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Lunch mit Doris Dörrie

Im Münchner Lokal "Schumann’s“ spricht MADAME-Chefredakteurin Petra Winter mit der Regisseurin und Schriftstellerin über schnelle japanische Küche, Mode als Lebensretterin und die Ängste der nächsten Generation.

Illustratoren.de/Jessine Hein, nach einer Vorlage von Dieter Mayr/2012 Constantin Film Verleih GmbH

Petra Winter im Interview mit Doris Dörrie

Natürlich, das "Schumann’s“! Wir treffen uns in der Speisen-, Getränke- und Klatschzentrale der Münchner Medien- und Kreativszene. Dass Doris Dörrie, 60, hier schon seit einiger Zeit nicht gesichtet wurde, liegt an ihrem Dreh in Japan. Dort hat sie gerade drei Monate verbracht, um pünktlich zum fünften Jahrestag der Reaktor-Katastrophe am 11. März 2016 mit ihrem Film "Grüße aus Fukushima“ im Kino zu sein. Sie sitzt hier gern vor der Tür, bei Bratkartoffeln mit Quark, besonders abends, wenn bei Sonnenuntergang das Licht kurz grün wird, bevor es in das blaue Abendlicht wechselt. Früher, als das "Schumann’s“ noch an der Maximilianstraße war, hat die in Hannover geborene 1,75-Meter-Blondine schon "extrem cool“ am Tresen herumgestanden, sich aber nie einladen lassen, obwohl sie kein Geld hatte.

"Das ging gegen meinen Stolz“, schmunzelt sie, als wir in der bei Stammgästen beliebten Ecke Platz nehmen. Stattdessen habe sie lieber auf dem Klo Wasser aus der Leitung getrunken.Nun ist sie seit 40 Jahren Teil der Münchner Filmszene – wie auch ihr Mann, Constantin-Vorstand Martin Moszkowicz, 57. Der erfolgreiche Filmproduzent habe schon damals in den 80ern große Gelage im "Schumann’s“ abgehalten, da sei er ihr das erste Mal aufgefallen. Dann, als sich Charles Schumann kurz zu uns gesellt, erzählt sie noch von einem Hausverbot, das mal gegen sie verhängt wurde, weil sie eine Prügelei angezettelt hatte.

„Prominenz kann ein grässliches Gefängnis sein, weil der Prominente nur durch unseren Blick existiert.“
Doris Dörrie

Wir bestellen bei Kellner Gianni Mozzarella mit verschiedenen Tomatensorten, dazu eine hausgemachte Ingwer-Limonade. Auf meine Nachfrage, ob sie nicht Bratkartoffeln dazu essen wolle, winkt sie lachend ab. Doris Dörrie kocht am liebsten daheim in Schwabing für sich und ihren Mann. Auf einer ihrer vielen Japan-Reisen hat sie Harumi Kurihara für sich entdeckt. Die Köchin ist in Japan ein Star, weil sie die sonst sehr komplizierte japanische Küche für die berufstätige Frau neu erfunden hat. Und im vergangenen Jahr, als eigentlich eine Retrospektive ihrer Filme in China gezeigt werden sollte, die dann von der Zensur verboten wurde, hat sie einen chinesischen Kochkurs gemacht.

"Über das Kochen habe ich gelernt, wie wenig wir über China wissen – und wie groß das Land ist.“ Nicht nur Szechuan oder Kanton Cuisine habe das Reich der Mitte zu bieten, sondern überraschend Exotisches wie die Yunnan-Küche, die mit Zutaten wie Pfefferminze, Pinienkernen und Zucker fast orientalisch anmutet. Gab es etwas, wovor sie sich geekelt habe? "Enten- und Hühnerfüße mag ich nicht so gern“, sagt sie. "Allerdings schätze ich es, wenn man beim Kochen alle Teile eines Tieres verwertet.“ Ein Herzensthema, von der auch ihre Dokumentation "How to Cook Your Life“ von 2007 handelt.

Dorris Dörrie, deren Ruhm 1985 mit dem Film "Männer“ begann, ist eine begnadete Erzählerin alltäglicher Stoffe: Alter, Verlust, tiefe Trauer, Misserfolge – ihr Blick auf Menschen, die mit sich hadern, ist präzise und gleichzeitig empathisch. Sie hat eine Weile in Kalifornien Film studiert, weil sie "die Musik, die Dichter wie Allen Ginsberg und das American Cinema“ liebte, wie sie erzählt. Ihre literarischen Vorbilder sind Richard Ford, T. C. Boyle, Alice Munro. Alles Schriftsteller, die sich mit dem Alltag literarisch auseinandersetzen. "Das war bei uns in Deutschland lange als Topos verpönt“, stellt Dörrie fest, "weil es als banal galt. Ich denke aber, dass der Alltag der Ort der größten Mysterien ist.“

Heiner Lauterbach, den Doris Dörrie in mehreren Filmen besetzte, sagt über sie: "In meinen Augen zeichnen Doris vor allem zwei Dinge aus. Ihre Freude und ihr Geschick am Erzählen von Geschichten und ihre besondere Sichtweise auf die Dinge des Lebens. Außerdem versteht sie es, glaube ich, ganz gut, ihre kindliche, naive, auf eine gewisse Weise unbeholfene und stets neugierige Art nicht zu verlieren. Sie ist für mich fürs Kino die wohl beste deutsche Geschichtenerzählerin der Gegenwart.“ Filmemachen oder Schreiben – gibt es bei ihr Prioritäten? "Nein“, sagt sie. "Ich habe von mir keine genaue Vorstellung, ob ich das eine oder andere bin, Schriftstellerin oder Regisseurin.“ Das sei ihr auch wurscht.

Und so schreibt sie mal zuerst ein Buch als Vorlage für einen Film, mal arbeite sie an beidem gleichzeitig, mal käme erst der Film und dann das Buch. Neben den vielen Projekten ist Dörrie seit 18 Jahren Dozentin an der Hochschule für Fernsehen und Film und hat dort den Lehrstuhl für Kreatives Schreiben inne. Bei den deutschen Studenten, erzählt sie, erkenne sie ein nationales Handicap, nämlich, dass sie in den Schulen und zu Hause nie richtig gelernt hätten, wie man eine unterhaltsame Geschichte erzählt. "Das trainieren die Amerikaner von Kindesbeinen an, im Debattierclub an den Schulen zum Beispiel.“

Seit 14 Jahren ist Dörrie auch als Opernregisseurin unterwegs, inszenierte etwa an der Staatsoper in Berlin Mozarts "Così fan tutte“ und Puccinis "Turandot“, in München Verdis "Rigoletto“, den "Don Giovanni“ von Mozart an der Staatsoper Hamburg. Das sei ein bisschen wie umgekehrtes Filmemachen. Die Geschichte sei schon hundertmal erzählt worden, die Musik, der Soundtrack sei schon da. Man müsse also die passenden Bilder dazu finden. Was lernt man da von einem Mozart zum Beispiel?, frage ich. "Dass er mit der Musik den Text konterkariert, ins Filmische übersetzt würde das bedeuten: Sie sagt zu ihm 'Ich liebe dich‘ und stochert dabei im Salat herum.“ Dann schwärmt Dörrie noch: "Das macht er so perfekt wie kein anderer Komponist! Mozart kommt dabei unserer Seele derart nahe, weil wir Mühe haben, die Wahrheit zu sagen, weil wir Deutschen extrem schüchtern sind.“

Der Salat wird abgeräumt, eine Ingwer-Limonade nachbestellt und schon mal ein Blick auf die Kuchentafel geworfen, die im "Schumann’s“ immer auf dem Deckel eines Konzertfügels angerichtet ist. Am Nachbartisch wird gerade Heidelbeer-Tarte serviert. "Mmh!“, schnurrt Doris Dörrie. "Wollen Sie nicht auch ein Stück?“ Natürlich. Und so bestellen wir einmal Heidelbeer, einmal Apfel – mit Schlagrahm selbstverständlich – und Espresso dazu. Nach ihrem Welterfolg mit der Komödie "Männer“ landete Dörrie 1986 auf dem Titelbild des "Spiegel“ als "Deutschlands erfolgreichste Regisseurin“ und wurde schlagartig berühmt. Hat sie das damals eingeschüchtert? "Oh ja, aber ich habe damals sofort beschlossen, dass ich so tue, als sei nichts gewesen“, sagt sie.

"Wenn man versucht, zu unterscheiden, ob jemand an einem Interesse hat, weil man prominent ist, ist man geliefert.“ Sie hat oft beobachtet, dass "Prominenz ein beschissenes Gefängnis“ werden kann. "Weil der Prominente nur durch unseren Blick auf ihn existiert, weil wir ihn ansehen, aber er nicht zurückschauen darf, weil er sonst eine Beziehung aufnimmt, die missverstanden werden kann.“ Doris Dörrie hat sich viele Gedanken gemacht über dieses Thema, auch ihr Roman "Und was wird aus mir?“ handelt vom Ruhm und seiner zerstörerischen Kraft.

„Ein Kleid kann einen in besonders miesen Lebensumständen aufrichten, einen Kick geben.“
Doris Dörrie

Sie philosophiert weiter: "Wenn wir alle vom Ruhm träumen, was ist es dann, was uns fehlt? Vielleicht, dass wir uns nicht genug wahrgenommen fühlen in unseren Beziehungen, in Familie und Freundeskreis.“ Die Schuld daran, sagt sie, werde ja gern uns Frauen zugeschoben, weil wir uns entschieden haben, die klassische Familie zu verlassen und unseren eigenen Lebensentwürfen zu folgen. Sie selbst wuchs mit drei Geschwistern in einem "sehr liberalen Elternhaus“ auf. "Meine Eltern haben diese unheimlich schwierige Mischung aus Glauben und Zuversicht in die Kinder und einem gleichzeitig festen Rahmen mit klaren Regeln hinbekommen.“ Druck,erfolgreich zu werden, habe sie nie verspürt.

"Meine Haltung damals war: So schlimm kann es ja nicht werden.“ Mitte der 80er lernte sie Kameramann Helge Weindler kennen, die beiden heirateten, bekamen eine Tochter, die heute 25 Jahre alt ist. Im Rückblick fndet sie sich zu verständnisvoll: "Manche ihrer Wünsche hätte ich abweisen müssen, dann wäre es auch für sie leichter gewesen, sich zu entscheiden“, resümiert Dörrie. Das sehe die Tochter heute genauso. "Ich habe sie auch ihre Schulen aussuchen lassen, weil ich dachte: Sie muss ja dahin gehen, nicht ich.“ Hätte sie gern mehr Kinder gehabt? "Ja, unbedingt“, sagt sie. "Aber durch den frühen Tod meines Mannes war das kein Thema mehr.“ 1996 verstarb er an Krebs. Eine lebensbedrohliche Situation für sie, beschreibt es Doris Dörrie im Rückblick. Geholfen habe ihr damals die Sorge um die kleine Tochter, Meditation – und ein Kleid.

"Der Inhaber der Schwabinger Szene-Boutique Daisy, Hartmut Rathmayer, hat mir damals ein Issey-Miyake-Lampenschirm-Kleid verkauft, das ich mir nie und nimmer hätte leisten können. Er gab es mir quasi zum Einkaufspreis, weil er wusste, dass einem so ein Kleid in miesen Lebensumständen einen Kick geben kann, man kann sich daran wenigstens für kurze Momente aufrichten und Mut fassen.“ Das schwarze Kleid trägt sie auch jetzt noch gern zu Premieren. Ihre Liebe zu japanischen Designern hält bis heute an. Zum Interview ist sie in einem Kimono mit farbigen Pinselstrichen erschienen – "für fünf Euro vom Flohmarkt“ –, einer schwarzen Miyake-Hose "aus recycelten PET-Flaschen“, dazu Ring und Ohrringe mit türkisen Steinen.

Sie bedauert, dass die großen japanischen Designer der 80er und 90er, Comme des Garçons und Yamamoto, hier fast aus den Stores verschwunden sind. Dörries Stilvorbild war ihre Freundin und Kommilitonin in Amerika. "Ich habe bewundert, dass sie immer alles wild gemixt hat. Da habe ich mir viel abgeschaut.“ Für die kurzen Haare hat sie sich zunächst nicht selbst entschieden, sondern ihre Mutter: "Sie hatte einfach keine Zeit, uns vier Kindern stundenlang die Haare zu kämmen. Und irgendwann war der blonde Kurzhaarschnitt dann mein Markenzeichen.“ Menschen in unterschiedliche Kleidung zu stecken und damit ihren Charakter zu unterstreichen ist Teil ihres Jobs als Regisseurin.

Sie macht das auch gern mit ihren Studenten, die ihre Kleider tauschen und sich so in unterschiedliche Rollen einfühlen sollen. In welche Kleidung würde sie eine Kriminalkommissarin stecken? "Das kann kein Jil-Sander-Anzug sein, so wie es in den amerikanischen Serien gern gemacht wird, sondern muss eher die schlecht sitzende Hose sein.“ Wenn sie durch deutsche Fußgängerzonen gehe, erzählt sie, möchte sie manchmal fast weinen: "Auch abgrundtiefe Hässlichkeit ist eine Entscheidung“, analysiert sie ernsthaft die Lage. Als Frau sei man nie neutral. Es gebe immer den wertenden Blick der Männer. Darum hat sie auch mal ausprobiert, wie es ist, wenn dieser entfällt. Mittels Verschleierung und Sonnenbrille.

"Es ist interessant, was das mit einem macht. Das Ganze hat durchaus einen freiheitlichen Aspekt. Denn man verwehrt dem Gegenüber die Kommunikation: Ich erlaube es nicht, dass mich jemand liest.“ Als diskriminierend habe sie den Schleier gar nicht empfunden. Nur der Abstand zwischen sich und den Menschen habe sich automatisch vergrößert. Sie blickt sich im Lokal um und bleibt an einem nackten Männerknöchel am Tisch gegenüber hängen. Auch der Inszenierungswille bei Männern sei immer stärker ausgeprägt, schmunzelt sie. Nur, bei uns sehe so ein nackter Knöchel immer ein bisschen blass aus, anders als bei Südeuropäern.

Dann rätselt sie noch, in welcher Szene der Herr am Tisch wohl arbeite, und tippt auf Galerist: "Der Galerist luncht mit seinem Anwalt.“ Das macht ihr einen Riesenspaß. Am liebsten würde sie jetzt hingehen und fragen. Stattdessen bietet sie mir ein Stück von ihrem Kuchen an, und wir kommen auf ihre Filme zurück. Ob sie sich gern noch einmal einen ihrer alten Filme im Kino anschauen würde, frage ich. "Ach, da fällt einem nur auf, was man versaut hat“, stöhnt sie und rückt dann mit "Kirschblüten-Hanami“ heraus. Hätte sie gern "Lost in Translation“ gemacht, den ebenfalls in Japan gedrehten Welterfolg von Sofa Coppola mit Scarlett Johansson und Bill Murray in den Hauptrollen? "Nie und nimmer“, sagt sie. "Ich habe den Film in Japan geschaut und mich geschämt, weil er wahnsinnig rassistisch ist.“

Ihr neues Werk "Grüße aus Fukushima“ (Betonung auf der zweiten Silbe!) war ein echtes Abenteuer. Die Crew war mit Geigerzähler unterwegs und wohnte bei den Bauarbeitern, Hotels gibt es dort nicht. "Die tun alle so, als sei nie was gewesen“, so Dörrie. Nach wie vor gibt es 56 Atomkraftwerke an Japans Küsten. Die verstrahlte Gegend sehe aus wie Marschland, und die kontaminierte Erde werde zehn Zentimeter tief abgetragen und in Plastiksäcke verstaut. "Ziemlich hilflos.“ Gar nicht hilflos findet sie dagegen den Brauch, den die Japaner für Menschen haben, die 60 Jahre alt werden – so wie die Regisseurin im Mai dieses Jahres.

"Man zieht sich etwas Rotes an“, erzählt sie. "Man bekommt eine rote Kopfbedeckung und ein rotes Kissen.“ Rot sei in der sonst so grau uniformierten Gesellschaft Japans die Farbe für das Kindliche. Und weil man mit 60 Jahren genau zum fünften Mal alle zwölf Tierkreiszeichen durchlaufen habe, fange man quasi als Kind wieder von vorne an. "Man darf wieder über die Stränge schlagen.“ Verrückt sein, ausflippen: Genau das vermisst sie, wenn es um die nächste Generation geht. "Ich stelle bei meinen Studenten große Angst und großen Druck fest. Sie wissen, dass sie sich heute mit koreanischen, chinesischen, mexikanischen Filmstudenten messen müssen. Darum sind sie auch viel disziplinierter und praktischer. Ich habe sehr lange gebraucht, um zu wissen, was ich will.“ Um gut zu sein in einem kreativen Job benötige man auch Phasen, in denen man einfach nur träumen könne.

"Langeweile ist der beste Motor für Kreativität“, resümiert sie und lächelt mich zum Abschied durch ihre cremeweiße Cateye-Brille an. Vor allzu großem Stress sei sie immer durch ihre "unendliche Faulheit“ geschützt gewesen. Kaum zu glauben bei einer Frau, die inklusive ihres neuesten Romans "Diebe und Vampire“ schon 20 Bücher geschrieben sowie 32 Filme und sieben Opern inszeniert hat.

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