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Monsieur

Eckhart Nickel über guten Stil

Der perfekte Anzug atmet gleichermaßen Tradition wie Moderne - und verleiht seinem Träger Haltung in formlosen Zeiten. Eckhart Nickel über ein Kleidungsstück mit Charakter

Fünf Männer in Anzügen laufen die Straße herunter
Der perfekte Anzug verleiht seinem Träger Haltung in formlosen Zeiten Getty Images

Der Anzug: ein Kleidungsstück mit Charakter

Der Anzug also. Schon die deutsche Sprache feiert ihn wie kein Stück Mode sonst. Völlig zu Recht, wie man gleich sieht. Bereits in einem Adjektiv entfaltet er magnetisch seine Wirkung: anziehend. Er legt in dem Moment den Grundstein jeder Garderobe, da man nach etwas zum Anziehen sucht. Wenn Tempo anzieht, kommt Bewegung auf. Dass die Gefahr im Anzug einfach besser aussieht, versteht sich fast von selbst, vom guten Klang der Worte mal ganz abgesehen. Und sein direktes Gegenteil, der Aufzug, in dem einer daherkommt wie der üble Fahrstuhl zum Schafott, verrät schon namentlich die kostümierte Formlosigkeit schlechthin.

„Sein ausgemachtes Feindbild ist die Freizeitkleidung. Sie breitet sich seit über 40 Jahren schon endemisch aus und führt zu nichtssagender Beliebigkeit.“
Eckhart Nickel

Ist die Zeit für Anzüge vorbei?

Dennoch schien es bis vor Kurzem, als ob die Zeit des Anzugs abgelaufen sei. Die Tage, da ein Mann ihn noch mit klarem Selbstverständnis trug, weil er ganz einfach obligatorisch war und distinguierte Uniform des kultivierten Alltags, sind vergangen. Fast gehört er nur in Wirtschaft, Recht und Politik noch zum guten Ton, und selbst dort nicht mehr ausschließlich. Sein ausgemachtes Feindbild ist die Freizeitkleidung. Sie breitet sich seit über 40 Jahren schon endemisch aus und führt zu nichtssagender Beliebigkeit. Was automatisch in die Krise führt. Wie soll man sich seiner Selbst versichern, wenn das so aussieht, als ob es in der Wohnung leider keinen Spiegel gab. Dabei lernt man als Junge früh im Leben, dass formal ein Anzug unabdingbar ist, wann immer es etwas zum Feiern gibt. Den ersten Anzug meines Lebens mit Krawatte trug ich auf einer Wanderung im Odenwald. Ein tannengrün gestreiftes Breitcordmonster, der Schlips dazu war vorgeknotet. Warum mich meine Eltern damit auf den Melibokus schickten, den höchsten Berg der Gegend, blieb mir damals rätselhaft. Das Foto, auf dem ich ihn trage, zeigt mich stolz mit Siegergeste meine Arme heben, die Hand zur Faust geballt. Es ging vielleicht um den Beweis, dass selbst ein Gipfel nur durch reine Form bezwungen werden kann, bar jeder lästigen Funktion. Der zweite Anzug war aus Samt und kam als Leihgabe, weil meine Eltern ahnten, dass das kobaltblaue Teil mit Schlaghosen und Spitzrevers jenseits des Kirchgangs zur Konfirmandenfeier nie wieder eine Chance haben würde. Mein Lächeln auf dem Bild ist schon verkrampfter, was wohl am schlechten Sitz des Anzugs lag und mich mit Regel Nummer eins der Modewelt vertraut machte, Indianer lernen durch den Schmerz: Ein Anzug muss vor allem eines, passen.

„Ein Ausweis des Rebellentums in Nadelstreifen jenseits von Bankenturm und Niederlassung, das zeigt, warum die Haltung keine Auszeit kennt.“
Eckhart Nickel

Der perfekte Anzug

Das tat dann Nummer drei, wir schreiben nun die Neunziger: ein Exemplar von Helmut Lang in Schwarz. Einreiher, das Revers gezogen wie mit einer Messerschneide, drei Knöpfe, schmal wie Mittagsschatten. Wer ihn trug, war unverwundbar und strahlte aus, ganz unbeeindruckbar zu sein. Der saß und passte, hatte dabei zwar kaum Luft, doch daher rührte ja sein guter Sitz. Den trage ich seither, doch leider immer weniger, und wenn, dann nur, um einem Anlass zu entsprechen: ob Promotion, die eigene Hochzeit, Trauerfeier wie Beerdigung oder ein Ball zu Nikolaus. Und folge damit einem Protokoll, das die Gesellschaft uns so suggeriert: dass Anzug zwar stets Uniform geblieben ist, doch reserviert für das Besondere, Porzellan, das hinter Glas geputzt sein Dasein fristet, obwohl es uns so dringend dabei fehlt, den Alltag aufzuhellen. Wenn Baudelaire behauptete, die Haltung eines Dandys sei der letzte Aufschrei des Heroismus in Zeiten des Niedergangs, reicht neuerdings dafür schon dessen Anzug aus. Wer ihn trägt, und das ganz offensichtlich ohne klaren Zweck, gerät schnell in Verdacht, er wolle zeigen, dass er sich für etwas ganz Besonderes hält. Im Gegenteil: Der Anzug wird an dem, der mit ihm zeigt, dass er der Welt um sich herum Respekt erweist, zur heldenhaften Uniform. Ein Ausweis des Rebellentums in Nadelstreifen jenseits von Bankenturm und Niederlassung, das zeigt, warum die Haltung keine Auszeit kennt. Es gibt immer einen Grund, sich gut anzuziehen. Man muss ja nicht gleich seine Lebensliebe treffen. Es reicht schon, L’art pour l’art, den Anzug da zu feiern, wo er letztlich bei sich selber ist: an uns. Wie heißt es bei Monsieur Leclerc de Buffon? „Le style est l’homme même“ – wie der Stil, so der Mensch.

Eckhart Nickel: Der Schriftsteller gehörte zum popliterarischen Quintett („Tristesse Royale“) und leitete mit Christian Kracht die Literaturzeitschrift „Der Freund“. Sein Roman „Hysteria“ (Piper Verlag) stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2018

Dieser Artikel stammt von Eckhart Nickel aus der Ausgabe Monsieur, die dem Madame-Heft 04/2019 beiliegt.

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