MADAME wird geladen...
Monsieur

Benedict Cumberbatch im Interview über Great Britain und Sherlock Holmes

Tuttifrutti in Venedig! Bei Fruchtsalat unterhalten wir uns mit Benedict Cumberbatch über die Quintessenz des Britischen und den Versuch, in der Gegenwart zu leben

MADAME.de spricht mit Schauspieler Benedict Cumberbatch über Großbritannien
Ein Schauspieler mit viel Liebe für Great Britain: Schauspieler Benedict Cumberbatch im Interview Getty Images

Es ist schon ein sehr glamouröses Set-up, das mich in Venedig erwartet. Anlässlich der Filmfestspiele hat der Sponsor, die Schweizer Uhrenmarke Jaeger-Le-Coultre, seine prominenten Testimonials in die Lagunenstadt eingeladen. Weit entfernt vom täglichen Trubel auf dem Markusplatz, logieren sie auf dem entlegenen Inselchen San Clemente. Im 12. Jahrhundert befand sich hier ein Augustinerkloster, in das heute ein Luxushotel eingezogen ist. In einem der vielen Innenhöfe sitzt Benedict Cumberbatch mit seiner Frau, der aparten Theaterregisseurin Sophie Hunter, beim Frühstück. Gekleidet ist der Engländer mediterran leicht: rosafarbenes Hemd, helle Hosen, voluminöser Schal und ein Panamahut, der das berühmte schmale Gesicht mit den hohen Wangenknochen vor neugierigen Blicken schützt. Über sein Aussehen hat der Schauspieler selbst einmal gesagt, dass es dem eines Otters gleiche.

Während die Blicke seiner Frau umherschweifen, hält Cumberbatch die Augen gesenkt. Es ist offensichtlich, dass er nicht erkannt, nicht angesprochen werden möchte. Über die nachteiligen Seiten seiner Arbeit hat er mal gesagt: „Die Presse.“ Benedict Cumberbatch ist ein herausragender Schauspieler, in England ein Superstar und auch in den USA regelmäßig auf den Listen der einflussreichsten Menschen der Welt zu finden. Oft gibt er extreme Persönlichkeiten der britischen Upperclass, die in vielerlei Hinsicht ein gestörtes Verhältnis zu anderen Menschen haben.

Nach vielen klassischen Theaterrollen und größeren TV-Parts – unter anderem spielte er bereits vor 14 Jahren in einem Drama den berühmten theoretischen Physiker Stephen Hawking – ging seine Karriere 2010 mit der Rolle des Sherlock Holmes durch die Decke. Er interpretierte den exzentrischen britischen Privatdetektiv in 14 TV-Episoden fulminant, unerwartet und neu. Ausgezeichnet wurde er dafür mit einem Emmy und vielen weiteren Awards. Aktuell läuft seine nicht minder fulminante Performance des „Patrick Melrose“ auf Sky. Eine Serie, in der er sich als die gleichnamige Hauptfigur derart exzessivem Drogenkonsum und -entzug aussetzt, dass man auch als Zuschauer nicht zartbesaitet sein darf, um den seelischen und körperlichen Qualen des Protagonisten standzuhalten.

Wir sind zu einem späten Mittagessen verabredet in einem Nebengebäude des Hotels, das sorgsam von einer Entourage aus Publizisten und PR-Leuten abgeschirmt wird. Nachdem sich vorangegangene Interviews länger hingezogen haben als erwartet, entscheidet sich der 42-Jährige spontan, den leichten Lunch (für mehr ist bedauerlicherweise keine Zeit) im Pavillon des Innenhofes einzunehmen. Leider sind die Angestellten des Hotels nicht so spontan wie der Gast, sodass bei seinem Erscheinen einige Minuten später gerade mal die Polster auf den Stühlen liegen und ein paar Softdrink- und Wasserflaschen auf dem runden Metalltisch stehen. „What the hell is ,Coke Zero‘?“, sagt er nach einem kurzen kräftigen Händedruck, als ich ihn frage, ob er etwas von dem Dargebotenen trinken möchte. „Ich hab das noch nie zuvor getrunken.“ Er nimmt eine Flasche in die Hand, studiert das Etikett. „Offenbar scheußlich“, fasst er das Gelesene zusammen und entscheidet sich für ein stilles Wasser.

Während wir die schweren Metallstühle zwischen den Steinplatten zurechtrücken und sich seine Entourage in Reichweite niederlässt, betreiben wir ein wenig Small Talk. Seit genau 24 Stunden sei er jetzt hier, erzählt er mit seiner tiefen angenehmen Stimme und dem leicht schnoddrigen britischen Upperclass-Akzent, der manche Silbe untertauchen lässt, fängt man sie nicht durch ganz genaues Zuhören vorher ein. Mittlerweile hat er sich umgekleidet, trägt jetzt einen grau melierten Leinenanzugund ein hellblaues Hemd. Den Hut legt er neben sich und gibt den Blick frei auf stoppelkurzes Haar und elektrisierende Augen, die zwischen Grün, Blau und Gold changieren.

Später lese ich nach, dass dieser seltene Mix tatsächlich eine genetische Mutation namens Iris-Heterochromie ist. Es sei das vierte Mal, dass er Venedig besuche, nachdem die Stadt ihn schon als Studenten gefangen genommen habe. Damals sei er mit sehr kleinem Budget gereist. Bereits das zweite Mal in der Lagune wurde ihm ein anderes Entree geboten, als er nämlich neben Gary Oldman in einer Hauptrolle in „Dame, König, As, Spion“ agierte. Gerade gestern, und davon schwärmt er jetzt, habe er den ersten Festivalfilm „The Favorite“ geschaut. „Phänomenal, außergewöhnlich, Punkrock!“ So beschreibt er das Historiendrama um die englische Königin Anne mit Emma Stone und Rachel Weisz in tragenden Rollen. Cumberbatch spricht leicht, flüssig, beschwingt.

Man hört ihm gern zu, während eine leichte Brise über das Kopfsteinpflaster weht und eine Kellnerin die vorbestellte Fruchtplatte vor ihm platziert. Sucht man den Schauspieler auf Youtube, findet man urkomische Parodien, die er auf Kollegen geben kann. Besonders Alan Rickman, der Severus Snape in „Harry Potter“, hat es ihm angetan. Weil er gerade seine Ferien in der Toskana verbracht hat, frage ich nach dem Stand seiner Italienischkenntnisse. „Un poco“, lacht er und winkt ab. „Ich sollte besser sprechen, aber beschämenderweise bin ich nie dazu gekommen, eine andere Sprache zu lernen. Und das wäre wirklich mein Ziel: Französisch, Italienisch lernen und richtig gut Klavier spielen können.“ Man solle sich Raum schaffen, um Neues zu lernen, räsoniert er, während er mit manikürten Fingern Blaubeeren von seinem Teller pickt. Solche Slots könne man immer finden, auch wenn das Leben sonst schrecklich voll sei.

Entspannen kann der Vater zweier kleiner Söhne am besten in der Natur: Schwimmen, Laufen, Radfahren und auch gern extremere Sportarten wie Fallschirmspringen. Als Familienvater hat er sich die wilden Hobbys abgewöhnt, vor allem das Motorradfahren. „Man denkt auf einem Bike immer, dass man neun Leben hätte, aber das kann schnell schiefgehen. Ich hatte Glück und habe nie mehr als nur ein paar Kratzer abbekommen.“ Aufgewachsen ist Benedict Cumberbatch in privilegierter Umgebung. Seine Eltern Wanda Ventham und Timothy Carlton (der Vater benutzte einen Künstlernamen) waren beide Schauspieler und schickten ihn auf die renommierten Jungen-Internate Brambletye und Harrow. Auf dem roten Teppich sieht man die Eltern oft an seiner Seite. In früheren Interviews erzählte Cumberbatch, dass die mitreißende Art, wie sein Vater ihm als Kind den „Hobbit“ vorgelesen habe, den Samen für seine Liebe zur Schauspielerei gelegt habe. Studiert hat Benedict Cumberbatch zunächst Jura – seinen Eltern zuliebe, die sich für ihn etwas Solides wünschten, weil sie selbst als Schauspieler die Unwägbarkeiten des Künstlerdaseins kannten. Seinen Abschluss machte er aber dann doch an Englands dienstältester Schauspielschmiede, der London Academy of Music and Dramatic Art. Immer wieder war er zunächst in Shakespeare-Rollen zu sehen.

Er denkt lange nach, als ich ihn frage, was neben dem Nationalheiligen Shakespeare für ihn als typisch britisch gelten könne, um dann ein ganzes Potpourri zusammenzutragen: „Unser Einfallsreichtum, unser Sinn fürs Handwerkliche, die englische Countryside, die Landwirtschaft, natürlich unsere Kunst und unser Gespür für Geschichte. Ach, und unsere Selbstironie ist unschlagbar! Schwer zu bezweifeln, dass wir eine besondere Form des Humors haben.“ Dafür seien wir Deutschen weniger berühmt, werfe ich ein. Das allerdings will der Brite so nicht stehen lassen: „Ich denke nicht, dass das wahr ist. Edward Berger, der deutsche Regisseur von ,Patrick Melrose‘, hat mich derart begeistert, wie sehr er jede Facette des britischen Humors intus hat, gerade die schrecklichsten, absonderlichsten, hinterhältigsten, doppelzüngigsten Seiten, die meine Figur ausmachen, die besessen davon ist, sich selbst zu vergiften. Edward hat das besser drauf als die meisten Engländer.“ Cumberbatch wurde vor drei Jahren mit dem Titel Commander of the Order of the British Empire ausgezeichnet. Englischer ginge es wohl nur noch, wenn er demnächst auch James Bond spielen würde.

„Diese Ehre kam sehr früh in meinem Leben“, bemerkt er und schnappt sich noch ein Stück Ananas vom Teller, „besonders gefreut habe ich mich, dass meine Eltern das miterleben konnten – das war ein großer Familientag.“ Mit dieser Auszeichnung wird immer auch humanitäres Engagement anerkannt. Der Schauspieler macht sich etwa stark für das Alphabetisierungsprojekt „Letters Live“, das Festivalsponsor Jaeger-LeCoultre ins Leben gerufen hat. An diesem Abend wird er auf einer Gala historische Briefe vorlesen und die Verfasser mit seinem schauspielerischen Talent zum Leben erwecken. Die Verbindung zur Uhrenmarke kam durch den Film „Doctor Strange“ zustande, in dem er einen egozentrischen Neurochirurgen spielt, dessen Hände nach einem Unfall nicht mehr zu gebrauchen sind. Das Modell „Jaeger-LeCoultre Master Ultra Thin Perpetual“ spielt dort eine zentrale Rolle und begeisterte Cumberbatch mit seiner Präzision. „Ich wollte einfach gern wissen, wie man solche Uhren baut. Und war überwältigt von der Handwerkskunst in den Ateliers: nichts Digitales, keine Maschinen, einfach nur schöne Zeitmesser.“

Ein Plädoyer gegen die Omnipräsenz von Smartphones? „Ich versuche schon, den Gebrauch einzuschränken, am Set nicht immer mit einem Smartphone herumzulaufen, weil es einem auch die Möglichkeit stiehlt, in der Gegenwart wirklich präsent zu sein. Und genau darum geht es ja – auch und besonders beim Filmen.“ Als junger Mann hat er zwei Jahre als Englischlehrer in einem buddhistischen Kloster verbracht. Da habe er zwei Dinge gelernt: Geduld und wie man meditiert. „Man lernt nichts anderes dabei, als im Moment zu sein. Zeit hat so eine poetische Komponente, sie gilt es zu genießen, nicht, sie mit zu vielem gleichzeitig zuzumüllen. Unsere Hirne und unser Wesen sind dafür nicht gemacht“, sagt er, und man merkt, dass er sich jetzt gern zurückziehen würde. Er verabschiedet sich höflich und weht dann mit der Brise der Lagune in seine Suite zurück.

Dieser Artikel ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 11/18 erschienen.

var premium1Fallback = mobile_premium1Fallback = '
';var premium2Fallback = mobile_premium2Fallback = '
';var premium3Fallback = mobile_premium3Fallback = '
';
var basic1Fallback = mobile_basic1Fallback = '
';var basic2Fallback = mobile_basic2Fallback = '
';var basic3Fallback = mobile_basic3Fallback = '
';