Magazin-Artikel

Body Positivity - Kann das überhaupt funktionieren?

Ein Trend, der leider noch nicht überall angekommen ist: Body Positivity. Vor allem Frauen sind häufig immer noch nicht im Einklang mit ihrem Körper

Eine junge Frau sitzt auf einer Mauer
Von oben herab, einfach mal stolz seinen Körper sein - doch funktioniert Body Positivity so einfach? Foto: iStock

Es ist Anfang November letzten Jahres, als Keanu Reeves bei der Gala des Los Angeles Country Museum of Art seine neue Freundin präsentiert. Alexandra Grant heißt die 46-jährige Künstlerin, die mit dem Schauspieler für die Presse posiert. Ihr Look: eine feine, dunkelblaue Robe und eine elegante Hochsteckfrisur mit weißgrau meliertem, nicht gefärbtem Haar. Gekrönt wird das Ganze von einem sympathischen Lächeln, das ihr Gesicht in zarte Fältchen legt. Ob sie wohl ahnte, dass ihr Auftreten Grund für Anfeindungen auf Twitter sein könnte? „Sie sieht ja aus wie eine Oma“, lästerten die User dort unter anderem. Und das in einer Zeit, in der Körper Diversität und Body Positivity vermeintlich gefeiert und auf allen Kanälen eingefordert wird.

#Bodypositivity auf Social Media

Immerhin gibt es seit einigen Jahren Vorreiterinnen wie Curvy-Model Ashley Graham, die aktuell ihre Schwangerschaftsstreifen ganz selbstverständlich mit ihrer Community teilt, oder Sängerin Demi Lovato, die bewusst Bilder ihrer Cellulite ohne kaschierende Filter hochlädt. Was diese Beispiele zeigen: Der Grat zwischen einer bedingungslos gelebten Selbstliebe auf der einen und einer offensiven Kritik am Unperfekten auf der anderen Seite ist schmal. Das Verhältnis von Frauen zu ihrem Körper (und dem Körper anderer Frauen) wirkt zerrissener denn je. Die Hamburger Psychologin Sandra Konrad, die sich in ihrem 2017 erschienenen Buch „Das beherrschte Geschlecht“ mit der Frage nach der (sexuellen) Selbstbestimmtheit von Frauen im Zeitalter des Empowerments beschäftigt, weiß, wie es zu dieser Ambivalenz kommt: Schönheitsnormen seien für Medien noch immer das beste Instrument, um mit den tiefsten Sehnsüchten der Frauen zu spielen, sie unter Druck zu setzen und wirtschaftlichen Profit daraus zu schlagen. „Denn Attraktivität“, so die Expertin, „ist bis heute die Hauptwährung für sozialen und ökonomischen Status. Dafür werden Frauen in Werbespots mit Idealbildern oder auf Social Media mit retuschierten Selfies konfrontiert.

Schönheits-OPs immer beliebter

Studien belegen, dass auf Instagram besonders jene Frauen erfolgreich sind, die einem renommierten Schönheitsideal entsprechen.“ Wie sehr die optimierten Medienbilder bei Frauen immer noch verfangen, beweist unter anderem die steigende Zahl an Schönheits-OPs in den letzten Jahren. Gemäß der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC) ist die Zahl der Eingriffe von 2017 auf 2018 um neun Prozent und von 2018 auf 2019 um weitere zwei Prozent gestiegen – bei sinkendem Altersdurchschnitt. Denn Unzufriedenheit beginnt früh: „Nur die Hälfte der Mädchen zwischen elf und 17 Jahren ist mit ihrem Körper glücklich. Und knapp 80 Prozent glauben, dass dünn und beliebt miteinander einhergehen“, so Konrad. Unser Bild davon, wie eine Frau zu sein hat, resultiert aus einem Konditionierungsprozess, der bereits in der frühen Kindheit beginnt. „Welche Werte und auch Bewertungen wir in den ersten sechs Jahren unseres Lebens erfahren, ist entscheidend für den Umgang mit unserem Körper und unsere Selbstzufriedenheit“, so Katrin Jonas, die als Body-and-Mind-Trainerin Frauen hilft, sich mit ihren Körpern zu versöhnen. „Erfährt ein Kind beim Heranwachsen erst einmal den Druck der Leistungsgesellschaft, spielen sich viele ‚Bin ich gut genug?‘- Fragen auf der psychischen Ebene ab. In diesem frühen Entwicklungsstadium ist der Kopf damit beschäftigt, schulische Leistungen zu erbringen, der Körper spielt zunächst keine so große Rolle. Deshalb entfremden wir uns schon hier von ihm.“

Medien beeinflussen Body Positivity bereits bei Kindern

Als weiterer Einflussfaktor bei Kindern kommen dann auch schon die Medien ins Spiel. Eine auf Initiative der von Schauspielerin Maria Furtwängler und ihrer Tochter Elisabeth gegründeten MaLisa-Stiftung durchgeführte Studie der Rostocker Universität ergab 2017, dass bei Animations- und Zeichentrickfiguren 50 Prozent aller Mädchen mit Proportionen dargestellt sind, die im anatomisch unmöglichen Bereich liegen. Wie signifikant die Wirkung solcher im Fernsehen verbreiteten Mädchen- und Frauenbilder tatsächlich ist, zeigt eine Studie der Public-Health-Forscherin Anne Becker von der Harvard-Universität. Sie untersuchte 1995 Teenager auf den Fidschi-Inseln, als dort gerade das Fernsehen eingeführt wurde, und drei Jahre später ein zweites Mal. Das Ergebnis: Ein Drittel der Jugendlichen, inzwischen medial mit dem westlichen Schlankheitsideal konfrontiert, wies nach diesen drei Jahren bei einem Test zur Ermittlung von Essstörungen hohe Werte auf, wohingegen vor 1995 lediglich ein einziger Fall von Magersucht bekannt gewesen war. Allein verantwortlich für Essstörungen zu sein, darf man den Medien sicher nicht unterstellen. Diesem Krankheitsbild liegt eine komplexe Wechselwirkung zwischen biologischen, psychosozialen und soziokulturellen Faktoren zugrunde, da sind sich Experten einig. Möglicherweise wird es aber verstärkt dadurch, dass heute einerseits kompromissloser, andererseits aber auch offener mit den Themen exzessive Körperkontrolle und weibliche Körperlichkeit umgegangen wird – gerade in den sozialen Medien.

Weibliche Body Positivity

Objektiv betrachtet wurde dem weiblichen Körper und der Art, wie Frauen ihn betrachten, selten mehr Aufmerksamkeit geschenkt als heute. Zwar waren Frauenkörper auch in der Kunst schon immer ein gern und häufig gewähltes Motiv, in der Regel allerdings aus der Perspektive eines männlichen Künstlers – man denke etwa an Lucas Cranach und seine nackte Eva, die hüllenlose Venus von Rubens oder den französischen Maler Gustave Courbet, dessen Gemälde „Der Ursprung der Welt“ den Blick zwischen zwei Schamlippen zeigt. Eine weibliche Sichtweise des Frauenkörpers fand erst im 20. Jahrhundert Eingang in die Kunst. Das liegt zum einen daran, dass Frauen bis dahin selten an Kunstakademien aufgenommen wurden. Wirklich durchgesetzt aber hat sich der weibliche Blick erst im Zuge der häufigen Selbstablichtung in sozialen Netzwerken. Die britische Kulturjournalistin Charlotte Jansen hat dazu ein ganzes Buch verfasst: „Girl on Girl. Art and Photography in the Age of the Female Gaze“. Tatsächlich gerät etwas in Bewegung, auch bei den wichtigen Kunst-Institutionen. So hängte die Tate Britain vorübergehend alle Werke männlicher Künstler in der Sektion Zeitgenössische Kunst ab, um Frauen Raum zu geben, und das Auktionshaus Sotheby’s versteigerte letztes Jahr unter dem Titel „The Female Triumphant“ ausschließlich Werke von Künstlerinnen.

Selbstwertgefühle in der Filmbranche

Auch ein genaueres Betrachten der Filmbranche bestätigt: Der weibliche Blickwinkel, vor allem auf sich selbst, gewinnt nicht nur branchenintern, sondern auch beim Publikum an Bedeutung. So erobern Role Models wie Schauspielerin Lena Dunham, die offen zu ihren körperlichen Makeln steht, eine ganze Generation. Filme wie „Embrace“ von Regisseurin Nora Tschirner ermutigen Frauen, ihre Körper zu lieben. Noch aktueller ist das Drama „To The Bone“, das kompromisslos und ehrlich Magersucht thematisiert. Mit Lily Collins hat der Film eine großartige Protagonistin, die selbst betroffen war. In diesem Zuge wird weibliche Körperlichkeit generell nicht mehr als Tabuthema, sondern als Teil der Female-Empowerment-Bewegung verstanden. Während etwa die entblößte Brust von Romy Schneider in „Die Sendung der Lysistrata“ 1961 noch für Aufsehen sorgte, sprechen wir heute ganz selbstverständlich öffentlich über weibliche Sexualität und andere Themen rund um das Frausein, wie etwa Menstruation und Menopause. Gänzlich losgelöst von einer gewissen Unsicherheit geschieht dies allerdings noch immer nicht. Zu tief sitzt bei vielen Frauen die Sorge, nicht den Erwartungen zu entsprechen. Eine Konsequenz dieser Befürchtung: „Den Körper beim Sex zu beobachten, anstatt den Moment zu genießen, ist bei Frauen auch heute noch verbreitet“, sagt Sandra Konrad

Leben wir also wirklich in einer Zeit der Körper-Diversität?

Oder ist die gesamte Thematik nur ein von modernem Marketing befeuerter, profitabler Hype? „Wenn Ideen verbreitet werden, die uns neue Identifikationsmöglichkeiten geben, ist das zweifelsfrei eine tolle Sache. Dennoch muss man sagen, dass die Schönheitsnormen noch immer starrer sind als angepriesen. Das sieht man daran, dass ungeschminkte Selfies von Stars solch starke Reaktionen hervorrufen“, so die Psychologin. Aktuell prägt eine Entweder-oder-Mentalität unseren Umgang mit dem eigenen Körper. Wir unterstützen entweder das eine oder das andere Extrem, sind entweder trainiert und diszipliniert oder können dem FitnessHype überhaupt nichts abgewinnen. Wir halten entweder an Selbstoptimierung und Perfektion fest oder huldigen unretuschierten Bildern und schreiben uns „Body Positivity“ auf die Fahne. Es sei gut, dass das Thema auf den Tisch kommt, findet Buchautorin Katrin Jonas, die sich in ihrem Buch „Nackt – das Körper-Versöhnbuch für Frauen“ damit befasst hat. Aber im Moment seien wir noch an einem Punkt, an dem Frauen zwar kognitiv verstünden, dass sie sich nicht gegen ihren Körper richten sollten, dies aber noch nicht in ein sich änderndes Körpergefühl und Bewusstsein übergegangen sei. „Das ist der Grund für dieses extrem zweigesichtige Verhalten. Damit das wieder ins Gleichgewicht kommt, bedarf es einer Auseinandersetzung und Bewusstseinsschärfung für den eigenen Körper – auch im Alltag, etwa durch Yoga oder körperbezogene Meditation“, so Jonas. Die Versöhnung mit sich selbst braucht Zeit und einen Umgang mit Medien, der von Werbung über Filme bis hin zu Instagram-Posts alles hinterfragt und für sich selbst einordnet. Denn so ambivalent wie unser Verhältnis zu unseren Körpern ist auch die Bedeutung der Medien heute. Sie ziehen Gefühle und Trends so intensiv an wie Magneten, stoßen sie aber genauso schnell und extrem in die eine oder andere Richtung wieder ab. Sie bieten zugleich eine Plattform des Supports und des Bashings, bestärken darin, zu sich selbst zu stehen und sind gleichermaßen der Haupttreibstoff des Selbstoptimierungs-Gedankens. Bestes Beispiel sind die OP-Filter auf Instagram, bei denen man testen konnte, wie das Gesicht nach einem ästhetischen Eingriff aussehen würde. Sie gingen erst viral und wurden dann kürzlich verboten. Vielleicht ist diese Ambivalenz eine Art Selbstfindungsprozess, den Frauen heute durchlaufen müssen. Ein Prozess, in dem ein guter Umgang mit neuen Kommunikationswegen noch ausgelotet werden muss. Eines steht in jedem Fall fest: Moderne Medien sind notwendig, um die Problematik sichtbar zu machen. Denn neben all dem Gefahrenpotenzial, das sie bergen, sind sie ein schneller und demokratischer Weg zu empowern. Einer, den eben jeder nutzen kann. In Alexandra Grants Fall gab es neben vielen negativen Äußerungen auch jede Menge Support, der die Lebensgefährtin von Keanu Reeves dafür feierte, sich heiter und mit sich selbst zufrieden keinen Schönheitskonventionen zu unterwerfen. Wir sind also auf einem guten Weg, wenn auch noch nicht am Ziel.