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Gesundheit

Habe ich Depressionen? So erkennen Sie die psychische Erkrankung

Niedergeschlagenheit, Lustlosigkeit und Antriebslosigkeit sind heutzutage allgegenwärtig. Doch leiden wir deshalb bereits an Depressionen? Wir haben mit der Diplom-Psychologin Celia Pirker gesprochen und erklären Ihnen, woran Sie Depressionen erkennen können

Hand greift durch eine Schattenwand
Depressionen sind nichts Außergewöhnliches – und doch fällt es Ärzten oft schwer, diese zu diagnostizieren Getty Images

Depressionen – das Leitbild der psychischen Erkrankung

Psychische Erkrankungen prägen mehr und mehr das Bild unserer Gesellschaft. Das Fatale an dieser Erkenntnis ist nicht nur die Krankheit selbst, sondern auch die Tatsache, dass sie oftmals nicht diagnostiziert oder verstanden wird. Weshalb scheint es noch immer unmöglich, dass Betroffene sofortige Hilfe erhalten und von Hausärzten und Co. ernst genommen werden? Alleine in Deutschland erkranken pro Jahr rund 5,3 Millionen Menschen an einer Depression, wie eine Studie der AOK aus dem Jahre 2018 aufzeigt. Das ist eine Zahl, die alarmieren sollte.

Doch woran erkennen wir eigentlich eine Depression? Bedeutet jegliche Art von Erschöpfung und Niedergeschlagenheit sofort, dass wir auf dem besten Weg sind, in eine depressive Phase zu verfallen? Und falls ja – wie kommen wir da wieder heraus?

Wir haben mit der Diplom-Psychologin Celia Pirker über das Thema der Depression gesprochen und offen nachgefragt, wieso psychische Erkrankungen so schwer diagnostizierbar sind und wie man sich selbst und anderen am besten helfen kann. Sie ist seit Anfang 2018 stellvertretende Leiterin der Psychologie in der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen und erfahrene Psychoanalytikerin.

Habe ich Depressionen? Im Interview mit Diplom-Psychologin Celia Pirker

Die Symptome einer Depression

MADAME.de: Frau Pirker, ich fühle mich seit Wochen erschöpft, lustlos und irgendwie leer – können diese Erscheinungen schon erste Anzeichen einer depressiven Phase sein?

Dipl.-Psych. Frau Pirker: In jedem Fall. Freudlosigkeit, andauernde Erschöpfungszustände und vor allem das Gefühl innerer Leere sollten bei andauerndem Zustand unbedingt abgeklärt werden. Jeder ist mal niedergeschlagen, aber wenn die Niedergeschlagenheit mehr als zwei Wochen im Monat anhält, ist sie als Warnzeichen ernst zu nehmen.

MADAME.de: Welche Warnzeichen gehören in der Regel noch dazu?

Weitere Symptome sind zum Beispiel Antriebsstörungen, Schuldgefühle bzw. das Gefühl, wertlos zu sein. Der Verlust des Interesses an Dingen, die man sonst als sehr wichtig erlebte, sind ebenso üblich wie körperliche Schmerzen, Erschöpfung und Appetitlosigkeit.

Eine Frau liegt erschöpft im Bett
Erschöpfung und der Verlust der Freude sind erste Warnzeichen einer Depression iStock

MADAME.de: Diverse Formen von Essstörungen, Burnout oder andere Dinge können dazu führen, dass man in eine Depression verfällt. Gibt es eine Hauptursache?

Was die Ursachen einer Depression betreffen, muss man drei Dinge unterscheiden:

  1. Was erhöht die Anfälligkeit?
  2. Was ist der Auslöser?
  3. Was führt zur Aufrechterhaltung der Depression?

Die Anfälligkeit wird durch genetische und andere biologische Faktoren, aber auch durch frühkindliche Mangel- und andere belastende Beziehungserfahrungen erhöht – im späteren Leben auch durch die Tendenz, in Beruf und Privatleben zu wenig Grenzen zu setzen, durch Leistung Anerkennung erreichen zu wollen. Das ist zum Beispiel häufig beim sogenannten Burnout-Syndrom, das oft ein anderes Wort für eine Depression ist, im Vorfeld der Fall. Ausgelöst werden Depressionen häufig durch Verlusterleben  –  das muss nicht nur Partner oder andere nahestehende Personen betreffen, es kann auch um den Verlust an beruflichen oder anderen Lebensperspektiven gehen. Aber auch körperliche Krankheiten können auslösend sein. Aufrechterhalten wird eine Depression zuerst einmal durch ihre Nichterkennung und daraus folgende Nichtbehandlung. Aber auch durch den Arbeitsplatz, der weiterhin zu viel Engagement bei gleichzeitig zu wenig Kontrolle über die Arbeitsabläufe erfordert. 

MADAME.de: Vor allem die Nichterkennung ist ein großes Problem. Man sagt doch, "eine Depression hat viele Gesichter" – wieso fällt es den Ärzten und Psychologen so schwer, diese zu diagnostizieren?

Depression ist nicht gleich Depression. Für die Diagnostik gibt es inzwischen zahlreiche hilfreiche und gute Instrumente sowie gut ausgebildete Fachleute in Medizin und Psychologie. Die Herausforderung besteht trotzdem zunächst einmal darin, rechtzeitig an die Möglichkeit einer Depression zu denken – vor allem, weil die meisten Menschen mit Depressionen beim Hausarzt primär die damit einhergehenden körperlichen Beschwerden präsentieren. Wenn der Arzt nicht nach dem psychischen Befinden fragt, geraten Arzt und Patient häufig für lange Zeit auf die falsche Spur einer vermeintlichen körperlichen Erkrankung.

MADAME.de: Ist es nicht die Aufgabe eines Arztes, auch nach dem (psychischen) Befinden zu fragen?

Ja, das stimmt. Nach wie vor fällt es manchen Ärzten schwer, auf das psychische Befinden der PatientInnen einzugehen. Eigentlich reicht schon eine einfache Frage, um herauszufinden, ob eine depressive Erkrankung zugrunde liegt: „Wie geht es Ihnen mit den Beschwerden?“ Patienten selbst stellen den Zusammenhang zwischen ihren Beschwerden und einer Depression erstmal oft gar nicht her.

Der Verlauf und die Heilung einer Depression

MADAME.de: Was sind typische Begleiterscheinungen einer Depression?

Vielen Patienten fehlt der Appetit, sie sind ständig müde, leiden unter Schlafstörungen oder haben kein sexuelles Interesse mehr. Des Öfteren leiden Depressive auch unter einer "Lebensmüdigkeit" – im wahrsten Sinne des Wortes – und spielen mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen. Dann ist es höchste Zeit, sich einem Angehörigen und einem Arzt anzuvertrauen.

MADAME.de: Seelische Erschöpfung kann zu Panikattacken, Bluthochdruck, etc. führen – sind diese Dinge Auslöser einer Depression oder „Nebenwirkungen“?

Depression und körperliche Beschwerden wie Schmerzen bedingen sich wechselseitig: Depressionen erhöhen die Wahrscheinlichkeit für Schmerzen und umgekehrt, das Gleiche gilt auch für das Verhältnis von Depression und Panikstörungen.

„Im Normalfall vergehen mehrere Monate bis sich eine deutliche Verbesserung einstellt“
Dipl.-Psych. Celia Pirker

MADAME.de: Wie verläuft die Behandlung einer Depression?

Leichtgradige und auch viele mittelgradige Depressionen werden leitliniengerecht ausschließlich psychotherapeutisch behandelt. Bei einer Reihe von Patienten mit mittelgradigen und allen Patienten mit schweren Depressionen, ist eine Kombination aus Psychotherapie und Psychopharmaka, genauer gesagt Antidepressiva, sinnvoll. Falls ein Patient nicht auf eine ambulante Behandlung anspricht, ist eine stationäre Therapie wie in unserer Psychosomatischen Klinik angebracht. Im Falle einer akuten Eigengefährdung wäre eine Akutbehandlung in einer psychiatrischen Klinik notwendig, die die Möglichkeiten einer geschützten Station bietet.

MADAME.de: Wie wirken Antidepressiva und ist es wirklich unbedenklich, diese einzunehmen?

Antidepressiva wirken auf den Stoffwechsel der Botenstoffe im Gehirn ein und haben neben ihrer beabsichtigten Wirkung unterschiedliche Nebenwirkungen. Es kann unter anderem zu Kreislaufproblemen und Schwindel kommen und auch beim Absetzen muss man behutsam vorgehen, weil die Nebenwirkungen ggf. zunehmen können. Dennoch machen sie nicht im gleichen Maße abhängig wie manche Beruhigungs- und Schlafmittel.

MADAME.de: Ist eine vollständige Genesung einer Depression zu erwarten?

Betroffene und Angehörige sollten viel Geduld haben, denn eine psychotherapeutische Behandlung und Antidepressiva benötigen Zeit, um zu wirken. Im Normalfall vergehen mehrere Monate bis sich eine deutliche Verbesserung einstellt. Die Heilungschancen sind aber in der Regel gut. Wichtig ist, die ersten schwierigen Schritte zur Behandlung möglichst frühzeitig zu gehen, dann stellen sich auch bald erste Erfolge ein. Der Appetit aufs Leben kommt mit dem aktiven Handeln.

MADAME.de: Kann eine Depression vererbt werden?

Eine einfache, direkte Vererbung einer Depression gibt es nicht, aber wenn Menschen in der engeren Verwandtschaft an Depression leiden oder gelitten haben, ist die Anfälligkeit, selbst zu erkranken, statistisch gesehen höher.

Depression als Thema der Gesellschaft – wieso Gespräche darüber so schwierig sind

„Vieles wird unter dem Modewort Burnout versteckt – das Wort ist aber keine Diagnose.“
Dipl.-Psych. Celia Pirker

MADAME.de: Wie „offen“ wird Ihrer Ansicht nach heutzutage mit dem Thema „Depression“ umgegangen?

Insgesamt geht die Gesellschaft mit dem Thema heute deutlich offener um als früher. Allerdings wird vieles unter dem Modewort Burnout versteckt, das ja eigentlich speziell andeuten soll, dass jemand sich in hohem Engagement vor allem am Arbeitsplatz erschöpft habe – das Wort ist aber keine Diagnose und wird mittlerweile ungenauer sowohl für leichtere Befindlichkeitsstörungen als auch für ganz anders entstandene Depressionen verwendet. Da die Bezeichnung Burnout unterstellt, dass die Ursachen in der Umwelt, z. B. am Arbeitsplatz, liegen und nicht in einem selbst, ist sie im Gebrauch besonders beliebt.

MADAME.de: Wieso reagieren viele Menschen mit einem Unverständnis, wenn man sagt, man sei depressiv?

Das hat in erster Linie den Grund, dass eine solche Erkrankung unheimlicher ist als eine rein körperliche, Angst vor Selbstmordgefährdung und anderen Kontrollverlusten auslöst. Sie ist verknüpft mit Impulsen, wie „Reiß Dich zusammen“ oder „selbst schuld!“.

MADAME.de: Was können wir tun, damit das Thema mehr Beachtung bekommt?

Viel und offen darüber aufklären und sich auch im Freundes- und Bekanntenkreis nicht scheuen, darüber zu sprechen, auch wenn sich gerade kein Fußballer oder Pilot umgebracht hat.

Grafik zum Thema Depression
Betroffene können sich wieder vollständig von einer Depression erholen – mit einer Menge Geduld iStock

Wie sollten wir mit Depressionen in der Gesellschaft umgehen?

Mein Fazit nach diesem Interview: Nicht jede Lebenskrise ist eine Depression – und nicht jede Depression bedeutet eine Lebenskrise. Das Thema ist so komplex und vielfältig, dass die eigentlichen Problematiken nicht in der Behandlung selbst, sondern in der Aufklärung und der gegenseitigen Aussprache liegen – sowohl unter den Betroffenen als auch unter Ärzten. Ich persönlich frage mich, wie es möglich ist, dass Betroffene ganze Bücher mit dem Erkrankungsbild auf eine nahbare, verständliche und authentische Weise füllen können, während viele Ärzte kaum in der Lage sind, eine Depression frühzeitig und sicher zu diagnostizieren. Und selbst bei frühzeitiger Erkenntnis heißt es noch lange nicht, dass Betroffene umgehend Hilfe bekommen. Psychotherapeuten haben kaum Plätze frei, Kliniken sind im höchsten Maße ausgeschöpft. Ist es zumutbar, einen Betroffenen mehrere Wochen warten zu lassen, der sofortige Maßnahmen benötigt? Die Antwort darauf liegt auf der Hand: Nein. Sofortiges Reagieren und Agieren Angehöriger, Bekannter und Freunde sollte Pflicht sein. Die Frage, inwiefern sich Außenstehende überhaupt in das Leben anderer einmischen dürfen, sollte in Bezug auf das Thema Psyche und Gesundheit auch laut Dipl.-Psych. Celia Pirker gar nicht existieren:

"Der beste Weg ist [es], Menschen auf die eigene Wahrnehmung anzusprechen, dass man sich täuschen könne, aber doch den Eindruck habe, dass es ihm/ ihr schlecht gehe und er/ sie niedergeschlagen wirke. Das ist in aller Regel ein sinnvolles und empfehlenswertes Vorgehen. Man muss auch keine Angst haben, das Ansprechen könne zu emotionalen oder gar suizidalen Krisen führen. Allerdings sollte man das Thema nur angehen, wenn man auch bereit ist, mit dem/ der Betroffenen –  sollte sie sich öffnen –  gemeinsam zu überlegen, was sie oder er tun könnte, um sich Unterstützung zu holen."

Psychische Erkrankungen dürfen in der Gesellschaft nicht tabuisiert werden. Es geht nicht darum, dass Außenstehende die Erkrankung verstehen müssen, denn das ist kaum möglich. Offenheit und Einfühlungsvermögen sind die ersten Schritte zur Genesung – und diese Schritte gelten sowohl für Betroffene als auch für Ärzte.

Wenn Sie bei sich selbst oder bei Angehörigen diese Symptome wahrnehmen, dann zögern Sie nicht und suchen umgehend Ihren Arzt des Vertrauens auf. Hilfe gibt es auch bei der Telefonseelsorge, 24 Stunden unter: 0800 1110-111 oder 0800 1110-222 oder 116123

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