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Monsieur

Passt genau: Die neue Generation deutscher Herrenschneider

Sie glauben an Handwerk, Qualität und die Zukunft des Anzugs: wie eine neue Generation die Tradition der Herrenschneiderei in Deutschland wiederbelebt

Gäste einer Fashion Show in Florenz tragen elegante, blaue Anzüge, Bart und Sonnenbrillen zu bunt gemusterten Kravatten
Bisher mussten Liebhaber von Schneiderkunst weit fliegen, doch nun blüht in deutschen Städten eine neue Schneidergeneration auf Getty Images

Herrenschneider aus Deutschland

Liebhaber höchster Schneiderkunst mussten bis dato nach London, Paris, Neapel oder Rom fliegen, um erste Qualität in Schnitt und Stoffen zu bekommen. Das ist immer weniger nötig, weil neuerdings in deutschen Städten eine neue Schneidergeneration aufblüht, die ihr Handwerk beherrscht und die den Anzug mit einem jungen, international inspirierten Stil wieder begehrenswert erscheinen lässt. Sie knüpft an eine alte, vergessene Tradition an. Noch in den 1920er- und 1930er-Jahren florierte das deutsche Schneiderhandwerk, gerade in Berlin siedelten sich um den Hausvogteiplatz viele jüdische Ateliers und Handwerksstätten an, die die Hauptstadt zur Mode-Metropole des jungen 20. Jahrhunderts machten. Das NS-Regime setzte deren Geschäften ein Ende. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellten die Herren der Wirtschaftswunderjahre ihre Garderobe bei großen Männermodemarken wie Eduard Dressler oder der 1946 gegründeten fränkischen Firma Regent zusammen, die auch heute noch in Deutschland von Hand fertigt. Im Laufe der Jahrzehnte und vor allem zu Beginn der Nuller-Jahre verschwand der klassische Anzug zwar nicht ganz, machte aber einem Casual Dresscode Platz. Wer überhaupt noch in teure Zweiteiler investieren wollte, ging zu italienischen Firmen wie Brioni, Ermenegildo Zegna und Kiton. Große deutsche Marken verloren an Umsatz, kleine Maßschneider gingen oft pleite. Heute erleben wir eine Renaissance – dank junger Unternehmer, die mit Nadel und Faden ebenso gut umgehen wie mit Instagram.

Maximilian Mogg: Junger Traditionalist

Auf Instagram postet Maximilian Mogg regelmäßig Streetstyle-Fotos – nur trägt er darauf keine gemusterten Prada-Hemden oder Bomberjacken von Balenciaga. Eher zweireihige Nadelstreifen-Jacketts, Westen, Einstecktücher. Der 26-Jährige hat Mode schon immer geliebt. „Allerdings hat die anfängliche Begeisterung schnell nachgelassen, weil mir die Idee, Trends als Diktat zu betrachten, zuwider ist“, sagt Mogg. Vielmehr faszinierten ihn die Langlebigkeit und Vielseitigkeit eines Anzugs, da er Selbstausdruck ermöglicht und gleichzeitig von modischen Zwängen befreit, weil er das äußere Erscheinungsbild optimiert und dabei schlicht praktisch ist. Das Handwerk dahinter, so lernte Mogg als Teenager, wurde vor allem auf der Savile Row gelehrt. Mogg begann damals, alte, auf Ebay ersteigerte Savile-Row-Anzüge umzuschneidern. Nach dem Studium, einem ersten Job in der Tech-Branche sowie Schneiderpraktika unter anderem bei Edward Sexton in London, folgte im September 2018 das erste Ladengeschäft in Berlin-Charlottenburg. Hier bietet Mogg diverse Maßkonfektionslinien an, die zum Teil von Hand und ausschließlich in Europa gefertigt werden, ein Vollmaß-Service soll in diesem Jahr kommen. „Wir nutzen hauptsächlich schwerere englische Stoffe, mit 330 Gramm pro Meter aufwärts, sie sind generell langlebiger und fallen besser“, sagt er. Jedes Detail am für Mogg-Anzüge typischen Schnitt strebt danach, den Träger „größer, athletischer und dynamischer aussehen zu lassen“. Mogg erhält dabei Hilfe von zwei Geschäftspartnern, dem Textilingenieur Vimal Luke Panalickal sowie Daniel Paul Finbar Carey, der mit Mogg an der Ausrichtung des eigenen Blogs arbeitet. Gemeinsam spiegeln die drei eine junge Generation, die unbedingter Qualitätsanspruch vorantreibt: „Man will zurück zur adäquaten Kleidung, weil gute Anzüge für einen Lebensstil stehen, ähnlich wie gutes Essen und guter Wein.“

Purwin & Radczun: Maßarbeit für die Hauptstadt

Es gibt einen Berliner Chic, der nichts mit Militär-Parkas, Stonewashed Jeans und Hoodies zu tun hat. Man findet ihn ausgerechnet in Kreuzberg, in einem Altbau am Tempelhofer Ufer, wo Graffiti zum Straßenbild gehört. Hier betreiben die beiden Freunde Martin Purwin und Boris Radczun ihr Atelier für maßgeschneiderte Herrenmode, mit dessen Gründung im Jahre 2011 sie sich ein großes Ziel setzten: das Maßschneider- Erlebnis, wie sie es aus dem Ausland kannten, nach Berlin zu holen. „Bei den klassischen Herrenausstattern und Maßschneidern aus London, Neapel oder Paris kann man wundervoll durch Stoffe stöbern, und man weiß, dass Verarbeitung und Passform elegant und hochwertig sind. In Deutschland gab es solche Läden leider nicht“, sagt Martin Purwin. Seine Mode-Expertise liegt im Vertrieb, er hat unter anderem mit Marken wie G-Star und Kiton gearbeitet. Boris Radczun sammelte seine Schneider-Erfahrungen als Kunde: Maßanzüge begleiten den Szene-Gastronomen regelmäßig bei der Arbeit, er führt u. a. die bei Prominenten beliebten Restaurants „Pauly Saal“ und „Grill Royal“. In dem Schotten James Whitfield, der seine Cutter-Ausbildung bei Anderson & Sheppard auf der Savile Row absolvierte, fanden sie den perfekten Handwerksexperten für ihr Team. Gemeinsam etablierten sie einen Stil, den sie zwischen der britischen und der italienischen Schule ansiedeln: nicht zu steif, nicht zu leger, mit eher körperbetonten Hosen und nur leicht gefütterten Sakkos. Aus über 6000 Stoff en aus Italien und Großbritannien kann man bei ihnen wählen. Der durchschnittliche Kunde, den das Team auch auf Trunk Shows in mehreren deutschen Großstädten bedient, tendiere zu den Klassikern, sagt Purwin. „Viele Herren tragen bei Konzerten oder Hochzeiten einen dunkelblauen Anzug, den sie auch gut im Alltag verwenden können. Die wenigsten Dresscodes verlangen heute nach einem Cutaway, Smoking oder Frack.“ Leider, fügt er hinzu. Gegen eine Trendwende zurück zu alter Noblesse hätte er nichts einzuwenden.

Sebastian Hoofs: Alte Nähstube, virtuelle Schaufenster

Einen maßgeschneiderten Anzug zu kreieren ist eine Herausforderung, der man sich zunächst im Kopf stellen muss – auch als Kunde. Dessen ist sich auch Sebastian Hoofs aus Köln bewusst. „Wie sein Anzug aussehen soll, weiß der Kunde am Anfang oft noch gar nicht. Denn durch die von der Konfektion vorgelebten Schnitte sind gerade Neukunden in einem bestimmten Stil gefangen“, sagt er. Der 28-jährige Schneider hat gelernt, die Professoren, Mediziner und Künstler, die sein Kölner Atelier besuchen, sanft von den modischen Schablonen wegzuführen und hin zum individuellen Einzelstück zu begleiten – selbstverständlich mit Hoofs Handschrift: ein schmaler Rücken für eine schlanke Linie, ein hohes, kleines Armloch für mehr Bewegungsfreiheit, akzentuierte Schultern und Silhouetten, die von den Anzügen der 1920er-Jahre inspiriert sind. Als Hoof sein Selbststudium der klassischen Herrenschneiderei im Teenageralter begann, war es genau dieses Jahrzehnt, das es ihm angetan hatte. Die Geschichte seines Unternehmens begann vor etwa 100 Jahren mit seiner Urgroßmutter. Sie gründete als Schneidermeisterin das Atelier, in dem heute immer noch geschnitten und genäht wird. Am Interior hat sich einiges geändert, an den Werten von Langlebigkeit und Qualität nicht. Die seien definitiv wieder gefragt, sagt Hoofs. Nur modern leben muss man diese Philosophie dann doch: mit der passenden Inszenierung auf sozialen Netzwerken. Als Millennial hat Hoof, der auf Instagram, Facebook und mit Näh-Tutorials auf Youtube vertreten ist, diese Entwicklung problemlos umarmt. „Die Plattformen sind wie Schaufenster. So sehen auch junge Menschen plötzlich, dass es uns wieder gibt.“

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Monsieur, die dem Madame-Heft 04/2019 beiliegt

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