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Monsieur

Christian Bale über Macht und Männlichkeit

20 Kilo rauf, 20 Kilo runter: Für seine Rollen geht Christian Bale regelmäßig an seine Grenzen, so auch in seinem neuen Film „Vice – Der zweite Mann“, in dem er den ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney verkörpert. Im Gespräch zeigt er sich kämpferisch, politisch engagiert und überaus charmant

Schauspieler Christian Bale in schwarz weiß und mit Bart auf der Berlinale in Berlin während der Premiere von The Vice
Der Schauspieler Christian Bale geht für seine Rollen gerne an seine Grenzen. Getty Images

Bei der Auswahl seiner Rollen ist Christian Bale bekannt dafür, sich gern auf düstere Figuren zu stürzen, denen er sich mit Haut und Haaren verschreibt – vom Serienkiller in „American Psycho“ über Batman bis hin zum drogensüchtigen Ex-Boxer in „The Fighter“ (wofür er den Oscar gewann). Das Gleiche gilt für seine neue Rolle als Dick Cheney in „Vice – Der zweite Mann“ (ab 21.2. im Kino), für die sich der 45-Jährige mit angefutterten Kilos und Spezial-Make-up erneut bis zur Unkenntlichkeit verwandelt hat. Umso erfreulicher ist es zu sehen, wie charmant und unbeschwert sich der in Kalifornien lebende Brite beim Gespräch in Beverly Hills präsentiert – inzwischen wieder bei Normalgewicht, aber mit Vollbart.

Monsiǝur: Mr Bale, in „Vice – Der zweite Mann“ spielen Sie den ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney. Haben Sie ihn jemals getroffen?

Christian Bale: Nein, und mir wurde auch streng verboten, Kontakt zu ihm aufzunehmen, schon aus juristischen Gründen.Allerdings gehe ich auch nicht davon aus, dass er irgendetwas mit mir hätte zu tun haben wollen. Wahrscheinlich hätte er mir ein gepflegtes „fuck yourself“ entgegengeschleudert, so wie er das vor vielen Jahren im Senat mal mit einem Kollegen getan hat, der mit ihm diskutieren wollte. Aber selbst das hätte ich natürlich spannend gefunden.

Monsiǝur: Was interessierte Sie an diesem Mann, der fast noch verhasster war als George W. Bush? Sein Machthunger?

Christian Bale: Das Spannende fand ich eigentlich, dass der Machthunger bei ihm gar nicht so ausgeprägt war. Sicher gefiel es ihm immer, Einfluss und Geld zu haben, aber im Laufe seiner langen politischen Karriere war er nie von einer Ideologie getrieben. Und auch nicht von übermäßigen Ambitionen. Die treibende Kraft dahinter war vielmehr seine Ehefrau Lynne. Sie ist diejenige mit ausgeprägtem Ehrgeiz und Geltungsdrang.

Monsiǝur: Warum blieb sie dann trotzdem meist im Hintergrund?

Christian Bale: Weil sie noch aus einer Generation kommt, in der einem als Frau viele Türen verschlossen blieben. Den Intellekt und die Stärke hätte sie gehabt, aber sie konnte damals eben nicht in Harvard studieren. Also hat sie ihre Träume über ihren Mann ausgelebt. Und er hat sich aus lauter Liebe ihre Ziele und Ideen zu eigen gemacht.

Monsiǝur: Also ist doch etwas daran, dass hinter jedem starken Mann eine noch stärkere Frau steht?

Christian Bale: Sagen wir es mal so: Um eine Sache erfolgreich zu meistern, braucht es zwei starke Partner. Wenn einer von beiden schwach ist und den anderen nicht unterstützen kann, geht die Sache schief. Das ist in der Politik genauso wie in der Geschäftswelt oder auch in einer Ehe! Und die Cheneys sind ein gutes Beispiel dafür, dass man sich nicht vom ersten Eindruck täuschen lassen sollte, wenn es um Rollenverteilung und vermeintlich typisch männliche oder weibliche Eigenschaften geht.

Monsiǝur: Stichwort Männlichkeit: In welchen Momenten tritt Ihre eigene Maskulinität besonders zutage?

Christian Bale: Puh, das ist ja mal eine Frage! In der Vergangenheit war das vermutlich immer dann der Fall, wenn ich meinem Hobby nachgegangen bin. Ich liebe nämlich nichts mehr, als mit meinem Motocross-Bike raus aus der Stadt zu fahren und durchs Gelände zu heizen. Allerdings habe ich mich dabei oft verletzt und inzwischen sicherlich 25 Schrauben im Körper. Also musste ich meiner Familie versprechen, künftig nicht mehr aufs Motorrad zu steigen. Wobei ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben habe, sie irgendwann wieder umstimmen zu können.

Monsiǝur: Und wann lassen Sie mal den Softie in Ihnen raus?

Christian Bale: Öfter als Sie denken. Manchmal reicht dazu schon irgendein kitschiger Popsong, den meine Tochter vielleicht rauf und runter hört, um mich zum Weinen zu bringen. Oder ich sitze mit meinem Sohn auf dem Sofa, um einen Disney-Film zu gucken – und plötzlich kullern mir die Tränen runter.

Monsiǝur: Kommen wir noch mal zurück zur Politik, dieses Mal aus Ihrer persönlichen Sicht: Verglichen mit der Ära Bush/Cheney ist das politische Klima in den USA heute noch angespannter. Haben Sie als Brite je daran gedacht, Ihrer Wahlheimat den Rücken zu kehren?

Christian Bale: Auf keinen Fall. Ich bin keiner, der sich aus dem Staub macht, nur weil gerade nicht alles so rosig läuft. Ganz im Gegenteil: Jetzt ist es erst recht eine Verpflichtung, zu bleiben und sich mehr denn je zu engagieren.

Monsiǝur: Wie engagieren Sie sich? Indem Sie auf die Straße gehen? Haben Sie den Eindruck, dass sich dadurch etwas verändert?

Christian Bale: Zumindest ist es möglich. In diesem Kontext fand ich zum Beispiel die Aktion der überlebenden Schüler des Attentats an der Parkland High School 2018 in Florida sehr beeindruckend. Die haben die Diskussionen um das Thema Schießereien an Schulen und Waffenbesitz in einer Art und Weise in die Öffentlichkeit gebracht wie niemand vor ihnen. Das hat mich richtig begeistert. Wobei wir Erwachsenen uns natürlich schämen sollten.

Monsiǝur: Warum?

Christian Bale: Weil wir seit Jahren eine Schießerei nach der anderen erdulden, von Columbine bis Parkland, ohne wirklich etwas dagegen zu unternehmen. Auch jetzt ist natürlich nicht klar, ob sich tatsächlich etwas ändert. Doch ich bin zuversichtlich, auch dank des Einsatzes dieser jungen Menschen.

Christian Bale und seine Frau das Ex-Model Sandra Blazic stehen gemeinsam bei der Premiere von The Dark Knight Rises auf dem roten Teppich
Seit 2000 ist Bale mit Ex-Model Sandra "Sibi" Blažić verheiratet. Die beiden haben zwei Kinder, Tochter Emmeline und Sohn Joseph Getty Images

Monsiǝur: Es gibt Leute, die behaupten, Waffen zu besitzen sei sozusagen Bestandteil der amerikanischen DNA.

Christian Bale: Dem würde ich energisch widersprechen. Ohne Frage hat das Land eine lange Geschichte, was Waffen angeht. Aber die Zeiten haben sich grundlegend geändert, und die Mehrheit der Amerikaner ist genauso entsetzt darüber, was zuletzt hier passiert ist, wie der Rest der Welt. Nur leider ist die Minderheit, die für den vollkommen freien Besitz von Waffen ist, besonders laut. Und dass es nicht längst strengere Gesetze gibt, liegt nur am mächtigen Lobby-System der US-Politik. Was im Grunde nichts anderes ist als legale Bestechung. Statt wirklich ihren Job zu machen und etwas zu verändern, sind die Politiker hier in einer Tour damit beschäftigt, Geld einzutreiben – und stellen damit fatale Abhängigkeiten von der Waffenindustrie und der NRA, der National Rifle Association, her. Frage hat das Land eine lange Geschichte, was Waffen angeht. Aber die Zeiten haben sich grundlegend geändert, und die Mehrheit der Amerikaner ist genauso entsetzt darüber, was zuletzt hier passiert ist, wie der Rest der Welt. Nur leider ist die Minderheit, die für den vollkommen freien Besitz von Waffen ist, besonders laut. Und dass es nicht längst strengere Gesetze gibt, liegt nur am mächtigen Lobby-System der US-Politik. Was im Grunde nichts anderes ist als legale Bestechung. Statt wirklich ihren Job zu machen und etwas zu verändern, sind die Politiker hier in einer Tour damit beschäftigt, Geld einzutreiben – und stellen damit fatale Abhängigkeiten von der Waffenindustrie und der NRA, der National Rifle Association, her.

Monsiǝur: Sprechen Sie mit Ihren Kindern über Politik und darüber, was in der Welt passiert?

Christian Bale: Mit meinem Sohn eher im überschaubaren Rahmen, er ist ja erst vier Jahre alt. Aber mit meiner Tochter rede ich tatsächlich viel über solche Themen. Und zwar nicht belehrend, wir tauschen uns richtig aus. Nichts ist lehrreicher, als Kinder zu haben, die Fragen stellen. Denn das ist ja etwas, was viele Erwachsene leider nicht mehr tun. Durch die Gespräche mit meiner Tochter bin ich gezwungen, mir wirklich Gedanken zu machen und mir eine Meinung zu bilden. Und oft muss auch ich mich erst einmal schlau machen, um ihr Erklärungen liefern zu können. Vor allem aber ist es ein echter Austausch, denn es ist spannend zu erfahren, welche Ansichten bereits 13-Jährige haben. Und von ihrer Perspektive kann auch ich viel lernen. Ich habe es eben schon angedeutet, aber glauben Sie mir: Die Kinder sind nicht nur unsere Zukunft, sie werden auch noch unsere Rettung sein!

Dieser Artikel stammt von Patrick Heidmann und ist erstmalig in der Ausgabe Monsieur erschienen, die dem Madame-Heft 04/2019 beiliegt

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