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Magazin-Artikel

Die magische Kraft der Farbe Blau

Wie Bettina Wündrich die tröstende Kraft dieser Farbe entdeckte und warum sie sich ihrer Magie seither nicht mehr entziehen kann

Die Farbe Blau in einer ihrer schönsten Nuancen
Ein beruhigendes Bild: Still und fast schwerelos fahren Heißluftballons dem blauen Himmel entgegen ian dooley / Unsplash

Es gibt einen Traum, den ich leider zu selten habe, denn er macht mich heiter und leicht im Herzen. Ich träume, dass ich fliegen kann. Die Bilder sind immer die gleichen: Ich stehe mit bloßen Füßen auf dem Sims eines geöffneten Fensters, viele Meter über der Erde. Vor mir die Weite der Natur, blühende Obstbäume, der Himmel geht bis zum Horizont. Aber ich habe Angst. Etwas Böses ist hinter mir her, und die Flucht aus dem Fenster ist meine einzige Möglichkeit.

Da ich mich weit oben befinde, weiß ich, dass ein Sturz in die Tiefe auch meinen Tod bedeuten kann, aber habe ich eine Wahl? Ich will mich nicht ergeben und springe. Und obwohl es mir absurd vorkommt, bewege ich meine Arme, als wären sie Flügel, bewege sie wie unter Wasser beim Tauchen, verdränge mit ihnen kraftvoll das Element, dessen Widerstandich spüre.

Dann geschieht das Unfassbare: Ich schraube mich in die Höhe, dem Himmel entgegen, dessen Graublau sich in ein tiefes Ultramarin verwandelt. Wann hat sich dieser Traum in meine Nächte geschlichen? Ich weiß es nicht mehr. Aber seither vermittelt mir sattes Blau ein Gefühl der Erlösung, der Freiheit und Befreiung. Im Traum vertraue ich dem Element Luft, dem blauen Himmel plötzlich mehr als dem Boden, auf dem ich vorher noch um mein Leben gerannt bin.

Seither vermittelt mir Blau auch ein „Alles wird gut“. Hört sich das zu spirituell an? Es kann auch einfach Zufall sein, dass ich bei den Recherchen zu diesem Text auf ein Foto des Künstlers Yves Klein stieß, auf welchem er sich mit ausgebreiteten Armen aus dem Fenster eines Hauses fallen lässt (man sagt eine Fotomontage). Klein ist der Erfinder des berühmtesten Blaus der Welt. Inszeniert hat er das Foto für eine Zeitung, die er für seine Frau Rotraut zum Geburtstag machte.

Kunstwerk Le Buffle von Yves Klein
Eines von Yves Kleins blauen Kunstwerken: Le Buffle STAN HONDA/AFP/Getty Images

Auch einen Liedtext schrieb er ihr, mit dem Aufruf „Komm mit mir in die Leere!“, denn er war fasziniert von der Auflösung des Raumes. Seine monochromen, immer mit demselben intensiven Blau bemalten Flächen (dem International Klein Blue) entwickeln einen Sog, lösen sich von jeder Begrenzung.

An meine erste Begegnung mit dem „IKB 191“ kann ich mich noch sehr gut erinnern, obwohl es schon fast 30 Jahre her sein muss. Es war im Musée d’Art Moderne et d’Art Contemporain. Ich verbrachte einen Urlaub in Nizza, eben unter jenem Himmel, den Yves Klein für sich beanspruchte, als er mit zwei Freunden am Strand herumscherzte, wie sie wohl die Welt unter sich aufteilen würden. Seine inzwischen 80-jährige Witwe, die sich als Künstlerin schlicht Rotraut nennt (die beiden waren nur vier Jahre ein Paar, Klein starb im Alter von 34 Jahren an einem Herzinfarkt), erzählt, dass er hinter seinen Bildern das Göttliche gesucht habe.

Für mich gibt es keine andere Farbe, die so sehr meine Seele berührt.

Dieser Artikel erschien erstmalige im MADAME Magazin 06/2019