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Zeitgeist

"Die Deutschen hassen mich" - Ai Weiwei im Gespräch

In China verfolgt, im Westen mal gefeiert, mal kritisiert: der chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei im Gespräch über seine Rolle als Sohn und Vater, die Selbstzensur in Deutschland und seine Ausstellung in Düsseldorf

Ai Weiwei im Gespräch mit MADAME.de über seine Kunst und Austellungen
Ai Weiwei ist Künstler, Kurator, Architekt und tritt für die freie Meinungsäußerung ein Getty Images

Künstler Ai Weiwei im Interview

Wenn die schwere schwarze Eisentür sich öffnet, geht es über zwei steile Steintreppen 46 Stufen hinab in die Kellergewölbe einer alten Brauerei in Berlin-Prenzlauer Berg. Zehn Meter unter der Erde führt ein langer Gang mit Backsteinwänden zum Atelier von Ai Weiwei. Über 4000 Quadratmeter erstrecken sich die hallenartigen, hell erleuchteten Räume. An den Wänden lehnen Bilder, Transportkisten und Tische stehen an einigen Stellen. In einem lang gezogenen Raum reihen sich zahllose Kleiderständer aneinander, daran Jacken, Hosen, Tops, Strampler und andere Bekleidungsstücke – Kleidung, die Geflüchtete nach dem Verlassen des Camps im griechischen Idomeni hinterlassen haben.

Das Team von Ai Weiwei sammelte, reinigte, katalogisierte die Stücke. Aus den Überresten der Flucht wurde Kunst. „Laundromat“ heißt die Arbeit und will zeigen: Geflüchtete sind Menschen wie du und ich, mit Kleidung, die jeder von uns tragen könnte. Blaue Daunenjacken, rote T-Shirts, Markenjeans – nichts ist fremd. Befremdlich hingegen ist es, die Stücke auszustellen, sie zu betrachten und ihre Geschichte mitzudenken. Es ist Ai Weiweis Art zu sagen: Schaut genau hin und horcht in euch hinein. Was fühlt ihr, wenn ihr diese Kleider betrachtet? Der Künstler lässt die Dinge sprechen und hofft auf das Echo des Betrachters. In einer Ecke hinter den Kleiderstangen stehen zwei Holzbänke und ein Tisch, der grüne Tee – für jeden eine eigene kleine Glaskanne – dampft schon. Ai Weiwei sitzt, die kräftige Statur in einen großen blauen Hoodie gehüllt, an seinem Platz und gießt Tee in kleine Gläser.

Was hat ihn, den chinesischen Künstler, Aktivisten und Dissidenten, nur in diese Katakomben geführt? Der Weg war weit: Im Jahr seiner Geburt wurde sein Vater, der Lyriker und Maler Ai Qing, von der chinesischen Regierung in die Provinz nach Xinjiang verbannt, musste Peking verlassen und durfte 20 Jahre lang keine Zeile schreiben.

Ai Weiwei begleitete seinen Vater, wenn dieser täglich die Toiletten des ganzen Ortes schrubben musste. Die Dorfbewohner sahen in dem Dichter eine Bedrohung des politischen Systems, und sein Sohn musste zusehen, wie der Vater auf der Straße verfolgt, angeschrien, bespuckt und geschlagen wurde. Eine Erfahrung, die ihn nachhaltig prägte und die Flüchtlingsfrage für ihn zu einer persönlichen Thematik machte. Bis der Vater rehabilitiert wurde – heute finden sich seine Gedichte in den chinesischen Schulbüchern – lebte die Familie in einem Kellerverschlag. Erinnerungen an diese Zeit seien wach geworden, sagt Ai Weiwei, als er nach seiner Inhaftierung in China 2015 in die deutsche Hauptstadt reisen durfte und ihm auf der Suche nach einem Atelier ein Berliner Freund den Keller der Pfefferberg-Brauerei anbot: „Ich habe meine Kindheit unter der Erde verbracht.

Es gibt mir ein Gefühl der Sicherheit, im Untergrund zu sein. Als ich dieses Gewölbe das erste Mal gesehen habe, war es dunkel, feucht und runtergekommen. Keiner wollte es. Ich mochte die Räume, weil sie so problembeladen waren. Ich liebe es, Lösungen zu finden. Jedes Mal, wenn ich ein Problem sehe, entdecke ich eine Möglichkeit, es zu lösen.“ Als der heute 61-Jährige vor vier Jahren China verließ, um im Berliner Exil zu leben, blieb seine Ehefrau, die Künstlerin Lu Qing, in Peking. Mit der Dokumentarfilmerin Wang Fen und dem gemeinsamen zehnjährigen Sohn Ai Lao lebt Ai Weiwei in Berlin-Prenzlauer Berg. In diesem Teil der Stadt ist der Chinese mit der Kapuzenjacke fast zum Faktotum geworden – es ist nichts Ungewöhnliches, dem weltbekannten Künstler auf der Straße zu begegnen.

Künstler Ai Weiwei vor einem seiner Projekte
Künstler Ai Weiwei vor einem seiner Projekte zum Thema "Good Fences make good Neighboors" Getty Images

Provokation als Konzept - Im Gespräch mit Ai Weiwei

MADAME: Seit Jahren sehe ich Sie fast jeden Morgen, Ihr Sohn und meine Tochter besuchen dieselbe Schule. Sie sind immer sehr pünktlich; wenn wir ankommen, verlassen Sie das Schulgebäude meist gerade. Ist der Schulweg der Auftakt für Ihren Arbeitstag?

Ai Weiwei : Mein Tag beginnt viel früher. Ich stehe schon gegen fünf Uhr auf und schreibe jeden Morgen zwei Stunden an meiner Biografie. Dann bringe ich meinen Sohn Ai Lao gemeinsam mit seiner Mutter zur Schule. Für mich ist dieser 20-minütige Spaziergang eine sehr wertvolle Zeit mit meinem Kind. Ich bin ein alter Vater, ich bin 61, und mein Sohn ist gerade erst zehn geworden. Als ich in China festgenommen wurde, sagten die Wächter, mein Sohn werde mich nicht wiedererkennen, wenn ich nach zehn Jahren aus dem Gefängnis entlassen würde. Das hat mich sehr getroffen, denn so fügt mein Kampf der nächsten Generation Leid zu. Genauso wie der Kampf meines Vaters mich leiden ließ. Damals habe ich mir vorgenommen: Wenn ich freikomme, dann werde ich mehr Zeit mit meinem Sohn verbringen. Manchmal weiß ich aber nicht, ob das gut oder schlecht für ihn ist (lacht).

MADAME: Wie erklären Sie Ihrem Sohn Ihre Geschichte und die Ihres Vaters?

Ai Weiwei: Vor kurzer Zeit hat mein Sohn gefragt, ob er mir eine Frage stellen könne. Ich sagte, ja, natürlich. Und er fragte wie ein Erwachsener: Wie hast du dich gefühlt, als dein Vater starb? Ich musste es ihm sagen.

MADAME: Was haben Sie geantwortet?

Ai Weiwei: Ich habe nie Trauer empfunden, aber ich habe den Verlust gespürt. Die Beziehung zu meinem Vater war niemals eng. Selbst in den 20 Jahren, die wir zusammengelebt haben, sind wir uns nie nahegekommen. Mein Vater war 48 Jahre alt, als ich geboren wurde, und stand immer unter großem Druck. Wir haben in Lagern gelebt und hatten kein Familienleben. Einen Sinn für Familie hatte mein Vater nicht. Er hat mir nie Fragen gestellt, und ich habe ihn nie gefragt. Ich bereue das sehr.

MADAME: Als Ihr Vater krank wurde, sind Sie nach über zehn Jahren aus New York, wo Sie studiert haben, nach China zurückgekehrt, um Ihren Vater noch einmal zu sehen.

Ai Weiwei: Da war er sehr alt, und es war zu spät.

MADAME: Liegt dieses distanzierte Verhältnis zwischen Vater und Sohn in der chinesischen Kultur begründet?

AI WEIWEI: Ja, sicher, in China hinterfragt man die Geschichte seines Vaters oder seiner Vorfahren nicht. Vieles bleibt unausgesprochen. Die Gründe dafür sind vielfältig, mal liegt es an der Politik, mal an der Hierarchie oder der Tradition. Der Konfuzianismus hält dazu an, nur so viel zu wissen, wie man selbst erfahren hat. Auf diese Weise kann man das Erlebte verdauen. Darin steckt eine gewisse Weisheit.

MADAME: Für Ihre Biografie haben Sie allerdings gerade in Hongkong Ihre Mutter interviewt.

AI WEIWEI: Über sieben Stunden Videomaterial habe ich aufgenommen. Meine Mutter berichtet, wie sie meinen Vater getroffen hat und wie wir gelebt haben. Sie erzählt nicht viel von selbst, aber sie beantwortet mir alle Fragen. Ich bin sehr dankbar, dass ich das tun konnte.

Ai Weiwei Kunstwerk bei der 21st Biennale in Sydney im März 2018
Ai Weiwei Kunstwerk bei der 21st Biennale in Sydney Getty Images

MADAME: An welchen Projekten arbeiten Sie zurzeit, abgesehen von Ihrer Biografie?

AI WEIWEI: Wir drehen mehrere Filme. Ein Projekt läuft seit über zwei Jahren in Mexiko, dabei geht es um 43 Studenten, die verschwunden sind. Wir recherchieren viel und führen tiefgreifende Gespräche mit den Menschen, um eine klare Vorstellung zu bekommen, was in dem Land los ist. Diese innigen Momente sind uns sehr wichtig. Wir begeben uns in die dunkelsten und gefährlichsten Ecken, um Situationen nachvollziehen zu können. Ein zweiter Film beschäftigt sich mit der Flucht der Rohingya vor der Gewalt in Myanmar – über eine Million Vertriebene leben mittlerweile in Bangladesch und wollen nicht zurückkehren. Ich möchte Aufmerksamkeit schaffen für die, die es nicht können.

MADAME: Das haben Sie auch mit Ihrer Flüchtlingsdokumentation „Human Flow“ getan. Der Film war 2017 in Venedig für den Goldenen Löwen nominiert und stand auf der Shortlist für den Oscar …

AI WEIWEI: … und er hatte in Deutschland die geringsten Zuschauerzahlen, verglichen mit England, Frankreich, Kanada. Da frage ich: Was stimmt nicht mit Deutschland? Warum hassen die Deutschen diesen Film? Warum hassen die Deutschen jemanden, der einen Film über Geflüchtete gemacht hat, während sie Millionen von Flüchtlingen in ihrem Land haben?

MADAME: Die Deutschen hassen Sie nicht.

AI WEIWEI: Sie hassen mich! Die deutschen Zeitungen haben geschrieben, alles was ich mache, sei falsch. In England gaben mir die politische Linke und die Rechte fünf Sterne, in den USA liebten sie den Film. Aber es geht weiter: Gerade erst wurde mein Beitrag für den Film „Berlin, I Love You“ zensiert. Die deutschen Produzenten mussten ihn rausschneiden lassen, sonst wären weitere Projekte von der Filmwirtschaft nicht finanziert worden. China hat nie darauf gepocht, den Beitrag zu entfernen, aber das Land hat eine so große wirtschaftliche Macht, dass es überall eine Selbstzensur gibt.

MADAME: Wie können Sie als Künstler etwas an dieser Situation ändern?

AI WEIWEI: Es ist schwierig, etwas zu ändern. Als Künstler muss ich mich ausdrücken. Einige Leute sehen das als Verteidigung, andere als Angriff. Ich tue, was ich kann.

MADAME: „Alles ist Kunst, alles ist Politik“ ist das Leitmotiv Ihrer bisher größten Ausstellung in Europa, die Mitte Mai in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im Düsseldorfer K20 und K21 eröffnet. Dort zeigen Sie unter anderem die raumfüllenden Installationen „Sunflower Seeds“ und „Life Cycle“, die gerade in der Marciano Foundation in Los Angeles zu sehen waren.

AI WEIWEI: Das war keine schlechte Ausstellung, oder?!

MADAME: Es war eine sehr poetische Ausstellung. Wie entwickeln Sie und Ihr Team eine komplexe Arbeit wie „Life Cycle“?

AI WEIWEI: Das ist schwierig zu erklären, weil wir nie auf eine konkrete Idee hinarbeiten. Eigentlich versuchen wir im Gegenteil, die Idee loszuwerden. Es ist nicht wie bei den meisten Künstlern, die nach einer Idee suchen, um eine Arbeit zu erschaffen. Wir haben immer das große Ganze vor Augen. Wir nehmen Handwerk und Sprache und verbinden diese mit dem zeitgenössischen Leben und meinen persönlichen Erfahrungen. Das ist das generelle Konzept meiner Arbeit. Für die Installation „Life Cycle“ heißt das: Die mystischen Figuren aus Bambus beziehen sich auf Chinas Vergangenheit. Das Boot mit den Flüchtlingen steht in der Mitte, und außen finden sich Textauszüge, die auf Botschaften aus Literatur, Kunstgeschichte und meine persönliche Geschichte verweisen. Wenn Sie mich fragen, was meine Arbeiten verbindet, dann ist es das Thema Humanität.

MADAME: Wie verändern Sie sich durch Ihre Arbeit? Sie haben in einer Dokumentation einmal gesagt: „Mit jeder Ausstellung versuche ich, eine weitere Antwort darauf zu geben, wer ich bin.“

AI WEIWEI: Ich glaube, niemand weiß, wer er ist. Das sogenannte Ich muss man ständig neu hinterfragen. Ich denke, selbst wenn ich sterbe, werde ich nicht wissen, wer ich bin. Bisher habe ich nur angefangen, es zu verstehen. Ich muss noch einen langen Weg gehen.

Dieser Artikel ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 06/19 erschienen.

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