Gesundheit

Boreout: Was tun, wenn Langeweile krank macht?

Obwohl das Boreout-Syndrom ein eingetragenes Krankheitsbild ist, wird diesem noch zu wenig Beachtung geschenkt. Wer betroffen ist und was dagegen helfen kann

iMac auf dem Schreibtisch
Wenig Arbeit, Unterfordung, Langeweile: Das Boreout-Syndrom ist noch weitesgehend unbekannt Wenig Arbeit, Unterforderung, Langeweile: Das Boreout-Syndrom ist noch weitesgehend unbekannt unsplash.com/Carl Heyerdahl

Burnout vs. Boureout – was ist was?

„Eine Kollegin in meinem Team ist vorerst krankgeschrieben, sie leidet wohl am Burnout-Syndrom.“ Wenn dieser Satz fällt ahnt man sofort, was die besagte Kollegin wohl gerade durchmachen muss. Das Burnout-Syndrom gehört zur Volkskrankheit der modernen Arbeitswelt und ist uns allen ein Begriff. Wenn Überforderung krankmacht, beginnt für die Betroffenen ein langer Weg zur Regeneration. Doch nicht nur Überforderung ist ein Problem, auch Unterforderung und Langeweile im Job können gefährlich werden – in diesem Fall spricht man vom sogenannten Boreout-Syndrom.

Wir haben mit Herrn Thomas Stallknecht, dem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Oberarzt in der Schlossparkklinik Dirmstein über das „Boreout-Syndrom“ gesprochen und erklären, was das ist und woran Sie erste Anzeichen selbst erkennen können.

Boureout-Syndrom: Ursachen und Symptome

MADAME.de: Herr Stallknecht, was bedeutet Boreout eigentlich genau?

Facharzt Thomas Stallknecht: Dieser Begriff stammt ab von dem englischen Begriff „boredom“, was übersetzt soviel wie „Langeweile“ heißt, und bezeichnet das Syndrom des „Ausgelangweilt-Seins“. Sind beim Burnout vor allem Faktoren wie die zunehmende Arbeitsverdichtung und ständiger Leistungs- und Zeitdruck das Problem, so ist es beim Boreout im Grunde genommen das Gegenteil: Tag für Tag wenig (Sinnvolles) zu tun zu haben, keine Verantwortung zu tragen und sich unterfordert zu fühlen, kann auf Dauer zu Frust, Motivationsstau und schließlich zum Boreout führen.

MADAME.de: Wieso hört und liest man so wenig von dem Boreout-Syndrom?

Früher war das Phänomen schlicht als Unterforderung bzw. Langeweile am Arbeitsplatz bekannt. Erst seit kurzem wird es als selbstständiges Krankheitsbild verstanden, das bisher noch nicht offiziell anerkannt ist. Natürlich kann man sagen, das man unter einem Boreout leidet, zumal es nicht nur die Beschwerden, sondern auch die Ursache beschreibt. Dadurch würde die Öffentlichkeit mehr auf die Problematik aufmerksam. Die Situation aktuell ist aber, dass der Begriff bisher noch nicht so bekannt ist und damit auch die gesellschaftliche Anerkennung bzw. Akzeptanz fehlt.

MADAME.de: Wenn das Krankheitsbild kaum bekannt ist, kann es dann überhaupt diagnostiziert werden?

Oftmals bleibt ein Boreout sicher unerkannt, ähnlich wie auch viele Fälle eines Burnouts. Bei negativem Verlauf entwickelt sich bei beiden dann oft auch eine behandlungsbedürftige Depression. Erfahrene Ansprechpartner für eine zuverlässige Diagnose und Therapie sind Psychiater und Psychotherapeuten. Studien zur Häufigkeit des Auftretens liegen noch nicht vor. Laut einer Umfrage der Deutschen Universität für Weiterbildung in Berlin fühlen sich elf Prozent der Erwerbstätigen beruflich unterfordert. Aber wahrscheinlich ist die Dunkelziffer hierbei relativ hoch: Wer gibt schon gerne zu, dass er sich im Job langweilt und kaum etwas zu tun hat. Viele versuchen ein gegenteiliges Bild zu erzeugen und täuschen Tag für Tag ihr Beschäftigt sein nur vor, was letztlich die Symptomatik noch verstärkt.

MADAME.de: Apropos Symptome – Unterscheiden sich diese im Gegensatz zum Burnout-Syndrom?

Die Symptome ähneln dem eines Burnouts: Neben dem körperlichen und geistigen Erschöpfungszustand, werden Schmerzen, Schlafstörungen oder Depressionen als Folge eines Boreouts vermutet. Anzeichen dafür sind auch Resignation und Antriebslosigkeit. Die Symptome sind also ähnlich, die Ursachen aber unterschiedlich. Doch die medizinischen Erkenntnisse halten sich zurzeit noch sehr in Grenzen, vieles muss noch erforscht werden.

MADAME.de: Kann man behaupten, dass das Burnout-Syndrom schlimmer ist als das Boreout-Syndrom?

Wer keine Herausforderungen und Erfolgserlebnisse erfährt und wenig Sinn in seiner Tätigkeit sieht, für den wird der Arbeitstag oft quälend lang. Das Selbstwertgefühl leidet. Außerdem werden die natürlichen Belohnungsmechanismen des Gehirns permanent außer Kraft gesetzt. Grundsätzlich sind die Beschwerden für Betroffene sicherlich bei beiden Erkrankungen erheblich – aber das ist individuell unterschiedlich und lässt sich nicht verallgemeinern.

„Vielfach vom Boreout betroffen sind Mitarbeiter in Verwaltungen und Büros“
Facharzt Thomas Stallknecht

MADAME.de: Bei wem ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, an Boreout zu erkranken?

Wie bereits erwähnt, gibt es zurzeit noch keine fundierten Zahlen zur Häufigkeit des Auftretens. Vielfach betroffen sind Mitarbeiter in Verwaltungen und Büros. Nicht selten verlieren sie durch spezielle Software und Computersysteme einen erheblichen Teil ihrer Aufgaben – und leiden unter ihrer vermeintlichen „Nutzlosigkeit“. In manchen Fällen werden Mitarbeiter aber auch bewusst durch „verordnetes Nichtstun“ ausgegrenzt und somit gemobbt. Oft fühlen sich Arbeitnehmer auch durch Tätigkeiten, die nicht ihrer Qualifikation entsprechen, unterfordert. Insbesondere leistungsorientierte Menschen kommen sich in diesen Fällen wertlos vor.

Boreout: Therapie und Lösungsansätze

Kalender auf einer Fensterbank mit einem Motivationsspruch
Sind Sie mit Ihrer Arbeit und den Aufgaben zufrieden? Wenn nicht, werden Sie selbst aktiv Sind Sie mit Ihrer Arbeit und den Aufgaben zufrieden? Wenn nicht, werden Sie selbst aktiv unsplash.com/manasvita

MADAME.de: Kann ich mich selbst „heilen“ und ab wann ist eine Therapie notwendig?

Gut ist es, selbst aktiv zu werden. Statt so zu tun als wäre das Arbeitsaufkommen ausreichend, besser mit dem Vorgesetzten sprechen – auch wenn es vielen schwerfallen mag, das Problem zu thematisieren. Hilfreich ist es dabei, die eigenen Kompetenzen gut zu vertreten: Bitten Sie Ihren Vorgesetzten um verantwortungsvollere bzw. anspruchsvollere Aufgaben und qualifizieren Sie sich beruflich weiter. Sinnvoll ist es auch, in der Freizeit einen Ausgleich zu schaffen. Das hilft aber oft leider nur in der Anfangsphase. Eine Therapie ist notwendig, wenn ich aus eigener Kraft nicht aus dieser Situation herauskomme und der Leidensdruck erheblich ist.

MADAME.de: Wie sieht so eine Therapie aus?

Für Burnout- und Boreout-Erkrankungen bietet die psychosomatische Medizin verschiedene therapeutische Angebote. In vielen Fällen kann insbesondere auch eine Psychotherapie hilfreich sein. Standardlösungen gibt es aber nicht. Darüber hinaus sind Entspannungsübungen wie Yoga, Autogenes Training oder progressive Muskelrelaxation empfehlenswert.

MADAME.de: Lässt sich das Boreout-Syndrom wieder vollständig heilen?

Ein Boreout ist wie auch ein Burnout heilbar, doch Rückfälle sind natürlich nicht ausgeschlossen. Wichtig ist, dass den Betroffenen ihr Problem bewusst wird, sie die Ursachen erkennen und Veränderungen zu mehr Selbstbestimmung und Einflussnahme bewirken können oder für sich konstruktive Veränderungsprozesse anstoßen. Hilfreich ist auch das Erlernen entsprechender Schutzmechanismen bzw. Strategien zur Stressbewältigung.

MADAME.de: Letzten Endes kann also jeder an dem Boreout-Syndrom erkranken. Was kann man selbst tun, um dem Boreout-Syndrom vorzubeugen?

Um etwas ändern zu können, sollte man sich zunächst ehrlich einige Fragen beantworten. Bin ich zufrieden mit meinem Job und meinen Aufgaben? Fühle ich mich unterfordert? Habe ich bereits ernsthaft versucht, etwas zu ändern? Gegebenenfalls mit den Vorgesetzten über neue Herausforderungen und Lösungen sprechen. Gestaltet sich das als schwierig, sollte eventuell über einen Wechsel des Arbeitgebers nachgedacht werden. Oftmals hilft es auch, in der Freizeit durch neue Hobbys, Ehrenämter, Weiterbildungen etc. neue abwechslungsreiche Impulse zu setzen.