgen. "Das ist absurd und ärgert mich.“ Jeden Tag läuft sie an der Ahnengalerie im Kanzleramt vorbei, einer Männerriege. „Da hat auch nie jemand gefragt, ob auf einen Mann ein Mann folgen dürfe.“

Die Staatsministerin fühlt sich wohl an der Stelle, an der sie gerade ist. Sie habe noch so viele Ideen und Pläne. Wir dürfen gespannt sein, wie die Geschichte weitergeht. Mit einer herzlichen Umarmung trennen wir uns. Die Bienchen schwingen über der Blumenwiese ihres Kleides, als sie von der sonnendurchfluteten Terrasse ins Halbdunkel des Hotels läuft.

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