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Dirigent Omer Meir Wellber im Gespräch

Spargel, Linguini mit Trüffeln und Eiswasser: In München treffen wir den israelischen Dirigenten Omer Meir Wellber, um über Fake-Toleranz, echtes Hinhören und die Bedeutung der Oper in unseren Zeiten zu sprechen

Dirigent Omer meir Wellber spricht mit MADAME über seine Musik
Dirigent Omer Meir Wellber im Gespräch mit MADAME iStock

Der Dirigent Omer Meir Wellber im Interview

Es ist ein malerisch weiß-blauer Tag, als wir uns im Münchner Restaurant „La Cucina Trattoria“ treffen. An den Tischen im Hof sitzen unter Segeltuch Großfamilien beim sonntäglichen Mittagessen. Dazwischen ältere Paare mit gepflegten Hunden. Mein Gast erscheint mit weiß-rot-blau gestreiftem Hemd, leichten Hosen und einer mit gelbem Horn umrandeten Brille, die er sich im Laufe des Essens immer mal wieder ins Haar schieben wird, je nach Licht- und Schattenspiel. Am Abend zuvor ist er spät von einer Probe in London eingeflogen, um an diesem Tag in der Bayerischen Staatsoper den „Mefistofele“ zu dirigieren. Noch bevor er in die Karte schaut, sind wir in eine Plauderei über die Vor- und Nachteile internationaler Flughäfen verstrickt. Und er gibt mir den Tipp, in London-Heathrow für einen Aufpreis von zehn Pfund die Fast Lane für den Sicherheits-Check zu benutzen.

Für einen Mann, der die meiste Zeit des Jahres reist, sind solche Dinge wesentlich. Omer Meir Wellber gehört zu den spannendsten Dirigenten der jungen Generation. Und sicher auch zu den sympathischsten. Beobachtet man den 36-Jährigen bei der Arbeit, sieht man, wie mitreißend und beweglich er ist. Der ganze Körper schwingt mit zur Musik. Seine Fähigkeiten haben ihm Dirigate an den ganz großen Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Bayerischen Staatsoper oder auch La Fenice in Venedig und Einladungen großer Orchester wie des London Philharmonic Orchestra oder des Gewandhausorchesters eingebracht. Seit diesem Jahr ist er zudem erster Gastdirigent der Semperoper Dresden. Er liebe die Sächsische Staatskapelle in Dresden für ihren besonderen eigenen Klang, wird er später sagen. Und dass sie zu den besten der Welt gehöre. „Eine besondere Freundschaft“ sei da entstanden.

Während wir in die Karte schauen, nähert sich der Kellner, und als er merkt, dass Wellber perfektes Italienisch spricht, wechselt er in seine Muttersprache. Der Musiker fragt, was ich gern nehmen würde, und bestellt dann für uns beide; für mich mit Parmesan gratinierten weißen Spargel als Vor- und die Trüffelpasta von der Tageskarte als Hauptspeise, er entscheidet sich für das Gleiche, variiert den ersten Gang mit Mozzarella und Tomaten. „Vino?“, fragt der Kellner. „Nein“, lächelt Wellber, „da werde ich sofort müde.“ Außer seiner Muttersprache Hebräisch und Italienisch spricht er fließend Deutsch – er entschuldigt sich trotzdem für seine seltenen Grammatikfehler – und natürlich Englisch und Russisch. Er stammt aus Be’er Scheva – einer Großstadt am Rande der israelischen Wüste Negev –, dem Geburtsort Abrahams. „Eine typische Immigranten- Stadt“, erzählt er. „Viele Menschen aus arabischen Ländern, aus Russland und Rumänien leben dort. Viele Sprachen, viele Kulturen, sehr spannend.“

Auch die zweitgrößte Universität des Landes ist in Be’er Scheva angesiedelt – mit etwa 70 000 Studenten. Am dortigen Musikkonservatorium lernte er mit fünf Jahren, Akkordeon zu spielen. „Ein typisches Instrument der russischen Juden.“ War er ein Wunderkind? „Vielleicht“, zuckt er mit den Schultern. Aber seine Eltern hätten auf ihn oder seine beiden Schwestern nie Druck ausgeübt. „Das sind sehr entspannte Menschen“, sagt er. „Jeder macht in unserer Familie, was er will. Nur Bildung stand immer an erster Stelle.“ Die Schwestern sind beide Lehrerinnen geworden; die eine arbeitet heute in New York, die andere in Tel Aviv. Bis heute seien alle seine engen Freunde aus der Zeit am Konservatorium. Viele Top-Leute wie der Mandolinenspieler Avi Avital seien daraus hervorgegangen. Seine liebste Stadt in seiner Heimat sei allerdings Tel Aviv, „weil man dort über die Zukunft und nicht über die Vergangenheit nachdenkt“.

Trotzdem beschäftigt sich der Dirigent tagein, tagaus mit Vergangenem, nämlich den Partituren der großen Komponisten Mozart, Strauss, Verdi. „Warum ist die alte Musik heute noch ein Dauerbrenner?“, frage ich, als uns die Vorspeisen serviert werden. „Weil die Motive und Themen, die in dieser Musik verhandelt werden, immer Gültigkeit haben werden“, antwortet er. „Da geht es um tiefe Gefühle und um Menschlichkeit.“ Im vergangenen Jahr hat Wellber das Buch „Die Angst, das Risiko und die Liebe: Momente mit Mozart“geschrieben. Darin ordnet er die Mozart-Opern „Die Hochzeit des Figaro“, „Don Giovanni“ und „Così fan tutte“ diesen drei Begriffen zu und setzt sie in den Kontext der damaligen sowie der heutigen Zeit. Das Buch ist ein spannender Einblick auch in seine eigene Arbeitsweise.

Immer für eine Überraschung gut zu sein, das ist sein Markenzeichen. In die Verdi-Oper „Les Vêpres siciliennes“, die das nächste Mal am 26. und 29. Juli zu den Münchner Opernfestspielen aufgeführt wird, hat er eine Techno-Ballett-Einlage eingebaut. Natürlich waren alle erst einmal skeptisch, aber die Wirkung dieser Kombination der ursprünglichen Musik Verdis mit elektronischer Musik in der Oper war enorm und kreierte eine außergewöhnliche Atmosphäre.

Schließlich sprach tout München nach der Premiere über nichts anderes. Wie man junge Menschen in die Oper bringt, diese Frage bewegt den Musiker hingegen kaum. „Warum?“, fragt er, während er das Olivenöl auf dem Mozzarella verteilt und mit der Salzmühle Käse und Tomaten würzt. „Die guten Opernhäuser sind doch immer voll.“ Oper sei eben nicht für jeden das Richtige. „Oper ist ein Entertainment für 40-, 50-, 60-Jährige, nicht für die 20-Jährigen. Das ist für mich kein Problem.“ Er schränkt ein wenig ein, dass es auch Opern gebe, die – anders als „Les Vêpres siciliennes“ – bei Jüngeren potenziell mehr Erfolg hätten wie etwa die Strauss-Oper „Salome“. Als ich ihm über die Klagen meines siebenjährigen Sohnes berichte, der sich in einer Aufführung der Oper „Hänsel und Gretel“ beschwert hat, dass das Bühnenbild sich kaum ändere, meint er, das sei in der Tat ein Problem unserer Zeit, die dem Visuellen einen absoluten Vorrang einräume. Die nachkommenden Generationen hätten quasi nur noch eine visuelle Sprache, Audio hätte kaum noch Bedeutung und verkomme zum Klangteppich, zum Background. „Selbst bei Musikstars wir Beyoncé geht es heute nur noch um die Show bei Konzerten.“ Da verlerne man das Hören und Hinhören. Muss ein Dirigent ein absolutes Gehör haben?

„Nein“, lacht er und streicht sich über den Vollbart. „Das hat für unseren Beruf keine Bedeutung. Viel wichtiger ist es, dass man gut kommunizieren kann. Wie kann ich die Musiker beeinflussen und zusammenbringen?“ Ein Orchester, das sei schon manchmal wie ein Kindergarten. Für die Dresdner Staatskapelle, mit der er bereits seit sieben Jahre arbeite, findet er liebevolle Worte: „Ich liebe die Magie des Zusammenspiels der Musiker. Sie haben einen ganz eigenen Klang.“ Wenn er aus seiner temporären Wohnung am Dresdner Altmarkt schaut, wird er oft Zeuge der montäglichen Pegida-Demos: Wie sehr greifen ihn als Israeli solche Bilder an? „Ich habe mir dazu was überlegt“, sagt er ein wenig geheimnisvoll, „das ich mit der Stadt besprechen möchte. Vielleicht können wir so etwas Gutes erreichen.“ An- und Übergriffe auf Kippa-tragende Männer beunruhigen ihn natürlich. Aber nicht, weil er glaubt, die Deutschen hätten nichts aus dem Holocaust gelernt. „Das Problem sind nicht die Pegida-Leute“, glaubt er, „sondern die schweigende Masse an Sympathisanten. Um die muss sich die Politik kümmern.

Das darf man nicht abtun. Diese Leute haben Angst. Aber sie müssen immer so tun, als seien sie tolerant gegenüber allen Einwanderern, weil man das von euch Deutschen erwartet.“ Das entschuldigende Verhalten gegenüber Menschen, die hier Gast sind, das könne er nicht verstehen. „Damit sollte Schluss sein. Wer Gast ist, muss sich an die Regeln des Landes halten. Basta. Keine Diskussion.“ Dazu müsse ein Land diese Regeln aber erst einmal aufstellen und dann ihre Einhaltung einfordern. Die Diskussion um das Kreuz in Schulen und Behörden, auch das verstehe er nicht. „Ihr seid überwiegend Christen, und wenn ihr das so vorgebt, dann sollte sich keiner darüber aufregen.“ Wellber sagt, dass aus dieser Diskrepanz eine Fake-Toleranz erwachse, die zu Extremismus führe. Man toleriere so lange das Verhalten und auch Fehlverhalten von Menschen, die hier nur zu Gast seien – weil es political correct sei –, bis einem der Kragen platze. Es gehe gar nicht darum, erklärt er, welche Werte besser oder schlechter seien, es gehe allein darum, welche Werte hier gelten und dass man sie respektiere.

„Sonst: ciao!“ Als ich einwende, dass uns diese konsequente Haltung aufgrund der Nazizeit sicher auch weiterhin schwerfalle, meint er: „Weder die Deutschen noch die Juden sollten weiter auf der Schuldfrage herumreiten.“ Sicher seien wir immer noch in einer Art Therapie, das hieße, nicht zu vergessen, was geschehen ist, dass man die Dinge besprechen müsse, sich aber auch neue Verhaltensweisen antrainieren könne. „Klare Regeln, klare Entscheidungen, klares Verhalten – das gibt allen Sicherheit. Das weiß ich aus meinem Beruf nur zu gut.“ Wer sich seiner Sache sicher sei, könne auch keine Fehler machen – philosophisch gesprochen. Wellber löffelt Eiswürfel in sein Glas, während der Kellner unsere Linguini mit reichlich weißen Trüffeln auf den Tisch stellt. Er macht trotz der Geräuschkulisse im Restaurant, der Wärme und unserer Themen einen tiefenentspannten Eindruck. Dem zuträglich ist sein weicher, dem Französischen sehr ähnlicher Akzent.

Neben den Proben und Aufführungen nimmt er sich viel Zeit zum Lesen von Sekundärliteratur über Komponisten und deren Werke. Aber auch alle anderen Bücher, die er in die Finger bekommt, scheinen magischen Bezug zu seiner Arbeit zu haben.

Was liest er gerade? „Allora“, sagt er – der italienische Satzbeginn für „Nun …“. Es ist ein englisches Buch, darum wechselt er ins Englische, um die surreale Geschichte einer Frau zu beschreiben, die in einer Fabrik mit Robotern konkurriert. Ebenso viel Gefallen findet er momentan an dem Roman „A Little Life“ (der deutsche Titel: „Ein wenig Leben“) der hawaiianischen Schriftstellerin Hanya Yanagihara. Gerade ist er selbst dabei, seinen eigenen Roman zu beenden, an dem er seit zehn Jahren arbeitet. Einen Titel hat er noch nicht. „Darüber habe ich die ganze Zeit nicht nachgedacht.“ Als ich ihn frage, welchen Plot sein Buch habe, denkt er ein paar Sekunden nach und wechselt dann wieder ins Englische. „Es geht um einen superpassiven Mann, der in Ungarn geboren wurde und im Jahr 2040 der älteste Mensch auf Erden ist.

Nach dem Krieg wandert er nach Israel aus und lebt sehr unterschiedliche Leben.“ Der Kellner räumt ab und nimmt die Bestellung für einen Espresso auf, während Wellber noch weitere Anekdoten aus seinem Buch erzählt. Man merkt, dass er es kaum erwarten kann, sein Werk der Welt zu zeigen. Neben dem israelischen habe er auch schon Gespräche mit einem deutschen Verlag. Als wir uns zum Gehen erheben, frage ich ihn, ob ich ihn ein Stück mitnehmen kann. Sein Hotel nahe der Oper liegt auf meinem Heimweg. Im Auto erzählt er, dass er ab und zu gern mit einem Motorrad in die Alpen fahre, vor allem an einem solchen Strahletag wie heute.

Dieser Artikel ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 06/19 erschienen.

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