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Reise

Georgien: Das Traumziel für Entdecker

Machtwechsel, Märchen und Magie: Georgien hat eine bewegte Vergangenheit und drängt dynamisch in die Zukunft. Das aufregende Land am Kaukasus ist ein Traumziel für Entdecker

Georgiens Hauptstadt Tiflis
Der Blick über Georgiens Hauptstadt Tiflis iStock

Georgien: Land der Legenden

Als Gott die Erde schuf und Land verteilte, so erzählt es eine alte Legende, kam ein Volksstamm zu spät. Aber die Menschen beklagten sich nicht, sondern begannen zu singen und zu tanzen. Das gefiel Gott, und er gab ihnen das Stück Land, das er eigentlich für sich vorgesehen hatte: Georgien, das Paradies. Die Georgier lieben diesen Mythos und erzählen ihren Besuchern gerne davon.

Und tatsächlich hat ihr Land etwas Paradiesisches: Zwischen West und Ost, zwischen Tradition und Moderne gibt es alles und davon reichlich, unberührte Landschaften mit einer atemberaubenden Bergwelt, zahlreiche Flüsse, klare Seen, sonnige Täler mit hervorragendem Wein und eine Gastfreundschaft, die ihrerseits schon wieder sagenhaft ist. In der Fläche gerade mal so groß wie Bayern, grenzt Georgien im Norden an Russland, im Süden an die Türkei und an Armenien, im Osten an Aserbaidschan und im Westen mit Badeorten wie Batumi an das Schwarze Meer. Vielleicht nicht gerade das nächstliegende Reiseziel – und genau deswegen auf der Liste neugieriger, abenteuerlustiger Entdecker. Auch unsere Reise beginnt – wie fast jede Georgienreise – in der Hauptstadt Tiflis, die umgeben von drei Gebirgszügen wie eingebettet in einem Talkessel liegt.

Von den 3,7 Millionen Einwohnern des Landes lebt rund eine Million in Tiflis, das die Georgier Tbilisi (georgisch: „warme Quelle“) nach den heißen Schwefelquellen in der Altstadt benannt haben. Eine „herrliche Stadt“ nannte Marco Polo Tiflis bereits im 13. Jahrhundert. Herrlich finden wir zunächst schon das neue „Stamba Hotel“, in dem wir residieren. In einem der bekanntesten Gebäude der Stadt – einem ehemaligen Verlagshaus aus dem 20. Jahrhundert – haben lokale Designer und Künstler von der Uniform des Personals über das Interieur bis zur Ausstattung der ellipsenförmigen Bar mitgewirkt. Nicht nur das Interior des „Stamba“ mit seinen fünf Stockwerken, den komfortabel ausgestatteten Zimmern und dem Rooftop-Poolwirkt luxuriös, das Haus liegt zudem im angesagten Vera-Viertel: Einst Heimat von Kreativen und Intellektuellen, sind die Straßen nun gesäumt von Boutiquen und Restaurants, außerdem befindet sich nicht weit entfernt die Flaniermeile der Hauptstadt, der Rustaweli Boulevard.

Badahaus in Fiflis in Georgien
Das Baudehaus in Georgiens Hauptstadt Tiflis benutzt Schwefelwasser iStock

Tiflis, Scharnier zwischen Europa und Asien

Im späten 19. Jahrhundert entstand diese platanenbestandene Prachtstraße mit Palästen, Hotels und Museen im Stil des Klassizismus, des Neobarocks und späten Jugendstils. Der Stilmix ergibt eine reizvolle Melange aus mediterranem und orientalischem Charme. Tatsächlich war Tiflis immer ein Scharnier zwischen Europa und Asien, gelegen an der sagenumwobenen Seidenstraße. Viele Völker in der Geschichte Georgiens haben ihre Spuren in der Stadt hinterlassen: Perser, Tataren, Araber, Armenier, Mongolen, Inder, Türken, Kurden und nicht zuletzt Russen sind es, die diese Stadt prägten. Gerade die Wirren und Engpässe bei der Strom- und Wasserversorgung nach dem Zerfall des Ostblocks sorgten dafür, dass Georgien als Reiseziel lange in Vergessenheit, auch in Verruf geriet.

Clan-Wirtschaft und Korruption endeten erst mit der Rosenrevolution im Jahr 2003. Im Kaukasuskrieg kämpfte Georgien noch vor zehn Jahren wegen der abtrünnigen Republiken Abchasien und Südossetien fünf Tage lang gegen Russland. Ein Konflikt, der immer noch schwelt und ein Grund dafür ist, dass Georgien für die Nato-Osterweiterung und den Beitritt zu Europa votiert. Seit jeher bezeichnen die Einheimischen ihr Land als „den Balkon Europas“ und drücken damit ihre Zugehörigkeit aus. Trotz mancher Unruhen: Angst muss heute niemand in Tiflis haben – die Stadt soll sicherer sein als Berlin. Vom zentralen Freiheitsplatz mit dem golden leuchtenden Denkmal des heiligen Georg gehen wir bergauf ins Altstadtviertel Sololaki. Manche der pastellfarbenen Jugendstilgebäude müssen mit Gerüsten abgestützt werden, andere sind noch maroder. Wie konnte es so weit kommen? Die Kommunisten fanden den Jugendstil dekadent, die postsowjetische Regierung konzentrierte sich auf spektakuläre Neubauten, und die georgische Wirtschaft ist (noch) nicht stark genug, um genug private Initiativen anstoßen zu können. Aber: Georgiens Wirtschaftswachstum soll in diesem Jahr um vier Prozent zulegen.

Ein Land auf Modernisierungskurs

Wachsende Exporte, der florierende Tourismus und ausländisches Kapital kurbeln die Wirtschaft an. Davon profitiert auch das Mode-Start-up Buyers (buyers.ge), dessen Showroom wir in einer der altehrwürdigen Stadtvillen finden. CEO ist die 30-jährige Mariam Kavjaradze, die in Georgien und Italien studiert hat und in ihrem digitalen Shop eine Auswahl von georgischen und internationalen Marken kuratiert hat. Ein georgischer Investor aus New York unterstützt das 40-köpfige Team bei der Expansion. Eine enge Zusammenarbeit ist geplant mit der Tbilisi Fashion Week, die seit Kurzem unter der Schirmherrschaft des Stuttgarter Autoherstellers mit dem Stern als Mercedes-Benz Fashion Week firmiert und die ganze Stadt im Frühling in Aufruhr versetzt: Mode wird hier geschätzt, nicht zuletzt, weil der 37-jährige Georgier Demna Gvasalia es mit der unangepassten Street-Style-Marke Vetements bis nach Paris geschafft hat und dort seit drei Jahren den Look von Balenciaga als Kreativdirektor bestimmt. „Demna Gvasalia hat einen ganz neuen Stil kreiert“, erklärt Mariam Kavjaradze, „und damit den Fokus auf zeitgenössische Mode aus Georgien gelegt.“ Während Demna Gvasalia eine Revolution im Kleiderschrank anzettelte, gelang Tekuna Gachechiladze die Erneuerung der traditionellen georgischen Küche. Im romantischen, baumbestandenen Hofgarten des Literaturhauses sitzen wir bei einem Glas Weißwein an einem der weiß eingedeckten Tische des „Café Littera“ zusammen mit der Chefköchin, die gern als „Queen of Georgian Fusion“ bezeichnet wird.

Die Psychologin, die in Tiflis und Heidelberg studierte, hatte eine Kochschule in New York besucht, bevor sie in ihre Heimat zurückkehrte. Dort gründete sie ihr erstes Fusion-Restaurant und handelte sich damit zunächst viel Ärger ein. „Für die Georgier ist Essen wie eine Religion“, lacht sie, „wenn du dich mit der Religion oder mit dem Essen anlegst, dann bist du ein Feind des Landes.“ Sie habe nicht aufgegeben, schließlich sei die traditionelle Küche immer von vielen Kulturen beeinflusst gewesen. Zu Zeiten der russischen Herrschaft seien die Georgier so konzentriert darauf gewesen, ihre Traditionen, Sprache und kulturelle Identität zu erhalten, dass sie auch später Angst vor Veränderung gehabt hätten: „Wir haben vergessen, wie innovativ die georgische Küche ist. Teigtaschen wie die Khinkali sind unsere Abwandlung der chinesischen Dumplings.“ Ihre eigene TV-Kochshow wendete das Blatt: Jedes Wochenende erklärte Tekuna den Hausfrauen, wie man die georgische Küche verfeinern und modernisieren könne – mit Erfolg. Heute führt sie zwei Restaurants und eine Kochschule.

Kultur in Hülle und Fülle

Vom Literaturhaus gehen wir Richtung Ufer der Kura. Der größte Fluss des Kaukasus trennt Tiflis in zwei Teile. Eine gigantische Brücke aus Stahl und Glas, erbaut vom italienischen Architekten Michele de Lucchi, schwingt sich in kühnem Bogen über die Kura. Kurz vor Sonnenuntergang beginnt das Konstrukt zu flimmern, Tausende von LED-Leuchten verwandeln die futuristische Friedensbrücke in ein Spektakel, das demonstrieren will: Dieses Land hat sich einen radikalen Modernisierungskurs verordnet. Am nächsten Tag machen wir uns auf in die ruhige Schönheit der Berge.

Die Fahrt in den Kaukasus dauert drei Stunden und führt über die derzeit einzig passierbare Schotterstraße zwischen Georgien und Russland. Als wir aus der Stadt hinausfahren, sehen wir ein Verkehrsschild „Teheran 1200 Kilometer“ – erstaunlich nah im Vergleich zur Distanz nach Berlin (3000 Kilometer) oder Moskau (2000 Kilometer)! Zwischen Trucks aus der Türkei, Russland und Georgien, Herden von Schafen und Kühen, die immer wieder die Straße blockieren, schlängeln wir uns über die Georgische Heerstraße nach Swanetien. Vorbei am Enguri-Stausee, an dem Hochzeitspaare Fotos machen, vorbei an kleinen Ständen am Wegesrand, an denen die Bauern Köstlichkeiten aus Honig und Nüssen anbieten. Ziel ist das Bergdorf Stepanzminda, das auf 1700 Meter Höhe mitten im Großen Kaukasus liegt.

Ein kleines Museum für den Nationaldichter Alexander Kazbegi gehört zu den schöneren Bauten im Dorf. Das „Rooms Hotel Kazbegi“ liegt oberhalb des Ortes, ein ehemaliges sowjetisches Sanatorium, das zur besten Herberge im Kaukasus umgebaut wurde: viel Holz, dunkle Farben, antike Teppiche. Man blickt direkt auf den ca. 5000 Meter hohen Kasbek und die davor gebettete Dreifaltigkeitskirche Gergeti. Am zweiten Tag erklimmen wir den Berg Kasbek. Zweieinhalb Stunden dauert der Aufstieg mit Wanderschuhen. Viele Georgier und einige amerikanische und russische Touristen sind mit uns zur Kirche gepilgert. Dort erwartet uns eine magische Aussicht über die Weite des Landes. Das Gefühl, diesen Bergriesen wenigstens ein Stück weit bezwungen zu haben, lässt uns am Abend glücklich ins Bett fallen. Und an die Erzählung der griechischen Mythologie denken, nach der Zeus Prometheus zur Strafe für den Diebstahl des Feuers an den Kasbek gekettet hatte. An Mythen und Sagen ist Georgien so reich, dass eine Woche Reisezeit zu wenig für dieses Paradies ist. Wir kommen wieder!

Georgien Tipps

Hotels

Stamba Hotel

Das Hotel im Industrie-Stil eröffnete erst im vergangenen Frühjahr in einem ehemaligen Verlagshaus. 150 glamouröse Zimmer mit Klimaanlage und frei stehenden goldfarbenen Badewannen halten ihr Luxus-Versprechen. Das schöne Außenschwimmbad und die Terrasse auf dem Dach bieten eine Aussicht über die Stadt. Restaurant mit großartigem Frühstück, Bar und Casino sind Treffpunkte für Kreative und Geschäftsleute, Einheimische und Besucher. DZ ab 179 Euro, roomshotels.com/stamba-hotel

• Rooms Hotel Tbilisi

Eine Oase in der Stadt ist auch das „Rooms Hotel Tbilisi“ im Vera-Viertel: Hier trifft georgischer Eklektizismus auf den eleganten Look der 30er-Jahre in New York. Die 125 Zimmer auf acht Etagen sind komfortabel eingerichtet. Perfekte Lage in der Nähe der Flaniermeile Rustaweli Boulevard. DZ ab 130 Euro, roomshotels.com

• Radisson Blu Iveria

Hotel Mitten im Geschäftsviertel liegt das Hochhaus mit seinen 18 Etagen, alle Zimmer haben einen herrlichen Blick auf die Stadt oder den Fluss. Nach dem Stadtrundgang kann man im exklusiven Wellnesscenter entspannen oder den Tag im italienischen Gourmetrestaurant und der Sky Bar ausklingen lassen. DZ ab 112 Euro, radissonblu.com/en/hotel-tbilisi

• Rooms Hotel Kazbegi

Im Bergdorf Stepanzminda liegt das ehemalige Sanatorium auf 1700 Meter Höhe. Viele der 156 Zimmer des Hotels bieten einen umwerfenden Blick auf das Bergmassiv des Kaukasus. Lobby, Lounge, Restaurant und Veranda gehen ineinander über und überbieten sich in Chalet-Charme. Es gibt einen Pool mit Bergblick, ein Spa und ein gutes Restaurant. Perfekt für zwei bis drei Tage. DZ ab 180 Euro, roomshotels.com

Leckeres Essen aus georgien
Kulinarische Köstlichkeiten aus Georgien findet man in vielen Restaurants in der Region iStock

Restaurants

• Café LitTera

Die bekannte TV-Köchin Tekuna Gachechiladze hat die klassische Küche Georgiens erneuert und serviert im romantischen Hof des Literaturcafés zum Beispiel Salat mit warmen Artischocken und geräucherten Auberginen oder Jakobsmuscheln auf Risotto mit frischen Trüffeln. 13 0105, Ivane Machabeli St., Tiflis, Tel. 595/75 13 13

• Keto & Kote

Wenn man durch mehrere Höfe geirrt ist und das Lokal endlich gefunden hat, ist alles gut: Man sitzt wunderbar auf der Veranda mit Blick auf die Stadt oder innen bei romantischer Beleuchtung. Das Restaurant serviert klassische georgische Gerichte wie Khachapuri (Hefeteig mit Käse) oder Khin- kali (gefüllte Teigtaschen), Fisch und Fleisch. Die Weinauswahl ist ziemlich umfangreich. 3, Mikheil Zandukeli Dead End, Tiflis, Tel. 322/93 02 00

Shopping

• Lalo Cardigans:

Zwei Schwestern, Lalo und Nina Dolidze, entwerfen hochwertige Strickmode. lalocardigans.com

• Chaos Concept Store:

Im Tifliser Lifestyle-Hotel „Rooms“ (s. o.) finden sich georgische und internationale Marken wie GCDS, ZDDS und Shrimps. Der Designer Gola Damian und das georgische It-Girl Nini Nebieridze sind Mitgründer des wohlkuratierten Ladens. instagram.com/chaosconcept

Beste Reisezeit

Bis April liegt in vielen Regionen noch Schnee. Ab Mai kommt der angenehme Frühling, im Sommer ist es zu heiß im Talkessel von Tiflis. Sehr schön ist Georgien im September und Oktober zu bereisen, wenn die Wälder in allen Herbstfarben strahlen.

Dieser Artikel ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 10/18 erschienen.

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